Vortrags-#Videos der #Tagung “Eine Welt voller #Verschwörungen?”

Wie im vorigen Beitrag angekündigt, stelle ich hier die Videos mit Vorträgen der Tagung “Eine Welt voller Verschwörungen? Verschwörungstheorien und -ideologien im Spiegel deutschsprachiger Forschung” (11.-13.09.2016) ein und kommentiere sie kurz.

Die Diskussionen sind leider nicht enthalten. Man hätte dafür noch ein Aufnahmegerät für Frager herumgeben müssen.

(Einführung)

Michael Blume: Verschwörungsglauben als religionspsychologisches Phänomen
In der Diskussion wies ich darauf hin: Das Operieren mit der Vorstellung eines “Demiurgen” im Kontext von Verschwörungstheorien halte ich für problematisch. Es ist schon interessant, dass als ein Standard-Argument gegen Verschwörungsdenken dessen angeblich ‘religiöse Struktur’ bemerkt wird – so von Referent Michael Blume in seinem Buch “Verschwörungsglauben. Der Reiz dunkler Mythen für Psyche und Medien”. Das wesentliche Problem ist ein erkenntnistheoretisches: Etwas Irdisches, dessen Status teilweise ungeklärt ist wie der einer Verschwörung, kann irgendwann falsi- oder verifiziert werden oder bleibt ungeklärt. Gehen wir davon aus, dass einstweilen keine allgemein akzeptierten Gottesbeweise auftreten, verbleibt religiöses Denken immer in dieser Ungewissheit. Insofern taugt dieser Vergleich schon nicht. Erst recht wird es für Blumes Vortrag problematisch, wenn an anderer Stelle betreffend Geheimbünde der gedankliche Bezug zu Figuren des Demiurgen – wie etwa Luzifer – zumindest diskutiert wird. Wer sich wissenschaftlich damit auseinandersetzt, hat sich erst einmal mit dem Status einer solchen Vorstellung und ihren möglichen Anwendungen zu beschäftigen. Wenn Verschwörer sich selbst als ‘Götter’ gerieren, macht es wenig Sinn, Theorien über sie vorzuwerfen, sie argumentierten mit Kategorien eines Quasi-Göttlichen. Es wäre eine Verwechslung von Ursache und Wirkung. – Interessant auch, dass Blume auf seiner Website, soweit ich sehe, seinen Arbeitsplatz als Referatsleiter in der Staatskanzlei von Baden-Württemberg nicht ausweist, hier im Referat nur allgemein bezeichnet. (Dies wirkt nunmal wie eine Vermeidung von Transparenz und damit schon im Kleinen eine Bestätigung jenes Vorwurfs, den Blume offensichtlich generell zurückzuweisen helfen will.) Hierzu findet sich im Netz die frühere Begebenheit, dass Blume in dieser Funktion zitiert wird: “Vehement weist er ‘Verschwörungstheorien’ türkischer Nationalisten zurück, geißelt ‘massives Misstrauen’ und warnt vor Verfolgung.” (“Stuttgarter Zeitung”, 08.09.2010) Es gehört heute ja zum Kenntnisstand, dass der dabei mitgemeinte Fetullah Gülen über CIA-Kontakte verfügt. Auch in einem solchen Fall kommt es auf Faktenwissen an – und die Notwendigkeit, Sachverhalte und Personen so vorsichtig zu beurteilen, dass eine Exkulpation keine solchen Fakten übergeht. Es ergibt sich sonst schnell eine Komplizenschaft zu konspirativen Strukturen, wie Geheimdienste eine sind. Die an Friedensstiftung interessierte Haltung Blumes mag ehrbar sein. Ob dies für alle gilt, über deren Aktivitäten eine solche Argumentation hinwegzutäuschen hilft, halte ich für fragwürdig.

