Peter #Sloterdijk und die Anti-Erregungsgemeinheit

Jede Zeit hat ihre Orakel. Philosoph Peter Sloterdijk hat sich zu einem solchen entwickelt, erst in scharfer Anklage gegen „zynische Vernunft“, dann in Amt und Würden, mit zeitweiliger TV-Philosophiererei als Bestseller-Autor auf Dauer gestellt.

Dass man einen Groß-Intellektuellen dafür loben muss, dass er kein unpolitischer Mensch ist, gehört leider wohl zu den Zeichen der Zeit. Gerade in Zeiten der Migrationswellen verkriecht sich eine mehrheitlich linksliberale Intelligenzija Deutschlands hinter dem Designer-Sofa. Soviel geldwerte Pfründe angesammelt, so wenige Kinder aufgezogen – und nun soll es mit dem Toskana-Epilog nicht so recht etwas werden, den die Generation Vorruhestand schon seit 10-20 Jahren so wonnig vorlebt?

Es gibt also viele, die es sich bequemer machen als Sloterdijk, wenn er sich, wie er zu Recht sagt, mit eher neueren, eher rechtskonservativen Einsprengseln seines Denkens „deutschen Psycho-Automatismen“ seiner Kritiker aussetzt (so bezeichnet im Interview der „Berliner Zeitung“, 31.05.2016). Allerdings ist all das für ihn ebenso Prominenzgewinn wie auch permanente Ego-Bestätigung, dass ihn jemand hört.

Hat er in dieser Hinsicht jedoch etwas, und hat er Neues zu sagen? Ich will nur ein paar Argumente aufführen, die ich für ein zunehmendes Problem unserer Öffentlichkeit halte – und die sich an diesem Beispiel konkretisieren lassen.

Kurz gesagt: Wenn Sloterdijk für stark reglementierte Zuwanderung plädiert, ist er zum einen schlicht nach rechts gewandert. (Diesen move habe ich – aus sicher ganz anderen Gründen – als Leser mitvollzogen.) Eine Besonderheit der deutschen Situation ist jedoch, dass nach 1945 ‚rechte Haltungen‘ stark tabuisiert waren. Dieser Mechanismus wirkt auch betreffs sog. „Flüchtlinge“ immer noch sehr stark.

Das Unangenehme an (teilweise) geläuterten Linken wie Sloterdijk ist, dass sie nun Positionen übernehmen, für die andere geblutet haben – und die sie, nach bester Art der von ihnen theoretisch verachteten Zensoren – niemals erwähnen würden, obwohl sie früher dort waren, wo Sloterdijk jetzt erst ist. Seine Begriffe wie „Thymos-Regulierung“ tauchen hinwiederum etwa in Blog und Zeitschrift „Sezession“ auf.

Sloterdijk würde ein solches Blog wohl nie zitieren oder empfehlen. Jemandem wie mir, der nicht in hochpreisigen Journalen, sondern in der Gratis-Kultur des Internets publiziert, ist eine solche Praxis vollkommen fremd. Was ich wichtig finde, verlinke ich. Rechts-Links-Unterscheidungen sind mir vollkommen gleichgültig geworden. Und in einer Zeit, in der etwa sexueller Missbrauch durch Zuwanderer nicht selten zu Bewährungsstrafen führt, trägt der Staat die volle Verantwortung dafür, dass man demgegenüber Stilfragen und selbst weitgehende inhaltliche Radikalismen mit Fug und Recht als Nebensache betrachten darf. – Dieses Land ist schon sehr weit abgerockt – und das Letzte, was in solchen Situationen angebracht ist, ist Herumlabern.

Sloterdijks „Zorn und Zeit“ (2006) habe ich nur kapitelweise gelesen – und mich aus ähnlichen Gründen immer wieder geärgert. Wie weitschweifig-gelehrt ein solcher Text daherkommt. Wie wohltuend realitätsbezogen der Ansatz einerseits. Wie enttäuschend der allzu häufige Rückzug ins Abstrakte, in kompliziert klingende Begriffe, in historische Schilderungen, die gewisse Relevanz besitzen – aber doch von aktuellen Problemen in mancher Hinsicht weit entfernt sind, sie höchstens teilweise zu erklären und zu bearbeiten helfen. Sie werden letztlich von einer banalen und nicht zuletzt brutalen, schließlich unabänderlichen Realität in Frage gestellt oder in die Vergessenheit verwiesen. Wieviele moslemische Leser hat ein Sloterdijk? Welche Überlebensperspektive hat die Kultur, die nicht zuletzt er vertritt? Welche Schlussfolgerungen sind aus Antworten auf diese Fragen eigentlich zwingend zu ziehen?

