„Derrick“ – aufgeklärt wird zum Schluss

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Derrick – Ein Kongreß in Berlin
(D 1979, R: Helmut Ashley)

So, sehr geehrtes ZDF, kommen Sie aus dieser Nummer nicht heraus. Natürlich bleibt auch das heutige Rauschen im Blätterwald vorerst bei den üblichen Plattitüden: Horst Tappert = SS-Mitglied, SS-Mitglied = Nazi, Nazi = Sendeverbot. Mehr geht in die Hirne, die über diesen Schreibtischen schweben, scheinbar immer noch nicht hinein.

Ich erinnere mich an meine Einladung in die Redaktion der „Bild“-Zeitung vor 20 Jahren, als ich mit einem Redaktionskollegen ein studentisches Seminar über „Derrick“ veranstaltete. Heute muss ich davon ausgehen, dass die „Bild“-Redaktion von Tapperts Vergangenheit in der SS schon gewusst haben dürfte. Möglicherweise wollte man nur checken, ob wir das wussten. Wir wussten es nicht. Es gab seinerzeit nur zwei Beiträge mit Interview der evangelischen Zeitschrift „medium“, die sich um die Nazi-Vergangenheit des „Derrick“-Autors Herbert Reinecker gekümmert hatten. Und wir arbeiteten uns als Studenten in den Serien weiter vor, was dies für die TV-Unterhaltung zur besten Sendezeit inhaltlich bedeutete.

Bei aller Heuchelei zur „Vergangenheitsbewältigung“, die bis heute andauert, fand das damals wenig Aufmerksamkeit. Es ist ein Trauerspiel, wie in einer einstigen Kulturnation mittlerweile nur noch dürre äußere Daten berichtet, satanistische Pappkameraden dümmlichst abgefeiert werden, im sog. Mainstream kaum tiefergehende Reflexion mehr öffentlich stattfindet. Schon vor 20 Jahren wäre dazu Anlass genug gewesen – noch während der Ausstrahlung letzter „Derrick“-Folgen, zu Lebzeiten von Männern wie Herbert Reinecker, Horst Tappert oder Regisseur Alfred Weidenmann.

Die Praxis war jedoch eine andere: Totschweigen, bis alle Beteiligten selbst verstorben sind. Ein Volk, das ausstirbt, wurde seit Jahrzehnten an seiner Erinnerungsarbeit gehindert, systematisch seiner Vergangenheiten beraubt. Jeder oberflächliche Anlass zu „Nazi“-Geschrei wird genutzt, jede differenzierte Debatte über Inhalte und Bedeutungen, Ideengeschichte und verborgene Verstrickungen wird mit aller Macht unterbunden. Wer es selbst erlebt, bemerkt – es hat sich wenig geändert in Deutschland nach 1945: Untertanen-Mentalität, nun im Dienste neuer Herren. An den wenigen Durchgängen sind die heutigen Nazis postiert: Naivlinge, denkfaule Alt-68er, arrogante Pinsel, denen man erfolgreich suggeriert hat, sie seien eine geistige Elite. Mittelmaß duldet nur Mittelmaß und trampelt alles andere nieder im vollen Wichs seiner linksgrünen Karnevals-Uniform.

Was sich darin abzeichnet, ist ein vielschichtiger und weitreichender Skandal. Ich kann das in diesem Artikel nicht ausführlich erklären. Ein wenig hat sich auf filmdenken dazu schon angesammelt (Wortsuche „Derrick“). Ein unveröffentlichtes, rund 700seitiges Buch liegt in meiner Pipeline. Derzeit führe ich dazu noch Gespräche. Denn die darin verhandelten Fragen sind äußerst schwerwiegend. Sie werden die trügerische Ruhe in transatlantisch dressierten Geschichtswissenschaften erschüttern. Sie werden so manchen 68er als naiven Büttel jener offenbaren, die, wie wir jetzt schon wissen, angebliche Verbrechen „der Deutschen“ an erster Stelle veranlassten. Davon hat Herbert Reinecker über Jahrzehnte in seinen Drehbüchern erzählt, und zwar mit einer Raffinesse, die scheinbar noch heute angebliche Wissenschaftler überfordert. Man fragt sich oft, was sie wohl sonst überhaupt verstehen. – Dieser Beitrag hier ist also eine Aktennotiz über das Jammertal unserer Öffentlichkeit, der man einmal wieder ihren „Nazi“-Knochen zum Knabbern hingeworfen hat.

Ich biete demgegenüber jedem das Gespräch an. An erster Stelle müssten sich Geistesarbeiter, Institutionen und Kulturförderer angesprochen fühlen. Denn die Reinecker-Serien „Der Kommissar“ und „Derrick“ sind als Kulturgeschichte nie mehr zu umgehen. Sie wurden und werden in über 100 Ländern gezeigt und erreichten über eine Milliarde Zuschauer. Die wenigen Bücher, die es derzeit dazu gibt, werden den äußerst komplexen Arbeiten von Herbert Reinecker, Produzent Helmut Ringelmann, Regisseuren, Ausstattern u. v. m. nicht gerecht. Letztere entwickelten eine umfangreiche eigene Registratur von Symbolen. Sie machten aus den zunächst spröde wirkenden Klein- und Großbürger-Höllen ihrer Mordgeschichten bisher fast unentdeckte filmische Beispiele altmeisterlicher Bildnerei.

Die hier rechts gezeigten Einstellungen aus der „Derrick“-Folge „Ein Kongreß in Berlin“ (D 1979, R: Helmut Ashley) sollen nur abermals eine Ahnung vermitteln, um was es konkret geht. Wer mag – und sie nicht kennt –, kann sich ja vorerst noch mit meinen Video-Collagen vergnügen, zu denen unter diesem Artikel Textbeiträge als „verwandte Themen“ aufgeführt sind.

Es geht hier um kaum weniger als die notwendige Rückeroberung einer bildkünstlerischen Sprache aus deutschen Landen. Wer solche Bildbeispiele nicht zu deuten weiß, wird auch in Hollywood oder der Nouvelle Vague vieles übersehen. (Von entsprechender Stelle aus ist heute – nicht zuletzt wohl deshalb – akademische Filmwissenschaft fast gänzlich stillgelegt oder auf Nebengleise abgelenkt.) Es sind Symbole und erzählerische Metaphern, die im Dialog mit einer langen Kulturgeschichte stehen, die sich mit Realgeschichte und politischen Verhältnissen auseinandersetzen. Sie treffen ins Mark jener Debatten, die sich aktuell zaghaft zu entfalten versprechen. Wenn wir nicht achtgeben, werden sie durch allerlei falsches Spiel und Desinformation schnell wieder untergepflügt. Auch von Methoden einer solchen Verschwörung und Unterdrückung vor und nach 1945 erzählten diese Serien unentwegt.

Die Serien von Herbert Reinecker sind eine Saat, die noch längst nicht aufgegangen ist. Ich nehme an, dass hierin eine – durchaus verzweifelte – Hoffnung ihrer Macher bestand. – Es steht kaum mehr in meiner eigenen Macht, als in näherer Zukunft das erwähnte Buch zu veröffentlichen. Alles Übrige ist von einer Herstellung von Öffentlichkeit abhängig, die auf personelle und finanzielle Förderung angewiesen ist. Nach gängigen Maßstäben stünde dem ZDF eine Historiker-Kommission ins Haus – die allerdings mehr wissen müsste, als wir es an vielen derzeitigen Veröffentlichungen ersehen können. Man könnte ein ganzes Museum einrichten, das die fast 400 Serienfolgen von „Der Kommissar“ und „Derrick“ als einzigartiges künstlerisches Projekt würdigt. Wer sich für derlei interessiert, kann sich gern bei mir melden. Es gäbe vieles zu tun und zu erreichen. Sehr viel Zeit bleibt uns dafür allerdings nicht mehr. Irgendwann wird es zu spät sein. Noch leben wir, die wir mit diesen Geschichten und Bildern aufgewachsen sind. Und jenen, die sie noch nicht kennen, scheint es nicht gerade gut zu gehen.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de – Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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