„Tagesspiegel“-Halbwissen über #Verschwörungstheorien

Die Art dieser journalistischen Artikel häuft sich in letzter Zeit – Bekämpfung von Verschwörungs-Thesen, wo es nur geht. Beim Berliner „Tagesspiegel“ ist es eine Spezialität des Redakteurs Sebastian Leber, sich mit sog. Verschwörungstheorien zu beschäftigen. Der neueste Beitrag behandelt das Musik-Festival „Pax Terra Musica“ im kommenden Juni, betitelt: „Umstrittenes Festival in Brandenburg – Feiern mit Verschwörungstheoretikern“ (30.04.2017).

Es bedeutet einen relativ großen Aufwand, um sich nur mit ein paar Halbsätzen solcher Texte adäquat auseinanderzusetzen, ohne in eines der aufgestellten politischen Fettnäpfchen zu treten. Ich versuche es in diesem meinem Beitrag dennoch halbwegs knapp, um dazu nicht ganz zu schweigen.

Eine Verdichtung von Beispielen enthält dieser Absatz von Sebastian Leber:

Wer sich durch die Internetseiten fest eingeplanter Aussteller klickt, erfährt scheinbar Unglaubliches: etwa dass Regierungen das Wetter manipulieren können, um damit feindliche Länder zu überschwemmen. Oder dass der deutsche Staat den Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz inszeniert habe, um die Bevölkerung für höhere Militärausgaben und Auslandseinsätze der Bundeswehr zu begeistern. Oder dass die meisten Kriege in der Welt auf einen perfiden, streng geheimen Plan der jüdischen Familie Rothschild zurückgehen.

Nun leben wir in Zeiten des Internets. Aber bekanntlich verlinken große Seiten nur selten auf externe Quellen – wohl auch, weil dies teilweise Rankings von Suchmaschinen negativ beeinflusst („link juice“). Gerade bei solchen Themen ist es eher ein Ärger- und Hindernis. Was genau meint Leber hier? Gibt er es richtig wieder? (Ein solcher Beitrag des Tagesspiegels enthält nur die autistische Verlinkung auf eigene Beiträge – nicht nur hier repräsentativ leider auch für entsprechende Denkweisen.)

Da ich nicht Lebers eigene Recherche für einen bezahlten Text nochmal komplett wiederholen will, gebe ich dazu nur meinen Eindruck als Leser wieder (wo hier im Blog nicht schon zu Sachthemen wie Terrorismus oder Rothschilds so manches zu finden ist). Vorab kann ich aber noch sagen, dass mir die Beispiele des Artikels ein Gesamtbild vermitteln, das ich im Festival-Programm nicht wirklich wiederfinde – bis hin zu dem gewiss interpretierbaren Workshop „Mit bunten Farben gegen braune Parolen“. Leber scheint sich v. a. an den Ausstellern, nicht den Vortragenden und Workshops abzuarbeiten. (Wir können dann ja mal alle Inserenten seiner Zeitung genauer überprüfen …)

Ein Hauptproblem im Umgang des Mainstreams mit sog. Verschwörungstheorie ist durchaus ein eigenes Problem des Themenfeldes selbst: Es geht teilweise um Hypothesen (die schwach oder stärker begründet sein können), es geht um ständig aktualisierte Anwendungen solcher Thesen auf Ereignisse, teils unter immensem Zeitdruck der Internet-Öffentlichkeit, es geht um politisch brisante und wissenschaftlich anspruchsvolle neue Gegenstandsbereiche. Eine journalistische oder wissenschaftliche Betrachtung sollte immer den Fehler vermeiden, über eine irrige oder fehlerbehaftete Position hart zu urteilen, wo sie selbst noch nicht den Überblick hat oder sogar haben kann. Und dies müsste man zu jedem einzelnen der von Leber angesprochenen Aspekte wieder im Detail klären, was hier vollumfänglich den Rahmen sprengen würde.

