„Zeit“-Journalist bestreitet Agenda-Setting

Es geschah am zweiten Tag des Symposiums der Initiative „Fleiß und Mut“, „‚Und, wie war ich?‘ Über die Kunst der journalistischen Selbstkritik und die Frage, ob die Zukunft im Lokalen liegt“ (Denkerei, Berlin, 26.10.2017).

Im Gespräch mit Anke Plättner stellte der „Zeit“-Journalist Henning Sußebach sein Buch „Deutschland ab vom Wege“ vor. Sußebach folgte bei der Arbeit daran dem Konzept, keine befestigten Wege zu gehen bei einer Wanderung vom Nordosten in den Süden Deutschlands. – Das ist ja erstmal eine nette Idee, wie Sußebach laut Autoren-Profil ohnehin lieber Nicht-Prominente in den Fokus rückt.

Interessant solche Beobachtungen, dass im laizistischen Osten Deutschlands die Topografie kleinerer Orte auf den Wanderer unstrukturiert wirkt – weil der hohe Kirchenbau fehlt. Aufhorchen ließ mich dann zunächst Sußebachs Prädikation eines Ostdeutschen als „AfD-Günther“. In seiner Schilderung scheint er nicht so schlecht wegzukommen, wie man von dieser Bezeichnung her schließen könnte. Überhaupt betonte Sußebach, er habe in weitgehender Schutzlosigkeit keine einzige gefährliche Situation erlebt, mit den allermeisten Menschen sei er schnell ins Gespräch gekommen. Die Wiedergabe des Schicksals von Günther blieb relativ neutral – eine Aneinanderreihung von persönlichem Pech, von Arbeitslosigkeit und dem Kampf gegen eine Windkraftanlage, die in der Nähe seiner Wohnstätte schließlich doppelt so hoch geriet wie in der ursprünglich genehmigten Form.

Ja, derlei sind Sorgen, die nicht wenige Menschen haben, zumal, wenn sie Immobilien besitzen und abhängig sind von Entscheidungen, die nicht selten weitab vom betroffenen Ort gefällt werden.

Sußebach ist auch zugutezuhalten, dass er hier, im Kreise v. a. von Branchenkollegen, milde Töne anschlug betreffs derer, die im Klischee nicht selten als Hinterwäldler erscheinen (der Buch-Untertitel nennt es „Hinterland“), in neueren Zeiten auch gerne mal als Wutbürger, in letzter Konsequenz dann eben als verkappter Nazi, der seine Partei jetzt AfD nennt. Zumindest Letzteres ist eigentlich überall mindestens zwischen Zeilen zu hören, wo sich derzeit Journalisten und Akademiker äußern.

Nun ging es bei dieser Veranstaltung – wie schon auf dem Symposium letztes Jahr – um Selbstreflexion, auch Austausch mit jungen Stipendiaten. Da fallen dann die von Sußebach per Zufall besuchten Landbewohner unter den Begriff jenes Volkes, in dem, wie professionelle Journalisten wissen, viel über die „Lügenpresse“ gewettert wird. Deshalb versucht man einerseits, sie im Sinne der weitgehend linksorientierten Gesinnung der Journalisten-Fraktion – auf der Tagung thematisiert – zu anderen politischen Ansichten zu erziehen; andererseits ist man auf sie angewiesen als zahlende Kunden.

Dieses Spannungsfeld wurde weiter aufgeladen, als sich aus dem Publikum ein Herr meldete, der sich als „Normalo“ bezeichnete. Er sprach dabei die Moderatorin Anke Plättner an und zeigte sich enttäuscht von einem Anflug von Arroganz, den er aus ihren Worten herausgehört hatte. – Sußebach hatte recht offen geschildert, wie im Kreise seiner Kollegen schon sein Wohnort außerhalb von Hamburg als provinziell bemitleidet werde. Konkret nannte er noch deren Vorliebe etwa für Filme von Quentin Tarantino als Gesprächsstoff. Man lebe in einer Filterblase aus Journalismus und großstädtischem Kulturbetrieb. – Dies gehörte zur Problemanalyse, die hier, wie beschrieben, angestrebt war.

