#Wikipedia-Sumpf am Beispiel des Artikels zu Xavier #Naidoo
WARNUNG: Dieser Artikel enthält sexuelle und gewalttätige Inhalte, auf die Leser sich bitte innerlich einstellen sollten, wenn sie hier weiterlesen.
Auch so ein Thema, über das außer ein paar Internet-Aktivisten niemand redet: Die in der Internet-Nutzung stark frequentierte Wikipedia wird seit langen Jahren selbst von Aussteigern aus ihrem eigenen Team kritisiert. Die Masse der Fragwürdigkeiten ist durch ihre Dimensionen hier auf keinen Begriff zu bringen. Am deutlichsten fällt mir auf, wie PR-Teams irgendwelcher zeitweiliger Prominenten auch der B- bis C-Liga meist leicht bis mittelschwer unbeholfene Formulierungen einpflegen, in denen in einem vermeintlichen “Lexikon” noch die Produktionsgeschichte einzelner Musik-Singles nacherzählt wird, als handele es sich um einen Fan-Artikel in einer Musikzeitschrift usw. usf. Das ist albern. Für Menschen, die mit gut gemachten gedruckten Lexika aufgewachsen sind, offenbart sich bei allen offensichtlichen Vorteilen des Internet an solchen Stellen ein Kulturverfall. Er ist insofern für mich unzweifelhaft, weil in all dieser Info-Flut sicherlich ein weiteres Ablenkungspotenzial liegt. Es gibt hier niemand mehr, der (entgegen den Wikipedia-Regularien) nach etablierten Kriterien über “Relevanz” entscheidet. Es zählt u. a., wer Geld hat, Manipulateure zu bezahlen. Gerade Jüngere werden deshalb diese Kriterien weniger erlernen: Wie schreibt man einen Lexikon-Artikel? Was gehört dort hinein, was sind besondere Sprachformen?
Aus aktuellem Anlass hier der Hinweis auf den “deutschen Soul- und R&B-Sänger, Komponisten und Musikproduzenten” Xavier Naidoo, der seit längerem zu einem zentralen Themenfeld von filmdenken.de argumentiert: Verschwörungstheorien. Es ist sehr erwartbar, dass bei dem Spektrum seiner Aussagen die Wikipedia in ihrem heutigen Zustand sofort zu einer Zentralstelle für fragwürdige Aussagen, wenn nicht Verleumdungen gemacht wird. Wer das ist? Ich hatte selbst ja bereits das Vergnügen der Löschung meines Eintrags und halte es für plausibel, dass hier neben Agenturen auch Geheimdienste, politische Extremisten und andere organisierte Kräfte am Werk sind. (Ein Kriterium ist ja, dass man einige Zeit dafür benötigt.)

Man könnte jetzt jedes einzelne Beispiel einer langen Reihe von Beispielen zum Thema Verschwörungstheorien im Eintrag zu Naidoo durchgehen. Das möchte ich in diesem Fall nicht akademisch und ausschöpfend tun. Ich gebe zunächst mal meinen allgemeinen Leseeindruck wieder: Es geht um einige gut etablierte VT-Themen (Zweiter Weltkrieg, Kriegsschuld, alliierte Besatzungspolitik), dann um einige besonders kontroverse und gewagte (Adrenochrom, rituelle Gewalt).
Man sehe sich nur mal eines dieser Beispiele an, die die fragwürdige staatliche Unabhängigkeit der Bundesrepublik Deutschland betrifft:
2011 behauptete Naidoo im ARD-Morgenmagazin, Deutschland sei „immer noch ein besetztes Land“. Es habe keinen Friedensvertrag, sei also „kein echtes Land“. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag sei kein gültiger Friedensvertrag.[30] Die USA seien hier nach wie vor die Besatzungsmacht. Er vertrat damit ein von Rechten bekanntes Opfernarrativ, wonach die Alliierten Deutschland nicht vom Nationalsozialismus befreit, sondern die US-Amerikaner es unterjocht hätten.[29]
Im besten Fall bräuchte man schon hier ganze historische Fallstudien – die bisher wohl nur zum Teil je publiziert wurden. Festhalten möchte ich vorläufig nur: Der Absatz suggeriert, als hätte es selbst von dem CDU-Politiker Wolfgang Schäuble nicht dieselbe allgemeine erste Aussage gegeben – dass Deutschland nach 1945 eben nie souverän gewesen sei.
