De-Urbanisierung durch #Onlinehandel – #Politik und #Medien machtlos

Hier einige Beispiele, wie man über die rasante Marktbereinigung durch mächtige Online-Händler, an erster Stelle amazon, zu wenig debattiert – und wenn, dann ohne ein schonungsloses Bewusstsein der bisher unweigerlichen Konsequenzen und einzig möglicher Gegenmaßnahmen. Man kann es an einem solchen Beispiel deutlich sehen:

  1. Politisches Handeln unserer Regierung ist bei entscheidenden Themen nicht nachhaltig.
  2. Es hält nicht Schritt mit technologischen Neuerungen und der Marktstrategie großer Anbieter.
  3. Die Unterbindung wesentlicher gemeinschaftlicher Klärungen weckt den Verdacht verdeckter Steuerungen auch durch Akteure außerhalb einer deutschen Gesellschaft, die an Selbsterhaltung und Wohlstand interessiert ist.

Denn was sagt es uns, dass eine Google-Suche mit „Sigmar Gabriel stationärer Handel Internet Innenstädte“ nur Meldungen bis Ende 2015 aufführt? Gabriel (SPD) war bis Anfang 2017 Wirtschaftsminister. Zu seiner Nachfolgerin Brigitte Zypries (SPD) gibt es immerhin vereinzelte Meldungen von Mitte 2017 – aber auch nicht unübersehbar viele. Diese Meldungen entstanden in der Fortführung von Gabriels Initiative „Dialogplattform Einzelhandel“.

Ich sage mal mit aller Vorsicht, dass dies beim Tempo der digitalen Entwicklungen kaum ausreichen dürfte. Wieviel Terrain ist denn schon innerhalb weniger Monaten an die konzernbasierte und steueroptimierte Online-Welt preisgegeben? – Bisher wirkte alles, was ich hierzu gelesen und gehört habe, auf mich gut gemeint – aber nach bisherigen Erfahrungswerten chancenlos gegen die Dynamik, die v. a. auf Kosten- und Zeitersparnis der neuen Distributionsformen basiert.

Das ist doch schon an aktuellen Berichten zu ersehen, die zeigen, dass die bisherigen Mankos wie das Anprobieren von Kleidungsstücken und die hohe Zahl der Retouren bald überwunden sein könnten:

Demgegenüber wirkt alles niedlich, was nach der weitgehend vollzogenen Markteroberung durch amazon noch auftaucht als ‚Online-Idee‘ des stationären einheimischen Einzelhandels. Es lässt sich ahnen, dass dem größten Anbieter mit einer dezentralen Einpflegung von Produktdaten und der Kombination von teurem Ladengeschäft mit online angesprochener Kundschaft kaum Konkurrenz zu machen sein wird, oder?

Es gibt als gegenläufige Tendenz noch eine beginnende Etablierung von Ladengeschäften der Online-Plattformen. Aber das wird quantitativ wohl kaum ein echter Trend sein.

Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion hält auf YouTube von Ende 2016 eine lange Veranstaltung bereit. Auch hier entsteht bei mir eher der Eindruck von Zweckoptimismus. Natürlich existiert Problembewusstsein und der Wille zu handeln. Doch es gibt eben Faktoren, die für nationale Akteure mit den hohen Nebenkosten dezentraler stationärer Anbieter denkbar ungünstig sind.

Bezeichnend auch, dass dieses Video innerhalb eines Jahres gerade einmal 258 Abrufe erhalten hat. Es ist immerhin für viele Gewerbetreibende in Deutschland das Kernthema dieser Jahre – und die schlichte ökomomische Überlebensfrage. Sind diese Marktsegmente einmal preisgegeben, werden sie kaum zurückzuerobern sein.

