Der Schande preisgegeben – eine Verschwörungstaktik

Aus aktuellem Anlass lässt sich an den vorherigen Eintrag anschließen: Gestern wurde die Aufhebung der Immunität des Bundespräsidenten Christian Wulff (CDU) von der Staatsanwaltschaft beantragt. Heute Vormittag sehe ich im Dortmunder Bahnhof zum ersten Mal auf einem der Bildschirme die Nachricht vom Rücktritt Wulffs. Etwa eine Stunde zuvor las ich in Dieter Rüggebergs „Geheimpolitik. Der Fahrplan zur Weltherrschaft“ (1990) auf S. 9 ein Zitat aus dem 2500 Jahre alten Text „Zehn Regeln des Meisters Sun-Tsu“:

[U]nterhöhlt mit allen Mitteln das Ansehen ihrer führenden Schichten, verwickelt sie, wo immer möglich, in dunkle Geschäfte und gebt sie im richtigen Augenblick der Schande preis

In diesem Buch ist es ein Auftakt-Beispiel für Strategien, die Rüggeberg und andere Autoren als Schlüssel zum Verständnis politisch-historischer Ereignisse sehen. Und hier sei das aktuelle Ereignis vermerkt, das recht exakt in dieses Beschreibungsschema passt.

Rüggeberg gilt, wie zuvor erwähnt, als „Verschwörungstheoretiker“ und wird aufgrund von alternativen Interpretationen der Entstehung des Nazi-Regimes besonders stark diffamiert. Die Berichterstattung über den Fall Wulff ist eines von vielen Beispielen, die jedoch Erklärungsangebote, wie von Rüggeberg in seinen Bänden der „Geheimpolitik“ entwickelt, plausibel erscheinen lassen. Die die breite Öffentlichkeit dominierenden Medieninhalte – und auch das mittlerweile angeschlossene Web 2.0 – reagieren größtenteils im Affekt. Und hier gab es reichlich Anlass zur Häme und immer weniger Gründe, Wulff vor unangemessenen Verbalattacken in Schutz zu nehmen. Was sich da angehäuft hat, ist (meiner Meinung nach) immer noch kein Skandal, der diese Aufregung rechtfertigte. Er ist ein Symptom für eine Neid-Debatte, die viel gründlicher geführt werden müsste. Dass ein Profi-Politiker unter anderen Privilegierten auch Luxus genießt, sollte doch eigentlich niemand wirklich verwundern. Dass einer wie Wulff über die Jahre mit etwas anrüchigen Vergünstigungen verwöhnt und anschließend streng nach Sun-Tsu ‚der Schande preisgegeben‘ wird, bestätigt viel weniger die funktionierende Selbstreinigung einer demokratischen Öffentlichkeit als das definitive Resultat einer möglichen praktischen Anwendung der Regel Sun-Tsus.

Es bleibt natürlich eine Frage, ob ‚jemand‘ diese Regeln aktiv angewendet hat. Ich habe schon im „GesichterWissen“ in drei Beiträgen hier, hier und hier auf die physiognomische Codierung hingewiesen, in die Wulff eingebunden ist. Dazu gehören eben Personen wie Unternehmer Egon Geerkens und Filmfonds-Manager David Groenewold. Und wenn man über Machinationen mutmaßt, die dazu führten, dass Wulff ‚der Schande preisgegeben‘ wurde, sind etwa diese beiden Personen mitverantwortlich. Bei Groenewold liegt eine halbprivate Lobbytätigkeit in der Kultur seiner Sache. Zu Geerkens soll Wulff seit Jugendzeiten eine Verbindung pflegen. In diesem Fall ist es dann die Frage, ob es sich um eine falsche Einschätzung der späteren Beurteilung von Kungelei handelt, oder ob Wulff von Geerkens aufgrund einer längerfristigen Planung in eine Falle gelockt wurde. Für beide Fälle, Wulff/Geerkens und Wulff/Groenewold gilt jedoch auch, dass eventuell nur ein Setting geschaffen werden musste, aus dem sich bei absehbaren Verhaltensweisen und Neigungen solche Vorteilnahmen recht wahrscheinlich ergeben mussten – der nicht übermäßig reiche Wulff versucht, einen relativ luxuriösen Lebensstil zu pflegen, reiche Freunde selbst in ein möglichst repräsentatives Haus einladen zu können und besonders komfortable Urlaubstage zu verleben. Dann würde es um Personen gehen, die z. B. gemeinsame Einladungen an Wulff und Groenewold aussprachen. Dies wäre ein Leichtes, da eine Person wie Groenewold ohnehin jede Möglichkeit einer Kontaktaufnahme zu Personen wie Wulff suchen würde.