Wäre de facto der Zwei-plus-Vier-Vertrag ein gültiger Friedensvertrag, wäre diese Aussage sicherlich nicht möglich. Es ist in diesem Sinne recht naheliegend ein eingeschränkter Friedensvertrag. Und es sind ja nicht deutsche Truppen in den USA stationiert, sondern umgekehrt. Es wurden nach meinem Wissena auch nicht systematisch US-Medien nach 1945 von deutschen Geheimdiensten infiltriert und mitgelenkt, sondern vielmehr umgekehrt etc. pp.
Ich weiß nicht, wem es nicht auffällt – aber ich sehe keine größeren öffentlichen Proteste gegen die Deutungsmacht der Wikipedia und ihre Anfälligkeit für die Manipulation durch vollkommen anonyme Autoren, keine Talkshows über diese Problematik, die letzlich heute für jedes Schüler-Referat je nach Thema besteht. Ein ernstzunehmendes Lexikon und eine ‘seriöse Informationsquelle’ ist es an solchen Stellen nicht, sondern das Resultat teilweise konfuser anonymer Redaktion.
Naidoo hier ein “Opfernarrativ” zu unterstellen, das den USA in der Umkehrung jeder historischen Tatsache die Täter-Rolle zuweise, kann ich selbst nicht für jede Äußerung Naidoos hier zurückweisen – dazu müsste ich jetzt stundenlang seine Äußerungen nachlesen.
Das ist der Punkt, an dem ich sagen muss: Ich halte sein Auftreten selbst seit Beginn seiner konspiratologischen Reden nicht für unproblematisch. Und ich muss es (zunächst eher in Randaspekten) auch sagen anhand des ganz aktuellen Falls Jeffrey Epstein, der hier im Blog seit vielen Jahren thematisiert wird. Aktuell ist neben vielen schwersten Straftaten Epsteins strittig bzw. unklar, auf welche Weise, in welcher Zahl etwa Kleinkinder missbraucht, ggf. sogar getötet wurden – mit der monströsen verbleibenden Vermutung, es könnte dabei auch zu Kannibalismus gekommen sein. Über 6 Jahre nach Epsteins angeblichem Tod beginnt man erst mit weiterer Spurensuche auf seiner “Zorro”-Ranch. Suche ich nach Details der kriminologischen Durchführung, finde ich z. B. nichts dazu, dass der Meeresboden unter einer Luke seiner Privatinsel jemals untersucht worden wäre.
Wohlgemerkt: Diese Klärung ist völlig unabgeschlossen, und die ständige Kommunikation über “beef jerky” (als potenziellem Fleisch eigens dahingeschlachteter Menschen) mit diversen absolut verdächtigen (weil unklaren, unüblichen) weiteren Anmerkungen dazu in E-Mails der Epstein-Files muss vorerst als hochverdächtig gelten. Dazu später im Wikipedia-Artikel eine Einordnung in derselben Stoßrichtung, nun mit Bezug auf einen Experten auch in staatlichen Diensten der BRD:
Der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume verwies darauf, dass Naidoo bereits in der Vergangenheit „mit sehr deutlichen Anspielungen wie ‚Tothschild‘ die Spur zum Antisemitismus gelegt und dies leider nicht glaubwürdig aufgearbeitet“ habe. Ein „großer Teil seiner Anhängerschaft“ werde daher „auch die Begriffe ‚Kinderfresser‘ und ‚Menschenfresser‘ als antijüdische Verschwörungsmythen aufnehmen“.[119]
