Zwei Temperamente: Andreas von Bülow und Albrecht Müller – #Verschwörungstheorie

In den folgenden beiden Videos treten zwei Herren um die 80 auf. Beide waren ranghohe Mitarbeiter in der politischen Administration der Bundesrepublik Deutschland unter den SPD-Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt. Beide verhalten sich auf ihre Weise widerständig gegen den aktuellen Mainstream. Von Bülow betreibt offene Verschwörungstheorie, Müller wird Verschwörungstheorie zumindest vorgeworfen.

Einen wesentlichen Unterschied sieht man schon an diesen beiden Videos von Vorträgen Andreas von Bülows in Dresden („Lügen, Propaganda, Manipulation der Massen“) und von Albrecht Müller in Heidelberg („Über den Verlust des kritischen Denkens und warum wir es wieder brauchen“): Bei von Bülow ist die historische Perspektive bestimmend, bei Müller ein politisches Räsonnieren über neueste Probleme mit vergleichendem Rückbezug v. a. auf jüngere Dekaden der innerdeutschen Wirklichkeit.

Ohne den Inhalt der Vorträge hier ausführlich zu diskutieren: Andreas von Bülow ist mit dem seinigen jedem zu empfehlen, der sich noch nicht länger mit Verschwörungstheorie und Geschichtsrevisionismus beschäftigt. Er versammelt wichtige Beispiele für das, was man wissen sollte, wenn man etwa über US-amerikanische Machtpolitik und Kriegstaktiken spricht. (In der letzten halben Stunde zerfasert der Vortrag zeitweise leider etwas.) Albrecht Müller hat seinen Ruf nach Kritik als Vitalfunktion von Demokratien selbst erfüllt, indem er problematische Entwicklungen der Mediengesellschaft oder von Lobby-Netzwerken wie der Bertelsmann Stiftung als einer der wenigen Prominenten forciert angesprochen hat.

Von Bülow wird nun schon seit längerem mit seinen Büchern in der Gegenöffentlichkeit wahrgenommen. Müller betreibt mit den „NachDenkSeiten“ selbst eines der größeren, rein Internet-basierten Portale.

Im Vergleich der Vorträge sieht man eines schon deutlich: Was von Bülow ausführlichst anspricht, fehlt bei Müller weitgehend – ein historisches Bewusstsein für Verschwörungstaktiken und ihre realen Akteure. Bei von Bülow endet die Aufarbeitung bei gewissen politischen und Elite-Gruppierungen sowie den Geheimdiensten. Eine Sozialgeschichte von Geheimgesellschaften, ihre weiterreichenden Ideologien und Okkultismen bleiben auch bei ihm ausgespart – was allerdings seinen Büchern nicht ernsthaft zum Vorwurf gemacht werden kann. Es gibt immer ein anderes oder größeres Bild. Und von Bülow tut nichts dafür, dass man dieses an anderer Stelle nicht selbstständig erweitert.

Anders verhält es sich mit Müller. Er wird zwar als Verschwörungstheoretiker verdächtigt. Er zeigt Teilstrukturen eines globalistischen Machtsystems wie die erwähnte große Stiftung auf. Sein Reden und Argumentieren erweckt jedoch den Eindruck, dass hier einer in gut sozialdemokratischer Manier den als grausam angenommenen Kapitalismus nur wieder etwas kuscheliger machen möchte.

Es sei an dieser Stelle auch noch angemerkt, dass die Marktmacht etablierter Personen wie Müller eine eigene Problematik im Wandel der medialen Öffentlichkeit darstellt. Mit den NachDenkSeiten hat Müller seine Karriere in der Parteipolitik und als Bestseller-Autor eines etablierten Verlags im Netz fortgesetzt. Erfolgreich – und so auch mit einem Aufruf bei diesem Auftritt – wirbt Müller um Spenden.