Dann weise ich noch auf eine Zeitstelle in der Talkshow „Ringlstetter“ (Bayerischer Rundfunk, 07.12.2017) hin. Bezeichnenderweise ist es der Komiker Helge Schneider, der deutlicher als alle mir bekannten Schilderungen anhand von Mülheim a. d. R. die schnöde und bedrückende Realität schildert, die sich in deutschen Innenstädten schon vielfach abzeichnet. Hier ab 13:10 Min.:

Es ist echt nix mehr los. Also, du gehst in die Stadt, und die Fußgängerzone […] ist echt menschenleer. Und da sind Geschäfte, da ist keiner drin. Und dann sind da so Schildchen: „Zu vermieten“ […] oder „Wir ziehen um“ oder „Hier eröffnet demnächst ein neues Nagelstudio“. Da sind drei andere auch daneben, auch Nagelstudios, natürlich, weil, gibt’s ja nichts anderes. […] Wenn man sich die Nägel machen lassen will, dann muss man ja irgendwo hingehen noch. Und das ist die letzte Möglichkeit für Menschen, die kommunizieren wollen und kulturell sich weiterbilden wollen, ist einfach – so, ich geh jetzt ins Nagelstudio, ich lass mir jetzt die Nägel machen.

Weiterempfehlen: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • Twitter
  • LinkedIn
  • XING
  • Google Bookmarks
  • Y!GG
  • MisterWong
  • del.icio.us
  • Digg
  • Reddit
  • Technorati

Verwandte Artikel

Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

ANZEIGE
                        
Mit dem Nutzen des Kommentarbereiches erklären Sie sich mit der Datenschutzerklärung einverstanden.

4 Responses

  1. „einzig mögliche Gegenmaßnahmen“ – woran denkst Du dabei?

    • Einiges davon würde heute noch sehr radikal wirken. Aber ich denke, es gäbe zumindest Formen der politischen Anbahnung, die schon gangbar wären – erst recht eine politische Arbeit und Absichtserklärung in diese Richtung, statt sie gleich sein zu lassen.
      Es würde natürlich darum gehen, die Marktmacht von amazon einzudämmen. Bei der Rolle, die der Konzern heute schon in Deutschland spielt, müsste man vielleicht kartellrechtliche Überlegungen anstellen, an erster Stelle natürlich, was die Abgabe von Steuern betrifft.
      Der Buchhandel hat schon vielfach diskutiert, dass man ja selbst eine solche Plattform hätte aufbauen können. Zumindest, was den Erwerb von Büchern betrifft, ist das vielleicht auch nachträglich noch irgendwie denkbar – aber nicht nur mit einer begleitenden Themenwoche auf ‚TV-Sendern‘, die Betroffene noch bemerken. Deutsche müssten sich eben bewusst und zahlreich entscheiden, Buchhändler zu unterstützen und nicht den Konzern eines Mannes, der erklärtermaßen keine Bücher liest (solche Individuen drängen heute ja scheinbar öfter an die Spitze – oder werden eben dorthin gesetzt mit gewissen Absichten). Meinetwegen können wir über Alternativen zur Buchkultur durchaus nachdenken. Da wird einiges noch mehr in Bewegung kommen, klar. Vielleicht ist das dann schon gar nicht mehr die eigentliche Frage.
      Natürlich geht es daneben um noch viel mehr als um Bücher. Und ja, ich selbst kaufe auch nichts in Städten außer Tee, einzelne Süßigkeiten oder Mittel zur Körperpflege; selten mal ein Kleidungsstück. Ich kaufe sowieso wenig, weil ich nicht viel verdiene. Es ist die Frage (etwa im Sinne von BGE-Diskussionen), ob dies nicht immer mehr Menschen so gehen wird, auch wenn wir derzeit Jubelmeldungen über den Arbeitsmarkt haben.
      Ein weiterer Pfad der notwendigen Diskussionen würde sich ja auf Umnutzungen von Städten beziehen. Das werden die dortigen Immobilienbesitzer sicher so lange verhindern wollen, bis sie die Mächte des Faktischen dazu zwingen, ihr Geschäftsmodell ganz aufzugeben.
      Dass deutsche Politiker die Diskussionen über amazon nicht ausführlicher anstrengen, ist außer mit Dummheit eigentlich nur mit ausgesprochenen oder unausgesprochenen Todesdrohungen durch globalistische Konzerne zu erklären.
      Eine Hauptforderung, die ich aufstellen würde, wäre erstmal die, den ganzen Prozess aufmerksam zu begleiten. Wenn die Ladenlokale erstmal leerstehen, wird es oft nur noch Notmaßnahmen unter Zeitdruck, irgendwann auch Verwahrlosung geben. So ist es, wie Helge Schneider eben sagt, jetzt schon in mancher deutschen Stadt. Und an den Top-Adressen der Republik, etwa in der Berliner Friedrichstraße, hat es längst angefangen.