Ich möchte nun nur ausgewählte Aspekte dieser beiden zitierten Absätze kommentieren: Die Problematik des ersten wiederholt sich in der (eher hintergründigen) Argumentationslogik im zweiten: 1) Es werden vorläufige Forschungsstände des wissenschaftlichen Mainstreams (der in staatliche Bildungsinitiativen, auch in Schul-Curricula übergeht) als absolute Gewissheiten suggeriert. (Dies ist ein schwerer Verstoß gegen Lexikon-Standards. Eine Wiedergabe hätte immer mit nötigem Abstand, indirekter Rede usw. zu erfolgen. Deshalb ist aber auch ein Eintrag zu einem Medien-Prominenten, in dem solche schwierigen Diskussion allen Ernstes scheinbar ausgefochten und sogar abgeschlossen werden sollen, dreist, absurd und in letzter Konsequenz: wenn nicht ohne eigenes Bewusstsein eines Autors dazu nur dumm, dann grob manipulativ.) 2) Es erfolgt anschließend nicht selten ein pseudo-argumentativer Aufbau, nach der Suggestion einer (in den wenigsten Fällen aller komplizierten Sachverhalte: abgeschlossenen, allzu simplen) zweifelsfreien Bewertung gleich der ebenso suggestive Sprung zu einer nächsten Behauptung, die darauf aufbaut und eine wissenschaftliche Autorität im unlexikalischen Stil nur vorgaukelt. (So folgt auf den generellen Zweifel daran, ob ein Friedensvertrag bestehe und Deutschland souverän sei, über die Einordnung der USA als “Besatzungsmacht” auch noch die Schlussfolgerung, die USA hätten die Deutschen “nicht vom Nationalsozialismus befreit”, sondern Deutschland “unterjocht”. Wie gesagt: Ich kann es gerade nicht leisten, Naidoo von konkreten Äußerungen auch dieser Art freizusprechen – aber der Wikipedia-Artikel wirkt eher wie eine eigene Bewertung des Autors / der Autoren dieser Worte: “Er vertrat damit ein von Rechten bekanntes Opfernarrativ” ist die Überleitung dazu mit dem schon genannten Begriff. – Im Fall des teilweise gerichtsnotorischen brutalen Kindesmissbrauchs durch Epstein und Komplizen wird der Diskussion einer – wie gerade gesagt – heute unbedingt notwendigen Klärung der Frage nach Ritualmord und Kannibalismus, von denen auch Zeugen öffentlich sprechen, wird ohne jede Differenzierung zu problematischen pauschal antijüdischen Klischees und eindeutigen Falschbehauptungen in historischen Fällen übergeleitet. Schon die übergroße Aufmerksamkeit für einen Pop-Sänger, der über Sachverhalte reflektiert, von denen offensichtlich viele Wissenschaftler und Journalisten eher überfordert sind, sollte zu denken geben. Journalisten, die wiederum betont auf einen solchen Fall zugreifen statt auf eine Faktenlage, die wegen ihrer Komplexität zumal in deutscher Sprache immer noch kaum angemessen berichtet wird, sollten als eher diskreditiert gelten. Sie hätten eher zu klären, ob es überhaupt Naidoos Aufgabe ist, solche Klärungen vorzunehmen – zumal zu einem Stand der Diskussion, der derzeit auch durch offensichtliche, vorher sogar eher unübliche Rücksichten auf die Trump-Administration im Schnecken-Tempo verbessert wird.)
Mir kommt dieser Wikipedia-Artikel zu Xavier Naidoo deshalb, salopp gesagt, wie eine Kaderschulung der Rosa-Luxemburg- oder Heinrich-Böll-Stiftung vor. Naidoo bietet sicherlich Angriffsfläche – in etlichen der Beispiele des Artikels, zu denen ich selbst über Sach- und Kontextwissen verfüge, fällt mir umgekehrt auf, welche ideologischen Verzerrungen in dieser Richtung recht eindeutig bestimmbar sind (wie in den gerade erwähnten Aspekten).