Dass Sloterdijk auch etwas Selbstkritik nicht schlecht anstände, kann man noch durch relativ junge Verlautbarungen ersehen. In „SWR Kunscht!“ äußerte sich Sloterdijk vor einem Jahr in „Wo endet die Toleranz? – Vom Umgang mit Islam und Islamismus“ anlässlich des Charlie-Hebdo-Attentates so:

Und plötzlich fühlen sich unzählige Menschen von etwas bedroht, was sie nicht bedroht. […]
Es gibt ein Verlangen nach Konflikt, es gibt auch ein narzisstisches Streben nach der Bedrohung. Und das ist ein sehr kostbarer Zustand, denn man fühlt sich als eine bedrohte, als eine aussterbende Spezies. Man erhöht das eigene Leben.

Vor dem Hintergrund dessen, was Sloterdijk nunmehr „bejahte Überrollung“ durch Zuwanderer nennt, sehen wir also eine schon deutliche Meinungsänderung. Wie es nicht ganz selten ist, werden Eigenheiten des Kritisierten am Kritiker selbst deutlich. Im Fall Sloterdijks ist es ein Narzissmus, den er noch zu Charlie-Hebdo-Zeiten bei Warnern vor Islamisierung und islamischem Terrorismus sehen wollte.

Während Sloterdijk AfD-Positionen aufgreift, schilt er sie zugleich pauschal als „Ideen-Müll“. Glaubte er noch angesichts des Charlie-Hebdo-Attentats bei wachen Geistern Narzissmus zu bemerken, werden jene, die sein Plädoyer für staatliche Abgrenzung gegenüber Flüchtlings-Strömen in politische Praxis umsetzen, hierzulande schon vielfach mit dem Tode bedroht – so die AfD-Politikerin Beatrix von Storch.

Plötzlich – ein Jahr später – fühlt Sloterdijk sich also doch selbst bedroht. Und Sloterdijk lässt sich einmal mehr zur intellektuellen Koriphäe „erhöhen“ – dass bei ihm andere, und sei es in der Kritik, eine solche Erhöhung besorgen, verbietet nicht deren Hinterfragung. Es ist so einfach wie hier gerade geschehen. Nach meinem Eindruck beschränkt sich Kritik an Sloterdijk in etablierten Medien jedoch auf das, was er schon selbst anspricht: Links-Rechts-Reflexe.

Zahlen von mehr als 1 Mio. Zuwanderern im Jahr 2015 scheinen ihn dann aufgeweckt zu haben. Bei einer Person wie der meinen ließ sich derlei schon 2012 im „Krisen-Abriss“ nachlesen – zitierend aus rot-grünen Stiftungs-Berichten, durchaus alarmiert von früheren Auftritten Gunnar Heinsohns in Sloterdijks „Philosophischem Quartett“.

Da Sloterdijk zu den wenigen gehört, die Heinsohn mit seinen drastischen Ansagen ein Forum gaben, verwundern Haltungen, die der Karlsruher auch im jüngsten, weiter oben verlinkten Interview zum Besten gibt. Einmal mehr geriert er sich weltläufig-gelassen. Expansiver Islamismus, Kriegsgefahren, demografischer Niedergang – letztendlich scheint er all das doch wie Ernst Jünger an der Erdbeere im Burgunder-Glas vorbei zu sehen:

Dahinter lauert ein neu-imperialer Iran, weiter dahinter ein imperium-trunkenes Saudi-Arabien, das Moscheen und Schulen finanziert, um islamische Ausdehnungsträume zu nähren. Kurzum, wer die Haupt-Alternative sieht: entweder die okzidental-liberale, strukturell sozialdemokratische Gesellschaft oder die imperial-nationalistische-neofeudale, wird mit ein wenig Besinnung die richtige Wahl treffen.

Hier wird stillschweigend vorausgesetzt, laufende Entwicklungen ließen überhaupt genug Zeit für besonnene Gegenreaktion, die ihr Ziel erreicht. Gesichert ist dies jedoch keineswegs.

Ebenso weltfremd Sloterdijks Formulierungen zu einem „Sozialstaat“, der seit 40 Jahren auf Pump finanziert wird.

Bei den Leistungen des Sozialstaats ist es ähnlich, sie werden durch nationalstaatlich formatierte Solidargemeinschaften gesichert. Zu denen haben naturgemäß auch Ausländer Zutritt, sobald sie Beiträge leisten.

Sollte der Groß-Philosoph nichts von Praktiken in der Flüchtings-Versorgung wissen? (Ja, die seiner Generation verhasste Springer-Presse schreibt darüber ausführlicher als andere.) Sollte er nicht wissen, wieviele Menschen trotz abgelehnten Asyl-Antrags über viele Jahre in Deutschland Leistungen erhalten?

