Gregor #Gysi verplappert sich zum Gesellschafts-Zerfall

Man kann ein Resümee des n-tv-Jahresrückblicks mit Gregor Gysi und Harald Schmidt hier vorwegnehmen: Schmidt beschwert sich abschließend über einen Gong, der ihnen immer „hineinsemmele“, wenn es „tiefgründig“ werde (37:45 Min.). (Was unmittelbar davor gesagt wird, muss man sich selbst anhören. Ansonsten zitiere ich hier aber alles Wesentliche außer dem, was diese Sendung ausmacht.)

Das willkürliche Zeitlimit ist sicher ein Kernproblem heute, denn wo das Fernsehen aufhört, fängt das Internet an, und für dessen Bewohner fragt sich dann immer mehr, warum sie diesen Umweg überhaupt erst nehmen sollen.

Aber hier hervorheben möchte ich in erster Linie folgenden Satz. Betreffs neuer politischer Mehrheiten des Jahres bemerkt Gysi zu Emmanuel Macrons Wahlerfolg:

Frankreich war ein bisschen schneller, weil der Zerfall der Gesellschaft dort schon ein anderes Stadium erreicht hat. (9:05 Min.)

Das ist, die politische Person Gysis betreffend, schon sehr interessant. Nicht, dass er sonst als bloßer Schönfärber zu gelten hätte. Aber seine Anklagen haben eine eindeutige Struktur. Sie lauten in dieser Sendung etwa:

Die Konzerne haben die Menschheit miteinander verzahnt (13:00 Min.)

…, was natürlich irgendwann in die offene Kapitalismus-Kritik übergehen muss. Es werden von ihm brav abgearbeitet die Themen Steuerpflicht für Steuerpflichtige (22:10 Min.), die angeblich unabgeschlossene und deshalb voranzubringende Frauen-Emanzipation (31:10 Min.) und unterdurchschnittliche Investitionen in Bildung (26:40 Min.).

Aber Kommando zurück: Wörtlich sagt Gysi also, dass in Frankreich „der Zerfall der Gesellschaft […] schon ein anderes Stadium erreicht hat.“ Auch in den USA sieht er kurz davor eine bestimmte „Entwicklung“ – „sowas findet bei uns immer erst drei, vier Jahre später statt“, und Frankreich sei darin eben Deutschland voraus.

Man kann zunächst sagen, dass derlei bei anderen als der linken Galionsfigur Gysi schnell den Begriff des Kulturpessimismus „rechter“ Prägung provozierte. Ist es nicht eine unabweisliche Gewissheit über die Weltsicht Gysis, wenn er dies sagt, wie er es sagt? Wenn etwas „schon ein anderes Stadium erreicht hat“, so handelt es sich um eine recht zwangsläufige Entwicklung – von der Gysi anschließend nicht den Eindruck erweckt, er sähe dazu echte Alternativen oder suchte gar nach ihnen.

Als Kulissenschieberei wirken auch deshalb die linken Klassiker in seinem Repertoire. Nicht der „Politiker“, sondern der Kabarettist Harald Schmidt ist es, der eine ganz neuralgische Frage stellt, aus der viel Erkenntnis über unser Land entstehen könnte. Immer noch geht es dabei um das Beispiel Macron:

Wo ist denn die Generation der 30- bis 40jährigen […], wohnen die noch bei Mutti? (8:30 Min.)

Da ginge es vielleicht um Dinge, die nicht in das von Gysi vertretene Parteiprogramm passen – natürlich auch nicht in dasjenige seiner Gegner, die Möglichkeiten von „Vollbeschäftigung“, geringe Arbeitslosigkeit, Chancengleichheiten u. v. m. suggerieren.

Die Lebensumstände der Generation Praktikum gehören natürlich zur Dynamik, die den laufenden Rückgang einer einheimischen Bevölkerung vorantreibt, zumal bei Leistungsträgern, zumal in Bereichen wie Bildung (war da nicht was?), Kultur und Medien. Nach der vielfachen Verunmöglichung von Beziehungen und Selbstständigkeit bei gleichzeitig boomender Altersversorgung kiekst sich Gysi weiter durch die Lande … Für die Kinderlosigkeit von Deutschen hat er wenn, dann bekanntlich nur Häme übrig

…, für sich selbst hat er laut Titel seiner aktuellen Autobiografie aber ‚mehr als ein Leben‘ vorgesehen.

