Neuer Flachsinn und Größenwahn von #Kollegah

Als ich gerade diesen Beitrag beginne, meldet der “Deutschlandfunk” in seinen 19-h-Nachrichten, dass der russische Ministerpräsident Vladimir Putin ein Überwachungs-Gremium für Rap-Musik plant. Gleich im nächsten Satz beeilt sich das gebührenfinanzierte vermeintliche Qualitätsmedium, Putin eine Zensur-Absicht zu unterstellen, da sich über Rap-Musik auch Systemkritik äußere, die ihm unliebsam sei.

Das mag nicht ganz falsch sein – aber ist es eigentlich das derzeit Wichtigste zu diesem Thema? Liegt darin nicht in der Tendenz schon eine Wertung, die über die neutrale Meldung hinausgeht – weil dann zumindest eine anschließende Abwägung über den gesamten Wirkungszusammenhang fehlt? So wirkt es jedenfalls abermals auf mich als Hörer – während ich echte Kulturkritik auch zu problematischen Aspekten des Pop-Geschäftes fast durchgängig vermisse.

Letzteres steht im von der US-amerikanischen Pop-Industrie dominierten Westen seit Jahrzehnten aus. Ich vertrete hier keine puritanischen Positionen – aber etwa die Kombination aus mangelnder Information und Kontrolle via naiver Prohibition (wie von den seit 1992 in 5 von 6 Fällen weiblichen “Drogenbeauftragten der Bundesregierung” vertreten) und gleichzeitigem Dauerfeuer von Kokain-Propaganda usw. durch Pop-Musik richtet in der Tat immensen Schaden an.

Die vordringliche Aufgabe des Rundfunks wäre es, den erkennbaren Unrat einfach nicht zu senden – wie sie es aus ideologischen Gründen mit allerlei sonstigen Inhalten auch tun. Dass es eine mafiöse Verflechtung mit der Musikindustrie auch bei Öffentlich-Rechtlichen gibt, ist eindeutig daran ersichtlich, dass dies nicht geschieht. An erster Stelle gilt dies sicher für Jugendsender, aber auch für manche Sendungen des Deutschlandfunks. [Nachtrag: Kritische Beiträge des Senders zu Gangsta-Rap allgemein und zu einem Skandal um Kollegah finden sich ebf. im Archiv.]

So bin ich jetzt erst beim eigentlichen Thema, das allerdings inhaltlich schnell abzuhandeln ist. Denn die Mischung aus Selbst-, Gewalt- und Drogen-Verherrlichung durch Rap-Musik ist bekannt. Und die aktuelle Meldung, dass der Interpret Kollegah (bürgerlich: Felix Blume) Herbert Grönemeyer von der Spitze der deutschen Verkaufs-Charts verdrängt habe, zeigt untrüglich, wohin hierzulande die Reise geht.

Den noch verbliebenen denkenden Individuen sei es nur – wie sonst eindeutig viel zu selten – in Erinnerung gerufen, mit welchen sprachlichen Formen die Millionen von Hörern solcher Musik-Produktionen täglich oft über Stunden hinweg konfrontiert werden.

Es ist die Widerspiegelung billigster TV-Programme, ihre inszenierte Sehnsucht nach protzigen Autos und Schmuck, ihre Fetischisierung von Bodybuilding, ihr permanenter Ausfall in die sprachliche Feier von Gewalt und Obszönität.

Die lyrischen Elaborate des neuesten Werks “Monument” kann man auf einer Website namens “genius.com” bewundern. Klickt man den ersten Song “Orbit” an, so dauert es nur wenige Zeilen, bis das infantile Spiel mit der vulgären Provokation beginnt:

Ihr kleinen Nutten würdet für ein Feature
Auf der Scheibe lutschen wie mein Aquarium-Putzfisch
Sie sagen, mein Shit sei heute nicht mehr genug von Humor geprägt
Schwer wiegt das Haupt, das die Krone trägt (King)

Der Rest des Textes wimmelt vor – entsprechend der gesamten lyrischen Rhythmik – schiefen Bildern und unverständlichen Versuchen sprachlicher Originalität. Jeder Deutsch-Lehrer hätte Gelegenheit, dies vor seinen Schülern einmal als Beispiel unfreiwilliger Komik bloßzustellen. Das passiert, wenn jemand dichten will, ohne Literatur gelesen zu haben:

Die letzten sechs Alben war’n nur die Spitze des Eisbergs
Nummer sieben bringt den Polargipfelbruch, Bitch
Als ob die Solarschicht kaputt ist (yeah)
Realtalk, der Boss ist Blender
Nur wenn sein Platinum-Schmuck blitzt
Und fällt die Fassade, wird’s lustig

[…]

Denn der Don ist back, Monument, Bosslevel historisch

Wo derlei droht, zum neuen kulturellen Standard zu werden, kann jedem aufmerksamen Beobachter nur Angst und Bange werden.

Wie schon vor drei Jahren bemerkt, lanciert Kollegah seine CD zum verkaufsträchtigen Weihnachtsfest – angesichts seiner Inhalte eine einzige Farce. Auch bei Kollegah als Sohn eines Kanadiers und einer Deutschen ist sein zerebraler Sumpf aus Zuhälter- und Konsum-Selbstbildern mit der Religion des Islam verbunden, die er von einem algerischen Stiefvater übernommen haben will.

Ebenso irre also, dass die angeblich um Lauterkeit und Lebensregeln beflissenen Vertreter des Islam die Letzten zu sein scheinen, die hiergegen einmal das Wort erhöben.

Jene schwachen Kulturformen, für die Kollegah nur eines von immer mehr Beispielen ist, sind Symptome kontinuierlichen Niedergangs, der auch in pragmatisch relevanteren Lebensbereichen nicht ohne Folgen bleiben dürften. An erster Stelle ist es kaum vorstellbar, dass durch die Rezeption angenehme Charaktere geprägt werden können.

Man sollte sich auch vor Augen führen, dass wegen Rechts-Tendenzen derzeit über ein Verbot der Jugend-Organisation der “Alternative für Deutschland”, der “Jungen Alternative”, erwogen wird. Aus den Lautsprechern dröhnt derweil Kollegah:

Pure Epochalität, King ist der, der sich den Thron erobert
Nicht irgend ‘ne Fotze, die man demokratisch wählt

Der physiognomische Kontext in der Mediengeschichte ist im Fall von Kollegah offensichtlich. Es ist der Film-Schauspieler Marlon Brando, dem er äußerlich gleicht:

(Hier im Gesichter-Blog noch ein weiterer Hinweis zu Brando.)

Folgerichtig also, dass ein Kollegah – wie die meisten seiner Art – mit dem asozialen wie lächerlichen Lebensmodus eines Mafia-Paten kokettiert, für den Brando als Schauspieler am bekanntesten wurde. Und wenn es Akteure gibt, die einen wie ihn für eine solche symbolische Rolle ausersehen haben, ist ihm also von Anfang jene Ironie widerfahren, die ihm aufgrund seiner ästhetischen Produktion als Einzige gebührt.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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