Positive Altersdiskriminierung: AC/DC und Paul McCartney – #Charts #Pop

Wer heute die Musik-Album-Charts laut Media Control einsieht, bemerkt auf Platz 1 und 3 Vertreter der älteren Generation: AC/DC und Paul McCartney.

Man müsste das kulturpolitisch ganz groß aufmachen – aber wenn man es schon so lange verschlafen hat, wird es künftig wohl auch nicht passieren. Dazu sind die Buffets der Major-Labels für die zuständigen Damen und Herren wohl auch immer noch zu verlockend. Die Gerontokratie regiert.

Anders ist es nicht zu erklären, was hier passiert: In Kombination medientechnischer Grundstrukturen (Aufzeichnung, milliardenfache Wiedergabe, zentralisierter Vertrieb), Nutzergewohnheiten und Vermarktungsinteressen geschieht etwas menschheitsgeschichtlich Neues: Mega-Prominente, ob lebend oder schon tot, sind für lebende Neuankömmlinge kaum überwindbare Konkurrenten.

Das überprivilegierte Leben der Älteren zehrt das Leben der Jüngeren auf, bevor es überhaupt richtig anfangen konnte. “Wer sagt denn dass / Nicht Oma dich betrügt beim Enkeltrick?” heißt es ja bei Deichkind. Genau solche Opas sind die Herren von AC/DC oder Paul McCartney. Das einzig Anständige wäre, wenn sie ihre Musik in die Public Domain stellten. Stattdessen walzen sie mit ihrer millionenschweren Promotion und den nostalgisch getriggerten Automatismen bei den (noch) kaufkräftigen Nutzern das meiste platt, das ihnen im Weg steht.

Die unausweichlichen Corona-Hampeleien für das kulturelle Prekariat mit all seinen Ungleichgewichten sind dazu nur noch eine weitere Irrwitzigkeit. Es gab und gibt hier keine Gerechtigkeiten und Sicherheiten.

Eine Lösung habe ich dafür nicht wirklich – dazu müsste man solche Vertriebsstrukturen, ggf. sogar technische Systeme ganz abschaffen, und das wird nicht passieren. Dass bei Konsumenten, die darüber in letzter Instanz schon noch entscheiden, irgendein Bewusstsein geschaffen wäre, kann ich nicht erkennen. Nach wie vor wäre das ein Punkt, an dem man ansetzen müsste.

Bis dahin sollte man nicht Jüngeren unberechtigte Hoffnungen machen und sie zu Überleistungen verpflichten, die Vertreter älterer Generationen in mancherlei Arbeitsformen nie erbringen mussten, um den Status zu erreichen, von dem sie noch heute zehren.

Wie auf anderen Themenfeldern ist es leider überdies so, dass die Vertretung solcher Interessen abermals inkludiert, von etablierten Strukturen dabei eher bekämpft, jedenfalls nie gefördert zu werden. Das ist ein generelles Problem dessen, was sich heute “Demokratie” oder “Leistungsgerechtigkeit” nennt, es aber aus den genannten Gründen schon kaum je ist. Es ist vielmehr ein System der krassen Ungleichgewichte, wo nicht auch von sklerotischen Tendenzen zu sprechen wäre, die unter korrupten “Journalisten” niemand auch nur mit einem Wort erwähnt.

Erzähle mir bitte niemand, das seien zu scharfe Begriffe. Ich sehe gar kein sachliches Gegenargument (das man hier gerne kommentieren könnte). Dieses System ist krank und lässt das absterben, was noch nicht zu leben beginnen konnte. In der Natur gibt es das nicht. Nur in einer Welt von Medienkonzernen und vermeintlichen “Experten”, in deren Ausbildung solche Fragen überhaupt nicht vorkommen. Und dass das so ist, hat nichts mit Wettbewerb oder Demokratie zu tun, sondern allem Anschein nach sogar eher mit Niedertracht, Bösartigkeit und erbarmungslosem Willen zur Ausbeutung. Wer damit an der Spitze anzusprechen wäre, lässt sich einfach ersehen. Solange man diese Verantwortlichen nicht in die Pflicht nimmt, wird sich nichts ändern.

Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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