Eine weitere bedeutsame Instanz ist dann die „Bild“-Zeitung, die nicht erst seit gestern eine Akte über Wulff geführt haben dürfte. Ihr Chefredakteur Kai Diekmann hatte vermutlich letztendlich zu entscheiden, ob Wulff von dieser Seite – und die gesamte Debatte stark befördernd – in die Pfanne gehauen wird. Dass Diekmann nicht nur mit Helmut Kohl befreundet ist, können wir als gegeben voraussetzen. Für die Wulff-Affäre wird der Einfluss seines Netzwerks nach außen hin – und von der „Frankfurter Rundschau“ kolportiert – dann so dargestellt:

Diekmann habe persönlich mit zwei Journalisten anderer Zeitungen über den Anruf gesprochen und ihnen auch eine Abschrift der Mailboxnachricht zukommen lassen. Der eine Journalist habe empfohlen, die Nachricht zu veröffentlichen, der andere habe davon abgeraten.

Ich bleibe erst einmal bei der Einschätzung (wie hier und hier), dass Wulff – entweder als patsy oder sogar wissentlich – mittlerweile über Monate den Prügelknaben einer Öffentlichkeit abgibt, die unfähig ist, in ihrer Aufmerksamkeit Prioritäten zu setzen. Sonst würde nicht gegen ein paar Tage Urlaub von späteren Bundespräsidenten, sondern gegen viele Milliarden Risiken, Verluste und Schulden demonstriert, die sich aus Entwicklungen am Finanzmarkt und in der Europäischen Union ergeben. Neben allem Wulff-Getöse geht das eigentlich Ungeheuerliche fast sang- und klanglos durch. Auch wenn die Euro- und Etat-Turbulenzen nicht verschwiegen werden (und nicht verschwiegen werden können), bleiben sie doch solange abstrakt, bis diejenigen, die die Schulden zu bezahlen haben, sie schließlich materiell selbst bemerken. Dann ist es zu spät – wir stehen in der Schuld. Die Affäre Wulff stimuliert lediglich einen kleinbürgerlichen Affekt gegenüber Leuten, die sich eine Luxus-Suite im Hotel leisten können. Darauf scheint mir das von „Bild“ & Co. entworfene Design dieser Affäre hinzuzielen.

Auch dies bestätigt in Reinkultur eigentlich das, was „Bild“, „Spiegel“ & sehr viel Co. so gerne als Nonsens diffamieren (ob im Auftrag oder aus fauler Ignoranz gegenüber validen Informationen) – sog. „Verschwörungstheorien“.

Eine weitere – als ‚rechtsradikal‘ verschriene – Argumentationslinie weist auf die inhaltliche Relevanz der „Protokolle der Weisen von Zion“ hin. Neben Büchern von Jan van Helsing und Johannes Rothkranz werden diese auch von Rüggeberg in „Geheimpolitik“ zitiert:

Wirtschaftskrisen zur Schädigung gegnerischer Staaten haben wir lediglich durch Zurückziehung des Geldes aus dem Umlauf hervorgerufen. Große Kapitalien wurden von uns aufgehäuft und so dem Staate entzogen, der dadurch gezwungen war, diese selben Kapitalien als Anleihe von uns zu entnehmen. Diese Anleihen belasten die Staaten mit Zinsen und machten sie zu willenlosen Sklaven der Kapitalisten […].
(S. 13)

Während immer noch viele von TV und bezahlter Presse geprägte Menschen mit Arroganz und Aggressivität auf von ihnen als „Verschwörungstheorie“ gelernte Erklärungsansätze reagieren, sehen sie in ebendiesen Mainstream-Medien Inszenierungen und Tatsachenberichte, die also exakt dem entsprechen, was in Form der „Protokolle der Weisen von Zion“ in Deutschland schlichtweg als „Volksverhetzung“ verboten ist: „Mit angezogener Schuldenbremse noch tiefer in die Krise“ („Süddeutsche Zeitung“, 31.01.2012), „Notenbanken kaufen Anleihen auch verdeckt“ („Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 17.08.2011), „Deutschland in der Euro-Falle“ („WirtschaftsWoche“, 06.02.2012).

Die „Bundeszentrale für politische Bildung“ macht ihrem Namen keine Ehre, indem sie sich in einer bestürzend unterkomplexen Sicht des Themas (das bei Rüggeberg differenziert und bedächtig, jedenfalls keineswegs „antisemitisch“ bearbeitet wird) in erster Linie in der selbst als Tarnung tauglichen verwickelten Editions- und Publikationsgeschichte der „Protokolle“ verzettelt und inhaltlich lediglich befindet:

Kern der Verschwörungslegende bildet eine geheime jüdische Verbindung, deren Ziel es sei, die traditionellen gesellschaftlichen Strukturen mit Hilfe von Demokratie, Liberalismus und Kapitalismus – im Zweifelsfall auch Sozialismus – zu zerstören und auf diese Weise die Weltherrschaft anzustreben.

Lassen Sie die „Juden“ (Prügelknaben in Verfolgung und Diskurs wie, was das Letztere betrifft, in diesen Tagen auf andere Weise ein Wulff) weg, und viele Aussagen der „Protokolle“ sind Tatsachenbeschreibungen, die täglich von vielen Presseberichten im Einzelnen bestätigt werden.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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