Fachhistoriker sieht Kriegstreiberei bei NS-#Freimaurer

Wie direkt eine größere Detailgenauigkeit der Geschichte des Nationalsozialismus zu sog. geschichtsrevisionistischen Positionen führt, zeigt gerade folgender Aspekt einer Doppel-Rezension von Frank Vollmer in der „Rheinischen Post“ (17.01.2017).

„Ulrich Herbert komprimiert meisterhaft den aktuellen Wissensstand“, resümiert Vollmer zu einem Einführungstext der Reihe „Beck Wissen“ über „Das Dritte Reich“ (2016):

Wie folgerichtig der Krieg war, fasst Herbert ganz am Ende zusammen: Die Umstellung von Friedenswirtschaft auf Kriegsvorbereitung habe die Konjunktur zwar beflügelt, zugleich aber die Ressourcen so überdehnt, dass der „Eroberungskrieg von einer Option zur Notwendigkeit“ geworden sei.

Was in dieser Wiedergabe einmal wieder unter den Tisch fällt, ist der menschliche Akteur, der dabei an erster Stelle stand: Hjalmar Schacht, 1934 bis 1937 Reichswirtschaftsminister, danach ohne Geschäftsbereich bis 1945. Als Mitentscheidendes für den Fortgang der nächsten zwei Jahre bis zum Zweiten Weltkrieg in die Wege geleitet war, zog er sich aus der allerersten Linie der NSDAP zurück. Dies ermöglichte ein immerhin glimpfliches Urteil bei den Nürnberger Prozessen.

Auch in der größeren Öffentlichkeit ist der Zusammenhang der von Ulrich Herbert benannten Kriegstreiberei mit der Person Hjalmar Schachts nicht neu, wie ein „profil“-Artikel (26.07.2010) zeigt:

Vater der produktiven Kreditschöpfung wurde der renommierte Reichsbankpräsident und Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht. Er ließ über die Scheinfirma Metallurgische Forschungsgemeinschaft (Mefo), hinter der unter anderem Krupp und Siemens standen, die berüchtigten Mefo-Wechsel ausstellen. Die Reichsbank übernahm die Bürgschaft, als Schuldner schien das Reich aber nicht auf. So wurde zwischen 1934 und 1936 die Hälfte aller Wehrmachtsaufträge verdeckt finanziert.

Das NS-Wirtschaftswunder auf Pump war von Anfang an auf großindus­trielle Rüstung getrimmt, Mittelstandspolitik wurde vernachlässigt.

Eine Frage, die Geschichtswissenschaft zu beantworten hat, ist diejenige, warum Adolf Hitler als Reichskanzler sich und die Deutschen öffentlich als lediglich reagierende Opfer beschwören konnte. So die Rede vom 30.01.1940 im Sportpalast Berlin: Die andere Seite habe stets den Krieg gewollt, …

… diese andere Seite habe gegen Deutschland böswillige Propaganda betrieben und tue es immer noch in den ersten Monaten des Krieges:

Es sind dieselben Worte, dieselben Phrasen und, wenn wir genauer hinschauen, auch dieselben Köpfe, derselbe Dialekt!

(In dieser Rede ist auch nachzuhören, dass Hitler ohne Erwartung von öffentlichen Zweifeln Konzentrationslager als Orte benennen konnte, in denen – im Gegensatz zu den Briten als Erfindern des KZ-Prinzips im Burenkrieg – keine Frauen und Kinder interniert würden. Dies wurde ausgesprochen vor dem Beginn systematischer Deportationen aus dem deutschen Reichsgebiet im Oktober des Jahres 1941. Der „Welt“-Geschichtsredakteur Sven Felix Kellerhoff sieht darin „ein Körnchen Wahrheit – aber eben nur ein Körnchen“, es habe bei den Briten „kein brutales Regime enthemmter Sadisten“ gegeben. Neben etwas delikaten psychoanalytischen Projekten der Gegenwart mögen Kellerhoff auch nicht unwesentliche Inhalte seines ureigenen Fachbereichs entgangen sein.)

Interessant an Ulrich Herberts Buch die Titel-Illustration:

Zwei rechteckige Bildflächen zwischen Vierkant-Pfeilern, als sei ein Redner wie Hitler gerade von der Balustrade gewichen und habe seinen Platz leer zurückgelassen. So würde man das Bild wohl buchgestalterisch erklären – eine Verweigerung des Führerbildes, das hier sonst inszeniert und noch von historischen Büchern immer wieder reproduziert wird.

