Die verkehrte Welt von #amazon-Rezensent „Geschichtsjunkie“

Ich kommentiere die erste Rezension zu „Saturn Hitler“, die ich gerade auf der amazon-Produktseite vorfinde. Ihr Autor nennt sich „Geschichtsjunkie“. Mehr und mehr ist unsere Öffentlichkeit von solchen Argumentations- und Verhaltensweisen bestimmt: Ohne erkennbare Kompetenzen und nachvollziehbare Begründungen werden Urteile gefällt. Auch schön ist, dass diese Rufschädigung für Leser als erstes gut sichtbar erscheint; nur nach zweimaligem Klicken, schließlich auf den unscheinbaren Link „1 Kommentar“, wird meine Erwiderung sichtbar, die ich hier dokumentiere.

Die Rezension besteht fast ausschließlich aus falschen Behauptungen und unbegründeten Bewertungen, wie nun zu zeigen:

Der Autor veröffentlicht auf seiner Homepage satirische Beiträge und das vorliegende Buch muss wohl auch als eine solche betrachtet werden, denn anders kann man es nicht auffassen.

Es gibt wenige satirische Beiträge auf www.filmdenken.de, die dann aber auch mit dem Tag „Satire“ versehen sind. Nicht nur das Komma fehlt im Satz, sondern auch jeder Beleg. Es ist eine Falschbehauptung, mit der der Rezensent offensichtlich seine Ablehnung des Buches untermauern und einem Sachbuch das Stigma einer Fälschung oder Satire verleihen will.

Hermsdorf hat Recht, wenn er meint, dass die Geschichte immer wieder aus anderen Blickwinkeln betrachtet werden muss und man dabei neue Wege gehen sollte, allerdings schießt er bei seinem Werk weit über das Ziel hinaus. Er wählt aus der unzählbaren Flut von Fotographien die Hitler zeigen willkürlich einzelne heraus und deutet sie im Sinne einer angeblichen okkultistischen Ikonographie.

Die „unzählbare Flut“ ist als schiefes Bild schon repräsentativ für des Geschichtsjunkies Perspektive. Nun meint er, ich hätte aus den recht vielen Fotos von Hitler „willkürlich einzelne“ herausgegriffen. Bis zu diesem Punkt widerspricht sich die Aussage eigentlich schon selbst: Es sind ausgewählte Beispiele, ja – weil man nicht alle Fotos besprechen könnte und auch nicht alle die betreffenden Symboliken enthalten.

Wenn man ein Buch rezensiert, sollte man es auch lesen. Und wenn man eine Argumentation beurteilen will, sollte man ihre Grundlagen verstehen. Im Buch erläutere ich, dass hier Mehrdeutigkeiten von Formen zur Anwendung gebracht werden, die in der Malerei eine Jahrhunderte alte Tradition haben. Zeitgenössisch zu Hitler wurden sie etwa im Surrealismus zu einem Hauptprinzip. (Salvador Dalí widmete Hitler mehrere Bilder.)

Deshalb ist die folgende Aufzählung wiederum keine Begründung für eine Abwertung, sondern lediglich ein Dokument von Unverständnis:

Auf einmal wird eine Kaffeetasse oder ein Bierflaschenverschluss zum Symbol für die Saturnringe, ein verknittertes Revers zum Schlangensymbol, ein abgewinkelter Arm zum Sensensymbol oder Hitlers Schäferhund zum Teufelssymbol.

Wo laut meinem Buchtext „ein abgewinkelter Arm zum Sensensymbol“ werden soll, kann ich nicht ersehen. (Es könnte das Beispiel einer Hand gemeint sein.) Dass Requisiten wie Kaffeetassen (und nicht nur eine) und ein irritierend in den Bildervordergrund gebrachter Bierflaschenverschluss Formanalogien des Planeten Saturn mit seinen Ringen sein können, sollten die Bildvergleiche visuell vor Augen führen. – Die einzige ableitbare Kritik an dieser Stelle wäre zu sagen, dass der Hinweis auf solche Formanalogien willkürlich sei. Doch die Vielzahl von Beispielen, die immer wieder auf den Planeten Saturn mit seinen Ringen durch Formassoziation zu beziehen sind, ist hier eine Grundlage der Argumentation. Sie lässt sich nicht damit entkräften, das offenkundige eigene Unverständnis für das visuelle Spiel mit Formanalogien zum Ausgangspunkt einer solchen Kritik zu machen.

Wären diese Attribute aus jedem offiziellem Hitler Bild zu sehen, dann könnte man von einer bewussten Inszenierung sprechen, aber das ist bei weiten nicht der Fall.

Nun tut der Kritiker so, als hätte er selbst eine unabhängige Forschungsleistung erbracht, von der ausgehend er meine Argumentation entkräften könnte. Die Aussage ist erkennbar unhaltbar: Natürlich ist nicht jede Symbolik, die begründet beschrieben werden kann, nur dann als solche zu definieren, wenn sie in allen offiziellen Fotos Hitlers nachweisbar wäre. Nicht auf jeder Darstellung Jesu ist ein Kreuz zu sehen. Eine Einschätzung, die Geschichtsjunkie als „bei weiten“ klassifiziert, entbehrt jeder eigenen Begründung. Er müsste dazu einen eigenen Sachtext schreiben. Stattdessen stellt er eine leere Abwertung in den Raum.