Dennoch: Lebers Erläuterungen sind selbst wieder eine problematische Mischung aus richtig und falsch. So wirkt die These, „dass Regierungen das Wetter manipulieren können, um damit feindliche Länder zu überschwemmen“, auf den ‚Normalmenschen‘ eher monströs und sorgt für ein sicherlich beabsichtigtes reflexhaftes Kopfschütteln. Doch selbst wenn wir es nicht mit den ganz extremen Machbarkeiten und Kriegsstrategien zu tun haben, die im Kontext etwa des HAARP-Projektes oder von Chemtrails ventiliert werden – es gibt immerhin einen Wikipedia-Eintrag über „Wetterbeeinflussung“ (der noch in verstärkter Bearbeitung ist). Darin heißt es:

Die Forscher warnen vor der Gefahr, dass gezielte Wettermanipulationen als Waffe verwendet werden können, also um anderen Schaden zuzufügen.

Auch die 1977 von 77 Staaten ratifizierte „ENMOD-Konvention (Environmental Modification Convention)“ bezeugt ja, dass etwas möglich sei, was man gemeinsam zu unterlassen beschließt. Und Lebers pauschale, durch nichts in eigener erkennbarer Recherche und Darstellung begründete Suggestion besteht darin, dass dieselben politischen Kräfte, die Kriege auch mit atomaren Waffen durchführen, sich bedingungslos an solche Vorschriften halten würden. Man kann dazu immer nur fragen, wofür die jährlich über 50 Mrd. Dollar Budget der USA für ihre Geheimdienste eigentlich ausgegeben werden. Jedenfalls wissen wir seit jeher, dass gezielte Mordaktionen jenseits des bürgerlichen Rechts dazugehören.

Dass also Wetter-Waffen nach Möglichkeit erprobt und eingesetzt werden könnten, wenn die strategischen Ziele es erforderten, lässt sich so schnell ohne aufwändigste Recherchen und Forschungen kaum ausräumen. Und jede Quelle, die im Einzelnen so etwas behauptet, bedürfte einer gründlicheren Betrachtung. Wo wäre sie schon geschehen, bevor Leber seine Worte schrieb?

Ebensolches Befremden will Leber offensichtlich mit der Wiedergabe erzeugen, dass behauptet werde, „dass der deutsche Staat den Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz inszeniert habe, um die Bevölkerung für höhere Militärausgaben und Auslandseinsätze der Bundeswehr zu begeistern.“

Ich habe im Blog selbst auf Merkwürdigkeiten des Ereignisses hingewiesen (hier und hier), ohne mir dabei bestimmtere Aussagen zu erlauben. Der Kern des Unverständnisses bei Autoren wie Leber liegt – jedenfalls nach meinen Gesprächserfahrungen – eigentlich immer darin, dass ihnen die schon erwiesenen und ausführlicher wissenschaftlich behandelten Praktiken der Erzeugung und Lenkung von Terrorismus sowie deren ganz eigene dialektische Logik einer „Strategie der Spannung“ vollkommen unbekannt zu sein scheinen. In der Internet-Gegenkultur kennt mittlerweile jeder die sorgfältig abgewogenen Studien von Daniele Ganser wie „NATO-Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung“ (2008), die auch im Wikipedia-Beitrag zur „Strategie der Spannung“ Eingang fanden. – Dass es darüber hinaus im politischen wie geheimdienstlichen Bereich ein Interesse für Symbolik gibt, würde eine Haltung wie die Lebers wohl endgültig überfordern.

Weiter im Text: „dass die meisten Kriege in der Welt auf einen perfiden, streng geheimen Plan der jüdischen Familie Rothschild zurückgehen.“ – In den oben verlinkten Beiträgen zu Rothschilds hier im Blog sind einige Thesen von mir enthalten. Ausführlicher habe ich ihre historische Bedeutung – gerade anhand völlig ‚unverdächtiger‘ historischer Darstellungen – in „Saturn Hitler“ aufgezeigt. Der Mainstream, wie Leber ihn vertritt, scheint bar jeder Ahnung der Bedeutung dieser Bank-Dynastie zu sein. Ich werde hierzu noch weitere Recherchen nachreichen, wenn sie spruchreif sind. Festzustellen ist jedoch schon heute, dass der Einfluss der Rothschilds auch im heutigen Finanzwesen an erster Stelle von Mainstream-Journalisten eindeutig über Jahrzehnte entweder amateurhaft unterschätzt oder bewusst totgeschwiegen wurde. Wer lesen kann, sollte jedenfalls einen solchen Beitrag im österreichischen „Geld-Magazin“ (01/2013) nicht ignorieren.