Im Kontext alternativer Erklärungen historischer Abläufe ist jedoch dieser Bildaufbau insofern relevant, als er mit zwei leeren Bildrahmen verglichen werden kann. Und solche kennen Leser dieses Blogs aus der Rubrik GesichterWissen – als Bildvergleich von Personen.

Zu dem in der nun sich etablierenden Geschichtsversion als Kriegstreiber deutlich werdenden Hjalmar Schacht gesellt sich der gerade noch amtierende Bundesfinanzminister und designierte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU). Dies ist deshalb nicht trivial, weil heute das Tabu einer sog. Verschwörungstheorie gilt: Deutsche Politiker seien nicht über Elite-Netzwerke gesteuert; und wenn, dann nur im vollständigen persönlichen Einverständnis und gemäß ihres Amtseides zum Wohle ihres eigenen Landes und Volkes.

Bei Wolfgang Schäuble verlief der Weg an die Staatsspitze jedoch nicht ungebrochen: Mindestens bis zum Attentat im „Gasthof Brauerei Bruder“ (Oppenau bei Offenburg) 1990 war Schäuble deutlicher deutsch-national profiliert. Neuen, auch parteipolitischen Erfolg erzielte er mit seiner heutigen Agenda einer „(Nibelungen-)Treue zur EU“. Die Wikipedia ist von diesem biografischen Wandel derzeit völlig bereinigt und befleißigt sich zur Historie nur einiger statistischer Vergleiche, bevor sie Schäubles heutige Positionen als die einzigen jemals von ihm geäußerten suggeriert. (Propaganda, ob durch Freunde oder Feinde Deutschlands, findet aber nach wie vor nicht statt, soviel scheint sicher.)

Zu Schäubles konservativerer erster Phase finde ich gerade nur ein solches Zitat von Oskar Niedermayer:

Aus neueren Zeiten wird Schäuble etwa bei Hans-Peter Schütz mit der Überzeugung zitiert, das Internet mache den nationalstaatlichen Gedanken obsolet:

Schäubles aktuellste Einlassungen sind ganz durchdrungen von einer vermutlich durch transatlantische Beratungsfirmen optimierten Sprachkleisterei. Von einer „Nation“ oder einem „Volk“ spricht Schäuble nurmehr dahingehend, Menschen in Krisenzeiten das „Gefühl“ derselben nicht nehmen zu wollen, wenn sie denn danach verlangten.

Rekapituliert man also noch einmal kurz die Lebensläufe der beiden besprochenen Staatsmänner, so lautet dies:

  • Hjalmar Schacht war ein international vernetzter Freimaurer u. a. mit besten Verbindungen zur „Bank of England“, der der NSDAP zum Erfolg verhalf und dabei nach heutiger Lehrmeinung das Gewicht so sehr auf militärische Aufrüstung verlagerte, dass ein Krieg nahezu unausweichlich geworden sei. – Historischer Fortgang: 1937 distanzierte sich Schacht halbherzig von der Nazi-Führung. Weder trafen ihn so besonders harte Sanktionen seitens der Nazis vor 1945 oder, nach 1945, der Sieger-Justiz freimaurerisch fundierter anglo-amerikanischer Eliten, zu denen Schacht langfristige Beziehungen pflegte. Die Haltung Großbritanniens zu Hitler-Deutschland blieb vor 1939 zunächst uneindeutig. Auch aufgrund seiner eigenen Verbindungen nach Großbritannien konnte Hitler nicht vollkommen vorhersehen, dass dieses sich unter Winston Churchill aus einer Allianz gegen die bolschewistische Sowjetunion zurückziehen würde.
  • Wolfgang Schäuble ist ein christdemokratischer Politiker, der eine dem konservativen Flügel seiner Partei zugerechnete Haltung in der zweiten Hälfte seiner Karriere immer mehr zu dezidiert überstaatlich-europäischen und finanzpolitisch relativ ‚flexiblen‘ Positionen verschob. Zäsuren waren dabei 1991 das Attentat von Dieter Kaufmann, der in Schäuble aufgrund wahnhafter Überhöhung eigener leidvoller Erfahrung u. a. den Vertreter einer repressiv-zerstörerischen Drogenpolitik sah, und 1999 die CDU-Spendenaffäre, aus der auch Schäuble im Ansehen beschädigt hervorging. – Historischer Fortgang: Schäuble gehört zu den wichtigsten Organisatoren des Euro-Systems. Dieses wurde neben Deutschland und Frankreich als stärkstem Partner von Großbritannien aufgebaut. 2016 wurde per Volksentscheid der Brexit beschlossen (schlussendliche Durchführung de facto derzeit noch offen). Wird dieser vollzogen, steigt die Haftungssumme innerhalb des Euro-Systems für Deutschland noch einmal deutlich, während aufgrund der stark überhöhten Schuldenstände südlicher Euro-Länder auch die Ausfallrisiken hoch bleiben oder sogar noch steigen:

So warnte er [Schäuble] in der internationalen „Financial Times“ am Sonntag vor einer neuen Finanzkrise. Internationale Ökonomen seien besorgt über die Risiken, die durch die Kapitalschwemme und die steigenden Schulden entstünden, sagte er: „Ich bin darüber auch sehr besorgt.“
(Focus, 09.10.2017)

Wir befinden uns historisch also dahingehend an einem Punkt, der auf der Ebene von Risiken in verschiedenen Bereichen (früher Konfrontation mit der Sowjetunion, heute EU-Friktionen) vergleichbar ist mit dem Vorlauf des Zweiten Weltkriegs. In beiden Fällen entzog sich Großbritannien einer zuvor angebahnten Allianz mit Deutschland (betr. Euro in der derzeitigen Tendenz mit noch unsicherem Ausgang). 1933f. organisierte diesen Vorgang nicht zuletzt Hjalmar Schacht, der auch Zwischenstufen der internationalen Finanzorganisation mitgründete („Bank für Internationalen Zahlungsausgleich“, BIZ), die wiederum der Stützung des Hitler-Regimes und zeitweise der Kriegsfinanzierung dienten. Die finanzpolitische Regie in Europa hat mittlerweile die „Europäische Zentralbank“ (EZB) übernommen, deren derzeitiger Direktor Mario Draghi zuvor an der US-amerikanischen Wall Street wirkte. Unter Draghis Ägide und bei einer fortlaufenden Entrechtlichung persönlicher Verantwortlichkeiten in der EU-Administration besteht Schäubles Rolle in der Ambivalenz eines – erkennbar deutsche Interessen vertretenden – Steuermannes innerhalb einer hochriskanten, faktisch nicht aufhaltbaren Dynamik der vergemeinschafteten Schuldenstände, in der Deutschland einstweilen von Niedrigzinsen profitiert, die andererseits eines der letzten Mittel gegen den Bankrott des gesamten Euro-Systems sind. Die Folgen eines Euro-Crashs bestehen schlimmstenfalls in Versorgungsengpässen, Bürgerkrieg oder sogar zwischenstaatlichen Kriegshandlungen. Diese Gefahrenlage hat sich durch die unkontrollierte Einschleusung überdurchschnittlich vieler Gewalttäter und islamistischer Terroristen im Zuge der „Flüchtlingskrise“ 2015ff. in der Verantwortlichkeit von Schäubles Parteigenossin Angela Merkel noch deutlich verstärkt.

Im worst case scenario bestünden also noch mehr inhaltliche Vergleichbarkeiten zwischen Schacht und Schäuble, als bisher schon eindeutig benennbar – Finanzpolitik im Einklang mit internationalen Partnern, positive Ausblicke für Deutschland bei gleichzeitigem Risiko eines totalen staatlichen Scheiterns. Auch die Gefahr, dass Deutschland für die einmal in diesem Machtgefüge eingenommene Stellung in Haftung genommen und als eigentlicher Verursacher einer Katastrophe angeklagt wird, ist schon heute öffentliches Thema in politisch vollkommen unverdächtigen Öffentlichkeiten. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (24.10.2017) gibt dazu SPD-Außenminister Sigmar Gabriel wieder:

„In Europa ist es Schäuble gelungen, nahezu alle EU-Mitgliedsstaaten gegen Deutschland aufzubringen. Deutschland gilt als Oberlehrer, der anderen immer wieder Vorschriften zum Sparen machen will“, kritisierte Gabriel den deutschen Kassenwart.

In „Saturn Hitler“ wird der hier besprochene Ulrich Herbert zur Personalie Werner Best zitiert, über den er, 2016 überarbeitet, die einzige ausführliche Biografie veröffentlichte. Dieser gehört zu den eher hintergründigen Spielern des Dritten Reichs, jung im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) aufgestiegen, früh auf ein Nebengleis versetzt, nach 1945 konspirativer Helfer jener, die erst nachträglich in Gerichtsverfahren zitiert wurden wie er selbst. Ob auch zu diesem Fall schon alles gesagt ist, lässt sich bezweifeln, erst recht aufgrund dessen, was ich im Buch dazu zusammentrage. Es bestärkt enorm jene Sichtweisen auch einer verdeckten personalen Steuerung, die ich hier am Beispiel Schacht/Schäuble nochmals entwickelt habe.

