Das tödliche Schweigen über #Kino und #Geschichte

Hier meine Antwort auf diesen interessanten Kommentar von „Theodor“ zum Artikel über die Zukunftssorgen (nicht nur) der Kommunalen Kinos:

Warum soll das Kino überleben, wem bringt das was? Gibt auch keine Kuriositäten Kabinette mehr, Zirkus und zoo gehen auch langsam ein. entertainment verändert sich. die Museen hängen, die Bibliotheken stehen voll mit Kunstformen, die überholt sind und nur noch Liebhaber und Experten interessieren. ganz normale Sache. wieso sollte das den 2 stunden kinofilm nicht irgendwann auch passieren, das ist nur eine willkürliche form des bewegten Bildes, die sich aus ökonomischen und technischen gründen entwickelt hat. ich werd kino nicht vermissen.

Dann würde ich Sie gerne begrüßen bei themenbezogenen Veranstaltungen, Diskussionen etc. Dort feiert der Mumienschanz 1895ff. ja noch fröhliche Urständ – staatliche Förderprogramme, wie wir sehen, inklusive. Ich weiß auch nicht, ob ich an Wahrnehmungsstörungen leide, wenn ich mich daran erinnere, dass in Berlin eine ganze „Museumsinsel“ weitergebaut wird, auf der allerlei „willkürliche Formen“ versammelt sind.

Ich halte mich, wenn auch nicht immer, eher mal mit Radikalismen zurück, da sie immer Risiken bergen und, historisch betrachtet, oft zu nichts Gutem geführt haben. Bei einer populären Kunst wie Kino und Fernsehen kommen noch andere Kriterien hinzu. Das sozial verbindende Prinzip der Medienöffentlichkeit etwa wird von mir ja nicht in Frage gestellt. Film- und Fernsehgeschichte betreffend allerdings gibt es Reformstau und eine Kamarilla in Presse und Wissenschaft, die noch die letzte Quadratwurzel auf das Halbverstehen einer immer stärker in kollektive Vergessenheit geratenden Kulturepoche abfeiert. Das kostet enorm, während sich unter den gütigen Augen kinderarmer 68er das Land mit Menschen füllt, die von dem allem, wenn man sich an den Orten der Kultur umsieht, wenig bis gar nichts wissen wollen. (Letzteres ist das bisher leider eben definitiv noch weniger als bei jenen einheimischen Bildungsbürgern, die immer stärker geistig desorientiert sind und denen bezahlte Funktionäre mittlerweile keine Orientierung mehr geben, sondern endlose hoaxes lancieren, bis wieder ein brillantes Interview mit Jürgen Habermas erscheint.)

Warum lese ich Ihre willkommene Meinungsäußerung nur hier – und 2017 erstmals, nachdem ich seit 2004 u. a. detaillierte Studien und Blog-Beiträge zum Beleg von film- und kulturhistoriografischen Thesen zusammentrage, die Prädikate wie „überholt“ theoretisch abwägen, differenzieren und begründen, die im Gegensatz zu den mir bekannten Wissenschaftstrends diskurshistorisch verdeutlichen, wie sich das Kino „aus ökonomischen und technischen Gründen“ entwickelt hat, und zwar bis in feinste Verästelungen von Inhalt und Form? (Ich kann im Einzelnen angeben, wo ich aus welchen Gründen Reflexionsdefizite in den „Wissenschaften“ sehe. Das alles wirkt für den Außenstehenden schnell zwanghaft – doch es wäre das in Lexikon-Definitionen bis zu Gesetzen geforderte wissenschaftliche Prinzip, das ja eigentlich nicht in Gruppentherapien oder Einzelhaft besteht. Und viel mehr ist oft nicht übrig, wie mir scheint.)

Jemandem, der Thesen wie die Ihren ausspricht und begründet, wird derzeit von angeblichen Koriphäen nur verstocktes Gebaren gewidmet. Man hofft (oder erweckt zumindest diesen Anschein), dass alles in eisigem Schweigen versinkt – und die eigene Bevölkerung weiterhin in endlosen Massen von Schwachsinn und den bekannten eugenischen Programmen, die damit verbunden sind. (Lustig, wenn die daran Beteiligten „gegen Nazis“ etc. sein wollen, aber noch nicht mal umfassender wissen, was das eigentlich ist und wo es angefangen hat.)

Ich antworte Ihnen hier so ausführlich und spreche Sie direkt an, weil die Uhr weit nach 12 steht. Es ist nur ein weiterer Krisenmodus, in dem wir uns schon längst befinden und der seinerseits längst zu krisenhaften Eskalationen führt. Auch wenn die meisten das nicht zu bemerken scheinen, hat es doch allerlei Wirkungen auf sie.

