#Straftaten gegen #Flüchtlinge als #Zahlen-#Spiele?

Keine Ahnung, ob die „taz“ (06.11.2016) mit sowas eine Absicht verbindet. Jedenfalls wäre es eine, die ihrem eigentlichen Tenor zuwiderläuft. Man überschreibt einen Artikel, in dem es um die 2016 bis dato angeblich gestiegene Zahl von „Straftaten gegen Flüchtlingsheime“ gehen soll, irrtümlich mit der geringeren entsprechenden Zahl desselben Zeitraums 2015:

In diesem Jahr schon 637 Vorfälle
Die Anzahl von Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte war 2016 bisher höher als im selben Zeitraum des Vorjahres. Derzeit sinkt die Anzahl jedoch.
[…]
Das Bundeskriminalamt verzeichnete laut einem Bericht der Neuen Osnabrücker Zeitung in den ersten zehn Monaten des Jahres 832 Angriffe gegen Flüchtlingsheime in Deutschland. Das sei fast ein Viertel mehr als im Vorjahreszeitraum. Im vergangenen Jahr seien von Januar bis Ende Oktober nur 637 solcher Straftaten registriert worden.
http://taz.de/Straftaten-gegen-Fluechtlingsheime/!5354707/

Wir haben es in der Öffentlichkeit schlicht mit zwei widerstreitenden Strategien zu tun: Die deutsch-nationale i. w. S. versucht einer Herunterspielung von Ausländerkriminalität entgegenzuwirken. Die hegemoniale linksliberale Perspektive setzt die Arbeit am Bild des bösen Deutschen fort, der laufend harmlose Zuwanderer attackiert.

Die im zitierten Artikel angegebenen Zahlen werden weiter aufgeschlüsselt. 772 Taten werden als „rechts motiviert“ eingestuft. Die Zahl von „Gewalttaten“ beträgt 144. Etwas unpräzise dabei, dass kein Zusatz erfolgt – es wird sich um Gewalt gegen Personen handeln, denn die Gewalt gegen Sachen wird gesondert geführt. Wie schwer diese Gewalt im Einzelnen ist, steht ebf. dahin.

Ich habe einen Google Alert „Flüchtling Anschlag“ laufen. Ich schaue nicht alles an, aber es scheint mir keine besonders kontinuierlichen Meldungen von wirklich nennenswerten Anschlägen zu geben – die es doch wohl gäbe, wenn man publizistisch irgendwie etwas daraus machen kann. Fälle von mehr oder minder schwerer Gewalt sehe ich in diesen von Google gefundenen Presseberichten mit anderen Suchbegriffen wie „Flüchtling Gewalt“ oder „Flüchtling Schlägerei“ – nach vorläufigem subjektivem Eindruck – deutlich häufiger. – Bei 772 Taten gegen Flüchtlinge Januar-Oktober hätte es durchschnittlich jeden Tag mehr als zwei theoretisch berichtenswerte Ereignisse gegeben. Von einer solchen Anzahl sehe ich in der Presse nicht annäherungsweise etwas.

Vera Lengsfeld schreibt in „eigentümlich frei“ (15.03.2016) zu dieser Thematik:

Dabei sind die meisten „Brandanschläge“ gar keine, sondern wurden von Bewohnern aus Leichtsinn oder Unkenntnis, in Einzelfällen auch absichtlich, verursacht. An zweiter Stelle stehen die ungeklärten Fälle. Weit danach kommen die Brände, die aus fremdenfeindlichen Motiven gelegt wurden.

Über Schwierigkeiten der vorläufigen Bewertung von Kriminalitätsstatistiken in diesem Kontext hatte ich mich hier zuletzt gestritten. Doch selbst, wenn Richter alle Tötungsdelikte durch Flüchtlinge (meist an anderen Flüchtlingen) in diesem Jahr als „Totschlag“ und nicht als „Mord“ bewerten – in welchem Verhältnis steht diese Gewalt zueinander?

Jeder Anschlag auf Asylbewerberheime ist einer zuviel. Nichts schadet einer sachlichen Auseinandersetzung mit Für und Wider von Zuwanderung, Gelingen und Nicht-Gelingen von Integration so sehr wie willkürliche und abschreckende Gewalttaten.

Zu den gravierenden Taten heißt es in dem Artikel jedoch eben nur lapidar:

Bei 144 Straftaten wendeten die Täter Gewalt an.

Darunter fällt also jede körperliche Aggression, heftiger oder schwächer. Wieviel von was, lässt die Statistik nicht ersehen. – Man google einmal „‚Flüchtling schwer verletzt‘ rechts“. Übersehe ich hier auf den ersten drei Ergebnisseiten irgendeine gravierende Tat von Rechtsgerichteten? Der Artikel des „neuen deutschland“ zu einem Fall in Riesa ist nicht zugänglich, wird jedoch hier keinem bisher bekannten Täter zugeordnet. Schaltet man auf Google News um, verbleiben nur noch drei Meldungen aus 2016; keine handelt von einer Tat von Neonazis gegen Flüchtlinge.

Wikipedia bietet eine „Liste flüchtlingsfeindlicher Angriffe in Deutschland 2016“. Hier zähle ich 30 Verletzte (+ eine Angabe „mehrere Verletzte“), darunter 2 Schwerverletzte. Mit der Größenordnung von Gewalt durch Flüchtlinge – wie gesagt, v. a. gegenüber Flüchtlingen – ist das nicht vergleichbar. Das mit Abstand größte Gewaltproblem für Flüchtlinge stellen andere Flüchtlinge dar. Und jede Tat, die über ein paar Fausthiebe hinausgeht, sollte man nicht immer nur auf den Stress in den Heimen schieben – den wer verursacht hat? „Die Deutschen“?

Der taz-Artikel fällt überdies – in Wiedergabe von Polizei-Zahlen – dadurch auf, dass fast alle angegebenen Werte die Freimaurer-Zahlen 11 (und Vielfache), 13 und 33 sowie die schillernde 23 (auch Umkehrungen 31 und 32) enthalten: 832, 1031, 199, 772, 330, 188, 144. Ich sammle hier in einer Tabelle derzeit aktuelle Meldungen, die mir in dieser Weise auffallen. Dazu wird es nochmal einen eigenen Beitrag geben. Man könnte dazu sicher ein statistisches Verfahren zur Überprüfung anwenden, was jedoch ein paar Hundert Euro für einen Programmierer, Miete für Webspace und ggf. Nachbesserungen erfordern würde.

Da fördern wir doch lieber die taz, die scheinbar kontraintuitiv die niedrigere Zahl als die größere bezeichnet und dabei den Eindruck erweckt, es gebe Hunderte von irgendwie meldenswerten Straftaten gegen Flüchtlinge. Beim Endverbraucher führt das dann wohl zum Eindruck

der täglich stattfindenden rechten Übergriffe und Anschläge
http://www.mdr.de/sachsen-anhalt/hakenkreuze-im-landkreis-stendal-100.html

Auch ein Graffito oder eine eingeworfene Fensterscheibe werden von mir persönlich nicht gutgeheißen. Aber Verhältnismäßigkeiten sollte man schon sehen können.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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