Ein Lexikon hätte immer zu sagen, dass nach einem heute überwiegenden Forschungsstand Äußerungen als fragwürdig gelten müssen (wo denn nicht allzu eindeutig irgendwelches Tatsachenwissen eindeutig zu benennen wäre; dass dem in der Historie selten so ist, steckt schon im Grundbegriff der “Quellenkritik”). Hier werden zu den aktuellen Diskursen hingegen irgendwelche Zeitungsartikel zitiert, die die Auffassung des jeweiligen Journalisten oder Experten wiedergeben. Auch wenn es sachlich nicht falsch sein muss, wenn ein Michael Blume vor möglichen Folgen der Äußerungen Naidoos warnt – es ist zunächst eine vollkommen partikulare, aktuell bezogene Aussage. Ein Lexikon hat nicht solche kurzen Zeiteinheiten von Diskursen abzubilden. Ein solches würde es es im absoluten Minimum lexikografischer Standards dabei belassen, z. B. zu vermerken, dass Naidoo wg. seiner Äußerungen zu Thema X in Medien oder von Akteur Y (besser aber zusammenfassend: in zahlreichen aktuellen Beiträgen) kritisiert wurde. Dazu kann man meinetwegen auch Zeitungsartikel verlinken. Hier hingegen wird teils in immerhin gekennzeichneten Wiedergaben, aber auch in zusätzlichen (nicht immer trennscharf zu erkennenden) Eingaben der Wiki-Autoren innerhalb der Formulierungen eben 1) ein Forschungsstand oder sogar eine sachliche totale Gewissheit tendenziell trügerisch konstruiert und 2) werden Verknüpfungen einzelner Aussagen und Themen von Naidoo mit weiteren Kontexten vorgenommen, die eben mindestens erfordern würden, alles gegenzuchecken, was Naidoo (von dem der Artikel nunmal handelt und der keine Einführung in solche Sachthemen sein kann oder auch nur sollte) im Einzelnen selbst gesagt hat oder eben auch nicht. Da dies von Lesern mehrheitlich niemals erwartbar ist, sollte ein Lexikon sich auf extreme Verknappungen beschränken – oder die neueste Aktualität als unabgeschlossen außen vor lassen. Dass hingegen in hochaktuelle Debatten in dieser Weise interveniert wird – da nunmal viele hier nachlesen, wenn die Person ihnen begegnet –, ist in diesem Sinne niemals Lexikon, bestenfalls Journalismus, dabei in offensichtlicher Konsequenz auch: ggf. Diffamierung, recht eindeutig der erfolgreiche Versuch, eine ihrerseits völlig partikular gefärbte politische Propaganda zu verbreiten.
Ich denke, man kann zweifelsfrei sagen: In einem solchen Wikipedia-Artikel sind Akteure am Werk, die mit einem politisch-agitatorischen Interesse die Form des Lexikons missbrauchen. Ihre Absichten bestehen dabei recht zwingend in der Beeinflussung einer aktuell bezogenen politischen Meinung von Lesern. Während schon die Bewertung historischer Vorgänge durch Historiker immer als vorläufig deutlich zu machen ist, erfolgt so ein – in der modernen Publikationskultur geradezu grotesker – Sprung von einer zunächst schon inadäquaten Aneignung der Lexikon-Form durch politische und/oder einseitig bewertende Agitation hin zu einer völligen Überforderung des Textformats mit teilweise apodiktischen Aussagen über angebliche historische Gewissheiten und eine ebenso nur angebliche daraus (von wem, in welchem Modus?) herzuleitende Bewertung der Person Xavier Naidoos.
Daneben möchte ich wenigstens andeuten, dass in meinem Erleben (und mir bestätigt von anderen Autoren) das Aufzeigen neuer Perspektiven und notwendiger Revisionen selbst im Internet kaum Massenwirkung nach sich zieht. Zu den erfolgreichsten Büchern mit Argumenten dieser Art dürften zuletzt jene von Thorsten Schulte gelten (deren genaue Auflage ich nicht kenne). Sehr aktiv ist auch noch Jan Udo Holey alias Jan van Helsing, der in seinen ersten Büchern auf eine längere verschwörungstheoretische Tradition zurückgriff.