Damit ist in meinem Fall keine willfährige Dämonisierung beabsichtigt. Und, sofern es die Umstände erlauben, werde ich weiterhin zu historischen und aktuellen Fällen argumentieren, in denen ich keinesfalls völlig einseitige Schuldzuweisungen vornehmen will. Zumal vor dem Hintergrund einer jüdischen Geschichte, deren Teil die Rothschilds sind, gilt es zu differenzieren. Nicht jedes Aufstellen einer Falle ist aus der Perspektive des Anderen unberechtigt, wenn ein Jäger um seine Existenz ringt. Besser ist es aber, wenn man als potenzielles Opfer in diese Fallen nicht hineintappt. Und dazu braucht es echte Aufklärung und keine Vernebelung.

So wird mancher, der mit heftigen Formulierungen mehr erreicht als meine Texte hier, schonmal über das Ziel hinausschießen. Angeblich ‚wissenschaftliche‘ oder ‚seriöse‘ Quellen, die aber noch die bekanntesten Daten der Wirtschaftsgeschichte außer Acht lassen, sind nach 1945 in bestimmten Belangen zum Standard geworden. Abermals wäre zu fragen: Warum? – Wer diese Frage nicht stellt, dient jedenfalls seinen Lesern nicht. Und das bemerken immer mehr Leser, auch wenn der Tagesspiegel von Auflagenschwund als einer der wenigen derzeit noch nicht betroffen ist.

Der schon angedeutete Mechanismus im Umgang des Mainstreams mit Verschwörungstheorien besteht also in einer Selbstverstärkung der Schwächen des Hypothetischen. Ein um Ausgewogenheit bemühter Autor muss vorsichtig argumentieren (und verliert dadurch im lauten und schnellen Internet Leser, die unter gegebenen Vorzeichen als einzige seine Arbeit finanzieren könnten). Ein unvorsichtiger Laie diskreditiert durch Äußerungen im Internet, die alles Mögliche behaupten, immer wieder auch grundsätzlich richtige Fragestellungen. (Es ist z. B. unwahrscheinlich, dass ein Adolf Hitler mit Rothschilds verwandt war. Bedeutender ist das internationale Firmengeflecht und die Finanzwirtschaft, in der die beiden Weltkriege entstanden und mehr oder minder unausweichlich wurden. Wilde Geschichten über Hitlers Herkunft – so bei dem Briten Greg Hallett – können nachhaltig die gesamte Forschung zu diesen Themen diskreditieren, wofür Geheimdienste in der Verbreitung von Desinformation wohl auch bezahlte Kräfte beschäftigen. Und die meisten bezahlten Journalisten hierzulande spielen dieses Spiel dienstfertig mit.)

So – damit wäre ich nun in etwas oberflächlicher Weise mit einem Absatz von Sebastian Leber fertig. Ob er noch in weiteren Beiträgen seine Unkenntnis über die Bedeutung der Rothschild-Familie verbreiten wird? Wir werden es sehen.

Er widmet sich im weiteren Text dann etwa Christoph Hörstel und seiner Partei „Deutsche Mitte“. Während Hörstel auf formalem TV-Niveau wöchentlich aufschlussreiche politische Beobachtungen veröffentlicht und stundenlange Vorträge mit Belegen hält, greift Leber nur ein paar zugespitzte Aussagen und fragwürdige Einzelfälle heraus – die man je nach Parteinahme auch schwächer gewichten könnte (und es in anderen Fällen stets tut).