Andreas Anton: Wissenssoziologie von Verschwörungstheorien
Das wissenssoziologische Begriffs-Instrumentarium von Andreas Anton finde ich einleuchtend. In kritischer Sicht greift an einzelnen Stellen ein Vorbehalt aus meiner Argumentenliste im vorigen Beitrag: Es ist möglich, sich auf diese Weise einzelnen Sachdiskussionen zu entziehen. Anton bemerkt durchaus zu Recht, dass es einer Wissenssoziologie nicht – jedenfalls nicht primär – um die Bestimmung von Wahrheitsgehalten geht. Die im Referat in größerer Zahl erwähnten verschiedensten “heterodoxen” Verschwörungstheorien unterscheiden sich jedoch nach meiner Ansicht deutlich in ihrer Beurteilbarkeit. Aus soziologischer Perspektive wäre es interessant, sich z. B. dem Moment zu widmen, in dem aus einer Verschwörungstheorie allgemein akzeptiertes Faktenwissen wird (wozu wir zuletzt etwa im Fall US-amerikanischer Geheimdienste Fälle gesehen haben, siehe Edward Snowden). Bestimmte soziale Rollen verändern sich dann in der Retrospektive der vorherigen Debatte – der Verschwörungstheoretiker ist ein Aufklärer, der Verschwörungsleugner ein Unwissender, wenn nicht ein bewusster Lügner. Auch innerhalb heutzutage keineswegs akzeptierter Beispiele existieren inhaltliche Argumente, die nicht ausführlich diskutiert werden oder bereits falsifiziert wurden. Zum 9/11-Komplex gehört, dass viele Aspekte niemals in Mainstream-Reportagen auftauchen. Das ist etwas anderes, als wenn z. B. kein ernstzunehmender Beweis für eine Existenz Außerirdischer vorliegt, es nur fragwürdige Zeugenaussagen gibt (die aber immerhin gehört wurden) etc.

Daniel Kulla: Ideologie – Herrschaft – Verschwörung
Als linke Kritik von Verschwörungsdenken leuchten die Argumente von Daniel Kulla durchaus ein. Kapitalismus ist ein Betriebssystem, auf dem Verschwörung im Realen offensichtlich läuft, eine Verengung auf Gruppen/Personen birgt Gefahren der Vereinfachung. Nicht einverstanden bin ich mit einer eher beiläufigen Zurückweisung von Recherchen, die Hintergründe und Personen-Netzwerke erst einmal dokumentieren. Sie können erst erweisen, welche Schlussfolgerungen daraus wahr oder falsch sind. Die Vorausdeutungen auf 9/11 in der Popkultur, wie von Kulla ebf. erwähnt, sind Gegenstand einer fortlaufenden Interpretation; sie sind so umfangreich, dass ihre Diskussion eigentlich nicht ausbleiben kann. Ihr vorläufiger Nachweis führt zu der Frage, wer dies mit welchen Absichten in der Öffentlichkeit verbreitet. Die diskursive Verarbeitung ist dabei keineswegs abgeschlossen. Sie – wie manches andere – ist auch nicht in einer kapitalismuskritischen Diskussion allein abgedeckt. Man muss das eine nicht lassen, um das andere zu tun.

Marius Raab: Die FIFA als Bauernopfer der Weltpolitik?
Auch die psychologische Betrachtung von Marius Raab erbringt gute Differenzierungen von Mikro-Phänomenen des Verschwörungsdiskurses. Der Referent nimmt dezidiert zu einer Verschwörungs-Situation durch Überwachung im Internet Stellung (was eine meiner Forderungen hier bereits berücksichtigt). – Man könnte die sprachtheoretische Betrachtung inhaltlich noch anderorten anwenden und sehen, wie ein anti-verschwörungstheoretischer Diskurs funktioniert. Schon Verschwörungstheorie als solche ist ja ein Trigger-Wort, und der Umgang mit ihm ändert sich.

