Bedenken gegen #KI als halbwahre Litanei – Beispiel #Animationsfilm

Das nächste Beispiel des diskursiven Umgangs mit Künstlicher Intelligenz (im Deutschlandfunk, Dlf): Pia Djukic, künstlerische Leiterin und Mitbegründerin des Festival of Animation Berlin (FAB) und Kunst- und Deutschlehrerin am Primo-Levi-Gymnasium in Berlin Weißensee, spricht im “Corso”-Interview relativ ausführlich über die Bedeutung von KI für ihr Festival – bzw., dass sie für die Einreichungen untersagt sei.

Journalistisch könnte eine Frage sein, wie man das überhaupt feststellt, ob es sicher ist und was in Zweifelsfällen geschieht. (Ich nehme an, ein Prüfverfahren wäre sowohl technisch wie juristisch so aufwändig, dass es in der Praxis kaum durchführbar ist – so verhält sich das jedenfalls in allerlei direkt oder indirekt vergleichbaren Fällen von Medien- und Urheberrecht).

Korrekt ist natürlich, dass sie betont, dass KI-Modelle in einer derzeit weitgehend intransparenten Geschäftspraxis mit vermutlich nicht selten gestohlenem Material trainiert seien. Auch da bleibt es nur allüberall bei allgemeinem Lamento – das in der Praxis nichts bewirkt. Widerstand wäre aufwändig und riskant (medienrechtlich, was das Internet betrifft, nicht nur beim Thema KI): Man müsste juristisch gegen mächtige Konzerne vorgehen, die mehrheitlich in den USA beheimatet sind und über immenses Kapital verfügen. In der Praxis sagt uns Sam Altman (OpenAI), Europa und die ganze Welt solle nicht zu viel regulieren, sonst würden andere an uns mit KI vorbeiziehen – und das geschieht gerade sicherlich, und sicherlich in einem Bereich wie Trickfilm, wo ein solches Verfahren im Grunde aus der eigenen Logik heraus sogar am naheliegendsten ist.

Gekränkter Narzissmus (wenn auch verständlich): Djukic hat selbst in Potsdam Animationsfilm studiert. Das will man nicht umsonst getan haben – aber das ist ein Signum solcher technischer Revolutionen.

Die umgekehrte – auch durchaus journalistische – Frage wäre, ob sie denn jede Arbeit, die heute mit einem intelligenten Prompt zu lösen ist, wirklich mit wertvoller Lebenszeit weiter händisch durchführen wollte. Es gibt schließlich auch KI, die ohne Material-Training in Grafik-Programmen zum Einsatz kommt. Und das ist schließlich auch wieder juristisch kompliziert: Den Einsatz welcher KI will man da untersagen?

Es bleibt im Interview bei Djukic dann noch ein mittlerweile typisches Abwehrgefecht gegen KI, dass die Ergebnisse der digitalen Tools allzu oft nicht den Erwartungen entsprächen. Das bleibt hier als Behauptung im journalistischen Raum stehen. Doch es wäre zu fragen, auf welchen Erfahrungen es beruht. Natürlich gibt es schlechte und gute Prompts. Wer weder in komplizierten sprachlichen Beschreibungen geübt ist noch sich auf formalsprachliche Aspekte von KI-Modellen einlassen will, wird dabei nicht immer gewünschte Ergebnisse erzielen. Wer keine Geduld hat, an Ergebnissen zu feilen, ebenso – aber das ist im Vergleich zur Erstellung jedes Einzelbildes für klassische Trickfilme hier wohl eher weniger das Argument.

Nebenbei nur ein ganz aktuelles Beispiel für ein gesponsortes Tutorial der KI-Video-Produktion, in dem es um Verbesserungen von Programmtechnik und Prompting geht.

Was Djukic über unzureichende Ergebnisse sagt, hängt in der Praxis (die hier so eher verzerrt erscheint) auch von Bezahlung ab: bessere KI-Modelle, höhere Preise. Doch selbst niedrigpreisig oder (zumindest, was unbewegte Bilder in HD-Auflösung betrifft) sogar gratis, sind die Möglichkeiten für User jenseits etablierter Medienindustrien in kürzester Zeit erstaunlich angewachsen. Außerdem gibt es jeden Tag Neuigkeiten, jagen sich bei Anbietern die Updates, die Prompts besser umsetzen und glitches zunehmend vermeiden.

Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, ob Dlf-Hörerinnen und Hörer von solchen Detail-Informationen und Abwägungen wirklich überfordert wären – abgesehen davon, was sich im Hörfunk nicht oder nicht so gut anschaulich machen lässt. Es betrifft in meiner Wahrnehmung eher den gesamten Umgang mit KI, der in der Mainstream-Presse mit Vorgeschichte außerhalb des Internets und von YouTube im deutschsprachigen Bereich wesentlich geprägt ist wo nicht von quantitativer Aussparung, dann von Bedenkenträgern einerseits und andererseits von einer thematischen Ausrichtung, die einen sehr laienhaften Umgang mit Chatbots und Verbraucherschutz-Aspekte betont. Währenddessen werden fast alle Arbeitsfelder der Industriegesellschaft rasant und absehbar ohne Umkehr umgekrempelt.

