Wie die taz mit (er)nüchtern(d)en Zahlen ein Weltbild verzerrt – #Flüchtlinge

Im taz-Artikel hier weiter unten entsteht ein Schuldkomplex, auf den ich mit Anfang 20 auch sofort abgefahren wäre (‘Wir sind schuld, Deutschland muss nach wie vor historische Schuld sühnen, gleich, an wem und ohne Berücksichtigung aller möglicher Faktoren, praktischer wie logischer Notwendigkeiten und durchaus philosophischer Integritäten’). Der Anreißer lautet:

Die UN zählen weltweit 70,8 Millionen Menschen auf der Flucht. Den Großteil der Flüchtenden nehmen arme Staaten auf – und nicht etwa die EU.

https://taz.de/UNHCR-Fluechtlingskommissar-zu-Flucht/!5604380/

Die Realitäten sind äußerst bitter bis hin zu tödlich, das ist klar. Was unerwähnt bleibt, ist, dass jemand, der im hiesigen Sozialsystem Aufnahme findet, ungleich höhere Leistungen erhält als anderswo. Die ärmsten Länder nehmen zwar auf – werden aber vielmehr einfach überrannt (welche Differenz eine Wortwahl ausmacht). Relevant wäre jedoch auch, was sie den Flüchtlingen anschließend geben. Im Zweifelsfall werden doch höchstens UNO-Hilfen verteilt, um die Menschen auf einem niedrigen Niveau am Leben zu erhalten, nichts weiter. In Deutschland erhält spätestens ein anerkannter Asylbewerber hochklassige medizinische Leistungen und einen sonstigen Mindeststandard. Gibt es wohl im Sudan eine einzige Sozialleistung der Allgemeinheit für “Flüchtlinge”?

Es scheint mitnichten so zu sein, dass jemand mit Absicht als Flüchtling in den Sudan geht, dort bleibt oder dass jemand besondere Anstrengungen unternimmt, dass er dort bleibt. Entweder, das Land ist eine Durchgangsstation, oder Sudanesen selbst fliehen von dort weg:

Sudanesische Migranten gehen oft in die Golfstaaten, Flüchtlinge schaffen es meist nur in die Nachbarländer, weil sie kaum finanzielle Möglichkeiten haben, und nicht nach Europa. Aber natürlich hat der Sudan mit dem Abkommen einen Trumpf in der Hand: Denn viele Flüchtlinge aus Eritrea versuchen, über den Sudan nach Libyen und von dort aus nach Europa zu reisen. Sollte die EU einer möglichen Militärdiktatur im Sudan die Anerkennung verweigern, könnte die Regierung in Khartum damit drohen, das Abkommen platzen zu lassen und die Tore für Flüchtlinge zu öffnen.

https://www.welt.de/print/welt_kompakt/print_politik/article194770697/Sudan-koennte-Tore-fuer-Fluechtlinge-oeffnen.html

Und wer es der “Welt” nicht glauben will – es klingt in einem “Magazin für globale Entwicklung und ökumenische Zusammenarbeit” betr. Uganda doch nicht so viel anders:

Uganda hat dabei schon früh stets dieselbe Politik verfolgt, vor allem mit Blick auf die Flüchtlinge aus dem Südsudan: Die Menschen haben in grenznahen Provinzen Land bekommen, um dort möglichst für sich selbst sorgen zu können. Die Bewegungsfreiheit der Flüchtlinge und die Möglichkeit, sich außerhalb ihrer Siedlungen Arbeit zu suchen, sind bis heute stark eingeschränkt. Flüchtlinge, die sich auf eigene Faust aufmachen, um etwa in einer der ugandischen Städte zu leben, kriegen keinerlei Unterstützung.

https://www.welt-sichten.org/artikel/35195/uganda-taugt-nicht-als-vorbild

Das ist das Wesentliche, was für taz-Leser völlig undifferenziert und unmoderiert bleibt: Wer bezahlt es am Ende, wenn der rechtlich garantierte Wohlstand nicht für alle reicht? In welchem Verhältnis stehen potenzielle Beiträge zum Gemeinwesen (die sich statistisch nach Herkunftsgruppen und ggf. davon abweichend im Einzelfall stark unterscheiden) und die Absicherung in einem vergleichsweise luxuriösen System?