Holm Hümmler: Geschäftsmodell Verschwörungstheorie?
Die Kritik von Holm Hümmler an zweifelhaften Informationsangeboten ist grundsätzlich berechtigt. Über ein Thema wie Chemtrails kann ich persönlich nicht abschließend urteilen, aber etwa Geschäftemacherei mit angeblichen Hilfsmitteln gegen Chemtrails, die offensichtlich wirkungslos sein müssen, ist natürlich lächerlich. Das meiste in Hümmlers Vortrag ist entweder korrekte Beobachtung oder eigene Bewertung. Man müsste ansehen, was im Einzelnen argumentiert wird. Hier reicht ein rechter Jargon wie “Machtjuden” aus, um mit der Form gleich jedweden Inhalt als irrelevant zu erklären. Es ist klar, dass die Zuspitzung und Personalisierung schnell an die Volksverhetzung heranführen kann. Nur bestimmte Beteiligte und Strukturen so von vornherein aus der Betrachtung auszuschließen, lässt sich wissenschaftlich nicht rechtfertigen. Und dem liegt ein komplexer – teilweise aber nicht stattfindender – Aushandlungsprozess zugrunde, wer was mit welchen Absichten getan hat oder tun wollen würde. Wer z. B. in Deutschland, Europa oder den USA keinerlei nennenswerte verschwörerische Kräfte am Werk sieht – womit begründet er seine Aussage? – Hümmlers eigene Firma als Berater weist als Kunden “Automobil, Chemie, Finanzdienstleister, High-Tech, IT, Logistik, Pharma” aus. Wie von Marius Raab beschrieben, bestehen in High Tech und IT heute Funktionsbereiche einer sehr weitreichenden Überwachung, dabei auch Verschwörung der Betreiber gegenüber Milliarden von Nutzern. Die Automobil-Branche erlebt gerade einen ihrer größten Betrugsskandale um Abgas-Werte. Die Pharma-Industrie ist einer der äußerst berechtigten Gegenstände der Kritik – von einer übertriebenen Medikalisierung generell zur oligopolischen Marktaufteilung. Und als Auftragnehmer solcher Industrien kreidet Hümmler nun ein paar Verbreitern von Informationen, die nur angeblich, nur teilweise oder doch sehr fragwürdig sind, ihr Geschäftsinteresse an. Von der Relevanz des Gegenstands her müsste er seine kritische Intelligenz wohl eher an Wirtschaftszweigen erproben, die ihn als Person schlichtweg im Arbeitskontext bezahlen. Ich finde es nicht unpassend, darauf hinzuweisen, zumal, da Kritik an sog. Verschwörungstheorie auch den an anderer Stelle zahlenden Kunden Hümmlers dient. Nicht jede Impf-Kritik sollte man freilich unkritisch lesen, das ist wohl richtig. – Etwas übertrieben können einzelne Schätzungen von Gewinnaussichten sein. Ich werfe hier bei 9:29 Min. zu “Recentr” ein, dass Alexander Benesch wiederholt eine Schließung der Seite erwogen hat, weil der persönliche Aufwand in keinem Verhältnis zum finanziellen Gewinn stehe, der erst das wirtschaftliche Überleben sichern könnte. Das wird wohl den meisten so gehen, die jenseits des Mainstreams arbeiten. Jan Udo Holey alias Jan van Helsing und der Kopp Verlag dürften Ausnahmen bei dennoch teilweise sehr relevanten Inhalten sein. (Van Helsing spricht eine Macht-Kabale der Wall Street, wie schon frühere verfehmte Autoren, im Großen und Ganzen korrekt an. Im Programm von Kopp finden sich aufschlussreiche Bücher wie die von Jim Marrs oder Carroll Quigley. So mancher Beitrag ihrer Website trägt zu echter Aufklärung und Erweitertung der Perspektive bei, wird aber vom Mainstream komplett verhetzt.) Auch hier widerstrebt mir natürlich in der Präsentation, dass all jenes in einen Topf geworfen wird. Und man stelle sich dieselbe kritische Haltung einmal vor gegenüber Sinnlosigkeiten und Wucherpreisen der Unterhaltungsbranche. Die Kritik wäre dort für mich viel notwendiger anzubringen, wird aber fast nirgendwo geäußert – und wenn, dann nicht zuletzt in dem, was Hümmler wohl vordringlich für kritikwürdig hält, nämlich im Informations-Untergrund des Internets.

