Die zeitlupige Schlunzigkeit der Postdemokratie

Im Zuge des digitalen Barocks werden Texte anderer verlinkt, dass das Pixel kracht. Oder man rezensiert Rezensionen von Sendungen, die man selbst nicht gesehen hat. Probieren wir’s. Auf „Welt Online“ bespricht Uwe Felgenhauer am 05.12.2011 den RTL-Jahresrückblick „2011! Menschen, Bilder, Emotionen“. Seine Beschreibung trifft auf die meisten meiner Eindrücke sog. „Unterhaltungssendungen“ in den letzten Jahren zu, soweit ich sie sammeln durfte, und lautet so:

Denn der Rest war eben größtenteils Geschichte und auch nicht gerade so aufbereitet, dass er einen hinter dem Ofen hervorlocken konnte – trotz diverser Gäste. […]
Der Nachrichten- oder Unterhaltungswert tendierte gegen null.

Das neben dem „Rest“ war des Moderators Günther Jauch als dramaturgisches Element verwendete herausgezögerte Antwort auf die Frage, ob er als Moderator von „Wetten, dass..?“ Thomas Gottschalk nachfolgen wolle, der, nachdem Jauch tags zuvor in der letzten Folge der ZDF-Show hospitiert hatte, nun seinerseits im RTL-Studio Platz nahm.

Diese Drehbuchidee für „2011!“ ist ein Beispiel für zunehmende Selbstthematisierung und vielleicht eine etwas neuere Variante von Letzterer, deren Neuheit jedoch von ihrer Flauheit heruntergezogen wird: die Personalie als Event. Für Zuschauer bedeutet der Wechsel der TV-Größen von einem Format oder Sender zum anderen im Zweifelsfall nur, dass er für dasselbe mehr bezahlen muss oder mehr bezahlt für doppelt soviel von dem, was halb soviel besser wäre. Das heißt im Klartext unserer Volkswirtschaft, dass wir uns höher verschulden, damit Jauch & Co. ihr Lebenswandel garantiert bleibt.

In puncto Subversion wäre es ja durchaus zu goutieren, wenn etwa ein Harald Schmidt die Privatkanäle vollspammte, um ihnen den Garaus zu machen. Ich kann die Qualität seiner bisher letzten Werkphase nicht beurteilen, aber ein Wechsel zurück zu Sat.1 entbehrt doch eines Neuigkeitswerts. Komisch, dass millionenschwere Manager nicht blicken, was dem Branchen-Outsider sofort zu solch einer Nachricht einfällt: Das wird nichts. Und, ja: Nach 1,4 Mio. Zuschauern bei der ersten Sendung im September ist Schmidt derzeit bei 0,56 Mio. angekommen.

Auch Stefan Winterbauer beschleicht auf „meedia.de“ am 16.09.2011 nach Ansicht der ersten beiden Sendungen der Verdacht:

Hatte Schmidt etwa absichtlich schlechte Witze gemacht, um anschließend das Publikum ironisch verhöhnen zu können? Meine Güte, dieses Meta-Ebenen-Zeugs macht einen ja noch ganz schwirr im Kopf.

Tja. Liegt es vielleicht daran, dass wir unrettbar auf der Meta-Ebene angekommen sind?

Das ist möglicherweise die eine Wahrheit: Die Generation von Gottschalk, Jauch und Schmidt ist die erste der Wohlstandskinder, deren Erlebniswelt weitgehend in den Zuckereien von Pop-Charts und Samstagabend-Shows angesiedelt war. Dabei haben die Genannten noch in variierendem Maße Ochsentouren hinter sich gebracht. Und Schmidt dürfte am offensivsten mit den Widersprüchen seines Metiers umgehen, auch wenn dies nie zu spürbaren Konsequenzen, sondern immer wieder zur nächsten Stufe der Parodie und auch der gezielten Lustlosigkeit führt.

Was wir in solchen Show-Formaten sehen – und darin gleichen sich „Wetten, dass..??“, „Die ultimative Chartshow“ (RTL) oder auch viele Late-Night-Talks –, das ist, grenzen wir es mal ein, etwas zeitlupig Schlunziges, es ist wie ein Standbild, obwohl der Film weiterläuft. Die jetzt erwachsene Generation hat nicht erlebt, dass das Fernsehen neu war und dass es genuin neue Medienstars gab. Sie sieht diese Personen – bis vor kurzem z. B. noch Heinz Rühmann, Willy Millowitsch oder Rudi Carrell, in konditionsmäßiger Ausnahme Johannes Heesters, auch Joachim Fuchsberger, und neuerdings eben Gottschalk, Jauch und Schmidt –, seit sie denken kann.

Eine Differenz (die zweite Wahrheit) ist, dass sie in einem ironischen Zeitalter lebt, in dem das Monument sich eigentlich selbst demontieren muss. Das gelingt allenfalls Schmidt, und Personen wie Gottschalk und Jauch wirken mindestens latent deshalb antiquiert, weil sie einen Gute-Laune-Modus und die Höflichkeit eines Vertreters zu ihrem auslaufenden Geschäftsmodell gemacht haben.