Zu einer solchen Tradition zählen Ferdinand Lundberg oder Gary Allen mit ihren damaligen Bestseller-Auflagen auch in Deutschland. (Ich hatte zeitweilig eine systematische diskurshistorische Aufarbeitung auch einem anderen Verlag angeboten, der dafür als einer der ganz wenigen in Frage gekommen wäre. Es gab dafür kein Interesse. Zu einer Ausführung bin ich schlicht aus Zeitgründen nicht gekommen.) Es gehört zu den Merkmalen der neueren Entschwörungsschwurbeleien, dass zu all dem ein erweiterter Kenntnisstand nur vorgegaukelt wird: Vermeintliche Übersichtswerke über “Verschwörungstheorie” erwähnen viele der durchaus wirkungsreichen Autoren und Bücher überhaupt nicht und bedienen sich ansonsten gut erkennbarer Sprachregelungen, Perspektivierungen und Trigger-Konstruktionen, die auf eher simplifizierende Gut-Böse-Schemata hinarbeiten. Von derselben Machart sind auch zitierte Partikel eines Naidoo-Artikels der Wikipedia.
Es gibt in diesem Diskurs größere Unwuchten und Ungleichzeitigkeiten als bei weniger machtpolitisch relevanten – wer darin eine Machtstellung der USA in deutschen Landen übersieht, sollte nicht erwarten, als Historiker oder Journalist ernstgenommen zu werden, aber in einem von vermeintlichen “Aufklärern” über nur böswillige und irreführende “Verschwörungstheorien” betriebenen sehr viel massenwirksameren Diskurs in etablierten Medien, in Bildungsinstitutionen und letztlich sicherlich Schulen in Deutschland dürften solche Verzerrungen und Ausblendungen eher der Regelfall sein. Akademiker wie Michael Blume und Michael Butter haben hieran gewiss ihren Anteil. Ihnen wird die größte Reichweite zuteil. Wer das in diesen Fällen entschieden hat, ist allerdings sichtbar: Es sind Besetzungsgremien von staatlichen Institutionen und Verlage wie Suhrkamp oder, im Fall Blumes, des katholischen Spektrums.
Will sagen: Sorgfältige und auch andere Quellen und Perspektiven zulassende Debatten wurden zu etlichen der hier nun erneut erwähnten Großthemen nach 1945 in Deutschland gar nicht zugelassen. Auf Einordnungen des Falles Jeffrey Epstein durch Michael Butter oder Michael Blume nach allen ihren Äußerungen der letzten Jahre bin ich, gelinde gesagt, gespannt. Wie im Fall von Adolf Hitler kam in Epstein ein Mann mit sog. Mikropenis in eine für ihn qua Herkunft völlig unerreichbare Machtposition. (Hitlers Vater war Zollbeamter, derjenige Epstein Gärtner.) Die Finanzierung des Aufstiegs Hitlers bleibt bis heute durch vernichtete Akten teilweise intransparent. Epstein wurde ohne Universitätsabschluss nach zwei Jahren als Lehrer einer teuren Privatschule (geleitet von dem früheren CIA-Mitarbeiter Donald Barr bis zur Einstellung Epsteins, die er noch veranlasste und 1973 einen Schlüsselroman über das spätere Epstein-Szenario veröffentlichte) ein scheinbar erfolgreicher Investment-Banker bei Bear Stearns, dann Vermögensverwalter für den Textilien-Milliardär Leslie Wexner, der ihm den Zugang zum Model-Business eröffnete.
Epstein war zu Lebzeiten nicht für Weltkriege mitverantwortlich. Die heute vorliegenden Dokumente lassen allerdings noch deutlich Schlimmeres erahnen als die zahlreich bezeugte Vergewaltigung von Minderjährigen und eine systematische Zuhälterei mit der Komplizin Ghislaine Maxwell, deren Vater Robert als Medien-Mogul und Milliardär dem Verdacht ausgesetzt war, Mossad-Verbindungen zu unterhalten, bevor er unter mysteriösen Umständen verstarb.
