Wie Adorno seine eigene Halbbildung erfand

Es müsste dazu ganze Forschungsprojekte geben – aber ich sehe sie nirgendwo. Kaum ein Philosoph des 20. Jahrhunderts hatte und hat eine Nachwirkung wie Theodor W. Adorno. Zwar erlebte ich selbst schon eine Art revisionistischer Tagung über sein Verhältnis zur Massenkultur an der Universität Münster mit. (Das angeblich nichts vergessende Internet führt nur über wenige Fragmente noch zu der Info, dass dies “But I Like It: Adorno und die Popkultur”, 04./05.07.2003, war. Eine weitere Tagung, ebf. organisiert von Josef Früchtl, fand 2014 an der HFG Karlsruhe statt.)

Mit Forschungsprojekten meine ich, dass es für mich eine Fülle von Fragezeichen gibt, sobald ich wieder in Adorno-Texte hineinlese. Und in meiner Leseerfahrung war dies nach dem Gemeinschaftswerk “Dialektik der Aufklärung” (1944, mit Max Horkheimer) eigentlich immer eine Enttäuschung. Ein paar kernige und durchaus vielsagende Sentenzen stehen dabei meist neben einer Menge Schwurbel, der bei näherem Hinsehen ebenso redundant wie auch überheblich, dabei je nach Thema gedanklich eher unverdaut wirken kann. Dies gilt zumal bei historischen und kulturellen Zusammenhängen, die wir spätestens über besser zugängliche Archive und ein teils barrierefreies Datennetz erkennen können.

Dies ist teilweise eine Entschuldigung, die für jeden historischen Autor gilt. Doch wenn wir bei jüdischen Berühmtheiten sind, könnte ich sofort anführen, dass nach meiner Interpretation ein Filmautor und -regisseur wie Billy Wilder schon vor seiner Emigration aus Deutschland 1933 satirische und selbstreferenzielle Finessen ausprägte, von denen ein Adorno nie etwas zu ahnen schien (oder sie verschwieg, wofür man ja gerne Argumente entwickeln kann).

Die Karlsruher Tagung wurde angekündigt mit den Worten:

So unerbittlich »negativ« seine Analysen auch waren: Adorno setzte sich praktisch-kritisch mit der Welt der Medien, des Rundfunks und des Fernsehens auseinander.

Das ist zumal für die frühe Werkphase durchaus richtig – und die Thesen zu einer strukturellen Zerstreutheit der Rundfunk-Zuhörer durch entsprechende Programmgestaltungen gelten heute vielleicht mehr als damals. (Ein Schelm, wer Ominöses dabei denkt.)

Als Fragwürdigkeit sei im Folgenden einmal ein Passus aus dem Aufsatz “Theorie der Halbbildung” (1959) festgehalten. Darin hyperventiliert der adrette Anzugträger mit dem Hang zu atonaler Klaviermusik einmal wieder über die geistige Unterlegenheit der Normalmenschen und schlägt dann allen Ernstes noch den Haken, “die berühmte Putzfrau” doch für prinzipiell einsichtsfähig zu halten, wenn es nicht neben der Begriffsstutzigkeit der Massen noch etwas ultimativ Böseres, nämlich die den Menschen zurichtende kapitalistische Gesellschaft gäbe, in deren Funktionsweisen die Freudsche Psychoanalyse privilegierte Einsicht garantiere, um die Blödigkeit der Konsumenten einerseits und die Verworfenheit des Systems andererseits endgültig theoretisch zu dekretieren. (Was darauf dann folgen sollte, ist immer so eine ‘Frage’.)

Kampfbegriff ist hier eben eine “Halbbildung”, zu der sich ein bürgerlicher Typus zwar immerhin schon aufgeschwungen habe, doch nun Adornos Rute zu spüren bekommt, bevor er ob der Einbildung geistiger Fortschritte übermütig wird. (Merke: Wer ein autoritärer Charakter ist, bestimmt im Zweifelsfalle eben Adorno und niemand sonst, der Demokratie zuliebe vermutlich.)