   

Argumentationslinien, um die es hier ginge, fingen einmal zaghaft mit einer filmhistorischen Dokumentation wie „Das Kino und der Tod“ (1988) von Hartmut Bitomsky an und erfuhren keine Fortsetzung. Stéphane Zagdanski wurde natürlich nicht auf Deutsch übersetzt. Das alles hat System – und wohl noch mehr, als selbst die aus diversen Matrizen ‚Aufgewachten‘ es derzeit schon ahnen.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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4 Responses

  1. Theodor sagt:

    Ich verstehe den text nicht. ich bin nicht mal sicher ob du kino gut findest oder findest dass es verschwinden darf oder soll oder was deine position ist. und was soll ich auf themenbezogenen veranstaltungen, deren thema mich wie gesagt nicht interessiert, und in meinem leben keine rolle spielt? soll ich da hingehen und sagen, übrigens euer thema betrifft mich nicht und auch sonst kaum jemand unter 30? das ist doch unfug, was soll das. wie gesagt, ich weiß einfach nicht, was du aussagen willst.

    • Das Interesse an Film hat sich bei mir gewandelt – richtet sich heute ja teilweise auf Selbermachen, dabei oft Anderes kommentierend.
      Danke für Deine Reaktionen. Sie sind mal ein Dokument für etwas, was in Experten-Diskussionen nach meinem Eindruck eben recht selten vorkommt: diese Rigorosität des Neuen. Ich sehe da Motivationen für mich, die Frage nach Geschichte und Interpretation zu stellen: Wieviel und was können und sollen wir erinnern? Wie wird es verstanden? – Da gibt es tausend Auffassungen und eine Praxis, die nach Möglichkeit weitermachen muss, sie kann sich selbst nicht jeden Tag Grundsatzfragen stellen.
      Wir sehen aber doch in einer Reihe von technischen Bereichen rasante Veränderungen. Das wird auch das kulturelle Gedächtnis betreffen. Natürlich gehört etwa zur Vorgeschichte der Computerspiele das Kino. Ich glaube, dass bisher filmerzählerische Funktionen noch nicht vollkommen überflüssig sind, oder? Sie wandeln sich. Andere und mehr Menschen produzieren aktiv Bewegtbilder. Insgesamt ist fast unsere gesamte Existenz mit Filmbildern durchsetzt, auf kleinen und großen, privaten und öffentlichen Bildschirmen. Dass Junge nicht umfangreichst TV-Serien im Internet schauen, wäre mir neu. Dadurch hat Filmkritik eigentlich höchsten Rang in der gesellschaftlichen Selbstvergewisserung.
      Es ist wirklich irrwitzig, dass zu dem am wenigsten Nachgefragten auf Buchmärkten Filmliteratur gehörte und gehört. Medienthemen sind eigentlich Kernthemen der Gegenwart. Bestseller werden auf Gebieten wie Politik, Gesundheit, Psychologie und Geschichte gemacht. Aber es gibt Gegentrends, wie zuletzt Bücher von Udo Ulfkotte oder Markus Gärtner, die im Mainstream fast ausgeschlossen bleiben. In der Internet-Gegenkultur gibt es mehr offensive Medienkritik mit eigener politischer Agenda. Aber wenig Filmgeschichte. Es gibt nur noch einige Spartenkanäle – ich weiß nicht, wieviel quantitativ zu früher. Der Rest ist DVD und Internet.
      Vielleicht ist die Abwesenheit von Filmhistorie auch eine Ablenkung von den Grundlagen der eigenen Kultur, des eigenen Kommunizierens. Wenn es nicht generell eine Frage nach Theorie oder nicht Theorie ist. Oder beides. Unsere Gesellschaft hat jedenfalls z. B. emphatische Begriffe von Volksbildung verloren. Wir sind dann nochmal beim ganz allgemeinen Begriff: Was ist Bildung und wofür benötigt man sie – d. h. was bleibt von dem übrig, was schon war?
      Ich bin schon wieder zu ausführlich – aber ich nehme die Gegenwart diesbezüglich als Krise wahr. Was Hollywood aktuell inszeniert, illustriert doch wohl einen Zustand der Menschheit (erstmal als fantastische Übertreibung etc.), in dem sie total technisiert, entmenschlicht, überwacht, potenziell im offenen Kampf befindlich ist. Und Letzteres ist ja kontinuierliche Realität mit neuesten Spitzen.
      Oder es werden Dinge erlebt, die der Zuschauer vielleicht gerade nicht erlebt: „Having taken her first steps into the Jedi world, Rey joins Luke Skywalker on an adventure with Leia, Finn and Poe that unlocks mysteries of the Force and secrets of the past.“ (Star Wars: Die letzten Jedi, 2017, http://www.imdb.com/title/tt2527336/)

