#Hitler bleibt Alleinherrscher in #Biografie von Peter #Longerich

Alle Jahre wieder, oft nicht nur einmal, geschieht es: Eine neue Biografie über Adolf Hitler erscheint. Nun ist es Peter Longerich, der nach anderen Studien zum Nationalsozialismus zum Staatsoberhaupt vordringt. Ich muss mich hier auf Informationen aus anderen Rezensionen beschränken, um ein paar Fragen an ein solches Projekt zu formulieren. Ich befürchte sehr, dass sie im gesamten Buchtext nicht beantwortet werden.

Der „Focus“ (09.11.2015) fasst Thesen des Buches zusammen. Ein Akzent von Longerichs Argumentation soll (schon laut Waschzettel) sein, dass Hitler sich in sehr viele Detailfragen eingemischt habe, also noch weiterreichend als bisher angenommen das Leben im Deutschen Reich beeinflusst habe. (Das sollte einmal jemand zum heutigen Einfluss der US-Unterhaltungsindustrie zu erarbeiten versuchen – es wäre das eigentlich zeitgemäße Projekt, doch würde es von keinem bestehenden Universitäts-Institut und keinem größeren Verlag unterstützt werden. Dies ist eine wohl nicht unbeabsichtigte Auswirkung der Hitler-Geschichte – wie sie hier einmal mehr offenkundig nicht geschrieben wird.)

Der „Deutschlandfunk“ (09.11.2015) zitiert Longerichs Buch mit der Aussage:

Hitler wurde von der Münchner Reichswehr zum Propagandisten ausgebildet und in dieser Funktion der Deutschen Arbeiterpartei zugeteilt. Dahinter standen konkrete politische Erwägungen.

Der Focus bemerkt dazu:

In seinem Buch zeichnet Longerich nach, wie gezielt und systematisch Hitler seine Machtstellung ausweitete – zunächst in der Partei und dann in Deutschland und Europa.
Wie er sich beispielsweise nicht mehr mit der Rolle des „Trommlers“ der NSDAP zufrieden geben wollte, sondern die Partei zu seinem politischen Instrument formte. Oder mit welchem strategischen Geschick und welchem Einsatz er angeblich den Posten des Reichskanzlers ergatterte. Womit Longerich die „Machtergreifung“ übrigens deutlich anders bewertet als etwa Kershaw, der schreibt, Hitler sei an die Schalthebel der Macht „gehievt“ worden.

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Buch-Info (erscheint März 2016)

Ich gebe dazu hier nur ein paar Hinweise, worum es mir in meinem kommenden Buch „Saturn Hitler“ geht – und warum es Autoren wie Longerich noch mit bisher ungestellten Fragen konfrontieren wird.

Zunächst einmal scheint es mir nicht unwesentlich, wer alles zur Finanzierung des Aufstiegs der NSDAP und ihres Vorsitzenden beigetragen hat. Soweit ich recherchieren konnte, ist ein wesentlicher Teil der diesbezüglichen Informationen nicht mehr existent. Die betreffenden Akten ließ Hitler 1945 selbst vernichten. Eine wesentliche Aufgabe für echte historische Forschung wäre, dem nachzugehen – und es an jeder entsprechenden Stelle nicht unerwähnt zu lassen, dass wir bisher nur unzureichend wissen, wer schon auf der rein finanziellen Ebene Hitler an die Macht „gehievt“ hat.

Dass er „von der Münchner Reichswehr zum Propagandisten ausgebildet“ wurde, mag ein Teil der Wahrheit sein. Eine für mich offene Frage, die Fachhistoriker zu recherchieren hätten, ist, wie es etwa genau dazu kam, dass Karl Mayr Hitler zur „Deutschen Arbeiter-Partei“ (DAP) entsandte, die von der völkisch-okkultistischen „Thule-Gesellschaft“ gegründet worden war. Es dürfte nicht Mayrs Entscheidung allein gewesen sein. Doch wer gab ihm Weisung dazu, und gab es noch weitere Umstände, die dazu führten, dass Hitler und kein anderer diese Aufgabe übertragen wurde? Es mag sein, dass sich auch hierzu keine Akten mehr finden oder das Ganze so geheim war, dass schriftliche Aufzeichnungen überhaupt vermieden wurden. Allerdings wird das Bild der Geschichte nicht genauer, wenn man diese Unsicherheiten nicht erwähnt. Und wenn am Ende herauskommt, dass die „Münchner Reichswehr“ dieses oder jenes getan habe, dann verlieren wir wieder völlig aus dem Blick, dass es erstens einzelne Menschen sind, die etwas tun und zweitens es neben öffentlichen Institutionen und Pressemeldungen allerlei Ereignisse gibt, die von großer Bedeutung sein können, ohne dass den Herren Historikern das Ganze als offiziöses Dokument Jahrzehnte später auf den Schreibtisch flattert.