Unverkennbar das destruktive Potential der Halbbildung unter der Oberfläche des herrschenden Konformismus. Während sie fetischistisch die Kulturgüter als Besitz beschlagnahmt, steht sie immerzu auf dem Sprung, sie zu zerschlagen. Sie gesellt sich der Paranoia, dem Verfolgungswahn. Die auffällige Affinität eines Bewußtseinsstandes wie der Halbbildung zu unbewußten, psychotischen Prozessen wäre aber rätselhafte, prästabilierte Harmonie, hätten nicht die Wahnsysteme, außer ihrem Stellenwert in der psychologischen Ökonomie des Einzelnen, auch ihre objektive gesellschaftliche Funktion. Sie ersetzen jene wesentliche Einsicht, die von der Halbbildung versperrt wird. Wer der Kontinuität von Urteil und Erfahrung enträt, wird von / 117 / solchen Systemen mit Schemata zur Bewältigung der Realität beliefert, welche an diese zwar nicht heranreichen, aber die Angst vorm Unbegriffenen kompensieren. Die Konsumenten psychotischer Fertigfabrikate fühlen sich dabei gedeckt von all den ebenso Isolierten, die in ihrer Isoliertheit, unter radikaler gesellschaftlicher Entfremdung, durch den gemeinsamen Wahn verbunden sind. Die narzißtische Gratifikation, im Geheimnis zu sein und mit anderen Erlesenen einig, befreit, sobald es über die nächsten Interessen hinausgeht, von der Realitätsprüfung, an welcher das Ich alten Stils, laut Freud, seine vornehmste Aufgabe hatte. Die wahnhaften Systeme der Halbbildung sind der Kurzschluß in Permanenz. Man hat die kollektive Neigung zu jenen Bewußtseinsformen, welche Sorel und Rosenberg einmütig Mythen tauften, gern damit erklärt, daß die gegenwärtige soziale Realität an sich, schwierig, komplex und unverständlich, zu dergleichen Kurzschlüssen herausfordere. Aber gerade diese scheinbar objektive Deduktion zielt zu kurz. In vieler Hinsicht ist die Gesellschaft, durch den Wegfall ungezählter, auf den Markt zurückweisender Mechanismen, durch die Beseitigung des blinden Kräftespiels in breiten Sektoren, durchsichtiger als je zuvor. Hinge Erkenntnis von nichts ab als der funktionellen Beschaffenheit der Gesellschaft, so könnte wahrscheinlich heute die berühmte Putzfrau recht wohl das Getriebe verstehen. Objektiv produziert ist vielmehr die subjektive Beschaffenheit, welche die objektiv mögliche Einsicht unmöglich macht. Das Gefühl, an die Macht des Bestehenden doch nicht heranzureichen, vor ihm kapitulieren zu müssen, lähmt auch die Triebregungen der Erkenntnis. Fetischisiert, undurchdringlich, unverstanden wird, was dem Subjekt als unabänderlich sich darstellt.

http://www2.ibw.uni-heidelberg.de/~gerstner/adorno_halbbildung.pdf

Interessant für das filmdenken-Projekt ist natürlich die Ansprache der “Paranoia” und des “Verfolgungswahns”, mit denen eindeutig ein verschwörungstheoretisches Denken gemeint ist. Und hier sehen wir an einem Beispiel, was der Linken seit der 68er Zeit von Adornos Hand tief in die Gehirnwindungen eingepflegt wurde: Die Überzeugung, einseitig und ohne wirklich erkennbare Detailstudien bestimmte Wissenstypen als “Wahnsysteme” zu identifizieren, sobald sie auf einer bloß allgemeinen Ebene den Eindruck erwecken, angeblich “wesentlicher Einsicht” zu entbehren (Letztere aber selbst gerne ohne genaurere Definition oder erkennnbare Querverweise).