So sind die von Hermsdorf ausgewählten Bilder nur der Beweis für seine grenzenlose Fantasie. Man kann jedes Foto nach eigenem Gutdünken umdeuten!

Bis hierhin ist mir nicht deutlich geworden, was der Rezensent mit „nach eigenem Gutdünken“ meint. Er hat uns lediglich demonstriert, dass ihm künstlerische Formanalogien aus Jahrhunderten von Malereigeschichte unbekannt sind.

Die Wahl seiner verwendeten Literaturquellen ist auch zweifelhaft. Ein Ravenscroft zu zitieren, der seine Informationen auf Grund von Gedankenübertragung erhalten haben will, spricht für sich.

Auch hier scheint Geschichtsjunkie den Buchtext gar nicht gelesen zu haben. Zitat S. 81:

Sein Buch „Die heilige Lanze“ (1972) ist als historische Quelle nur mit äußerster Vorsicht zu behandeln […].

Dementsprechend werden Beispiele für okkultistisches Denken und okkultistische Motivik bei Ravenscroft an Bild-Inszenierungen Hitlers überprüft – was in dieser Weise bisher nie geschah. Dass Ravenscroft sich schließlich auf „Gedankenübertragung“ berief, schreibe ich selbst im Buch (S. 85).

Ravenscroft selbst hat einmal zugegeben, dass sein Buch reine Fantasie sei und er es nur geschrieben habe um Geld zu verdienen.

Der Rezensent scheint den Eindruck erwecken zu wollen, dies sei auch in meinem Fall so. Dies scheint sich mittlerweile als eine Diffamierungsstrategie gegen aufklärende Literatur einzubürgern: In einer Welt voller Kommerz zu behaupten, ausgerechnet kritische Buchveröffentlichungen seien einem primär kommerziellen Interesse geschuldet.

Hermsdorf kommt auch immer wieder auf die angeblich geheimnisvolle Loge Fraternitas Saturni zu sprechen.

Natürlich muss man eine Okkultloge zu Hitlers Zeit besprechen, die den Saturn im Namen trägt und die sogar personell Berührung zu Nazi-Institutionen hatte. Die Formulierung „angeblich geheimnisvolle“ soll hier nun suggerieren, ich würde ein Geheimnis um etwas machen, wo keines sei. Ich gebe hingegen einige zusammenfassende klärende Einblicke in das Lehrgebäude der Fraternitas Saturni, dessen Herkunft und die historische Bedeutung für den Hitler-Komplex – soweit sie sich nach der Faktenlage darlegen lässt.

Hierzu gibt es mittlerweile eine seriöse historische Untersuchung über die ersten Jahre seit ihrer Gründung 1926, die veranschaulicht was diese Gruppe wirklich machte und welche Legenden sich um sie spinnen.

Es wäre schön zu erfahren, was der Rezensent hiermit meint – suggeriert er doch, es gäbe bessere Literatur zum Thema.

Was ich auch vermisse, ist ein wirkliches Quellenstudium, wenn Hermsdorf die Geschichte in Teilen neu schreiben will.

Welche „Quellen“, meint der Rezensent, hätte ich mit meiner Fragestellung noch konsultieren sollen oder müssen? Was er als „ein wirkliches Quellenstudium“ bezeichnet, bleibt ebenfalls im Unklaren – was nicht für die Kompetenz eines Kritikers spricht, wenn er begründet abwerten will.

Die bundesdeutschen Archive sind voll mit Belegen, aber sie wurden leider nicht verwendet.

Belege für was? Es geht hier um Bild-Interpretationen und historische Kontexte. Weitere Forschungen sind für mich immer erwünscht – „Saturn Hitler“ ist eine Pioniertat auf diesem Gebiet. Interessant, dass man dem ersten Buch, das auf solche Implikationen der Selbstdarstellung Hitlers überhaupt hinweist, vorwirft, es seien dazu „Archive […] voll mit Belegen“ – ohne gleichzeitig zu bemerken, dass sie dann offensichtlich nie ausgewertet wurden.

Bleibt nur die Hoffnung Herr Hermsdorf, dass das Ganze wirklich eine Satire sein soll!

Es bleibt für mich die Hoffnung, dass Geschichtsjunkie in Zukunft Bücher liest, die er kritisiert. Und eine Herabsetzung als Satire wird – wie gezeigt, ohne irgendwelche überzeugenden Argumente und Belege – nicht zutreffender, indem man sie wiederholt. Nur die herabsetzende Absicht wird deutlicher.

Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

2 Antworten

  1. Der Rezensent hat offensichtlich das Buch nicht gelesen.

  2. Peter Hallonen sagt:

    Ein wenig vermisse ich die Hitler-Attentäter Georg Elser und Stauffenberg in dem Buch, weiß aber auch nicht, was diese physiognomisch hergeben.

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