  2. Also:
    1. Ich finde Amazon als Verbraucher gut. Ich arbeite viel damit. Ich weiß nicht, warum ich darauf schimpfen soll. Was rein anwenderfreundliche Innovationen betrifft, leistet Amazon hervorragende Arbeit.
    2. Ich bin kein „Bummler“ in Einkaufsstraßen. Wenn es die Einkaufsstraßen nicht mehr gibt, geht für mich die Welt nicht unter. Menschen wollen nicht immer allein sein, sie wollen zusammen kommen. Aber warum das ausgerechnet beim Einkaufen sein soll, entzieht sich völlig meinem Verständnis. Es gibt so viele andere Möglichkeiten. Das muß nur in die Hand genommen werden. Hier bei mir in der Stadt gab es neulich Weihnachtsbacken für alle Kinder der Stadt. Geht doch. Man kann auch zu atheistischen Gottesdiensten zusammen kommen. Etc. pp.. Das ist alles nur eine Frage des Wollens.
    3. Der Umstand, daß unser Gemeinwesen die krass-ausbeuterischen Umverteilungs-Verhältnisse rund um Amazon zuläßt, ist mehr oder weniger ein Zeichen dafür, daß selbst der simpelste „Tit for Tat-Altruismus“ (wie das die Soziobiologen nennen) in Gemeinwesen nicht mehr funktionieren kann, außer Kraft gesetzt werden kann. Die Soziobiologen haben MASSIVE Schwierigkeiten zu erklären, welches Gegengewicht es eigentlich gegen solche krassen Formen von Egoismus geben könnte in der menschlichen Psyche und in Gemeinwesen. Jeder ist aufgefordert, sich darum Gedanken zu machen. Es geht schließlich um unsere Zukunft.
    4. Ein Hauptthema dabei ist, daß „cheater“ von der Gemeinschaft als solche erkannt und in die Schranken verwiesen werden müssen, bestraft werden müssen für ihr Tun. Die Soziobiologen stellen sich das in der Regel vergleichweise einfach vor. Als wäre Erkennen und Bestrafen dasselbe. Sie erkennen aber nach und nach auch, daß auch für dieses Bestrafen und in die Schranken Weisen mitunter Altruismus erforderlich ist. Von diesem wird in der Regel aber bis heute nicht angenommen, daß er besonders groß sein müßte. Aber offensichtlich MUSS er groß sein. Denn mit den billigen „altruistischen“ Bemühungen, die unsere Gesellschaft unternimmt, werden die vielen krassen Egoismen aller Orten – und nicht nur rund um Amazon – ja offenbar gar nicht eingedämmt.
    5. Es könnte ja auch sein, daß andere Formen von Altruismus als BEGLEITERSCHEINUNG es mit sich bringen, daß mit solchen Egoismen innerhalb der Gemeinschaft Schluß gemacht wird, und daß das DANN „leicht“ ist. Aber welche Formen von Altruismus wären das dann? Worauf müßten sie ausgerichtet sein?