Und so komme ich zu meinem Auftritt als Fragender. Ich folgte meiner persönlichen Empfindung, dass solche Reflexionen nun reichlich spät kommen. Ein solcher Eindruck von Presse und Akademie ist bei mir seit meinen ersten Erfahrungen 1995ff. gewachsen. Es ist durchaus ein Kernthema meines eigenen Denkens und Schreibens. Denn im Gegenteil lebte ich gut 40 Jahre je zur Hälfte in Dortmund und dann Bochum, wo ich nach dem Studium erstmal hängenblieb. Ich bewarb mich in so einige Richtungen, ob Stuttgart oder Berlin. Alles vergeblich, ob Stipendien oder die wenigen Stellen, die in Frage kamen.

Henning Sußebach ging es anders. Er wurde in Bochum geboren, studierte in Dortmund Journalistik und Raumplanung, um danach direkt zur „Berliner Zeitung“ zu wechseln. Einen solchen Werdegang kannte ich von eigenen Freunden. Die Praxis-Anbindung des Studiengangs zahlt sich in dieser Hinsicht aus. Im Fall Sußebachs folgte bis heute eine längere Reihe von Auszeichnungen und Preisen.

Den Gegensatz der Metropole Berlin und der mittleren Ruhrgebiets-Stadt Bochum habe ich dann über die gesamten gut 20 Jahre erlebt, beginnend mit Berlinalen als Film-Journalist, später zu Besuch bei Schul- und Studienfreunden, die alle aus Bochum wegzogen, fast alle nach Berlin.

Die Arroganz der Medienbranche, die in der Denkerei offen angesprochen wurde, hatte ich mit Anfang 20 selbst ein wenig er- und dann wieder verlernt (bei mir herkommend aus einer Randständigkeit des Künstlerischen). Mit ca. 26-27, schon gegen Ende meines Studiums, hatte ich eine tiefe Sinnkrise. Ich hatte mein bis heute unveröffentlichtes erstes Buch über Lars von Trier geschrieben und bemerkt, dass alles ganz anders war, als ich irgendwo hatte lesen können. Ich bemerkte, dass das ehrenwerte Feuilleton, nicht zuletzt der „Zeit“, zu einem solchen Regisseur bisher weitgehend Schwachsinn produziert hat – weil eine tiefergehende Erforschung auch früherer filmkünstlerischer Konzeptionen nie stattfand und ergo auch nicht an Jüngere vermittelt werden kann. Das war der Anfang vom Ende meines Vertrauens in den Journalismus, auch weiterer Bereiche der Kulturwissenschaft.

Wo diese biografische Abfolge wieder auf Sußebachs Wander-Projekt trifft, sind Erfahrungen der Art, die er in Büchern und Artikeln schildert: Begegnungen mit Menschen in unterschiedlichsten Bereichen einschließlich der vom Zeit-Journalisten porträtierten „Normalbürger“. (Man muss sich mit einer solchen Beschreibung behelfen.) Es betrifft natürlich private Erfahrungen, kontinuierliches Miterleben. Menschen unterscheiden sich naturgemäß relativ zufällig darin, ob sie sozialen und ökonomischen Niedergang, Leiden, Krankheit und Wahn selbst oder bei anderen in früheren Lebensaltern sehen. Eine Wohlstands-Welt, die in Gesprächen vor Publikum in Berlin immer wieder angesprochen wurde, schließt Krankheit und sozial abgehängte Personen recht notwendig aus. Es ist genau jener Sprung von allen möglichen Orten der Republik in die auch mediale Hauptstadt Berlin, der bestimmte Entwicklungslinien in der früheren Heimat tendenziell kappt.

Diese Einsichten verpackte ich in ein paar Sätze, die anschließend Henning Sußebachs Zustimmung fanden. Eher allergisch reagierte er jedoch auf meine Hinzufügung, dass das Herunterspielen von soziopsychologischen Problemen oder bestimmter politisch unkorrekter Themen in Zeit & Co. einem – so meine Worte – „Agenda-Setting“ folgt. Natürlich wittert man dieser Tage hier sogleich „Populismus“ oder gar „Verschwörungstheorie“. Und da muss der Gesinnungwächter unverzüglich einschreiten.

Sußebach verstieg sich in seiner Replik dazu, den Hinweis auf ein Agenda-Setting (der Entwurzelung, Entortung, der Ignoranz von wachsenden Problemen der eigenen Bevölkerung) als „Schwachsinn“ zu bezeichnen. Ich konnte anschließend nur noch in einem Zwischenruf hinzufügen, dass es eigentlich Gelegenheit geben müsse, darauf im Gespräch zu reagieren. Aber da war die Selbstgefälligkeit der „Leitmedien“ schon weiter vorangeschritten. Wie in allen sonstigen bisherigen Momenten, in denen auf Tagungen und öffentlichen Veranstaltungen von Etablierten Systemkritik vorgetragen wird, blieb das Angebot für Nachfrage eher ein Pflichtprogramm.

Vielleicht ist zumindest ein wenig Irritation herübergekommen. Wie gesagt, wäre Sußebach in einer notwendigen Revision aufgrund seiner schon wirklichkeitsnäheren Herangehensweise kein Hauptbeschuldigter. Aber seine Reaktion auf das Reizwort zeigt ein Verhaltensmuster, das charakteristisch ist für ein ganz großes Problem von – teils nur vermeintlichen – Bildungseliten unseres Landes. In dem hier vorgeführten Modus werden die ausführenden Akteure wohl kaum einmal reflektieren müssen, was die Werke eines Edward Bernays oder Walter Lippmann für ihr eigenes Tun und damit auch ihre eigene Gesellschaft bedeuten.

Auf diese beiden Namen wies ich in meinem abschließenden Zwischenruf auch noch hin. – Ich muss aus der zuvor erfolgten und anschließenden Nicht-Reaktion eher schließen, dass ein Henning Sußebach schon kaum eingesehen hat, dass jeder von uns bestimmte Ideologien exekutiert. Die Programmatik jener großen Zeitung, für die er arbeitet, ist vollkommen in das nach 1945 durchgesetzte transatlantische Agenda-Setting eingebettet – mit den heute dringender als je zu stellenden Fragen, welche Absichten und Interessen teils nur indirekt, aber effektiv dieses Agenda-Setting bestimmen.

Wer diesbezügliche Nachfragen als „Schwachsinn“ bezeichnet, dem fehlt es ganz offensichtlich an Selbstreflexion. Der darin zum Ausdruck kommende Gestus ist symbolisch und diskurspraktisch gewaltsam, er ist anti-demokratisch. Zum schon lange währenden Agenda-Setting gehört auch, dass nur solche Haltungen mit betont linksliberaler bis -extremer Ausrichtung in bezahlte Stellungen gebracht, durch unbezahlte Werbung und Preisverleihungen gefördert werden.

Wer versucht, sich den seit Jahrzehnten – oft, wenn nicht meist unbeachtet von „Medien“ – wachsenden Problemlagen in Deutschland journalistisch zu nähern, dies jedoch nur in Stippvisiten aus einer Wohlstandsblase heraus betreibt und anschließend vermeint, Prädikate wie „AfD-Günther“ vergeben zu müssen, steht einem echten Problembewusstsein wohl noch fern. Die meisten Vertreter des aktuellen Medien- und Wissenschaftsbetriebs haben diesbetreffend einen noch längeren Weg vor sich als Henning Sußebach.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de – Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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