Ferdinand Lundberg, der Klassiker

Als ein Nachtrag zum vorigen Eintrag und Video fällt mir gerade auf, dass eines meiner Argumente zur kapitalistischen Reichtumsverteilung bis hin zu der Formulierung ‚im Geld schwimmen‘ sich in Ferdinand Lundbergs Buch „Die Reichen und die Superreichen“ (1968) auf der ersten Seite findet – die ich vor wenigen Monaten schonmal überflog. Hier geht es um die US-Amerikaner, aber in der Tendenz ist diese Beschreibung bis heute gültig:

Die meisten Amerikaner, Bürger des reichsten, mächtigsten und am meisten in Ideale eingeschnürten Landes der Welt, besitzen im allgemeinen nicht mehr als ihre Haushaltsgeräte, ein paar Glitzerdinger wie Autos und Fernsehapparate – in der Regel auf Raten oder aus zweiter Hand gekauft – und die Kleider, die sie auf dem Leibe tragen. Massen von Amerikanern, wenn nicht gar die Mehrzahl, leben in Buden, Hütten, Schuppen, Baracken, in überkommenen Monstren aus der Viktorianischen Epoche, in hinfälligen Mietskasernen und schäbigen Etagenhäusern. Zur selben Zeit mokiert sich unsere Presse schadenfroh über die baufälligen Mietshäuser in Rußland. […]
Zugleich schwimmt eine Handvoll Amerikaner im Geld, wie Prinzen in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Ihre Propagandisten betäuben eine verwirrte Welt mit endlosen Lobliedern auf die okkulten Vorzüge des Privateigentums und die wachsende Macht der Besitzenden. Die Mehrzahl der Bürger unseres Landes aber könnte in diesen sechziger Jahren kaum weniger ihr eigen nennen, wenn die USA lange unter einer Diktatur gelitten hätten, die ihre Untertanen schröpft.
(Gütersloh o. J., S. 9)

In glänzender Prosa kommentiert und kritisiert der Journalist Lundberg in diesen und anderen Büchern das Geschehen in der Wirtschaft und an den Börsen, nicht zuletzt immer wieder mit starkem Augenmerk auf Personen, prominent der Rockefeller-Dynastie („Die Mächtigen und die Supermächtigen“, 1968). Manche Zahlenwerke der damaligen Jahre kann man heute überblättern, doch bleibt Lundbergs Arbeit ein höchst aufschlussreiches Dokument nicht nur seiner Zeit. Die Machtstrukturen und Gaunereien von Eliten haben sich kaum verändert; auch manche der herrschenden Familien haben nur neue Frontleute hervorgebracht.

Zu der Lehre, die wir aus Lundbergs Büchern ziehen können, gehört auch, dass wir bestimmte derzeit vorherrschende Denkweisen in Universitäten überprüfen sollten: Eine entpersonalisierte Geschichtsschreibung (namentlich nach Michel Foucault, der für vieles, aber eben nicht für alles gut ist) und die Emphase auf abstrakten Machtstrukturen, kollektiven und kybernetischen Dynamiken in Geschichtswissenschaft und Soziologie hat dazu geführt, dass die damaligen Ziele einer kritischen Elitesoziologie wieder etwas aus der Schussbahn gelangt sind – während sie selbst nach wie vor kräftig feuern.

Man kann hierin auch ein Resultat eben jener Wissenschaftspolitik und Medienmanipulation sehen, auf die Lundberg an Beispielen wie den Rockefellers so nachdrücklich hinwies: In den USA war das Bildungssystem schon sehr früh von Institutionen, d. h. Stiftungen abhängig, in denen die Reichsten ihr Vermögen vor der Besteuerung retteten und so gleichzeitig ein Mitspracherecht in der vermeintlich unabhängigen Selbstbeobachtung der Gesellschaft erhielten. Demokratie geht definitiv anders. Vergleichbare Tendenzen bearbeitet unserer Tage immerhin ein zu Bestseller-Weihen gelangter Autor wie Albrecht Müller („Meinungsmache“, 2009) an Beispielen wie der Bertelsmann-Stiftung, die das US-amerikanische Modell auf deutsche Verhältnisse zu übertragen versucht. (Immerhin aber: Das deutschsprachige Exemplar von Lundberg, das ich gerade zitierte, wurde einst in Bertelsmanns Buchclub vertrieben.)

Auch wenn Lundbergs Schilderung von Wohnsituationen an den statistischen Realitäten in der Bundesrepublik zu überprüfen wäre und bestimmte noch (!) bestehende Sicherheiten in den Sozialsystemen eine Differenz zu Aspekten des US-amerikanischen Systems bedeuten, trifft Lundbergs scharfe Beobachtungsgabe auf vielerlei Ereignisse der Machtpolitik und der massenmedialen Wirklichkeitskonstruktion von heute nach wie vor zu. „[O]kkulte Vorzüge des Privateigentums“ etwa vertraten Neoliberale in den letzten 10-20 Jahren recht fleißig – auch wenn die meisten Politiker dieser Ausrichtung wirtschaftlichen Wettbewerb kaum je von innen gesehen haben dürften – um dann festzustellen, dass mit dem auf größte Haufen scheißenden Teufel sich ein weiteres Sprichwort als recht haltbar erwiesen hat. Vornehmer lässt sich dies mit Ökonomiekritik formulieren, die sich nicht nur marxistischer Termini, sondern eben auch dokumentarischer Arbeiten wie derjenigen Lundbergs bedienen sollte.

Schon mit Marx beginnt die theoretische Ausrichtung an abstrakten Begriffen und systemischen Bedingungen, die an der Wirklichkeit scheitern muss. Denn es sind immer Menschen und Gruppierungen von Menschen, die Strukturen schaffen, die dann erst zum Selbstläufer werden können.

Leider müssen wir aktuell sehen, dass es für ein Umsteuern in diesem historischen Zyklus möglicherweise auch schon zu spät ist: Der Schuldenwahnsinn, wie er von korrupten Eliten zugunsten von wenigen Privatvermögen in den USA über Jahrzehnte gepflegt wurde, wird auch und gerade durch die Tendenzen in der Europäischen Union, ihren politischen Konstrukteuren und Ausführenden, in rasanter Geschwindigkeit importiert. Was in Deutschland in den 1970ern unter den SPD-Finanzministern Helmut Schmidt oder Hans Matthöfer begann, bringt uns heute immer näher an den Staatsbankrott – nun nicht nur durch unsolide Verteilung von Wohlstand in einer überalternden Einzelnation, sondern zudem in einem dysfunktionalen Euro-System, von dem sich neben global vernetzten reichen Shareholdern auch Subventionsbetrüger und Mafias ihre Scheibe abschneiden dürfen.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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