Nicht zuletzt jeder Journalist wird kaum bestreiten können, dass er schon mit einfacher Sprach-KI viele Arbeitsstunden einspart, die er für Besseres einsetzen kann. Dass dabei Urheberrechte nahezu komplett unter die Räder kommen und der Energieverbrauch (zumindest an sichtbaren Stellen, nicht mehr bei der Autofahrt zur Bibliothek) eher mehrheitlich zu steigen scheint, sind mehr als berechtigte Gesprächs-Anlässe dazu. Die Anwendungsfälle und vielgestaltigen Möglichkeiten in produktiver Praxis scheinen mir dabei aber in der Mainstream-Presse (im Gegensatz etwa zu  spezialisierten YouTube-Channels an erster Stelle, die ich z. B. auf X verlinke) im Vergleich viel zu wenig beachtet und vermittelt. Man kann durchaus zu der Auffassung gelangen, dass auch dies sich rächen wird.

Es bleibt erneut der Eindruck – nicht zuletzt von Berlin – als linkgrünem Lummerland, in dem man irgendwelche ideologischen Wunschvorstellungen über Realitäten stellt, die nicht nur in Deutschland seit 1945 wesentlich von den USA aus regiert werden, nicht zuletzt in der Medienindustrie. Ihre Funktionäre wollen offenkundig, dass in Europa und Deutschland auf der medienwirtschaftlichen Ebene vieles zurückbleibt, denn dann bleiben sie die ersten. In Zeiten eines US-Präsidenten, der diese bossy policy mehr als heraushängen lässt, sollte man das kaum erklären müssen.

Donald J. Trump ist gleichzeitig maximale Steigerung wie auch schon Karikatur jener robber barons, auf denen die heutigen größten Vermögen und Konzern-Strukturen der USA aufsitzen. Wo nicht sogar mit physischer Gewalt, setzten sich die big player ab dem 19. Jhd. in bis heute nur mühsam eingehegten Kartellen durch. Juristische oder gar nur medienethische Bedenken waren und sind dabei wohl das nachrangigste.

Wer darüber diskutieren wollte, geriete in einem Milieu, das heute der Deutschlandfunk für mich recht gut sichtbar repräsentiert, ganz schnell in eine Diskursfalle von “Antisemitismus”. Dieselbe soziale Gruppe, die, wie hier Djukic in ihrer beruflichen Doppelbelastung als Lehrerin und Festival-Macherin, sich abstrakt gerne über Technik-Entwicklung und, für gewöhnlich, auch Konzern-Macht echauffieren, werden in ihrer bubble systematisch dazu angeleitet, alle weitergehenden Fragen abzuschneiden: Wer agiert konkret mit welchen Methoden und Zielsetzungen in einem solchen Feld? Welche Handlungs-Optionen bleiben dann überhaupt noch? Wird oder bleibt es wenigstens im breiten Diskurs präsent, dass es diese Dilemmata gibt, oder macht man lieber sprachkosmetisch aus dem nächsten Problem eine “Herausforderung”? Hat man überhaupt irgendeine Aufmerksamkeit für die wenigen, die sich nachweislich gegen die von allen beklagten Tendenzen stellen – statt omnipräsenter Laberköpfe und langfristig etablierter Beteiligter (auf YouTube meist mit Vergangenheit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und/oder der großen Medienhäuser), die sich in Betroffenheits- und folgenloser Protest-Rhetorik ergehen, bis für alles Gehaltvolle erneut keine Zeit mehr in den 24 Stunden eines Tages bleibt?

KI-Produktion medialer Inhalte ist eine logische Fortsetzung von Effizienz-Steigerungen. Im selben Dlf habe ich z. B. in Jahrzehnten keine einzige Diskussion über die Erzähl-Ökonomie von TV-Serien gehört, sondern eher mehr oder minder werbliche ausführliche Hinweise zuletzt auf die Produkte von US-Streaming-Plattformen. Serien sind seit den sprichwörtlichen soap operas des Radios ein Beispiel für die Rückwirkung von Vermarktungslogik und -technologie auf Inhalte: möglichst gestreckter Stoff über möglichst lange Zeiträume und möglichst viele Werbe-Einblendungen. Genausowenig erinnere ich aus Presse oder Wissenschaft (in letzterer mit ganz seltenen Ausnahmen, die schnell im Archiv verschwinden) eine Auseinandersetzung mit der Frage nach der Bedeutung von inszenierten Simulacren in Konkurrenz zu realen Erfahrungen. Dass immer mehr mediale Inhalte in immer mehr realistischer und letztlich hyperrealistischer audiovisueller Form verbreitet werden und immer jüngere Konsumten erreichen, wird irgendwann – nach Jahren bis Jahrzehnten – beispielhaft bejammert, da es dabei auch schädliche Auswirkungen gibt. Diese sind, was Identifikation mit Menschenbildern betrifft, psychologisch und kulturhistorisch sehr tiefgreifend. Die daran anschließenden, eigentlich naheliegenden Fragen in der Tradition der europäischen Aufklärung werden in meiner Beobachtung jedoch systematisch marginalisiert – weil sie, horribile dictu, schlicht eher kurzfristigen Geschäfts- und Vermarktungs-Interessen zuwiderlaufen.