    • Ich stimme zunächst wieder in dem meisten, was Du sagst, überein. Auch ich gehöre, wie ich im Kommentar auf filmdenken (siehe Link in der vorigen Antwort) erwähnte, de facto nicht mehr zu den städtischen Einkaufskunden. Buchhandlungen waren in meinem Leben bis ca. 30 Jahre der wichtigste Grund, in die Stadt zu gehen.
      Jedes Mal aber, wenn ich in eine Stadt gehe, ist es mir klar, dass ich all diese Menschen sonst nirgendwoanders treffen würde. Ich glaube deshalb, Du unterschätzt diese Funktion auch einer Einkaufsstadt als soziale Situation.
      Wenn Du jetzt sagst, man könne stattdessen zusammen Kuchen backen, vermute ich, das wird z.B. eher Familien mit Kindern ansprechen. Alle anderen fallen dann schon wieder hintenrüber – Singles, Kinderlose, Ältere. Wenn ich ehrlich bin, wäre das für mich doch keine Anlaufstelle in meiner jetzigen Situation.
      Es ist ohnehin so, dass außerhalb bestimmter solcher Alltagssituationen es aufgrund der verschiedensten Interessen und sozialen Situationen kaum noch eine Begegnung im realen Raum, geschweige denn eine Kommunikation gäbe. Darüber will ich dann auch noch nicht das letzte Wort gesprochen habe – aber es sollte besprochen werden. Sonst kann man nicht zuletzt allerlei Kulturtheorien der Stadt gleich dem Orkus der Geschichte überantworten.
      Was Du nach meinem Eindruck hier einfach wegschiebst, ist der Monopol-Charakter von amazon. Ist Dir eigentlich klar, dass dort sehr, sehr wenige Manager und Programmierer heute auf sich Gewinne vereinigen, die vorher auf sehr viel mehr Köpfe verteilt waren? Das gilt mittlerweile für fast alle Branchen des Einzelhandels, nur noch nicht für den Lebensmittelhandel.
      Rein theoretisch könnten dann ja Innenstadtlagen billiger werden, wenn sie in Wohnraum umgewidmet werden (können). Allein das wird Stadtplaner etc. wohl sicher vor größere Herausforderungen stellen.
      Bisher sehen wir davon ja noch nichts – alle Berichte sprechen von dem Wahnsinn der Großstadt-Mieten. Alle Prognosen sagen, dass der Trend zur Landflucht noch Jahrzehnte anhalten wird.
      https://www.n-tv.de/wirtschaft/Wohnungsnot-auch-ausserhalb-der-Grossstaedte-article19901457.html
      Natürlich kann das in Kombination mit Online-Handel Lieferwege verkürzen.
      Aber es wird zu fragen sein, wer durch Monopolisierung und Automatisierung sein Einkommen effektiv verliert – dann nur noch sehr geringe Mieten zahlen kann und fast keine Luxusgüter kauft. In diesem Sinne raubt sich vielleicht auch der Onlinehandel Kunden, weil er ihnen Arbeitsplätze wegnimmt, von denen sie sich Einkäufe leisten können.
      Das ist auch nicht so falsch, wenn es Konsum einschränkt, der völlig überflüssig ist. Aber es werden – als einzige Gewissheit – enorme Veränderungen sein, die allerlei Risiken bergen.
      Berlins Bürgermeisterin und Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, Ramona Pop, sieht „eine große Chance für nachhaltiges und ökologisches Wachstum“.
      http://www.public-manager.com/aktuelles/einzelansicht/archive/2017/may/article/digitalisierung-und-energiewende-eroeffnen-chancen-fuer-nachhaltiges-staedtewachstum.html
      Etwa für den kulturellen Bereich sehe ich da, zumal in der Fläche, noch kaum Ansätze. Dann wird es Bertelsmann wohl richten:
      http://www.transforming-cities.de/auswirkungen-der-digitalisierung-auf-staedte/
      Ich habe den Eindruck, heutige Politiker und Wissenschaftler (d.h. die, die man bundesweit zu Wort kommen lässt) leben in einer Welt, in der 15 Euro Eintritt für irgendwas oder der Spontankauf kein Problem sind. Wenn sie sich da für die (Nicht-)Arbeitnehmer der Zukunft mal nicht täuschen. Die müssen in solchen Fällen dann vielleicht ganz vom Aufenthalt im städtischen Raum absehen.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. (Näheres zum Datenschutz auf filmdenken.de.) Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen