Überlebenskampf im Fall #Kino aussichtslos? – #KoKi

In einer langen Reihe von Déjà vus, nicht enden wollenden oder nie geführten Diskussionen ist es für mich ein zentrales Thema: der Status von Filmgeschichte und die Pflege des filmkulturellen Erbes.

Aus der Perspektive der Kinomacher geht es zunächst mal darum, einen laufenden Betrieb aufrechtzuerhalten und zu finanzieren. Im Fall von anspruchsvollen Programmen ist dies seit vielen Jahren nur mit Subventionen möglich (oder war es gar sonst nie). „Anspruchsvoll“ bedeutet unter den Filmen für ein Nischen-Publikum auch die Archiv-Kopie von Seltenem und Vergessenem.

Vorhin hörte ich im Deutschlandfunk ein Interview mit den beiden Organisatorinnen des heute beginnenden dreitägigen 13. Bundeskongresses der Kommunalen Kinos. Das Motto lautet dieses Jahr: „Rezepte für halbvolle Kinosäle – zeitgenössische und historische Annäherungen an das Marketing fürs Kino“.

Es muss etwa ein Jahrzehnt her sein, da ging es in diesem Kreis am selben Ort, dem Kino im Museum Ludwig in Köln, schon um dasselbe. In diesem Fall saß ich selbst im Publikum und hörte, wie einer der Programmkino-Leiter darüber räsonnierte, er sehe sich in seinem Publikum die wachsende Zahl ergrauter Köpfe an und rechne im Stillen aus, ob dieses Publikum für seine Dienstzeit noch ausreiche.

Ich erinnere mich noch, wie ich am Rande der Veranstaltung gereizte Reaktionen provozierte, indem ich auf der recht unerbittlichen Perspektive insistierte. Mir waren damals schon die Hauptfaktoren klar, die hier keine einfachen ‚Lösungen‘ erlauben:

  • Rückgang des Interesses an Filmgeschichte (wie auch intellektueller Auseinandersetzung im öffentlichen Raum generell)
  • Informationsüberfluss, insbesondere Präsenz von Filmen als legale und illegale Kopie
  • häusliche Beamer-Projektionen als Kino-Ersatz
  • finanzielle Einschränkungen durch prekäre Lebensumstände
  • demografischer Rückgang und Überalterung der an westlich geprägter Kultur Interessierten
  • Desinteresse an westlicher Kultur bei Zugewanderten v. a. aus islamischen Ländern

Können Kino-Macher an einem dieser Punkte irgendetwas ändern? – Die Antwort lautet: Lediglich den ersten Faktor, m. E. vielleicht auch den letzten könnte man beeinflussen – durch langfristig angelegte Sensibilisierung und, vor allem: durch wirklich interessante Angebote, die Besuchern einen Mehrwert im Kino bieten.

Letzteres ist bei einzelnen Veranstaltungen, die es gibt, sicherlich der Fall – ebenso wie schlichtweg bei jedem interessanten Film, zumal neuen Produktionen, die noch nicht als digitale Kopie kursieren. – Dies reicht aber offensichtlich nicht aus.

Im Vorlauf meiner ersten Buchpublikation „Billy Wilder. Filme – Motive Kontroverses“ (2006) machte ich gemeinsam mit einem Freund das Angebot, in einem Kino eine Tagung zum 100. Geburtstag des Regisseurs anzuberaumen. Wir stießen damit auf Ablehnung. – Im Hinblick auf das Publikumsinteresse war das vielleicht die richtige Entscheidung. Bei der Volkshochschule Bochum landete ein Seminar zu Billy Wilder immerhin im Programmheft. Es gab jedoch nur eine Anmeldung auf Bildungsgutschein, die anschließend wieder zurückgezogen wurde.

Eine rühmliche Ausnahme machte das Jüdische Museum in Dorsten, das mich 2012 begleitend zu einer Foto-Ausstellung über Billy Wilder zu zwei Vorträgen einlud. Allein aus diesem Termin ergaben sich ein weiterer Vortrag in der Geschichtswerkstatt in Krefeld (in einer einst von den Nazis enteigneten Villa eines wohlhabenden Juden) und in einem Seniorenheim in Münster. Die Reaktionen von Besuchern kann ich nur als bestätigend einordnen. – Wenn ich neben allen anderen erlernten und ausgeführten Tätigkeiten auch noch aufwändigeres Marketing betrieben hätte, wäre ich neben zeitlichen wohl auch schneller an gesundheitliche Grenzen gestoßen. Mehr ging nach meinem Empfinden leider nicht.

Suchen Betreiber filmhistorisch relevanter Spielstätten eigentlich aktiv nach interessanten Bildungsangeboten über die einzelne Filmaufführung hinaus? Ist ihnen das genug, was bisher in der Filmliteratur zu lesen war? Sehen Sie dafür echtes Marktpotenzial, das den „halbvollen Kinosälen“ wirklich entgegenwirken könnte? Wer ist heute denn eigentlich noch Medienkritiker mit innovativer Denke – außer Georg Seeßlen, der nach wenigen Jahren die Internet-Publikation – zumindest vorläufig – wieder aufgab (und netterweise als einer der wenigen mein Wilder-Buch im „neuen deutschland“ empfahl)? Wo wird die in den 1970/80er Jahren langsam begonnene filmwissenschaftliche Tradition überhaupt fortgeführt – statt von Medientheorie verdrängt, die aus diversen Gründen ganz andere Themen setzt, sowie von aktueller Filmproduktion, die mehr und mehr das Vergangene überlagert? Sieht man in aktuellen Produktionen anspruchsvoller Filmemacher noch eine ästhetische Kompetenz, die man an Größen der Filmgeschichte diskutieren kann? Wo sind dafür überhaupt differenzierte Begriffe gebildet worden? Wer entscheidet wie darüber, was nützlich und interessant ist?

Wer sich als Journalist in Groß- und Hauptstädten, oft kostenlos als Berichterstatter, in kulturellen Zusammenhängen bewegt, wird diese Tristesse recht notwendigerweise nur eingeschränkt wahrnehmen und/oder als gegeben hinnehmen. Es ist dann immer die Frage, wann sich Probleme kritisch aufstauen, wenn man sie zum Zweck der Vermeidung von Negativ-Informationen über viele Jahre nicht ausführlicher bespricht. Dies trifft auf das Stadt-Land-Gefälle nicht nur in Deutschland wohl eindeutig zu. Fast einzig in Berlin sind nach meiner Erfahrung Veranstaltungen zur Filmgeschichte immer wieder gut besucht. Dort reicht schlichtweg die Masse gut Gebildeter, finanziell und zeitlich Flexibler aus.

Auch dort vermisse ich aber echte Gesprächskultur und erst recht wesentliche und umfangreichste Inhalte. Diese kommen in meinem Leben einzig und allein in ausführlichen privaten Gespräche vor – mit Menschen, die sich weitgehend abseits irgendwelcher Institutionen und des Kulturbetriebs bewegen. Sie sind die eigentlichen Kulturträger für mich. Wie wir am vorliegenden Beispiel sehen – bei schon länger vorhandenem Problembewusstsein besteht die etablierte Praxis neben dem Lamento eher in Verdrängen, Aufschieben und Hilflosigkeit.

Zumal im stark politisch links geprägten Kulturbetrieb ist es Tabu, sich über das Aussterben der Völker in Industrieländern Gedanken zu machen. Die Eigenheiten massenhaft einwandernder Moslems, aus deren Sicht westliche Bücher, Bilder, Filme und Musik haram, also Teufelszeug sind, werden weitgehend totgeschwiegen. Dass in islamischen Ländern kaum Kulturerzeugnisse entstehen, es sei denn schwülstige religiöse Literatur, ist den Mainstream-Linken nach meinem Eindruck kaum bewusst. Und da sich etwa arabischstämmige Menschen nur in seltensten Fällen in hiesige Kultureinrichtungen verirren (was nicht bedeutet, dass sie nicht eingeladen sind), fällt es einheimischen Bildungsbürgern bisher kaum auf – weil sie sich offensichtlich selbst diese und andere Frage nicht stellen. Sollte irgendein Kultur-Funktionär die von mir angesprochenen Punkte schon einmal in einem internen Konzeptpapier ausgeführt haben – so hat er bisher ebensowenig erreicht wie ich selbst. (Ein Text wie der vorliegende kann bezahlten Rechercheuren für Beratungs-Agenturen etc. als kostenloser Ideen-Steinbruch dienen. Ich selbst werde nach derzeitigem Stand höchstens einmal durch einzelne Buchverkäufe Einnahmen in Höhe eines Trinkgeldes generieren können. Auch solche Zustände und Mechanismen fördern den Abbau von Kultur, die diese Bezeichnung verdient.)

Ich verstehe Widerstände innerhalb von Akademie und Kultur-Institutionen gegenüber Positionen wie den meinen durchaus. Sie sind Ergebnisse von Reflexionen, die in meinem Leben schon 20 Jahre zurückliegen. Es sind teils problematische, deprimierende, selbstkritische und -reflexive Aspekte. Sie führen schließlich sogar u. a. auf eine andere Ebene von Humor und können – in meiner Erfahrung dauerhaft – für Erheiterung und ergo Zufriedenheit führen. Der Weg dorthin führt über Kenntnisse und viel zwischenmenschlichen Austausch. Weil beides in unserer Gesellschaft strukturell vielfach demontiert und zerstört wurde, landet wohl auch mancher in Lebenskrisen, die dann nicht selten entweder mit Suchtverhalten oder zweifelhaften Therapie- und/oder Selbsterfahrungs- bzw. Sinnstiftungs-Angeboten zu kompensieren versucht wird.

Der Umgang mit Filmgeschichte ist an anderer Stelle nochmal ausführlicher zu thematisieren. Er wirft zusätzliche komplizierte kulturpraktische, -wissenschaftliche und nicht zuletzt politische Probleme auf.

Die geringe Resonanz zu meinem Billy-Wilder-Buch war für mich der Übergang zu mehreren radikaleren Ansätzen, die ich bis heute fortentwickle. Ein Thema wie Verschwörungstheorien drängte sich schon im Fall von Wilder auf. Die Kultur-Heroen Deutschlands, wie der verstorbene Hellmuth Karasek, enthielten ihrem beflissenen Publikum nicht wenige tiefere Einsichten zu Billy Wilder konsequent vor (wenn sie sie selbst je hatten). Nach jenen, die bereits verstarben, wurde es bislang leider nicht besser.

Dass ich in all diesen Fragen immer ansprechbar bin, sollte meine Website verdeutlichen. Dass ich uneinsichtigen und desinformierten Funktionären ewig nachlaufe, wird man von mir nicht verlangen wollen. Dass ich dementsprechende Bewerbungen auf vorhandene bezahlte Stellen für den Papierkorb schreibe, würde ich mittlerweile (im nie dagewesenen Fall) nur einem Jobcenter-Mitarbeiter zuliebe tun (der selbst öfters nicht einmal Schreibmaschine schreiben kann).

Das, was hier an Reflexion Not täte, scheitert heute bei fast allen Redaktionen und Gelegenheiten an Gatekeepern. Sie stellen nicht zu Unrecht fest, dass sie die Durchführung solcher Aktivitäten nicht auf nennenswertes Publikumsinteresse gründen können (zahlende Besucher, Klickzahlen im Internet). Schon der laufende Betrieb etwa in Programmkinos ist, wie erwähnt, eine Frage von staatlichen Subventionen. Ich fordere keineswegs deren Abschaffung – ohne sie (wie früher kirchliches und adeliges Mäzenatentum) wäre unsere heutige Welt um fast alles ärmer, was sie, teils erst nach Jahrhunderten, als ihre „Kultur“ erkennt.

Man kann mir selbst also nicht den Vorwurf machen, ich hätte nicht allerhand Versuche unternommen, eigene Angebote zu machen. Dazu gäbe es heute noch eine Fülle mehr als das hier Erwähnte zu nennen. Manchmal könnte es größere Publika interessieren, oft sicherlich nur kleinere, die man heute in medial optimierter Weise ansprechen müsste. (Vieles an Terminen und Veranstaltungen bleibt auch bei Interessierten schlichtweg unbemerkt.)

Ich bin dabei keineswegs unrealistisch in Bezug auf die Tatsache, dass ich an zahlreiche politische Sensibilitäten rühre. Sie wurden durch den offiziell beglaubigten Forschungsstand bisher gewahrt – mit dem Ergebnis, dass Großteile inhaltlicher und formaler Dimensionen von Kulturproduktion allgemein und Filmgeschichte im Besonderen nie ansatzweise thematisiert und begriffen wurden. Es blieb eine Sache von Spezialisten, die sich in ihrer Position der Überlegenheit gerade in der kommerzialisierten Produktion aggressiv gegen das eigene zahlende Publikum wenden, das sie für unempfänglich und desinteressiert halten – sogar Fachleute wie Filmkritiker oder -wissenschaftler eingeschlossen. (Dies war allerdings seit jeher so, wenn man Filmgeschichte genauer ansieht.)

Es ist eine zentrale Frage des modernen Projekts der Aufklärung, ob dem noch einmal mit Nutzen für alle entgegengetreten wird. Diejenigen, die sich heute u. a. für „politisch korrekt“ halten, verhindern diese Aufklärung in einer Weise, die als solche sie selbst mit den schärfsten Kampfbegriffen zu belegen gewohnt sind (Geschichtsvergessenheit, Unterdrückung dissidenter Meinungen etc.).

Was dabei entstehen könnte, wäre eine wirklich lebendige Kultur, die reale Begegnungen mit einschließt. Dafür gibt es in einer mehr und mehr automatisierten und digitalisierten Gesellschaft mit einem relativ hohen Wohlstand – neben allen Bedrängnissen und schwindenden Spielräumen – durchaus noch ein paar Chancen. Dass sie genutzt werden, widerspricht leider meinen bisherigen Erfahrungen.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de – Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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2 Responses

  1. Theodor sagt:

    Warum soll das Kino überleben, wem bringt das was? Gibt auch keine Kuriositäten Kabinette mehr, Zirkus und zoo gehen auch langsam ein. entertainment verändert sich. die Museen hängen, die Bibliotheken stehen voll mit Kunstformen, die überholt sind und nur noch Liebhaber und Experten interessieren. ganz normale Sache. wieso sollte das den 2 stunden kinofilm nicht irgendwann auch passieren, das ist nur eine willkürliche form des bewegten Bildes, die sich aus ökonomischen und technischen gründen entwickelt hat. ich werd kino nicht vermissen.

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