Das war abschließend ein Exkurs zu einem benachbarten Problem-Komplex, der aber strukturelle Übereinstimmungen aufweist: Die laufende KI-Kritik greift notwendigerweise teilweise zweifellos berechtigte Topoi von Medienkritik auf und hat es teilweise mit denselben wirtschaftlichen Akteuren zu tun. Opfer von Ideenklau standen in der Kulturszene und Medienindustrie in der Geschichte meistens hilflos da. Und abgesehen von gesetzlichen Bestimmungen zur elektronischen Datenverarbeitung exisitiert etwa in Deutschland ein Recht auf Privatkopien sowie auf jede Weiterverarbeitung, die eine – im Zweifelsfall von einem mehr oder minder spezialisierten Richter zu bewertende – “Werkhöhe” erreicht. In den USA gibt es sogar bei Nicht-Kommerziellem ein Recht auf fair use, das sehr viel weiter geht.

In diesem Sinne bleibt von Djukics Skepsis eigentlich nur ein medienethischer und juristischer Kern, dass alle heute schon massenhaft ausgerollten KI-Inhalte juristische Fragwürdigkeiten und Risiken bergen. Jede sinnvolle und praktisch noch relevante Debatte sollte nach meiner Auffassung aber (dann notwendigerweise mit Bearbeitung hier genannter Aspekte) an dem Punkt ansetzen, an dem wir uns befinden – nicht einem, den man sich aus teilweise sehr individuellen Wünschen, Vorlieben oder ideologischen Prämissen theoretisch noch vorstellen kann, in der Praxis aber weder in der ästhetischen Gestaltung noch der medienwirtschaftlichen Umsetzung nicht mehr.

Mediale Fiktionen und täuschend echte Bilder von Menschen haben die Welt seit dem 19. Jhd. in beispielloser Geschwindigkeit erobert. Jede allgemeine Reflexion von KI schließt ein, dass diverse Entwicklungs-Mechanismen heute nochmals exponentieller verlaufen. Dass die Folgen für Lebenswelt und Berufsbilder bereits extrem sind und noch extremer werden, gilt als allgemeiner Konsens.

Als ein Thema in einem Gespräch zum laufenden Festival des Animationsfilms kann man meine Kritik vielleicht als überzogen ansehen. Für mich zeigt nur die Abwesenheit von Reflexionen über das, was eigentlich praktisch vorteilhaft und/oder unausweichlich ist, sowie darüber, um welche Macht-Strukturen und Akteure es konkret geht und was hierbei überhaupt noch als Handlungsoption bleibt, selbst ein sehr wesentliches Problem an.

Für ein Festival, das menschliche Kreativität würdigen will, ist der von Djukic vertretene Denkansatz naheliegend und teilweise verständlich. Für die ästhetische und technische Entwicklung von Animationsfilmen generell halte ich ihn für wenig relevant. Kein Mensch kann sich wünschen, wertvolle Lebenszeit mit der Erstellung von visuellem Content zu verbringen, der in Sekundenschnelle gleichwertig oder sogar (nach diskutierbaren Kritieren) ‘besser’ zu erstellen ist. Kein ernstzunehmender Künstler wird sich nach Jahrhunderten, in denen sich Drucktechniken, Fotografie, Film und schließlich digitale Produktion und Distribution etablierten, prinzipiell gegen eine atemberaubende Erweiterung seiner eigenen gestalterischen und praktischen Optionen wehren, die ihn dabei bis dato sogar sehr viel unabhängiger machen von Produktionsformen, die weitgehend von intransparenten, machtstrategisch aus fast allen breiten Diskussionen herausgehaltenen Herrschaftsformen bestimmt sind. (Was die Erreichbarkeit von Publika selbst durch bezahlte Werbung auf global erreichbaren kostenlosen Plattformen betrifft, wird aus vorerst nicht eindeutig benennbaren Gründen allerdings ebensowenig diskutiert. Es führt letztlich zu denselben machtpolitischen Ausgangsfragen.)

Wie gesagt: Dies ist für mich auch ein Beispiel dafür, wie jene, die in ihrer vordergründigen Haltung Aspekte von ‘künstlerischer Freiheit’ oder gar ‘Menschlichkeit’ verteidigen möchten, den recht eindeutigen Stand von Technik-Entwicklung und medienrechtlichen Machtverhältnissen gerade nicht diskutieren. Die anfangs erwähnte Mahnung eines Sam Altman geht in ihrem Eingeständnis von ethischer Ambivalenz vergleichsweise weit. Er würde das vermutlich gar nicht so äußern, wenn er nicht wüsste, dass es eher wirkungslos verhallt. Man wird anschließend sagen können, dass man es (abermals) hätte wissen können – jedenfalls allzu oft an anderer Stelle als dem, was in Deutschland noch die vorteilhaftesten Produktionsumstände im monetär vergüteten, in diesem Fall gebührenfinanzierten Journalismus hat.

Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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