Claus #Peymann diskutiert die #SPD und geht mit mir konform

Wenn ich, wie im letzten Artikel über Richard David Precht, scharfe rhetorische Geschütze auffahre, ist das gegenüber manchen Angesprochenen in der Öffentlichkeit nach meinem Eindruck keine gängige Erscheinung. Wer kritisiert schon Medienwissenschaftler, dass sie nicht in einer bestimmten Weise Fernsehen oder Computerspiele kritisieren?

Auf der allgemeinen Ebene entspricht das, was hier hyperkritisch und spitzfindig wirken könnte (je nach eigener Haltung des Lesers eben), jedoch sogar einem Mainstream. Einen solchen jedenfalls kann man voraussetzen, wenn ein Thema in „titel thesen temperamente“ (ARD) angekommen ist. „War es das mit der Sozialdemokratie?“ fragt man am 11.03.2018 (zeitbegrenzter Link zur ARD-Mediathek).

(Screenshot: ARD)

Claus Peymann, emeritierter Intendant des Berliner Ensembles, wendet das Rollenfach des Nörglers und Grantlers nach Thomas-Bernhard-Prinzip auf die politische Gegenwart der deutschen Hauptstadt an und sieht nurmehr „Schrott“. Darin ist er sich inhaltlich einig mit Freitag-Herausgeber Jakob Augstein, der ebenfalls zu Wort kommt. Die SPD stehe vor ihrem Untergang.

Die Anmoderation von Dieter Moor nennt konkret mehr Faktoren für den Krisenzustand als die interviewten Prominenten: Digitalisierung, Finanzspekulation, Globalisierung (darin, wie in Prechts im vorigen Artikel zitierten Schul-Buch: unausgesprochen die Migrationskrise) und die „Vergiftung“ durch Nahrungsmittelkonzerne. Das sind alles unterschiedlich gelagerte Probleme – mit mehr oder minder Interventionsmöglichkeiten des Einzelnen. Einmal hat man es mit Technik-Entwicklung, dann mit einem rein kulturellen Geldsystem, dann mit einer auch multikulturell ideologisch begleiteten Internationalisierung, unausgesprochen der unterschiedlichen Lagen von Menschen in ihren ursprünglichen Heimaten und schließlich der technologisch und wirtschaftlich prekarisierten Lebensgrundlage an sich zu tun.

Wäre das, was Moor in dieser Weise anspricht, wirklich eine solche „Vergiftung“ – wäre es dann nur eine willkürliche politische Position, dass ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk dagegen im Interesse der Bürger permanent mobil machen müsste? Wo verläuft die Trennlinie zwischen doch permanent akuter Informationspflicht und partikularem politischem Aktivismus? So kann man es für die anderen Krisen auch durchdeklinieren. Es läuft nicht zuletzt immer wieder auf andere Partikularinteressen hinaus, die verhindern, dass bestimmte solcher Anliegen nicht so oft besprochen werden wie die Bildung einer Großen Koalition oder Querelen um Abgas-Messmethoden und Verbote von Diesel-Fahrzeugen.

Wer allein den massenmedialen Überhang der letztgenannten beiden Themen beobachtet, weiß, dass dieses Bild der Wirklichkeit keinesfalls irgendwelchen ‚Normalwerten‘ entspricht. Es ist – ich denke, doch wenigstens ansatzweise sachlich betrachtet: – eine Groteske im Verhältnis dazu, dass es um die nackte Existenz gehen kann, wenn Arbeitswelten radikal evoluieren, Finanzsysteme kollabieren, Gesellschaften fragmentiert werden und die tägliche Nahrung in der Qualität absinkt und in der Produktion die Umwelt zerstört. Vielleicht ist es nur ein I-Tüpfelchen auf einem Verschwörungs-Szenario, dass etliche der noch verbleibenden kritischen (publizistischen und politischen) Kräfte angeleitet werden, zumindest einzelne dieser Krisen gar nicht mehr zu sehen, etwa bei Klimawandel-Skepsis Plastikmüll in Meeren oder die Agrarkultur zu ignorieren, obwohl sie genausogut Thema sein könnten und müssten.