Die dritte Wahrheit wäre dann die zunehmende Inkompatibilität eines Showbühnen-Hallatattas mit der Lebensgegenwart, die in der individuellen Sicht mit zunehmender Unsicherheit von Arbeitsverhältnissen und abnehmendem Wohlstand verbunden ist. Die TV-Welt, die im weitreichenden Unterhaltungssegment aufrechterhalten werden soll, ist eine, in der der Wohlstandsbürger es sich mit einem mittelpreisigen Rebensaft auf der Couch gemütlich macht, um der Erkennungsmusik zu lauschen. Für alle, die nicht sorglos reich und gesund oder die nicht abgestumpft sind, ist dies in kaum einer Minute ihres Daseins mehr so richtig möglich.

Nehmen wir nur mal die heutige Startseite der Tagesausgabe von „Welt Online“, in der auch die „2011!“-Rezension enthalten ist:

Da droht also Deutschland eine Herabstufung im Rating seiner Bonität, ergo höhere Zinsen bei unvermeidlicher Aufnahme neuer Schulden. Das kostet uns alle – wie schon mittlerweile jährliche Zinszahlungen um die 40 Mrd. Euro als zweitgrößter Posten des Bundeshaushalts, für die eine effektive Schuldenbremse bei wachsenden Transferzahlungen in EU-Länder wohl erstmal kaum denkbar ist. (Man belehre mich eines Besseren, wenn ich irre, oder nenne den Finanzminister zur Abwechslung nicht erst nachher einen infamen Lügner.)

In relativ undurchschaubaren und in ihrer Auswirkung wenig voraussehbaren Verfahren werden dann unter Leitung von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy die Turbulenzen des Euros bekämpft. Dabei werden, sagen wir es pauschal, einige Probleme lediglich vertagt und manche Probleme in andere Probleme umgewandelt. Auch hier geht es um Schulden. Und heute hielt François Hollande, Kandidat der Parti Socialiste (PS) bei der französischen Präsidentschaftswahl 2012, beim SPD-Parteitag in Berlin eine Rede, in der es zur Rolle Deutschlands in der EU heißt:

Aber wir sind uns dessen bewusst, dass kein Land dem anderen Land Lektionen erteilen kann, dass Isolierung oder Sturheit die schlimmste Einstellung wäre.

Er spricht diese Worte vor den Mitgliedern einer Partei, deren Klientel von der seit Jahrzehnten anhaltenden Verschuldungsspirale und ihrer Steigerung durch aktuelle Finanzkrisen und Euro-Buchungen als erste betroffen sein werden und schon sind. So zeigt es die dritte oberste Überschrift der „Welt Online“-Startseite: „Einkommensschere geht in Deutschland auseinander“.

Nicht, dass man bei der Berechtigung des erheblichen Wohlstandes in Deutschland nicht differenzieren müsste. Die Frage bleibt jedoch, ob weniger von wenig auf Dauer funktioniert, zumindest in einem Umfeld, in dem es für Einzelne immer noch eine Menge mehr gibt. Und darüber hinaus hat Politik weitgehend und zu Recht ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt. Im Jargon eines Wirtschaftssoziologen wie Oliver Nachtwey nennt man dies – in der „taz“ vom 05.12.2011 – „Postsouveräne Parlamente“, wobei der „Post-Ismus“ in einem solchen Text mal nicht die Schwurbel-Verunklärung vieler Universitätsdiskussionen ist, in denen die faktische Realität von „Postdemokratie“ kaum eine Rolle spielt, weil sie sich hinter viel Beton und Glas sowie hohen Institutions- und Sprachbarrieren verschanzt und die weitreichende Wirklichkeit zur scripted reality verballhornt, auf dass sie einem vom Halse bleibe. Und „Welt Online“ lässt, ebenfalls am 05.12.2011, denn auch schon die „Occupy Wallstreet“-Bewegung vom Vorzeige-Kommunisten himself, Slavoj Žižek, als „Hippie-Scheiß“ zerreden, während Nachtwey anschaulicher als der in allen Feuilletons gekürte Philosophen-Star schlichte Tatsachen benennt, ohne die politische Philosophie nicht auskommt, wenn sie keine Medieninszenierung derselben Machteliten ist:

Italiens neuer Premier Mario Monti ist ein ehemaliger EU-Kommissar und Berater von Goldman Sachs. Seine Regierungsmannschaft stellt er als Kabinett aus Experten dar, doch vor allem ist es ein Kabinett der Banker […].

Das ist in seiner Dreistigkeit schon wieder auf seine Weise amüsant. In einem solchen soziopolitischen Umfeld ist aber Satire und sind „Unterhaltungsshows“ ein nahezu hoffnungsloser Anachronismus. Und das, was Menschen mit Erfahrungen, die in diesem Umfeld zu machen sind, „witzig“ finden, ist vielleicht auch nicht mehr allzu lange der Humor von zuvielverdienenden TV-Stars oder ihrer Gag-Schreiber. Andererseits ist die Fadheit der Erfahrungen, die hier im Angebot sind, vielleicht noch die geringste zu erwartende Strafe vor und hinter dem Bildschirm.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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1 Response

  1. Daniel sagt:

    Hallo,
    danke für den gelungenen Beitrag. Ich sehe das ähnlich auch wenn ich in meinem Blog nicht ganz so ausführlich darauf eingehe.
    Gruß,
    Daniel

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