Allen Ernstes lenkt Sloterdijk dann noch auf ein anderes Beispiel ab, das zwar nicht inhaltlich, aber derzeit doch faktisch irrelevant ist. Es gäbe noch mehr Flüchtlinge, wenn sie in China oder Indien nicht innerhalb ihrer eigenen Staaten hin- und herverschoben würden:

Wir sind, ohne es zu wissen, Parasiten der Integrationskraft von China und Indien.

Die Pflicht eines auch staatlicherseits und über Gebührengelder so lange alimentierten Autors wie Sloterdijk wäre, klar Position zu beziehen gegenüber dem Islam. Dies sollte nicht nur in theoretischer Abstraktion geschehen. Es geht um halbwegs klar feststellbare Lebensrealitäten, Wahrscheinlichkeiten von Integration, Folgerungen für die politische und soziale Praxis in Deutschland. Es reicht nicht, Begriffe des Thymos und des Zorns in die Welt zu setzen, sie als eine anthropologische Konstante zu beschreiben, während chaotisierende Impulse aus der islamischen Welt in Westeuropa massiv an Raum gewinnen. – Eine philosophische Haltung hätte wohl als Erstes zu bemerken, dass jedes unschuldige Opfer dieser Entwicklung eines zuviel ist. Traurig, dass schon ein solcher Satz mittlerweile naiv klingt.

Ein Philosoph hat nicht zuletzt eines zu sein: in der sprachlichen Bezeichnung korrekt und überprüfbar. Von „islamischen Ausdehnungsträumen“ zu sprechen, ist verharmlosend und nicht sachgerecht. Der Islam befindet sich gerade in Westeuropa in der massiven Ausdehnung und träumt nicht bloß davon.

Peter Sloterdijk hat sich in diesen Fragen zwar einerseits wohltuend von – wohl immer noch – Mehrheiten der linksgrünen Geisteswissenschaften abgesetzt. Aber es zeigen sich fortgesetzt einige Schwächen seiner Haltung und Argumentation, die von der Öffentlichkeit nicht unbemerkt bleiben sollten:

  • Er vertrat immer wieder Laissez-faire- und Gelassenheits-Positionen zum Thema Zuwanderung oder Demografie („erst recht läßt sich die Fortpflanzung nicht länger als nationale Mission darstellen“, 1998).
  • Den akuten Gefahren des islamistischen Terrorismus und Gewaltpotenzials werden Sloterdijks abstrakte Begriffe nur bedingt gerecht. Wie ordnet er Kriminalitätsraten, Gewaltausbrüche unter Flüchtlingen, Berichte über rigide einseitige Leistungsforderungen seitens von Zuwanderern, Kinderehen und Vergewaltigungskulturen in seinen philosophischen Begriffsapparat ein? Sollen Vergewaltigungsopfer anschließend über Thymos-Regulierung nachsinnen?
  • Auf halber Strecke bekommt Sloterdijk aus seiner linken Vorgeschichte offensichtlich immer wieder kalte Füße. Abstrakte Wertschätzung des Abendlandes: Ja. Abstrakte Ablehnung von Radikalismen: Ja. Abstrakte Befürwortung sinnvoller Einwanderungspolitik: Ja. – Aber: Ablehnung einer als unbehaglich empfundenen AfD-Politik. (Wen würde Sloterdijk denn sonst empfehlen? In NRW die CSU wählen?) Allen Ernstes redet Sloterdijk im Interview auch der SPD das Wort, für die er schon früher plädiert hatte. Als wäre deren Agenda in migrationspolitischer Hinsicht nicht einer der wesentlichen Nährböden für den Glauben, man könne Kinderlosigkeit und linksgrünen Freizeitspaß mit kinderreichen Salafisten kompensieren.

Die eigentlichen Gehalte, realpolitischen Ambitionen und Ranküne der Religionen des Islams wie auch des Judentums in ihren fundamentalistischen Spielarten zu erfassen, ist auf dem hier abgesteckten Terrain leider ein noch recht weiter Weg. Es bleibt eine schwache Hoffnung, dass Unausgegorenheiten, Inkonsequenzen und Feigheiten der politisch-intellektuellen Debatte nicht allzu viele Opfer mehr fordern. Manche hat es schon irreversibel an Leib und Leben getroffen. Schwurbel-Begriffe tun da immer weniger zu einer Sache, die kaum mehr verdrängt werden kann.

Ein eher schwacher Trost, dass manche Schwurbelei auch die Ahnungslosigkeit derer decouvrierte, die mit ihr bedenkenlosen Umgang pflegten.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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