Ein Hauptproblem in der Vermittlung solcher Einsichten liegt darin, dass die angesprochenen Mechanismen systematisch als Gegenstand sog. Verschwörungstheorien diskreditiert wurden, als Geschichtsrevisionismus einem politisch äußersten rechten Spektrum zugerechnet werden. Meine Vorgehensweise in Büchern zeigt über weite Strecken, dass die dafür dienlichen Informationen und Argumente auch in der etablierten Geschichtswissenschaft zu finden sind, dort lediglich nicht systematisiert auftreten und nicht mit weiteren Informationen bzw. Hypothesen etwa zum Freimaurer-Bund angereichert sind, was aufgrund wissenschaftlicher Statuten einen erheblichen Mangel darstellt.

Dies wären durchaus konkrete Gegenstände und Kriterien für Qualitätssicherung. Nach 1945 wurden Wissenschaftler, zumal in Deutschland, in wohl immer noch steigendem Maße dazu angeleitet, noch die Unzulänglichkeit des Nachdenkens über die eigene menschliche Unzulänglichkeit umfänglichst zu thematisieren, weil nach Rockefellers Versuchen, mit einer Fabrik in Auschwitz Profite zu machen (siehe hier), angeblich von Deutschen keine Gedichte mehr geschrieben werden können. Aus einer „Einleitung: Qualität der historischen Forschung“ von Heinrich Hartmann (2012):

Vorläufig bleibt entscheidend, dass in der Öffentlichkeit alle prägenden Instanzen vom „neuen deutschland“ bis zur „Welt“ ein Geschichtsbild vertreten, das von verborgenen Machtstrukturen und einer möglichen indirekten, aber intentionalen Verursachung tragischer Konflikte und Abläufe ebensowenig wissen will wie von einer Judenverfolgung, die seitens der Zivilbevölkerung kaum in Deutschland, dafür jedoch in brutaler Weise bestand in Ländern wie Polen, Ungarn und der Ukraine (siehe dazu die Verlinkungen hier).

Gegenüber allen echten Neuerungen, und seien sie noch so unwiderlegbar begründet, reagieren Rezensenten und Fachkollegen der jüngeren Jahrzehnte im Wesentlichen mit tödlichem Schweigen und jenem sozialem Ausschluss, den sie an Nationalsozialisten 1933-45 als Ausgrenzung von Juden oder ‚Andersdenkenden‘ in aller Heftigkeit – mittlerweile ritualisiert – kritisieren. Was auf diese Farce nach der Tragödie folgt, werden wir sehen.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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1 Response

  1. Meines Erachtens weckt der Titel dieses Blogartikels eine Erwartung, die durch den Inhalt des Artikels selbst dann nicht eingelöst wird. So sehr Ulrich Herbert in seinem privaten Hinterkopf-Stübchen bewußt gewesen sein mag und sich bewußt ist, daß Hjalmar Schacht Freimaurer war, so wenig hat er es ausgesprochen nach den hier gebrachten Zitaten. Da Ulrich Herbert auch die wertvolle Biographie über Werner Best verfaßt hat, in der erwähnt wird, daß Best dem Skaldenorden zumindest nahe stand, wird er sich über die Rolle von Männer-Seilschaften wie sie in der Freimaurerei vorliegen, vor, während und nach dem Dritten Reich nicht im Unklaren sein. Aber nach den hier gebrachten Zitaten spricht er nicht ausdrücklich davon. Und somit muß der Blogartikel nach den geweckten Erwartungen zumindest einen Leser wie mich dann wieder enttäuschen. Ich glaube, kein Leser wird gerne enttäuscht.

    Angemessener fände ich deshalb: „Fachhistoriker benennt die Kriegstreiberei von Hjalmar Schacht – Er spricht nicht davon, daß Schacht Freimaurer war“ oder so ähnlich.

    Aber eigentlich will ich damit nur kund geben, daß mich solche Aufsatztitel zum Anlesen eines Blogartikels schon verleiten können. Aber sie sollten dann eben auch halten, was sie versprechen.

    Da in England die Rolle der Freimaurerei gerade in der großen Mainstream-Presse angekommen ist, darf gerne auch einmal ein Ulrich Herbert etwas konkreter die Zusammenhänge – und sei es auch nur vermutungsweise – benennen. Wenn ihm dazu noch Anhaltspunkte fehlen, darf er sich gerne meine Blogartikelserie „Eliten-Kontinuität im 20. Jahrhundert“ etwas genauer anschauen.

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