Jan Rathje: Handlungsoptionen gegen Verschwörungsideologien
Kommen wir nun zu dem für mich schwierigsten Fall der Tagung. Nach dem Vortrag gab es einen streckenweise aufgebrachten Wortwechsel zwischen Jan Rathje und mir. Ich sehe in der Amadeu Antonio Stiftung über eine sinnvolle Beobachtung politischer Radikalismen hinaus eine Institution von Meinungsterror (was ich hier aber gar nicht direkt sagte). Dieser macht sich mittlerweile im Leben jedes einzelnen politisch Denkenden und Sprechenden bemerkbar. Ich wies im Gespräch mit Rathje darauf hin, dass ich durchaus zerstörerische Akteure in einer Reihe (finanz)wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Bereiche sehe. Ein Vortrag wie der seine blendet all dies aus und stellt dann fest, dass die Benennung zerstörerischer Tendenzen illegitim in “Antisemitismus” münde. Das kann man mit dem gebotenen Ernst wohl kaum so verallgemeinern. (Es gibt zerstörerische Tendenzen, es gibt eminent wichtige jüdische Beteiligte darin, es gibt vielfache Kritik an spezifisch jüdisch-israelischer Politik. Oder gibt es all das etwa nicht?) Natürlich gibt es unzulässige Verallgemeinerungen und einen von Hass geleiteten Sprachgebrauch. Doch nur zu suggerieren, eine auch auf jüdische Personen und Gruppierungen – und teilweise über das Ziel hinaus – gerichtete Kritik sei an erster Stelle das Problem, scheint mir eine äußerst problematische Botschaft zu sein. Ich fragte Jan Rathje daraufhin noch, was denn seine Konzeption von “Judentum” sei. Es folgte lediglich Schweigen. – Mir zeigt das, dass mit Rathjes Tätigkeit eine extrem meinungs- und vorurteilsgeleitete Haltung institutionell verstärkt wird. Ich habe nicht ersehen können, dass er über ein differenziertes Bild dessen verfügt, worüber er hier spricht – die Bildung und Artikulation ‘antisemitischer Vorurteile’. Ich halte derlei für ein ernstes Problem – es ist eine sehr einseitige politische Besetzung in Geistes- und Sozialwissenschaften. Hier wird sie dann zu einer scheinsouveränen Anleitung, wie eine ‘richtige’ gegen eine angeblich ‘falsche’ politische Grundhaltung agitatorisch durchzusetzen sei – ohne Rücksicht auf irgendwelche Inhalte und Fakten, um die es konkret geht.

Alexander Capistran: Epistemologische Probleme im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien
Mit Alexander Capistran sind wir bei reiner philosophisch-erkenntnistheoretischer Abstraktion angekommen. Ich finde die Argumentation schlüssig und interessant – moderne und postmoderne Begriffsbildungen auf das Thema Verschwörungstheorie zu beziehen und dann sogar einen Ausblick auf denkbare post-postmoderne Theorien zu wagen. Auch hier ist eine meiner Forderungen aus dem vorigen Beitrag schon enthalten: Es können sich neue Typen von Rationalität und ‘Wahrheit’ herauskristallisieren, die sich früheren Dilemmata entgegenstellen. Dafür halte ich es für unerlässlich, die Vielfalt von Beobachtungen und Interpretationen – soweit praktisch möglich, und das ist durchaus ein Problem bei komplexen Fragen – überhaupt erst zuzulassen und wahrzunehmen, als Interpret – auch Beobachter – dieser Debattenkultur im größtmöglichen Maß zu erkennen zu geben, welche Einzelheiten wahrgenommen wurden und wie sie zu bewerten sind, wenn sie überhaupt erst wahrgenommen wurden. So verstehe ich hier das Argument zu “Mustern, kontingenten Wahrheiten”.