Was die Wikipedia Naidoo als quasi zwangsläufig zu Judenhass führende ergänzende Grusel-Story unterstellt, steht uns heute insoweit vor Augen, als wir von dem inhaftierten Sexualstraftäter und früheren Mode-Zaren Peter Nygård mittlerweile dieses Video kennen, indem zumindest das Interesse am Konsum von biologischen Substanzen aus abgetriebenen menschlichen Föten unzweifelhat erkennbar wird:
Die “Adrenochrom”-Theorie, auf die Naidoo sich bezog und die ihm als unbewiesene Spekulation vorgeworfen wird, ist damit nicht bestätigt – wohl aber schon eine Form von Kannibalismus. Der Konsum von humanbiologischem Material wurde in solchen Kreisen offensichtlich als eine Art Zauberelixier angestrebt.
Ich möchte Lesern an dieser Stelle nicht ersparen, sich – wenn sie es nicht schon taten – mit dem folgenden Foto aus den vom US-Justizministerium veröffentlichen “Epstein Files” zu konfrontieren.

Wer ist dieses Kleinkind? Was ist ihm geschehen? Es tauchen in Epsteins Hinterlassenschaft noch kleinere Kinder auf, die sich bei ihm aufhielten – meines Wissens kennen wir von keinem einzigen dieser Kinder seine Vorgeschichte, sein späteres Schicksal und – aus veröffentlichten Akten – das, was sie mit Epstein erlebten oder mit Tätern, denen er sie zugänglich machte.
Ich habe diese Fotos selbst wohl drei- oder viermal angesehen, bis mir die verstümmelte linke Hand auffiel. Können sich Autoren, die heute die größte Notwendigkeit darin sehen, Xavier Naidoo zu kritisieren, vorstellen, dass die seit langem kursierenden Gerüchte über rituellen Kindesmissbrauch, extreme Gewalt, Gefangenschaft, lebenslange Folter ggf. mit abschließender Ermordung hier in einem der ganz wenigen Fälle zumindest in einigen ersten öffentlichen Dokumenten ersichtlich werden? Gibt es hier wie dort Leitmedien, in denen solche Dokumente überhaupt weiter diskutiert werden mit anschließenden Handlungsaufforderungen an Ermittlungsbehörden durch Kommentatoren und die breitere Öffentlichkeit?
Ich will über dieses Bild nicht weiter spekulieren – es könnte sicherlich schnell geschmacklos sein, zumal es keinerlei weitere Anhaltspunkte für diesen konkreten Fall gibt.
Was die Expertin Michaela Huber nicht erst in dem folgenden aktuellen Video-Interview mit Milena Preradovic noch einmal sehr konkret schildert, sind Szenarien, in die ein solches Bild eindeutig integrierbar wäre. Solange es hierzu keine Diskussionen mit den heute etablierten “Experten” gibt, sollten andere Diskussionsansätze weiterhin mit äußerster Vorsicht behandelt werden. Es besteht einstweilen der Verdacht, dass man sie zum Schutz von Schwerkriminellen benutzt – für ablenkende Diskurse und Verharmlosungen. (In manchen historischen Fällen halte ich dies bereits für sehr gut durch Fallstudien belegt – was weitreichende Verschwörungen betrifft, die Ablenkungs-Diskurse in ihrem Tenor eher generell zu leugnen pflegen, da sie auch generalisierend gegen “Verschwörungstheorien” agitieren.)
Ich will im vorliegenden Kontext zunächst noch darauf hinweisen, dass Jürgen Elsässer und sein “Compact”-Magazin mit Xavier Naidoo für den 14.03.2026 an der Berliner Siegessäule um 14 Uhr eine Demonstration für Epstein-Aufklärung ankündigen:
Erwähnt wird hier also auch, dass Naidoo sich selbst als Missbrauchsopfer bezeichnet. Vor dem Hintergrund meiner Diskussion kann ich dies nur vorsichtig so einordnen: Jede öffentliche Aktivität mit diesen erklärten Absichten findet zunächst meine Zustimmung. Naidoo hat kontroverse Themen angesprochen, zu denen auch ich zumindest in manchen Fällen einschränken muss, dass der als Musiker bekannte Naidoo sich zu Sachthemen äußert, die in diesen – immer besonderen, weil machtpolitisch relevanten – Fällen selten (vielleicht in keinem dieser Fälle) abschließend diskutiert wurden. Es geht um Deutungshoheit, nicht selten Folgen der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts, um schwerste Schuld, um den Verlust von Millionen von Menschenleben, um Selbst- und Fremdbestimmung in ihrer höchsten Konsequenz (wie der Teilnahme an Kriegen oder der Verlust der Souveränität eines Staates und der Menschen darin).
Das Positive, was ich an diesen Diskussionen sehe, ist, dass durch Skandalisierung überhaupt Öffentlichkeit entsteht. Das Negative ist, dass sachliche Klärungen erneut Mangelware sind und schnell in Gezeter und gegeseitigen Bezichtigungen untergehen. Leider sind mir auch alternative Medien in vielen Beispielen immer wieder suspekt in ihrem Umgang mit diesen Themen – eben zumal den kontroversesten, zu denen das Internet ab ca. 2000 definitiv eine erhebliche Liberalisierung von Informationsaustausch und Diskussion ermöglicht hat, bevor der Mainstream in den letzten Jahren “Verschwörungstheorie” als stigmatisierenden Kampfbegriff hochgefahren hat.
Es wäre vermessen, wenn ich die angekündigte Demo zu Epstein hier in irgendeiner Weise zerreden würde. Im Kontext meiner Argumente sehe ich allerdings abermals ein Konfliktpotenzial, das nicht nur hilfreich sein muss. Naidoo ist in seiner Reputation beschädigt – dieses Faktum wird man nicht schnell ändern können. Eine solche Demo für Epstein-Aufklärung wird durch seinen Auftritt jedenfalls für den Mainstream durch eine sehr konsequente vorherige Demontage Naidoos einzuordnen in der Weise, wie ein Butter oder Blume seit vielen Jahren über “Verschwörungstheorien” publizieren. Es werden ein Persönlichkeitsbild und ein Erklärungsmuster aktiviert, das z. B. in der Wikipedia zu diesem Zeitpunkt schon die Darstellung bestimmt, und das einer Epstein-Aufklärung im Mainstream zunächst nur schaden kann, weil abermals über den angeblichen bad guy Naidoo hergezogen wird, bis die Zeilenzahl erfüllt ist. [Nachtrag 12.03.2026: Am 10.03.2026 brachte die taz bereits einen Artikel von Hanno Fleckenstein zur Demo mit Xavier Naidoo. Anreißer: “Xavier Naidoo ist zurück und verbreitet Mythen über den Epstein-Skandal. Für Samstag trommelt er Verschwörungsfans zu einer Demo in Berlin zusammen.”]
Gerade vorige Tage habe ich einen persönlichen Erfahrungsbericht eines US-Amerikaners zu Pädophilie getwittert. Eine Betroffenheit von Naidoo, die er öffentlich macht, ist ein weiterer Faktor, den ich zumindest bedenken würde, wenn es denn Umstände solcher Veranstaltungen und der öffentlichen Debatte noch erlauben. Um welche Art von Missbrauch ging es bei Xavier Naidoo persönlich?
Das, was mir daran missbehagt, ist, dass eines der schwerwiegendsten Ereignisse in der Kriminal- und Gewaltgeschichte der USA mit tiefer und bis heute keinesfalls abgeschlossener Involvierung des amtierenden US-Präsididenten Donald J. Trump, der gleichzeitig eine Regierung leitet, der das zuständige Justizministerum untersteht, einer weiteren Aufklärung zugeführt werden soll durch einen Akteur, der wie wohl kein anderer in den letzten Jahren als Prominenter seinen zuvor vollkommen medienkompatiblen Status durch einen zumindest voreiligen Umgang mit Verschwörungstheorien komplett verlor.