Und wir sehen bereits an diesem, aber auch weiteren Begriffen allein dieser wenigen Zeilen, dass wir es entweder mit einem nicht gerade gut begründeten, wenn nicht trügerischen Text zu tun haben. Denn auch wenn Kritiker oft oder immer etwas mit dem Gegenstand ihrer Kritik gemein haben (wohl, weil sie ihn sonst gar nicht so gut erkennen würden) – Adorno trägt hier einmal mehr auffällig dick auf, um sich dann in Aussagen zu ergehen, die im Gegensatz zu ihrer rhetorischen Manieriertheit eigentlich Plattitüden – und im vorliegenden Kontext sogar Selbstwidersprüche – sind.

Wir sehen vielleicht erst an der heutigen Linken und ihrem Seitenstrang eines teilweise populistischen Ökologismus deutlich, wie erkenntnistheoretisch durchaus fatal sich eine solche Denke und aufgeplusterte Rhetorik auswirken kann. Außer ein paar aggressiven Slogans hat Adorno nie etwas zu einer substanziellen Auseinandersetzung mit einem Symbolsystem wie dem klassischen Hollywood und vielen anderen Massenkulturen beigetragen. Derlei war ihm scheinbar nur widerlich und Rechtfertigung genug für empirische Faulheit – er glaubte offensichtlich, dort sei so gar nichts zu holen und man müsse sich damit eben nicht “praktisch-kritisch” auseinandersetzen. Ganz entsprechend heutigen Populismus-Kriterien war ihm die rhetorische Schmähung weitgehend genug. – Einer der wenigen erklärten Linken, auf die heute diese Kritik nicht zutrifft, bleibt Georg Seeßlen, dessen Arbeit ebf. wesentlich auf marxistischen und psychoanalytischen Kriterien beruht – sich dabei aber in aller Ausführlichkeit, auch mit Witz und Abgeklärtheit ausführlich allerlei Medieninhalten widmet.

Ansonsten ist aber auch in nun schon angedeuteten linken Diskursen oft vorzufinden, was Adorno vorzuwerfen ist – und wer hat dies bisher ausführlich getan? (Man kann das gern hier ergänzend kommentieren.)

Allzu oft ist auch unter intellektuellen Linken “destruktives Potential der Halbbildung” zu beobachten. Dazu gehören heute nicht zuletzt immer noch dieselben marxistischen Begriffe und eben jene der Kritischen Theorie nach Adorno, Horkheimer u. a. Was Adorno nicht nur in diesem Text selbst vorführt, ist, “fetischistisch die Kulturgüter als Besitz” zu vereinnahmen, mit denen man sich gar nicht im Einzelnen auseinandersetzt, bevor man sie in Bausch und Bogen verbal in die Verdammnis schickt – selbst “immerzu auf dem Sprung, sie zu zerschlagen.”

Die pauschale – weil ohne Beispiele behauptete – Pathologisierung bestimmter Denkweisen als “Paranoia” und “Verfolgungswahn” zielt eindeutig auf die 1933-45 zur Staatsdoktrin gewordene Vorstellung angestrebter “jüdischer Weltherrschaft” ab. Was immer man damals an offiziellen Wirtschaftsdaten vom immensen Vermögen einer Rothschild-Familie wusste und was der von Adorno hier anderweitig erwähnte Alfred Rosenberg in Sachtexten als Wall-Street-Kamarilla anklagte – es gab daran sachlich überprüfbare Anteile, so, wie heute TV-Dokumentationen über Goldman Sachs oder BlackRock gezeigt werden. Wohlgemerkt: Derselbe Mainstream, der in Fortschreibung solcher Adorno-Begriffe alles, was er nicht selbst teils gebührenfinanziert verbreitet, als verschwörungstheoretischen Internet-Schmuddel stigmatisiert, bestätigt ganz wesentliche Aussagen, die in problematischen Quellen darüber hinaus noch zu primitiven judenfeindlichen Ausfällen führen mögen (was hier nicht gerechtfertigt sei).

