Jürgen Habermas’ Glauben an den Nicht-Glauben

Ich polemisiere einmal in Unkenntnis eines solchen im November 2019 erscheinenden Buches: Jürgen Habermas, “Auch eine Geschichte der Philosophie. Band 1: Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen / Band 2: Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen”. Es geht allerdings darum, zu einem schon unrettbar zu späten Zeitpunkt darauf hinzuweisen, wie eine vermeintliche Bildungselite sich in ihrer diskursiven Komfortzone eingerichtet hat. Was sie verabsäumen, wird von ausgelaugten Post-Babyboomern kaum mehr abgearbeitet, sondern voraussichtlich nur noch mangelverwaltet werden können.

Habermas übersieht vielleicht, dass “die heute dominanten Gestalten des westlichen nachmetaphysischen Denkens” in dieser Gestalt lediglich in Bibliotheken existieren, die ggf. bei mangelnder Nachfrage auch wieder geschlossen werden können. Ob angesichts des gesamten Weltgeschehens von solchen “dominanten Gestalten” überhaupt gesprochen werden kann, ist ebenso zweifelhaft – deshalb ist der Sprachgebrauch des Suhrkamp-Waschzettels, bei all dem jahrzehntelangen Rationalitäts-Gehubere jenseits alternativer Geschichtsschreibung und Erkenntnis organisierter Medien-Verblödung nebst vielem anderem, vielleicht schon heillos unpräzise. Weder scheint er den Okkultismus von Eliten erkannt zu haben, noch die handlungsleitende Funktion mehrerer Religionen bis ins heutige Weiße Haus.

Kaum ein Wunder, dass Habermas zuletzt ausgerechnet mit dem als Papst in einer von teils pädophilen Verschwörer-Cliquen durchsetzten und mit einer mafiösen, von jeder Strafverfolgung freigestellten Vatikan-Bank ausgestatteten Institution längst kaltgestellten Joseph Ratzinger publizierte (“Dialektik der Säkularisierung. Über Vernunft und Religion”, 2018). Selten wohl ist ein moderner Philosoph angesichts des Leides Zehntausender missbrauchter Kinder so tief gesunken, unter den Namen eines mit diesem perversen Haufen tief verbundenen Ratzinger einen pseudo-rationalistischen Buchtitel zu setzen. Mehr als Beihilfe zu massenhaftem widerlichem Lug und Selbstbetrug in Kumpanei mit Pädo-Kriminellen ist dies einstweilen nicht.

Angesichts mangelnder Lesebereitschaft und sinkendem schulischem Niveau schon in Deutschland (AfD? – Nein: “Die Zeit” und “WirtschaftsWoche” oder mal die Kommentare auf “tagesschau.de” lesen) pauschal von “wachsenden wissenschaftlichen Kenntnissen von der Welt” sprechen zu wollen, zeigt die Grenzen dieses Denkens wohl schon unmissverständlich an. Es könnte sich als geradezu peinliche Traumtänzerei herausstellen, die in noch verbliebenen gebildeten Kreisen zerstörerische Illusionen so lange aufrechtzuerhalten versucht, wie es irgend geht – mit weiterhin zerstörerischen Folgen.

Permanente Auftritte von Jürgen Habermas & Co. mit jeder Sorte von Imamen und Esoterik-Päpsten wären die einzigen Belege für ihre Lauterkeit – alles andere ist das Gegenteil, und es spielt sich mittlerweile schon in einem luftleeren Raum ab.

Das neue Buch von Jürgen Habermas ist auch eine Geschichte der Philosophie. Es gibt im Stil einer Genealogie darüber Auskunft, wie die heute dominanten Gestalten des westlichen nachmetaphysischen Denkens entstanden sind. Als Leitfaden dient ihm der Diskurs über Glauben und Wissen, der aus zwei starken achsenzeitlichen Traditionen im römischen Kaiserreich hervorgegangen ist. Habermas zeichnet nach, wie sich die Philosophie sukzessive aus ihrer Symbiose mit der Religion gelöst und säkularisiert hat. In systematischer Perspektive arbeitet er die entscheidenden Konflikte, Lernprozesse und Zäsuren heraus sowie die sie begleitenden Transformationen in Wissenschaft, Recht, Politik und Gesellschaft.
Das neue Buch von Jürgen Habermas ist aber nicht nur eine Geschichte der Philosophie. Es ist auch eine Reflexion über die Aufgabe einer Philosophie, die an der vernünftigen Freiheit kommunikativ vergesellschafteter Subjekte festhält: Sie soll darüber aufklären, »was unsere wachsenden wissenschaftlichen Kenntnisse von der Welt für uns bedeuten – für uns als Menschen, als moderne Zeitgenossen und als individuelle Personen«.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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