Wollte man einzelne der hier geäußerten Ansprüche umsetzen und erfüllen, bedürfte es einer anderen Verfassung und Organisation von Wissenschaften, als sie sich derzeit gestalten. Auch hat sich über die Jahrzehnte eine Menge sprachlicher Ausweich-, Ironisierungs- und Tarnungsspiele entwickelt, von denen die Außenwelt sich wohl bisher kaum ein Bild macht. Die Frage ist, wann die Selbstbeobachtung der Gesellschaft durch ihre Wissenschaften existenzielle Notwendigkeit erreicht bzw. wo wir auf einem denkbaren Weg dorthin uns gerade befinden.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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4 Responses

  1. Holm Hümmler sagt:

    Mir ist ehrlich gesagt vollkommen schleierhaft, an welcher Stelle der Eindruck entstanden ist, Gegenstand meines Vortrags sei die Kritik an Verschwörungstheorien mit der Argumentation, dass jemand daran Geld verdient.
    Dass alle von mir zitierten Verschwörungstheorien inhaltlich vollkommen schwachsinnig sind, ist ja an anderer Stelle hinreichend gezeigt worden, und ich bin (auch angesicht einiger der anderen Referenten vielleicht etwas optimistisch) davon ausgegangen, dass das gegenüber den Teilnehmern einer solchen Veranstaltung keiner weiteren Erwähnung bedarf.
    Die für mich interessante Fragestellung auf dem Kongress war, warum Leute solchen Schwachsinn glauben und verbreiten. HIerzu habe ich mich mit der Frage beschäftigt, ob sie diesen Schwachsinn verbreiten, weil sie damit Geld verdienen, und zwar mehr als sie es mit anständiger Arbeit könnten. Diese These stammt, wie ich gleich eingangs erwähnt habe, nicht von mir. Ich habe sie lediglich aufgegriffen, um sie zu prüfen.
    Beim weit überwiegenden Teil der betrachteten Beispiele habe ich diese These klar verneint – danke in diesem Zusammenhang für die Bestätigung im Fall Benesch. Die Ausnahme Holey erwähnen Sie selbst, und der Kopp-Verlag erscheint mir zwar insgesamt profitabel, aber wie ich im Vortrag herausgearbeitet habe, dürfte der Anteil zumindest von Verschwörungstheorien im engeren Sinne am Verlagsumsatz eher überschaubar sein.
    Eine weitere Ausnahme ist sicherlich Fitzek, wobei ich das nicht einmal unbedingt negativ sehe: Sich von Reichsbürger-Anhängern Geld geben zu lassen, das ansonsten möglicherweise bei radikalen politischen Gruppen gelandet wäre, und es in ein Projekt zu versenken, das irgendwann in der Insolvenz enden dürfte, leistet wahrscheinlich mehr für die Demokratie als manche Operation des Verfassungsschutzes.
    Meine persönliche Hypothese zur Funktion des Verbreitens von Verschwörungstheorien ist ja, wie ich am Ende des Vortrags auch betont habe, dass Verschwörungstheorien ein Bindeglied zwischen harmlos erscheinender Esoterik und rassistischer Ideologie bilden. Sie wären mir (mit Ihrer ja durchaus spannenden Neugier, Ihrem Wissensschatz und Ihrem beeindruckenden Recherchefleiß) ehrlich gesagt sympatischer, wenn Sie das nicht auch noch bestätigen würden.