Das bedeutet leider nicht, dass Deutschland aufgrund bestimmter Annahmen, wie sich Überalterung auswirkt, Zuwanderer bedingungslos ‘aussuchen’ kann, wenn bestimmte soziale Standards nicht gänzlich zusammenbrechen sollen. (Wer das bezweifelt, muss dazu erstmal eigene Berechnungen vorlegen, wenn die von Ministerien oder größeren Beratungsagenturen, die auch das Migrationsgeschehen beeinflussen, falsch sein sollen.)

Meine Argumente hier sind nicht neu, aber auch auf anderen Themengebieten ist ein vermeintlicher “Humanismus”, der zum Ausdruck kommen soll, in letzter Konsequenz vielleicht eine Zerstörung, die schon jetzt kaum noch rückgängig zu machen ist. Nur so sind prächtigste aktuelle Wahlergebnisse für die “Grünen” zu erklären, deren Agenda in der Praxis mit den falschen Ankömmlingen immer noch deutlicher krachend scheitern könnte. Wenn das geschieht, wird es, wie noch einmal gesagt, nicht mehr rückgängig zu machen sein. Die verbindlichen Ansprüche der Einzelnen, denen ein Rechtsstaat sich aussetzt, können ihn durchaus selbst verzehren, dafür sind kriminelle Familien-Clans nur ein überdeutliches Beispiel.

Die gedankliche Konsequenz aus solchen einseitigen Darstellungen (die für Leser etwa der taz geballt und ohne Gegenbild auftauchen) würde lauten, dass es für niemand einen Anspruch gäbe, dass er ein würdiges Leben führt, weil anderen dieses Recht – aus einer Fülle von Gründen – verwehrt bleibt. – All das gehört zu den tiefsten philosophischen Fragen unserer Zeit. Hören wir genau hin, wie jene, die als “Philosophen” bezeichnet werden, darüber sprechen (oder, wie meistens, einfach gar nicht).

Die ärmsten Länder der Erde erwirtschaften nur 1,25 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung, beherbergen aber ein Drittel aller Flüchtlinge.
[…]
In Afrika produziert der Südsudan die meisten Flüchtlinge, global liegt weiterhin Syrien an erster Stelle. Zu den Millionen Flüchtlingen in- und außerhalb des Landes kamen zuletzt noch rund 300.000 neu vertriebene Menschen in der Region Idlib im Norden des Landes hinzu. Auch in Lateinamerika, wo zwischenzeitlich relative Stabilität herrschte, seien immer mehr Menschen auf der Flucht: In Zentralamerika werden sie von bewaffneten Gangs vertrieben. Die größte Zahl der neuen Asylbewerber kam im Jahr 2018 aus Venezuela: 341.800.
[…]
Die meisten Flüchtlinge weltweit nahm die Türkei auf (3,7 Millionen), gefolgt von Pakistan (1,4 Millionen) und Uganda (1,1 Millionen), Sudan (1,07 Millionen) und Deutschland (1,06 Millionen). Menschen, die lange Zeit im Land leben und dadurch eine dauerhaften Aufenthaltstitel bekommen, werden in dieser Zählung nicht berücksichtigt.

https://taz.de/UNHCR-Fluechtlingskommissar-zu-Flucht/!5604380/

Herr Habermas, war da noch was? (Google News “Habermas Flüchtlinge”) 2015 lautete das im “Tagesspiegel”:

Am Umgang mit den Flüchtlingen zeigt sich, wie zivilisiert Europa ist.

https://www.tagesspiegel.de/kultur/juergen-habermas-ueber-fluechtlinge-mit-dem-blossen-aufprall-ihrer-erschoepften-und-hilfsbeduerftigen-existenzen/12522496.html
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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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