Eine sommerliche Zeit des Nachdenkens

Als ein Zwischenruf im Blog sei hier vermerkt: Journalistisch befinden wir uns ja im sog. „Sommerloch“. Abrufzahlen gehen herunter (wenn sie jemals „oben“ anlangten), weil Leser lieber anderes tun, als Leser zu sein.

Wie es sonst um das Interesse an Blog-Artikeln dieser oder anderer Seiten bestellt ist, lässt sich schwer einschätzen. Keine Statistik, die nicht gefälscht sein könnte. Wenig Ehrlichkeit und Realismus, wenn man sich an Marketing-Leitfäden hält.

Auf filmdenken.de wird es weitergehen – je nach Machbarkeit neben anderem Notwendigem oder Schönem. In diesen Wochen sind es eher Gespräche im Off, die ich für die Entwicklung dieser Seite und den dazugehörigen Büchern und Videos als wesentlich ansehe.

Vieles, was man zum Tagesgeschehen sagen könnte, würde sich hier im Blog inhaltlich wiederholen. Der Schwachsinn vieler audiovisueller Produktionen – wirklich massenwirksam meist nur die etablierten – hat sich keinen Deut geändert. Es gelingt der Medienindustrie weiterhin hervorragend, ihre zu Endlos-Serien u. v. m. verdünnte Plörre in die Hirne zu pumpen, bis nur noch wenig Authentisches und Menschliches in ihnen ist. Noch die meisten Intellektuellen halten dies für „Normalität“. Sie haben nicht begriffen, welchem Theater sie ausgesetzt sind – in dem noch die wenigsten angeblichen großen Geister ihnen irgendeine Orientierung gäben, die sinnstiftend wäre.

Wir sehen nach wie vor eine weitgehende Unbewusstheit über das eigene Schicksal. Da tut sich der Fußball-Religiöse wenig mit dem Suhrkamp-Leser. Alles ist auf Strukturen endlosen und beschränkten Gelabers heruntergeregelt. Die wenigen „intellektuellen Köpfe“ des Landes sind immer noch mehrheitlich in Illusionen über den Stand der eigenen Kultur und die Zukunft ihres Gemeinwesens gefangen – naiver Glaube an Machbarkeiten, die sie selbst nie erlebten oder erweisen konnten und wollten. Oder es folgt bestürzende Faul- und Feigheit, einmal angerissene Probleme – seien es Finanz- und Flüchtlingkrise, Globalismus etc. etc. – überhaupt weiterzudiskutieren. Wirtschaftliche und geistige Korruption allüberall – gefährliches Halbwissen in gediegenen Verlagseditionen, die vom schwurbeligen Anteil des Adorno-Erbes bis hin zur x-ten Double-Degeneration evoluieren. Der Rest werden irgendwann nur noch Mehrheiten naiver und brutaler Pseudo-Religiosität sein. Menschen, die außer Nahrungsmitteln, Wohnraum, Sexualität und billiger Musik nichts brauchen – leider auch nicht viel schaffen, was noch verstärkte Probleme aufwerfen kann.

Mir wird in diesen Wochen immer klarer, dass ich schon seit Jahrzehnten fast niemand getroffen habe, der irgendeinen Anspruch erfüllte, von dem Kulturbeflissenheit hier und da noch spricht – Sachkunde, Tiefgründigkeit, Komplexität, Nachhaltigkeit. Vor meinem Buch über Billy Wilder gab es keine wirklich anspruchsvolle Deutung eines solchen filmischen Werks. Seit es das Buch gibt, hat sich in einer tumben Öffentlichkeit auch fast niemand dafür interessiert. Und so könnte ich (leider: alle) meine Lese-, Seh- und Denkangebote weiter durchgehen.

Die Bilanz bei den Gatekeepern in Wissenschaft und Presse ist bis dato bestürzend. In meiner Schublade liegen allein vier fast fertige Bücher, die herauszubringen mich v. a. die Einsicht hindert, dass man sie genauso totschweigen wird wie alles andere. Zeitgleich wird es die nächsten Hypes geben um irgendetwas inhaltlich und formal Reduzierteres, Lärmiges. Im alternativen Meinungsspektrum des Netzes, in dem ich mich bewege, setzen sich leider oft nur Inszenierungen fort, von denen selbst die sichtbaren Akteure offensichtlich kaum wissen, wie sie funktionieren und was die ihnen dabei zugedachte Rolle betrifft. Wenigstens das ist teilweise noch amüsant – wenn auch für die Betroffenen im Kern bitter und für die Gemeinschaft eine durchaus armselige Begleitmusik für einen zunehmend krisenhaften Gesamtzustand.

Ich versuche seit vielen Monaten, Ansatzpunkte zu finden, wie die Publikation meines 700seitigen Buches „Derricks Vermächtnis. Herbert Reineckers TV-Serien und die Wiederkehr der Geschichte“ wirklich Sinn macht. Es scheint selbst der alternativen Öffentlichkeit nicht klar zu sein, welche Schätze es dort zu heben gibt. Es dürfte ihr nur eingeschränkt bewusst sein, wie effektiv die Unterdrückung von Deutung und Diskussion von etwas, das in Film und Fernsehen nicht US-amerikanische Trivialität und tendenzieller Satanismus ist, nach wie vor funktioniert – wenn sie nicht schlimmer wird, zumal die Zahl derer, die verstehen könn(t)en, geringer zu werden scheint. In unserer Kulturindustrie sind ein paar untere Schergen abgestellt, jeden wechselseitigen Diskurs, jeden freien Gedanken zu ersticken – auch davon hat ein Autor wie Herbert Reinecker zu Lebzeiten als einer der ganz wenigen erzählt, ohne dass jene Millionen, die dabei zusahen, es ansatzweise verstanden.

Auch wenn solche Diagnosen larmoyant wirken und als zwanghafter Kulturpessimismus diffamiert werden können – in der Sache kann ich wenig anderes erkennen. Es muss ausgesprochen werden, um wenigstens noch einmal die Chance zu eröffnen, es zu ändern. Sonst folgt eben noch unweigerlicher das schon Genannte. Und jeder, der dazu schweigt, ist mitschuldig daran.

Es ist immer wieder erschreckend zu sehen, dass nicht zuletzt jene, die für die Zukunft ihrer Kinder zu sorgen hätten, von den wirklichen Gefahren, denen diese ausgesetzt sind, am wenigsten wissen wollen. Dies gehört zur Aberziehung jeden echten Bewusstseins, jeden natürlichen Selbstschutzes zugunsten von Illusionen, deren Verlogenheit und Irrwitzigkeit nicht zuletzt der Spielfilm selbst in allen seinen Varianten von Beginn einer bisher kaum geschriebenen Geschichte an erzählt. Um es zu verstehen und in lebendige Kultur zu überführen, ist hier die Anlaufstelle. Sagen Sie es mir gerne durch, wenn Sie noch eine andere sehen, die das Gespräch nicht verweigert, wenn sie bemerkt, dass das zu erwartende Gegenüber ihr nicht unterlegen ist.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de – Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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