Für all jene, die unbezahlt unter höchstem Aufwand im Internet publizieren, sind solche Praktiken eher zwiespältig. Während eine jüngere Generation wahrhaft kritischer Geister zum Herzinfarkt hin unbezahlte Arbeit leisten, scheint es Müller nicht einzufallen, in den Ruinen der sozialdemokratischen Tradition etwa eigenes Kapital großflächiger wieder im Umlauf zu bringen. Der Bezieher einer sicherlich stattlichen staatlichen Pension sowie Empfänger reichlicher Buch-Tantiemen wirbt um Spenden für seine Internet-Seite – und bekommt auch diese offensichtlich reichlich. Sie fließen für derzeit ca. drei neue Beiträge auf der Website täglich – ein Arbeitsumfang, der kaum oder gar nicht über dem vieler Unbezahlter im Netz liegt. Was sonst „unsere Informationsarbeit und unser Service“ ist, für den die Macher sich bedanken (siehe den gerade verlinkten Beitrag), überblicke ich gerade nicht. Es hat vermutlich mit dem zu tun, was die Generation Müllers gewohnt ist, als Arbeit anderen zu übertragen: Dienstleistungen in Gestaltung und Website-Technik, um die sich die jüngeren Freelancer auch noch – eben weitgehend unter- oder unbezahlt – kümmern müssen, wenn sie im Internet überhaupt bestehen wollen. Die mediale Präsenz eines Albrecht Müller ohne solche Dienstleistungen hätte vielleicht schon mit dem nächsten WordPress-Update ein Ende, weil seine Internet-Seite weiß bliebe. Und nicht nur diese Kompetenz fehlt ihm ganz offensichtlich.

Was schließlich ist heute „kritisches Denken“? Ausschließlich das, was Müller mit moderater Kapitalismus-Kritik und Skepsis gegenüber Industrie und Eliten artikuliert? Aus der jüngeren Generation beschäftigt er Jens Berger als Autor. Dieser vertritt, soweit ich sehe, weitgehend gleichlautende Positionen wie Müller selbst. Das sei hier nicht für sich genommen als fragwürdig dargestellt. Nur ist es auffällig, dass ein Müller diese seine Agenda nach Kräften fördern kann, während für andere kritische Antworten auf die Zeit so gut wie kein Geld da zu sein scheint. – Was seine Generation, wie wohl alle vorherigen, am wenigsten erträgt, ist echte Kritik an ihr selbst. Der Unterschied zu früheren Zeiten: Das Kapital befindet sich heute weitgehend in den Händen der Generationen um die 68er herum, die sich selbst immer für „kritisch“ halten und alles andere für „rechts“. Die Jüngeren dümpeln nicht selten in Praktika, Zeitverträgen oder Abhängigkeiten von Eltern und Hartz IV. Was 68er und Babyboomer am wenigsten ertragen, ist, sie an Versäumnisse und die Schuld ihrer Generation zu erinnern: Aufgabe von Schutzfunktionen für Nation und Familie, Profitieren an einer – gern allgemein auch beklagten – Schuldenwirtschaft zu Lasten folgender Generationen, demografischer Niedergang ohne absehbares Ende, (für Betroffene bis hin zu lebensgefährlichen) Illusionen der Multikultur.

Über Themen wie Überalterung vermag ein Müller nur zu sagen, dass sie kein Problem darstelle (wie von mir schon 2014 thematisiert). Über Probleme wie Migration, aufklärungsfeindliche Religionen und Integration macht sich Müller vergleichweise wenige Gedanken. Unter „Albrecht Müller Islam“ findet man zunächst nur einen Artikel seines ausgestiegenen Co-Autors Wolfgang Lieb über ein „Feindbild Islam“ (03.07.2015) und die Sorge über „die sozialeugenische Argumentation eines Thilo Sarrazin“. Mein Gott, wie rapide Links-Ideologien doch altern. (Menschen wie Wolfgang Lieb, die laut Biografie „aus einer pietistisch geprägten Familie“ stammen, wird es ohnehin mittelfristig nicht mehr geben.) Mörderische moslemisch geprägte Kulturen sind Müller wohl am ehesten Anlass zu der in seinem Milieu wohlfeilen USA-Kritik.

Während die kulturzerstörerischen und ethnozidalen Tendenzen, die gerade beginnen, voll durchzuschlagen, bei von Bülow noch hervorschimmern, werden sie bei Müller gänzlich unsichtbar. Und das ist es wohl auch, was ein wohlhabendes Babyboomer-Publikum mit im Video gut sichtbarer grau-weißer Haarpracht ihm so sehr dankt. Wieder einmal: Ignorance is bliss.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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