Der Sender arte nennt es also “Die unheimliche Macht eines Finanzkonzerns”, was zu jeder entsprechenden Aussage eines erkennbar Rechtsorientierten bei linksgrünen Journalisten ad hoc Nazi-Vergleiche und Begriffe eines angeblichen “strukturellen Antisemitismus” an den Start bringt, weil Alfred Rosenberg auf der allgemeinen Ebene dasselbe anprangerte wie heute Parteien wie Die Linke oder eben arte. (Die verwandtschaftlichen Verhältnisse des Herrn Rosenberg ließen sich durch Vernichtung der Akten in seinem Geburtsort Riga bis heute leider nicht feststellen. Riga …)

Mit dem verschärft bildungssprachlichen Verb “entraten” beschäftigt Adorno offensichtlich rein rhetorisch den kritischen Leseverstand, wenn er den angeblichen Paranoiker in “solchen Systemen mit Schemata zur Bewältigung der Realität beliefert” sieht, “welche an diese zwar nicht heranreichen, aber die Angst vorm Unbegriffenen kompensieren.” Wir sehen, dass noch im heutigen arte-Filmtitel des ‘Unheimlichen’ am BlackRock-Finanzimperium ein “Unbegriffenes” durchaus anklingt, während sich sonst die arte-Klientel doch erkennbar verpflichtet fühlt, in Adornos Schwarzweiß-Malerei einer guten und verlässlichen Kritischen Theorie mit ihrer Hass-Rhetorik gegenüber “Konsumenten psychotischer Fertigfabrikate” zu verfallen. Denn entsprechend den Mängeln marxistischer Theorie gibt es nur ein abstraktes “Kapital”, dass es zu bekämpfen gelte, um anschließend halt irgendwie eine bessere Welt zu erschaffen – wie und wer das macht (statt einem Abstraktum und einer unpersönlichen Struktur), sehen wir dann vermutlich. (Man frage jeden Marx-Anhänger danach – und wundere sich nicht, wenn der Abend dann schnell beendet ist, weil man dazu soviel Realistisches und Begreifliches zu sagen hat.)

Nochmal: Der arte-Titel von der “unheimlichen Macht eines Finanzkonzerns” ist doch eine recht exakte Entsprechung zu Adornos Diagnose eines “Gefühls, an die Macht des Bestehenden doch nicht heranzureichen, vor ihm kapitulieren zu müssen” – und dies “lähmt auch die Triebregungen der Erkenntnis”, jedenfalls einer erweiterten Erkenntnis, die in 90 Fernsehminuten nicht zu haben ist, wobei diese im arte-Programm schon mehr sind als anderswo etc. pp. Letzteres hyperkritisiere ich im Gegensatz zu Adorno nicht – man sollte und kann sich dessen nur bewusst sein und sollte sich nicht unvorsichtig, angeleitet von Adornos institutionalisierter (und, wie wir hier sehen: teils selbstparodistischer) Hybris nicht dazu anleiten lassen, andere Erkenntnisformen für das zu halten, was solche Adorno-Texte hochprozentig sind: Fetischisierungen eigener teils leerer Begrifflichkeiten und eigene “Wahnsysteme” aus nachweisbaren “Kurzschlüssen”.

Weiterempfehlen: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • Twitter
  • LinkedIn
  • XING
  • Google Bookmarks
  • Y!GG
  • MisterWong
  • del.icio.us
  • Digg
  • Reddit
  • Technorati

Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

ANZEIGE
                        
Mit dem Nutzen des Kommentarbereiches erklären Sie sich mit der Datenschutzerklärung einverstanden.

1 Response

  1. Hier lautet das Ergebnis entsprechend.

    Georg W. Bertram: Jazz als paradigmatische Kunstform – Eine Metakritik von Adornos Kritik des Jazz (Aufsatz, 2014)
    “Ich rekonstruiere den zentralen Vorwurf Adornos, demzufolge Jazz-Performances kein Formgesetz realisieren und aus diesem Grund Subjekte nicht herauszufordern vermögen. Diese Einschätzung von Jazz ist, so diagnostiziere ich, in Adornos Kunstbegriff begründet, da Adorno erstens die Formgesetzlichkeit von Interaktion nicht zu fassen vermag und zweitens die von Kunst geleistete Reflexion von Subjektivität nur verkürzt fasst.”
    https://meiner.de/jazz-als-paradigmatische-kunstform-eine-metakritik-von-adornos-kritik-des-jazz.html?previd=11019

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.