Xavier Naidoo mag zudem also eine sehr persönliche Motivation haben, sich einem solchen Thema zuzuwenden. Es kann eine Vernunft darin bestehen, nun den Opfergeschichten aus dem Fall Epstein und seiner Komplizen den Vorrang zu geben. Was nicht wünschenswert wäre, ist, dass nach Häme, die deutsche Leitmedien über Xavier Naidoo wegen seiner Äußerungen zu anderen Verschwörungstheorien ausgeschüttet haben, ein so komplexer und immer noch nicht abschätzbarer Fall wie Epstein in anderen Diskussionen untergeht. Bei allem, was gegen einen wie Naidoo ins Feld geführt wird, könnte man ihm z. B. auch noch die Instrumentalisierung seiner eigenen Biografie vorwerfen. Gebe ich nur zu bedenken, da es der Rhetorik von vielerlei Entschwörungsschwurbelei nicht nur in Reaktion auf seine Person durchaus entsprechen könnte. Alles, was von komplizierteren Sachklärungen zum eigentlichen Thema ablenkt, scheint ihnen bei Gelegenheit nur recht zu sein.
Eines finde ich in der Wikipedia-Wiedergabe von Aktivitäten Xavier Naidoos persönlich am störendsten:
Am Silvesterabend 1992 hatte Naidoo nach späteren Eigenangaben ein persönliches Bekehrungserlebnis. Seitdem sah er es als seine Berufung an, eine christliche Botschaft zu verbreiten. Er verarbeitet religiöse Motive in seinen Liedtexten. Diese beziehen sich auf Inhalte des Alten Testaments, oft verbunden mit einer Naherwartung der Wiederkunft Christi oder Beschreibungen einer schon begonnenen Apokalypse.[5] Er identifiziert seine Heimatstadt Mannheim mit dem Neuen Jerusalem.[6] […]
Im Song Die Wahrheit (September 2014) beschrieb Naidoo sich daraufhin als Kämpfer, hinter dem Gott stehe […]
So steht nun auch noch ein von Jürgen Elsässer inthronisierter Aufklärer von Verschwörungen ausgerechnet in einem christlichen Kontext. Die Schätzungen auf die weltweit bekannten Opfer von sexuellen Missbrauch durch Mitarbeiter der christlichen Kirchen gehen in die Zehntausende. ChatGPT erwähnt dazu noch eine Dunkelziffer, derzufolge die Opferzahl in die Hunderttausende weltweit gehe könnte.
Der Ehrgeiz zur Aufklärung durch diese religiösen Vereine selbst wird allgemein als dürftig beschrieben. Aus meiner Sicht ist ihre eigene Tradition damit an ein Ende gekommen – mehr Selbstwiderspruch ist kaum denkbar.
Wie ein Naidoo sog. “christliche” Überzeugungen mit einem Engagement gegen organisierten sexuellen Missbrauch unter eine Basecap bringen will, wird er vielleicht noch einmal selbst gefragt. Vielleicht auch nicht – wenn man all diese Geschichten konsequent fortschreibt, leider eher nicht.
Die Argumente, wo hier die Problemstellen und Fehler liegen, sind teilweise schon Jahrhunderte bis sogar Jahrtausende in unserer Geistesgeschichte bekannt. Hellere Geister hat zumal die katholische Kirche auch gerne einmal umgebracht. Körperliche Folter gehört zu ihren in früheren Zeiten systematisch selbst ausgeübten Praktiken. Auch Massenmedien, in denen Kirchen bis heute immensen Einfluss haben (selbst z. B. noch in Show-Größen, die Messdiener waren, siehe Wikipedia), kranken nicht zuletzt an monopolistischen autokratischen, narzisstischen Tendenzen: Messias- und Erlöser-Wahn, kultische, unreflektierte, verkitschte (Pseudo-)Heiligen-Verehrung.
Bei allem, was in diesen Öffentlichkeiten vor sich geht, sollte man bedenken, was Menschen, die in einem solchen Konstrukt leben (ja, aber nein; jeder, aber ich nicht; weiß selbst nicht, aber gehorche mir), als Methode ihrer eigenen Public Relations noch so einfallen könnte.


Zum Autor Daniel Hermsdorf
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