    • Mit Verlaub lautet ja der Titel Ihres Vortrags “Geschäftsmodell Verschwörungstheorie”. Ich finde auf die Schnelle die Stelle nicht, wo Sie einmal von einem Faktor 1:20 Käufer/Besucher ausgehen (so meine Erinnerung). Die Schätzungen anhand von amazon-Verkaufsrang kann ich nicht beurteilen; hier haben Sie nicht erklärt, worauf sie beruhen.
      Der genannte Faktor etwa scheint mir deutlich zu hoch gegriffen. Meine Erfahrung ist eher die von 1:1000. So erwähnte es zuletzt auch Christoph Hörstel betr. Werbeeffekt seiner Videos für Partei-Interessenten (“Deutsche Mitte”). In solch einem Fall liegt dann vielleicht eine Schätzung um den Faktor 50 zu hoch.
      Den Tenor Ihres Vortrages empfinde ich tatsächlich eher so: ‘Mit Verschwörungstheorie lässt sich ganz gut Geld verdienen.’ Auch wenn Sie das etwa für Recentr nicht so deutlich ausgesprochen und meiner Einschränkung dann zugestimmt haben.
      Recentr ist für mich einer der Fälle, in denen die Zusammenstellung Ihrer Beispiele dann eine deutliche Ungerechtigkeit mit sich bringt. Sie wirkt sich im Diskurs potenziell auch auf Ungenannte aus, einschließlich meiner Person. Mit Journalismus und Büchern ausreichend Geld zu verdienen, um überhaupt seine Arbeit tun zu können, wird derzeit immer schwieriger. Während, denke ich, die allermeisten in diesem Bereich sehen, dass es außer für spiegel.de und welt.de etc. äußerst schwierig ist, größere Zahlen von Besuchern zu gewinnen, wird unter institutionellem Dach ausgerechnet zu konzernunabhängigen Websites der Eindruck erweckt, es handele sich um Maschinen zum Gelddrucken.
      Ich könnte hier seitenweise ausführen, worin ich dabei die Ungerechtigkeiten sehe. Allgemein gesagt, finde ich die Korrektur irreführender Informationen immer wichtig. Viele Esoterik-Angebote sind sicher missbräuchlich bis sogar gefährlich in falschen Gesundheitsratschlägen. Die Ablehnung und das Misstrauen, das Menschen dazu führt, an Chemtrails zu glauben, hat jedoch nicht nur unrealistische Gründe. Jan van Helsing greift auch bereits auf andere Autoren zurück, wenn er als eine Hauptthese ausspricht, dass ‘die Wall Street’ wesentlich am Entstehen von Weltkriegen beteiligt war. Das Instrumentarium unserer Geschichtswissenschaft etwa war bisher allzu dürftig, um hierzu überhaupt gründlichere Klärungen vorzunehmen. Ein van Helsing vermittelt dazu – bei mancher Flapsigkeit oder Ungenauigkeit im Detail – Lesern immerhin eine Ahnung von Realitäten, die ihnen bei Joachim C. Fest und allen anderen aus dem Mainstream-Spektrum vollkommen verborgen bleiben. Fest ist der größere Stilist und macht sicher in Sachaussagen weniger Fehler. Dafür ist das Geschichtsbild des Mainstreams aus meiner mittlerweile gewonnenen Sicht sehr viel heilloser schief als bei manchem, der bei Ihnen in der Kritik steht.
      Ich versuche hier auch, zwischen diesen Fronten etwas zu vermitteln. Wenn Sie en passant den Eindruck vermitteln, es gebe eigentlich keinen Grund, an sehr destruktive Strategien gegenüber Deutschland zu glauben, und Chemtrails seien ein weiteres Beispiel für solche übertriebenen Ängste, das sich bezeichnenderweise mit ‘rechter Esoterik’ überschneide, greift mir das schon zu kurz.
      Meine Widerrede zur Geschäftsträchtigkeit (als nicht vorhanden oder im Prinzip nicht unbedingt kritikwürdig) basiert zunächst wesentlich darauf, dass ich derartige Kritik an anderer Stelle so gut wie gar nicht vorfinde – immer wieder zurückgehend auf mehr oder – eher – weniger ausgesprochene ideologische Vorannahmen. Ist es nun nicht eigentlich schädlicher, seitens von Medienkonzernen irgendwelche Kokain-Dealer als Identifikationsfigur für Millionen von Jugendliche hinzustellen und teures Geld für deren CDs und MP3s zu verlangen? Für äußerst dürftige Musik und Lyrics? (Autoren wie Gerhard Wisnewski gehören unter den Genannten auch zu den wenigen, die Vergleichbares überhaupt ansprechen – einen organisierten kulturellen Niedergang, wie auch ich ihn empfinde.) Dasselbe gilt für die – durchaus esoterischen – Inhalte von Endlos-TV-Serien u.v.m. – Ich kann dazu nur sagen, dass ich seit über 15 Jahren in Deutschland für die Kritik von derlei institutionelle und öffentliche Anlaufstellen suche. Es gibt sie nicht. Komischerweise gibt es aber z.B. GWUP, die ihre berechtigte Esoterik-Kritik dann auch auf sog. “Verschwörungstheorie” erweitert.
      Wir haben es hier mit einem unübersichtlichen Knäuel von Inhalten zu tun. Und es gibt handfeste Interessen, von den eigentlich relevanten Inhalten abzulenken und Aufklärer auf jedwede Weise zu diskreditieren, z.B. auch als Geschäftemacher. Das sind Interessen, die sich mit der Lancierung des Begriffs “conspiracy theory” durch die CIA offensichtlich verbanden. Die dahinterstehenden Interessen dürften erhalten geblieben sein. Sie haben Millionen von Menschen das Leben gekostet, und ich würde es vorziehen, wenn es in Deutschland nicht schon bald wieder so weit ist. Einige Entwicklungen scheinen mir dafür angebahnt, und als die Urheber sind dieselben Kreise zu identifizieren.
      Sie haben sicherlich gelesen, wofür sich Berater von Hillary Clinton interessieren (hierzulande im Mainstream wohl fast komplett verschwiegen). Für Esoterik-Kritiker gibt es da viel zu entdecken, und zwar mit Gegnern von erheblich größerem ökonomischem Potenzial. Das wäre die eigentliche Aufgabe, wenn es um Aufklärung geht, wenn man dabei auch nach Relevanz zu gewichten hat.
      Ich bin für jeden weiteren Austausch dazu gerne ansprechbar. Danke auch für Ihre Gegenkritik.