Das letztere Video stammt aus der Zeit der frühen Flüchtlingskrise 2015ff. Wie wir hören, belehrt Gysi hier noch sein Publikum, „nach 1945“ müssten „Flüchtlinge anständig“ behandelt werden. In der deutschen Realität hat das über das nackte Leben hinaus – erwartbar für viele, nicht aber sog. „Polit-Profis“ – schon zu vielen Ernüchterungen geführt – weshalb wohl in launiger Runde wie bei n-tv darüber erst gar nicht geredet werden muss. Das ist einer der Gründe, warum es politische Komik eigentlich auch gar nicht mehr geben kann: Das Witzigste sind mittlerweile naive und wirklichkeitsferne Aussagen, die sich mehrheitlich links von der Mitte finden. Das passt aber nicht zum Beißreflex der meisten Humoristen. Selbst Schmidt steigt als mit seinem gebühren- und werbefinanzierten Wohlstand kokettierender erklärter Zyniker dort nicht ein. Das könnte Stärke signalisieren, wenn man dabei nicht, wie Schmidt, auch noch angestrengt einer Wirtschafts- und Börsen-Boom-Begeisterung das Wort reden würde, der jeder Geld-Begriff und der Blick auf die Ursachen und Folgen von Massen-Zuwanderung fehlt. Um über „billiges Geld“ Witze machen zu können, hätte man auf diesem Sender Zuschauern ja noch etwas anderes als UFO-Dokus zeigen müssen. Schmidt bescheinigt lediglich irgendwo in der Sendung seinen gerade zusehenden Kunden, sie hätten eine verstärkte Nähe zur Privatinsolvenz.

Aber immerhin wird im Kontrast zu Schmidt schon deutlicher, wes Geistes Gysi zu sein scheint. Schmidt:

Das ist ja ein Optimismus, den wünsche ich mir häufiger in unserem Land. (42:58 Min., lautes Lachen im Hintergrund)

Das ist, in der Sendung aber eine halbe Stunde später, eigentlich die direkte Ironie auf das eingangs angeführte Zitat über den gesellschaftlichen „Zerfall“.

Und, bitte, nochmal dazu zurück: Wenn es noch Alternativen zu einem Zerfall gäbe – welche wären dies? Hinführend dazu müsste man dann ja sagen: ‚So, wie die Gesellschaft sich jetzt gestaltet, behagt sie mir nicht – ich würde ja immer einem Zerfall entgegenwirken wollen.‘ Dann müsste man eigentlich etwas verändern – an was? – In puncto „Gleichstellung“ von Frauen und unkontrollierter Zuwanderung schienen wir doch gemäß anderen Äußerungen Gysis bis dato auf dem richtigen Weg zu sein. Wieso also „Zerfall“?

Man darf annehmen, dass Gysi auf Anfrage immer behaupten würde, erst durch Abschaffung des Kapitalismus das Goldene Zeitalter beginnen lassen zu können. Bei jeder weiteren Nachfrage – ob sie z. B. Digitalisierung oder Integration betreffen – sind mir persönlich keine Aussagen Gysis erinnerlich, die tragen könnten.

Was findet man etwa zu „Gregor Gysi Digitalisierung“ – einem Thema, das seine Partei-Klientel ganz wesentlich angeht wg. industrieller und/oder gering bezahlter Arbeit? Ich sehe bei Google erstmal wenig. Konkret hört sich das in der „Neuen Westfälischen“ (20.11.2017) so an:

„Sind Gewerkschaften Auslaufmodelle angesichts der Digitalisierung und Arbeitsplatzverlusten?“, fragt die Moderatorin etwas provokant. Ganz so dramatisch sieht das der Gast nicht. Neue Technik, bringe neue Arbeitsplätze, ist Gysi überzeugt: Ohne Telefon gab es keine Telefonseelsorge, sagt er spöttisch. Als Problem betrachtet er in der heutigen Arbeitswelt die Zunahme prekärer Beschäftigung. Gegenrezept?

„Die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft muss wieder attraktiver gemacht werden. Man kann es noch hinkriegen. Die Gewerkschaften sind für mehr zuständig als sie denken“, so der Jurist und in einer Umfrage als „Stimme des Ostens“ bezeichnete Politiker.

Arbeitsplatz-Wegfall durch Digitalisierung scheint in seiner Version gar nicht vorzukommen. Eine Quelle, in der Gysi den „Beruf des Flüchtlingslotsen“ in Aussicht stellt, ist leider nicht mehr abrufbar.

Werden also alle Telefonseelsorger und Flüchtlingslotse – oder schreitet der von Gysi fast zeitgleich diagnostizierte „Zerfall“ doch unaufhaltsam voran? – Da sättigt dieser Jahresrücklick dann leider nicht ganz so. Zu wie vielen Menschen Gysi mittlerweile spricht, für die „Arbeitnehmerrechte“ seit jeher ein Fremdwort war, scheint ihm nicht bewusst zu sein. Ich persönlich kann mich an derlei nach 25 Jahren Erwachsenenleben kaum erinnern – mal von einem staatlichen Professor um den Lohn geprellt, mal aus politischen Gründen entlassen usw. Meistens bisher aber gar nicht bezahlt. „Missverstehen Sie mich richtig!“ lautet das Motto von Gysis „Sonntags-Treff“ im Berliner Kabarett „Distel“. Wenn es wenigstens das wäre.

Verständnis entwickeln wir bei 41:00 Min., wenn Gysi ausführen darf, sein Vater habe sich zu DDR-Zeiten der SED zur Vermeidung von Einsamkeit angepasst. Nun bleibt eigentlich nur noch die Frage offen, an wen Gysi welche Schokoherzen verteilen möchte (16:20 Min.). Da heißt es wohl bon appétit, auch in holländischer Gebärdensprache (12:20 Min.).

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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