  2. l2012ucas sagt:

    Das aktuelle Superheldenkino, passend zu ihrer Aussage „total technisiert, entmenschlicht, überwacht, potenziell im offenen Kampf“, ist mit okkulter Symbolik und quasi-religiösen Anspielungen durchsetzt. Gerade der Cube (Saturn) ist fast immer anzutreffen.

    https://www.google.de/search?q=marvel+movie+cube&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjW1aGvxoTYAhVDxxQKHaBwAz4Q_AUICygC&biw=1366&bih=637

    https://www.google.de/search?biw=1366&bih=637&tbm=isch&sa=1&ei=ftYvWo7WBJDAkwWvjar4Bw&q=dc+movies+&oq=dc+movies+&gs_l=psy-ab.3..0l2j0i30k1l8.6877.7386.0.7697.4.4.0.0.0.0.305.305.3-1.1.0….0…1c.1.64.psy-ab..3.1.304….0.1_R0uSvzEkc

    Zum Glück gibt es durchaus noch deutschsprachige populärwissenschaftliche Literatur zum Thema Kinofilm und Filmtheorie im Allgemeinen.

    https://www.amazon.de/Lehrermaterial-Ethik-Philosophie-Film/dp/3766166239/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1513084966&sr=8-2&keywords=Philosophie+Filme

    https://www.amazon.de/s/ref=dp_byline_sr_ebooks_1?ie=UTF8&text=Heidi+M%C3%B6ller&search-alias=digital-text&field-author=Heidi+M%C3%B6ller&sort=relevancerank

    https://images.springer.com/sgw/books/medium/9783642256240.jpg

    https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/515JUV9BWeL._AC_US218_.jpg

    • Wie immer interessante Hinweise, danke! Die Arbeiten von Heidi Möller waren mir bisher überhaupt nicht begegnet.
      Für alle aufgeführten Titel sehe ich spontan folgende Gegensätze zu meiner eigenen Arbeit: Es dürfte primär versucht werden, eine prä- oder außerfilmische Welt mit filmischen Erzählungen zu erweitern, auch zu beglaubigen. Das ist mir am ersten Beispiel (ohne die Beteiligung von Möller) sofort besonders deutlich: Man kann Entsprechungen für philosophische Theorien und Ethik im (Spiel-)Film finden. Das kann natürlich Erkenntnisse bringen, auch praktische Vorteile in der Vermittlung nicht-filmischer Ideen.
      Ich sage mal sehr verkürzt: Theorie (also im weiteren Sinne stets eine Art von Philosophie) hat erst seit wenigen Jahrzehnten begonnen, sich über Medien, v. a. Neue Medien einschließlich des Films, und deren ganz spezifische Techniken, Inhalte und Aussagen Gedanken zu machen. Inhaltsorientierte und psychologische Argumentationen sind dabei nach meinem Eindruck schnell wieder zurückgedrängt worden.
      Dies hat – so muss ich schließen – u. a. mit machtpolitischen Fragen zu tun – denn Aufklärung über Massenmedien irritiert die Massen, stört Geschäftsmodelle etc.
      Wenn man also in einem sehr unfertigen Zustand der philosophischen Begriffsbildung zu Technik, Inhalt und Form der jüngeren Medien dann versucht, in diesen Medien selbst eine Bestätigung (dabei eben ‚lediglich‘ Erweiterung des Prä- und Außerfilmischen etc.) zu suchen, wird man kaum das Spezifische und Neue dieser Medien mit all ihren komplexen Auswirkungen erkennen können.
      Das Kino ist kein (oder jedenfalls nicht nur ein) neuer Schlauch für alte Weine, er ist auch ein neuer Wein. Kino und Neue Medien haben längst schon Philosophie und Ethik (mithin eine theorieferne, teils ganz unbewusste Lebenspraxis) verändert. Geht man dieser Perspektive nach, geht es um ebenso schwierige neue Fragestellungen, wie eben auch Interessen tangiert sind, über die ‚man‘ nicht gerne redet. Ob wir unbewusste Praktiker einfach so weiterwurschteln lassen, gälte es dann zu entscheiden.

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