Und es bleibt die nagende Frage, wievielen Menschen es bei hoher Bedrohungslage ohne derzeitige Eskalation wie gut geht, um von einer vorteilhaften Lage im Vergleich zu irgendetwas zu sprechen. Dabei kann es, aus historischer Erfahrung gesprochen, doch immer größere Unwuchten geben, stärkere mediale Verzerrungen dennoch wirksamer Realitäten (z. B. schleichende Verarmung und wirtschaftliche wie politische Polarisierungen).

Achtet man also nur auf den ganz offenkundigen primären Sinn der Worte von Peymann oder Augstein, so wird von den Auswirkungen bestimmter Praktiken bestimmter Akteure gesprochen. Diese Akteure werden in diesem Fall nur außerhalb des Berichts, in der Moderation, konkretisierend eingegrenzt – als individuelle Akteure jedoch im TV-Bukett bevorzugt nicht mehr in den Haupt-, sondern eher in den Sparten-Programmen wie „arte“ und „3sat“ ausführlicher behandelt. Dass dort die relevanten Hintergrund-Strukturen wirklich deutlich würden, darf als Gerücht eingestuft werden. Aber dennoch sprechen Dokumentationen wie „Goldman Sachs regiert die Welt“ eine verhältnismäßig deutliche Sprache. Aber eben nur auf wenigen Sendeplätzen mit Nachspielen auf YouTube oder auch mal DVD.

Es wird also vom Moderator in den wenigen ihm verbleibenden Sätzen ein Dilemma angerissen: dass es zerstörerische Kräfte gebe. Man darf mit Sicherheit schließen, dass es dabei auch verantwortlich handelnde Personen gibt, die nur zu einem Teil in einer Medienöffentlichkeit stehen, die für die Masse der einzige Zugang zu den Bereichen der Macht ist.

Warum ich das so formal nachbuchstabiere?

In denselben Medien, die solche Anreißer für ganz große Zerstörungs- und Endzeit-Szenarien aufbieten, werden diejenigen, die die betreffenden Funktionsbereiche ausführlicher analysieren, von selbsternannten Herrenausstattern gerne einmal mit einem Aluhut versehen. „Verschwörungstheorie“ sei, was erste Erklärungsversuche sind für etwas, was sonst unerklärt bliebe. Woher einige der Entwicklungen kommen, die das aktuelle Krisenbild kennzeichnen, lässt sich aber fragen. Dass es dabei nicht nur diffuse überpersönliche Mächte und ‚Systeme‘ oder ‚Ideologien‘ sind, die als einziges einer Änderung (durch wen und wie?) unterzogen werden müssten, um gegenzusteuern – ist logisch eigentlich vorauszusetzen.

So bleibt notwendige Verschwörungstheorie und Investigativ-Recherche eine unbelichtete Stelle im Hochglanz-Format des etablierten Fernsehens. Es hat schon Momente einer größeren Selbstgewissheit gegeben.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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1 Response

  1. l2012ucas sagt:

    Zum Niedergang der deutschen Sozialdemokratie bzw. der SPD als Steigbügelhalter der Merkel Regierung muss man nicht mehr viel hinzufügen. Was mir jedoch im Zuge der Berichterstattung auffiel, war der oft eingeblendete Kubus (Saturn Symbolik) vor der SPD Zentrale, der auch im Zuge des mysteriösen Vorfalls Ende letzten Jahres zu sehen war, bei dem ein psychisch instabiler Mann mit Brandbeschleuniger und in einem blauen Auto (rot/blau – Freimaurerfarben) in die Parteizentrale gerast ist. War das möglicherweise wieder ein Hinweis oder eine Warnung von Oben, man weiß es nicht.

    https://intouch.wunderweib.de/assets/styles/600×600/public/field/image/spd-zentrale-evakuiert.jpg?itok=V384b6tj
    https://www.bz-berlin.de/kreuzberg/raste-autofahrer-aus-politik-verdrosseneinheit-in-spd-parteizentrale

    Auch die seltsam proportionierte Willy-Brandt-Skulptur im Inneren weckt bei mir immer die Assoziation zum steinernen Golem der jüdischen Mystik, der ja bekanntlich im Auftrag seiner eigentlichen Herren Aufträge erfüllt usw.

    http://view.stern.de/de/rubriken/makro/berlin-detail-skulptur-deutsche-geschichte-gedenkskulptur-willy-brandt-skulptur-original-1741646.html
    http://www.willy-brandt-haus.de/kunst-kultur/kunstsammlung/die-willy-brandt-skulptur/
    https://de.wikipedia.org/wiki/Golem

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