Politikersprech, Presse, Krise und Gegenöffentlichkeit

Wie Frau Merkel zu Beginn des folgenden Videos korrekt bemerkt: Akten sind deklassifiziert worden, man muss sie nur noch einsehen. Das Gute: Informationen sind seit ein paar Jahren über das Internet besser zugänglich. Langsam nimmt die neue Öffentlichkeit noch mehr an Fahrt auf, auch mit aufwändig produzierten Inhalten, in einer neuartigen Kombination aus Eigenproduktion und als Zusammenstellung und Weiterleitung von Fremdinhalten, als Gegenöffentlichkeit und im Verwahren und Präsentieren wichtiger Beiträge, die sich im TV-Programm eher versenden.


Das Schlechte: Bezahlte Arbeitsmöglichkeiten für Journalisten nehmen an der Zahl ab. Da braucht man keine unabhängigen Medien, um zu erfahren, was der Stand der Dinge ist. Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) „Zur Sozialen Lage von Journalistinnen und Journalisten“:

Karge Honorare für freie Journalisten, Flucht in die PR, prekäre Praktika, Umstrukturierungen und Leiharbeit in den Redaktionen – dass sich die soziale Lage der Journalisten heute so darstellt, liegt nicht nur an Verlagen und Sendern. Über Jahre ließ sich eine Entsolidarisierung unter Journalisten beobachten: Viele Freie schlugen sich als Einzelkämpfer durch, Nachwuchsjournalisten übten in ihren Lehrredaktionen und Studiengängen früh das Konkurrenzdenken, etablierte Redakteure verloren das Interesse an den Problemen der Berufskollegen.

An einigen Entwicklungen nehmen wir hier laufend teil. Wohin sie führen, ist noch offen. Wir befinden uns mitten in einem Strukturwandel der publizistischen Angebote im Spannungsfeld von Konzern-Kontrolle und prekärer werdenden Arbeitsmärkten. Die Aggregierung von Fremdinhalten ist ein zweischneidiges Schwert, da so der Wert von Information zu inflationieren droht. Währenddessen wird es immer schwieriger, zwischen Information und Werbung zu unterscheiden. So bemerkt auch die bpb, „dass knapp zwei Drittel der freien Journalisten mit Doppeltätigkeiten ohne das Zusatzeinkommen aus PR-Aufträgen nicht überleben könnten.“

Die dem filmdenken benachbarte Website netzlesen.de mischt an dieser neuen Gemengelage ein wenig mit. Hier gibt es nun einen kurzen Themen-Trailer über Stimmen zu Finanz- und Eurokrise. (Daneben sammelt netzlesen.de auch interessante und ungewöhnliche Meldungen aus den Ressorts Kultur, Gesellschaft, Umwelt und Wissenschaft.) Was die auf netzlesen.de – und auch die im Twitter- und Facebook-Angebot von filmdenken.de – gesammelten Link-Hinweise und Meldungen betrifft, stellen sie ein anderes Bild dar als der Tenor im Mainstream, der zumindest zwischen Zweckoptimismus und wohldosierten Katastrophenmeldungen changiert.

Wir sehen hier also eine normalisierende Kanzlerin Merkel, einen ob seines Realismus eher griesgrämigen Sigmar Gabriel – die Große Koalition der Überzeugung, kein richtiges Regieren im Falschen üben zu können, doch in unterschiedlicher Bereitschaft, dies zuzugeben. Dazwischen ein Prominenter der Gegenöffentlichkeit im Internet, länger bekannt bei ökonomisch Interessierten: Gerald Celente mit seinem „Trends Journal“, der mit seinen schlechten Prognosen leider öfter richtiglag.

So stehen sich die Rhetoriken und Bewertungen von Regierung und Opposition, Konservativen, Wirtschaftsliberalen und Linken, Politikern und Journalisten, Etablierten und Underground, Pro-domo-Berichterstattern und Unabhängigen schroff gegenüber. Die hier aufgeführte Video-Collage deutet diese täglich erneuerten Debatten nur an, sie filtert aus Statements der allgegenwärtigen Medienpersönlichkeiten ein paar Einzelheiten und Aussagen heraus, die entweder das Illusionsbild des Mainstreams stören oder nolens volens das bestätigen, was eigentlich Gegenöffentlichkeit ist. Als Video-Schnipsel betreffen diese Fragmente jene Themen, die in den über das Link-Blog netzlesen.de verbreiteten anderen Nachrichten den größten Raum einnehmen, was politische und wirtschaftliche Aktualitäten angeht: Es besteht der Verdacht, dass manche Beteiligte nicht wissen, was sie tun, dass sie die Geschichte nicht kennen und dass die Risiken nicht schrumpfen, weil man Wertkorrekturen immer weiter herausschiebt. Wo die Zeichen nicht gröbst verfälscht sind, stehen sie auf Sturm.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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