Zu den Ausstellern des Festivals gehört zum Beispiel die Partei „Deutsche Mitte“. Deren Chef Christoph Hörstel glaubt, die Bundesregierung habe zusammen mit geheimen Mächten gezielt die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 vorbereitet, um Deutschland „kaputtzumachen“ und einen Bürgerkrieg zu starten. Unter den Flüchtlingen befänden sich „30.000 Terroristen, Häuserkämpfer und Mörder“. Auch Hörstel vermutet, die jüdische Familie Rothschild sei Teil eines weltweiten Komplotts. Den Staat Israel möchte er abschaffen. Außerdem hatte der ehemalige ARD-Journalist Kontakt zu einer Sekte, die den Holocaust als Strafe Gottes gegen die Juden begreift und Adolf Hitler als Gottes Werkzeug. Dass die Bundeskanzlerin eine „Israel-Komplizenpolitik“ betreibe, liege an ihrer bis jetzt geheim gehaltenen Herkunft: „Vorfahren von Frau Merkel saßen offenbar in Auschwitz.“

Wo Hörstel als politischer Akteur wie jeder andere darauf angewiesen ist, kurze verständliche Formulierungen zu finden, die eben zuspitzen müssen, ist es etwa eine solche Aussage des „Kaputtmachens“ (wo getätigt?), die Leber anführt. Keinem selbstständigen Leser dürfte es auch in Mainstream-Quellen (eher schon aber in dem deutlicher linkslastigen Tagesspiegel) entgangen sein, dass die sog. „Flüchtlingskrise“ Deutschland ebenso in Organisations-Chaos versetzt hat, wie die Finanzierung ungesteuerter Massen-Zuwanderung selbst schon in der nun erreichten Form vollkommen ungeklärt ist und in schlechten Prognosen eine weitere immense Aufschuldung erfordert. Als erstes werden kommunale Bibliotheken, Schwimmbäder oder Förderungen für Vereine dann Geschichte sein. Dass mehr Menschen dies nicht bewusst ist, danken wir der daraus abzuleitenden Naivität und naiv-linker Hetze wie jener von Autoren des Tagesspiegels. – Haben Sie eine Idee, wie das deutsche Gemeinwesen mit möglicherweise jahrzehntelangen weiteren Millionen Transfer-Leistungen aufrechterhalten werden soll? Und werfen Sie einem Politiker vor, dass er das dazu führende Handeln als „Kaputtmachen“ beschreibt? Dass er vielleicht noch nach anderen Gründen als jener schierer Dummheit sucht?

Einem der wenigen, der wie Christoph Hörstel zu solchen Themen Klartext spricht, wird von einem Autor wie Leber also wiederum unbegründete Hetze vorgeworfen. Woher Leber die Angabe „30.000 Terroristen, Häuserkämpfer und Mörder“ hat, kann man per Wortsuche nicht finden. Die inhaltliche Tendenz seiner Aussage ist jedoch anhand des mir Bekannten Hörstel korrekt zugeordnet. Fraglich ist lediglich, ob eine solche Zahl etwas übertrieben ist. Ein vorhandenes Problem benennt sie jedenfalls sehr zutreffend. Sollte das ein Journalist wie Leber nach der Schlachterei im Pariser „Bataclan“ und neueren Terror-Akten nicht wissen und in sein Urteil einbeziehen? (Ich spare mir weitere Links, die im Blog in so manchen Beiträgen schon enthalten waren. Es gibt hierzulande viel zu viele gewaltbereite Islamisten, die Gefahren sind auf Jahrzehnte unkalkulierbar, die immensen Folgekosten unkontrollierter Zuwanderung für die Volkswirtschaft wohl unausweichlich. Die Rechnung mit „Facharbeitern“ funktioniert voraussichtlich nicht. Und dies könnte Deutschland dann endgültig „kaputtmachen“, das ist richtig.)

Hörstel ist einer der wenigen, der die Strategien und Machtinteressen des Zionismus benennt und plausibel erklärt. Von seinem ehemaligen Arbeitgeber, der ARD, werden diesbetreffende Berichte, sofern gesendet, sehr kurz gehalten und auf späte Sendeplätze verschoben. Das hat Leber scheinbar selbst nach einem solchen Beispiel von 2010 immer noch nicht mitbekommen. Aber auch die Tatsache, dass mit Jared Kushner an des US-Präsidenten Donald Trumps Familien- wie Kabinettstisch ein Anhänger der endzeitlichen jüdischen Sekte „Chabad Lubawitsch“ sitzt, wird Leber wie vielen anderen Etablierten vermutlich entgangen sein. Deren Programmatik verdeutlicht ihre Website:

Im Talmud beschreibt die Zeitspanne vor der Ankunft des Moschiach als turbulent. Es wird eine Weltrezession geben, denn in den Regierungen sitzen Despoten. In solch einer schwierigen Zeit wird der Moschiach kommen.
Eine Überlieferung besagt, dass es dann einen großen Krieg gibt, welcher der Krieg des Gog und Magog genannt wird.

Den Hinweis auf Chabad Lubawitsch danken wir Wolfgang Eggert, der das Thema seit etlichen Jahren in Büchern und Internet bekannt gemacht hat.

Aber dem deutschen Qualitätsjournalisten sind solche Hintergründe wurscht. „Jüdisch“ heißt immer „gut“ und bedeutet Franz Kafka und Klezmer (Nicht-Kabbalisten verstehen schon das Wort nicht …); differenzierte Begriffe von Judentum und Zionismus gibt es nicht; was ich nicht verstehe, ist „Verschwörungstheorie“; was ich nicht schon aus „den Medien“ weiß, interessiert mich auch nicht und meine Leser erst recht nicht.

Dass Hörstel Israel sein Existenzrecht abgesprochen hätte, habe ich in keinem seiner Beiträge bewusst wahrgenommen. Auch „Die Welt“ gibt am 05.02.2014 das Parteiprogramm der Deutschen Mitte wieder mit dem Satz:

Eine deutsche Staatsräson für die Sicherheit Israels kann und wird es nicht geben.

Zumindest in der heute aktuellen Fassung lautet er jedoch:

Gerechten Frieden in Nahost fördern wir, eine deutsche Staatsräson für die Sicherheit Israels kann und wird es nicht geben.

Sollte damals der Satz dementsprechend gekürzt worden sein, wäre es eine tendenziöse Darstellung, die nicht Friedensstiftung, sondern ausbleibende Unterstützung betont.

Auch das Zugehen Hörstels auf die von Leber aus irgendwelchen Gründen nicht namentlich genannte „Sekte“ „Neturei Karta“ kann und will ich selbst hier gar nicht rechtfertigen. Die Aktion weist aber immerhin schonmal in Deutschland auf das wenig besprochene Faktum hin, dass es anti-zionistische Juden gibt. Vielleicht handelte es sich um ein Zweckbündnis in einer Sachfrage, wie es im Politischen auch „Koalition“ genannt wird? Immerhin hat diese Vereinigung eine dissidente Auffassung des Holocausts und „leugnet“ ihn nicht – wie auch Hörstel noch in jüngsten ausdrücklichen Ansagen.

Das Abstellen auf eine „jüdische“ Herkunft Angela Merkels scheint mir nach bisher erhältlichen Informationen ein Fauxpas zu sein, der tatsächlich auf Fake News im Internet zurückgehen dürfte. Allerdings warte ich auch noch auf eine Klärung, warum die Qualitätspresse zwei verschiedene Frauen auf historischen Fotos als dieselbe Großmutter Margarethe Kasner bezeichnet (dazu mein Beitrag mit Video). (Die weitere Debatte zur Sachfrage ist hier nachgezeichnet.)

Anstatt also den sachlichen Unklarheiten nachzugehen, sucht sich Leber lieber das machtpolitisch schwache Opfer im angeblichen „Verschwörungstheoretiker“. Diese Suche nach dem schwachen Opfer gehört zum Widerlichsten in den Standards dieser Art von Berichterstattung. Sollte Christoph Hörstel politische Erfolge erringen, weist er bereits jetzt auf die Lebensgefahr hin, die dies für ihn mitbringt. Ob die lange Liste der mysteriösen Todesfälle um die Clintons wirklich aus Zufällen besteht, müsste man weiter diskutieren. Jedenfalls besteht der enge Zusammenhang der Clintons mit Rothschilds auf Arbeits- wie offizieller Förderungsebene. – Sollten jemand solche Todesfälle gleichgültig sein, müsste er den Begriff „Humanismus“ ersatzlos aus seinem Vokabular streichen. Und dazu klingt der Tagesspiegel an vielen Stellen zu gutmenschelnd.

Was dazu auch andere große Zeitungen durchaus am Rande berichten, interessiert Sebastian Leber scheinbar nicht. Dafür umso mehr, welche einzelnen Unzulänglichkeiten entstehen, wenn Menschen den daraus resultierenden Fragen auch ohne großen Redaktions-Apparat und Förder-Millionen nachgehen. Dabei hilft er ihnen nicht, sondern er tritt ihnen lieber die Beine weg.

Weitere Aufzählungen inkriminierter Inhalte sind bei Leber fürderhin:

Weiter dabei ist der Rapper Dennis Schoolmann alias Denzko. Der 34-Jährige ist Anhänger der sogenannten Chemtrail-Theorie, wonach Kondensstreifen, am Himmel von Flugzeugen hinterlassen, giftige Chemikalien enthalten. Diese würden im Regierungsauftrag versprüht, um die Weltbevölkerung zu reduzieren. Außerdem rappt Dennis Schoolmann davon, dass „die fucking BRD kein Staat“ sei. […]
Erich Hambach, einer der prominenteren Redner des „Pax Terra Musica“, nennt sich selbst „Querdenker, Finanzexperte und Wahrheitsforscher“. Er ist überzeugt davon, das Internet-Kürzel „www“ sei ein versteckter Code und stehe in Wahrheit für „666“, also das Zeichen des Teufels. Die Zahl „666“ finde sich aber auch im Logo des Browsers „Google Chrome“ wieder. Hambach glaubt, dass die Menschen nachts ihre Wlan-Router ausschalten müssen und dass alle Menschen Krebs bekommen, wenn sie nicht bald ihr Smartphone-Verhalten ändern. Er glaubt, dass man Schwerstkranke durch Musik heilen könnte, aber auch einfach durch innere Überzeugung. Der Staat begrüße die Rechtschreibreform sowie die Übernahme von Fremdwörtern in die deutsche Sprache, damit Kindern in der Schule „die Lerninhalte der Industrie besser eingetrichtert werden können“.

Das Chemtrails-Thema habe ich hier weitgehend ausgespart. Meine bisherige Durchsicht führte jedoch nie zu belastbaren Aussagen, sondern – an den wesentlichen Stellen – zu fehlinterpretierten Angaben. (Dazu muss hier nochmal ein eigener Beitrag folgen.) Ich halte es vorerst für eine Ablenkung von den wesentlichen Themen – die offensichtlich auch sehr gut funktioniert.

Der angesprochene Erich Hambach steht dann in dieser Darstellung ggf. zu Recht für eine nicht immer unbedenkliche Tendenz, dass die berechtigte Skepsis gegenüber reinen Profit-Interesser der Pharma-Industrie und damit verbundenen sinistren Praktiken auf der anderen Seite zu fragwürdigen Heil-Empfehlungen führen kann. (Mir wurde schon von Selbstheilungen berichtet – aber für mich als Publizisten ist hier auch eine Grenze erreicht. Ich muss als Nicht-Mediziner doppelt vorsichtig sein.)

Auf Hambachs Website sehe ich jedoch gar nicht schnell irgendetwas zu Medizin oder Symbolik. Er stellt wesentlich auf wirtschaftliche Themen ab – und hier sollte jede Form der Wissensvermittlung und Diskussion erst einmal erlaubt sein. Das von ihm ausführlicher behandelte Bargeld-Verbot ist in der Tat einer der Knackpunkte für ‚freie‘ Gesellschaften.

Selbst wenn aber Smartphones und W-LAN keinen Krebs verursachen, ist etwa der Handy-Wahn ein weitgehend beschwiegenes Thema mit vielerlei Auswirkungen. Dass in der Schule mittlerweile immer mehr „Lerninhalte der Industrie“ vermittelt werden sollen, ist auch Gegenstand vieler anderer Berichte. Man kann dies zuspitzen auf Formen der von Eliten erwünschten Bewusstseinskontrolle. Die Literatur dazu ist spärlich, aber hat es in sich. (Ich meine natürlich auch meine Bücher.)

Dass die Wahl eines Kürzels wie „www“ eine versteckte satanische Konnotation haben könnte, halte ich ebensowenig für ausgeschlossen; für das Chrome-Logo ist es eines der klassischen Beispiele der Entzifferung solcher Symbole durch Internet-Gegenkultur. (Und diese zeigt es an Tausenden von Beispielen, nicht nur einer anzweifelbaren Interpretation einer einzelnen Gestaltung.) Dass die Pop-Industrie mit ihrem Begleitprogramm massenhaft jedwede okkultistische und satanistische Spielart in die Kinderzimmer pumpt, scheint dann nur Tagesspiegel & Co. entgangen zu sein. Die weitergehenden psycho- bis hin zu geopolitischen Konzeptionen bedürfen einer Erklärung, für deren Verständnis ich den Mainstream betreffend bisher wenig Hoffnung geschöpft habe.

Auch Ken Jebsen („Ken FM“) wird von Leber abschließend noch gescholten. Dessen recht eindeutig links stehende pazifistische Agenda wird von offiziellen Links-Journalisten hierzulande als „rechts“ eingestuft – eine weitere Beurteilung überlasse ich an dieser Stelle zunächst den geneigten Lesern.

Nicht jeder Kritikpunkt an den Genannten dürfte unberechtigt sein. Und es ist eine ganz neue Herausforderung, unter den im Internet besser zugänglichen dissidenten Ansätzen die tragfähigen herauszufinden. Mit einseitiger Diffamierung wird dies jedoch wohl kaum gelingen – und auch nicht damit, dass man dabei immer wieder sachliche Kenntnisse vorspielt, aber nicht dokumentiert. (Dies geschieht in Lebers Text am ehesten mit dem Link auf einen anderen Tagesspiegel-Beitrag zu Chemtrails.)

Doch vieles scheint eben selbstwidersprüchlich und kaum zu Ende gedacht in solchen Beschreibungen: Eine Tagesspiegel-typische Öffentlichkeit sorgt sich noch um fairen Handel und Tierschutz, wo sie z. B. Hinweise auf serienmäßigen politischen Mord und Kriegstreiberei einfach übergeht. Und es gibt, wie gezeigt, sogar Mainstream- und Lexikon-Inhalte, die in Bausch und Bogen als „Verschwörungstheorie“ verfemt werden. Der Typus eines solchen Journalisten ist dazu angetan, dies erst durch Unwissenheit, dann in Anpassung an die Kriegsmaschine zu vollziehen.

Die Wirkung solcher Artikel ist auch psychosozial fatal. Wo sie Radikalismus bei anderen wittern, schüren sie doch in Wirklichkeit blindwütige Konflikte bis in Freundschaften und Familien hinein, wo bedachtes und nachhaltiges Gespräch notwendig wäre. Dass sie damit auch die gewalttätige Gegenwehr von Radikalen eher provoziert (wo diese nicht von Geheimdiensten veranstaltet oder mindestens gelenkt und verstärkt wird), gehört zum Bedenklichsten an dieser journalistischen Praxis. Just heute gefällt sich die Tagesspiegel-Website auch noch in der Überschrift: „Politik für Berlin – Befrieden, nicht spalten!“ So vermittelt man den Lesern den falschen Eindruck einer Gesprächsbereitschaft außerhalb sehr eng gezogener Grenzen. – Man sollte sich merken, dass jemand, der sich auf vielleicht notwendig und zunächst fehlerhafte Weise mit einem Thema beschäftigt, keiner ist, der sich für nichts interessiert. Und von denen haben wir in unserer Gesellschaft definitiv viel zu viele.

Soweit also vorläufig zu Sebastian Leber. Ich habe nun in fünf Stunden diesen Text geschrieben (andere nennen das Sonntagabend). Darin enthalten sind natürlich auch Ergebnisse langfristigerer Recherchen. – Nach meiner Auffassung gehört dies zu einer Arbeit, die in solchen Redaktionen suggeriert, aber nicht getan wird. Zum gegebenen Zeitpunkt werden sie dann je nach Marktforschung und allgemein erkennbaren Richtlinien auf das eine oder andere Thema einschwenken und die Gratis-Artikel anderer ungenannt in ihre eigenen einfließen lassen. Aber vielleicht kommt es ja nicht einmal dazu.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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