Sollte im Übrigen das so Angedeutete ausreichen, um zu erklären, dass Hitler mit geschicktem Machtkalkül vorging und somit offensichtlich ein Know how besaß, das sonst eher in Polit-Dynastien vorliegt, nicht bei einem ursprünglichen sozialen Niemand wie ihm? Hierzu bieten sich in Hitlers Umfeld Optionen zur Erklärung, die ich auch in anderen Biografien bisher nicht ausgearbeitet sehe.

Dass Hitler „von der Münchner Reichswehr zum Propagandisten ausgebildet“ wurde, ist auch aufgrund der gut bekannten Tatsachen keine wirklich glückliche Formulierung. Es waren gut drei intensive Jahre 1919ff., in denen bis zu dessen Tod 1923 Dietrich Eckart dem späteren Reichskanzler Hitler zur Seite stand. Daraus ging ja etwa Eckarts posthume 1925er Buchveröffentlichung „Der Bolschewismus von Moses bis Lenin. Zwiegespräch zwischen Adolf Hitler und mir“ hervor. Die „Münchner Reichswehr“ allein war also keineswegs alleiniger ‚Ausbilder‘ Hitlers zum Propagandisten. Auch der Auslands-Pressechef Hitlers über 15 Jahre, Ernst Hanfstaengl, müsste wohl in Rezensionen eines Buches erwähnt werden, in dem er eine Rolle spielte, die der historischen Realität entspricht.

Zu Eckarts und Hanfstaengls Hintergrund wird in der historischen Aufarbeitung noch einiges zu sagen sein. Und auch, wenn wir leider nicht über Tagebücher oder Abhörprotokolle verfügen, können wir noch auf eine Menge schließen, was diese prägende Phase in Hitlers Wissen und Bewusstsein bewirkte. Dazu gehört, dass ein Teil des Umfeldes der frühen Nazi-Bewegung durch die Thule-Gesellschaft, bei der auch Eckart nachweislich zumindest einmal referierte, stark okkultistisch geprägt war.

Dazu gehörte, dass nicht nur der spätere Reichsführer SS Heinrich Himmler bekanntermaßen fest an die Macht der Sterne glaubte (jedenfalls nach allem, was man dazu aus der Überlieferung wissen kann), sondern noch eine Reihe weiterer Nazi-Führungspersonen. Für Hitler wird die Frage nach seiner Astrologie-Gläubigkeit in meinem Buch neuerlich zu stellen sein. Und es sprechen dafür eine Menge Hinweise und Indizien, die ich wesentlich an Bilddokumenten thematisieren werde.

Ich gehe davon aus, dass zu einem solchen Aspekt bei Longerich neuerlich keine Auskunft gegeben wird, obwohl dazu schon jetzt etliches öffentlich zugänglich ist (siehe die Arbeiten von Ingo Bading). Stattdessen 1296 weitere Seiten Hitler-Literatur, in denen der „Führer“ als Ausgeburt eines deutschen Nationalismus allein aufgeführt wird. Der Aspekt des Größenwahns soll bei Longerich nicht ausgespart bleiben, aber auch nicht überbetont sein. Wie ein solcher entsteht, bedarf jedoch erheblich weiter reichender Erklärungen als alles, was die Historiker-Zunft uns nach 1945 zu diesem Thema geboten hat.

Ich frage mich bei solchen Informationen, die ich über dieses 39,95 Euro teure Buch erhalte, auch, mit welchem individuellen Erkenntnisinteresse ein Autor wie Peter Longerich an ein solches Projekt wohl gegangen sein mag (und was er seinen Lesern eventuell vorenthält). Wir werden sehen, wieviel Zeit uns noch bleibt, etwas besser als mit der Hilfe bisheriger Beiträge jene Geschichte zu verstehen, die auch noch die aktuelle Lage geopolitisch und psychologisch wesentlich bestimmt und belastet.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de – Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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2 Responses

  1. otB4 sagt:

    Sehr empfehlenswert scheint mir in dem von Ihnen besprochenen Zusammenhang das Buch von Wilfried Daim “ Der Mann, der Hitler die Ideen gab“(1958, München, 316 S.) . Herr Daim beleuchtet in seinem Buch die Beeinflussung Hitlers durch den europäischen okkult-esoterischen „Untergrund“. Als Psychologe und Anthropologe ist sein Interesse unvoreingenommen auf diese Aspekte gerichtet. Wie mir scheint, wurde diese Richtung einer kritischen Auseinandersetzung mit den okkulten „Hintergrundströmungen“ und ihrer Wirkung auf das damalige Geschehen nicht von der „Wissenschaft“ weiter verfolgt. Ich stimme Ihnen zu, daß dieser Aspekt der Forschung dringend einer Aufarbeitung und Aufklärung bedarf. Aus meiner Sicht und Erfahrung sind die heutigen modernen universitären Strukturen dazu nicht in der Lage.

  1. 1. Dezember 2015

    […] Buch: Saturn Hitler […]

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