  2. Holm Hümmler sagt:

    Der Ttel lautete Geschäftsmodell Verschwörungstheorie FRAGEZEICHEN – und die Antwort war in fast allen Fällen nein.
    Ich habe auch nie Käufer zu Besuchern abgeschätzt (wofür Ihre 1/1000 noch viel zu optimistisch ist), sondern Spender zu namentlich registrierte Unterstützer als Obergrenze für maximal zu erzielende Einnahmen, um zu zeigen, dass davon keiner leben kann.
    Und dass man von dem antisemitischen Unfug, den Sie hier verbreiten, nicht gut leben kann, finde ich ehrlich gesagt beruhigend.

    • Schauen Sie sich am besten das Video nochmal an. Sie sprechen von den Einnahmen, die so generiert werden, und haben eben auch abgeschätzt, wieviel Gewinne gemacht werden können – viel im Fall von Jan van Helsing, wie von Ihnen ausdrücklich dargstellt, weniger in anderen Fällen, teilweise mit abstrusen Angeboten.
      “Unfug” schreibt sich schnell da hin, zu belegen ist es schwieriger. Das Mittel der Diffamierung liegt auf Ihrer Seite. Da unterscheiden Sie und GWUP sich wenig von denen, die Sie kritisieren: Aggression, mit unterschiedlichen Vorzeichen eingeschränkte Realitätssicht. So kommen wir nicht weiter.
      Falls Sie im Blog oder in meinen Büchern etwas finden können, was Sie gut begründet als “Antisemitismus” bezeichnen können – pauschale Verurteilung von Juden, deren eigene Überlieferung ja teilweise grob völkisch bis rassistisch ist und auch noch so praktiziert wird -, würde mich das interessieren. Sonst steht Ihr “Unfug” als eine weitere leere Verunglimpfung da. Und über Stellungnahmen zu dem, wovon Sie als “Judentum” sprechen, sieht man in Verlautbarungen wie den Ihren eben – rein gar nichts.

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