#Islam-Debatten werden endlos und konfus bleiben

Gerade sah ich ein ARD-Interview mit dem Politik­wissen­schaftler Werner Patzelt, der sich zuletzt einen Ruf als „Pegida-Versteher“ erworben hat. Das bedeutet allerdings nichts anderes, als dass jemand an deutschen Universitäten mit komplexen Realitäten umzugehen versucht.

Es ist klar, dass Patzelt in seiner Stellung nicht Öl in das Feuer von Islam-Debatten gießen will. Und deshalb lässt er sich brav von der Moderatorin auffordern, das Publikum des „Mittagsmagazins“ darüber aufzuklären, dass die „Alternative für Deutschland“ (AfD) in ihrem nun programmatisch verkündeten Anti-Islam-Kurs zu Unrecht vereinfache. Es gebe nicht „den Islam“, und die Moslems, die hier lebten, unterschieden sich in ihren Ansichten von einem in ihren Heimatländern herrschenden „Islam“.

Das erinnert mich nun aber fatal an das „Islam Bullshit-Bingo“:

Islam_Bullshit-Bingo

Diese immer teilweise falschen und irreführenden sowie ablenkenden Aussagen kann man in jeder dieser Diskussionen mitsprechen.

Patzelts Darstellung würde ja bedeuten, dass in (teilweise nicht-demokratischen) islamischen Ländern die Mehrzahl der Bürger hemmungslos unterdrückt und in innerer Oppostion zu ihrem Staatswesen leben würden.

Die Ergebnisse von Umfragen sind dementsprechend eher undeutig und widersprüchlich. Die „Konrad Adenauer Stiftung“ stellt 2011 bei Moslems in Deutschland 87 % Zustimmung zur Demokratie fest. Die „taz“ (07.08.2012) weist auf ähnliche allgemeine Werte hin. Anders sieht es aber bei den konkreten Lebensvollzügen aus:

Von 40 auf 62 Prozent stieg aber die Zahl derer, die der Aussage zustimmten: „Am liebsten bin ich nur mit Türken zusammen.“ Auch die Ablehnung von Atheisten, Juden und Christen hat bei einer Minderheit zugenommen.

Rund die Hälfte (52 Prozent) betrachtet zudem Homosexualität als „Krankheit“, lehnt vorehelichen Sex bei Männern (43 Prozent) wie Frauen (63 Prozent) ab und legt großen Wert auf die Jungfräulichkeit von Frauen vor der Heirat (52 Prozent; Anm. der Red.: eine Frage zur Jungfräulichkeit von Männern vor der Heirat wurde nicht gestellt). Fast alle finden es aber auch „schlimm“, seine Kinder zu schlagen (92 Prozent) oder seine Ehefrau zum Geschlechtsverkehr zu zwingen (94 Prozent).

Wohlgemerkt: Eine kulturelle Selbstdefinition und auch Abgrenzung ist nichts, was mich persönlich stört – solange sie allen zugestanden wird. Die Frage des elterlichen Einflusses auf „vorehelichen Sex“ gehört zu den ersten Punkten, über die im hiesigen Fernsehen lange und breite Debatten mit Moslems geführt werden müssten. Hier wie in anderen Punkten hätten Moslems erst einmal nachhaltig und öffentlich zu artikulieren, was sie eigentlich denken und wie dies im gesellschaftlichen Zusammenleben umgesetzt werden soll.

So stehen uns – bei Einlösung demokratischer und rechtsstaatlicher Standards – langwierige Debatten ins Haus, welche Religion in welcher Weise kompatibel oder nicht kompatibel zu deutscher Kultur und deutschem Staatswesen ist. Alle Weltreligionen tragen schwer an der Last ihrer antiken Überlieferung, entstanden in den Wüsteneien des Nahen Ostens in einer patriarchalen Gesellschaft von Hirten und Nomaden. „Theologie“ nennt sich u. a. das Kunststück, davon noch etwas in multikulturellen, ‚aufgeklärten‘, technisierten und kommerzialisierten Gesellschaften retten zu wollen. Unbefriedigend in höchstem Maße auch der Umgang mit dem Judentum, das nach 1945 eine noch anders geartete Stellung einnimmt und sich ob seiner Selbstwidersprüche noch schneller in den Schutzbereich „religiöser Gefühle“ u. Ä. zurückziehen darf. Der Stand wahrhaft kritischer religionswissenschaftlicher Forschung ist auch hier – eher ernüchternd.

Die AfD artikuliert als erste deutlich etwas, was Alltag von Millionen in Deutschland ist: Das Erlebnis, einer traditionalistischen Zuwanderer-Kultur gegenüberzustehen, in der etwa Familie einen der höchsten Werte darstellt, und selbst die Erfahrung zu kennen oder zu machen, dass zuwenige Kinder geboren, überhaupt erwünscht oder mit allgemein verbreiteten Ansprüchen an Wohlstand und Versorgung denkbar werden, während ein „flexibler Arbeitsmarkt“ die wenigen existierenden Familien-Mitglieder in alle Winde zerstreut.

Hier sind vielfach bereits lebensweltlich gescheiterte Ideologien am Werk, die kinderarme 68er mittlerweile mindestens so totalitär verteidigen wie die ihnen verhassten Nazis und Konservativen der Nachkriegszeit die ihre. Die familienfernen Anteile der linken Ideologie gehen zudem Hand in Hand mit der örtlich beliebigen Verfügbarmachung von Arbeitskräften. Und hat man die Vorhandenen soziopsychologisch zerschunden, treibt man andere durch Kriege über den Globus.

Einstweilen wird die AfD einen aussichtslosen Kampf führen, der die Krisen-Tendenzen im Kern unberührt lässt. Sie bräuchte dieselbe Bewusstseinsindustrie, um Bewusstsein umzubauen – und dies hat nun über 70 Jahre Nachkriegszeit stattgefunden. Derlei bleibt dennoch eine er dringendsten Fragen für die, denen nicht dieser, erst recht aber nicht jener Glaube von Kindesbeinen an als Selbstverständlichkeit beigebracht wurde. Diese existenzielle Dringlichkeit wird sich zudem daran bemessen, wieviele Moslems sich in prekärer werdender sozialer Lage religiös radikalisieren. Leider gibt es hierfür Anzeichen.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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1 Response

  1. Peter Hallonen sagt:

    Vielleicht ist das Drehbuch solcher Debatten, die nie ehrlich und lösungsorientiert geführt werden, auch ganz einfach: Der Islam wie die Zuwanderung der letzten Jahre überhaupt bringen Probleme ins Land, die die Legitimität staatlichen Handelns vor allem als Garanten der inneren Sicherheit auf lange Zeit hinaus (wieder)herstellen. Ab irgendeinem Punkt ist es auch völlig egal, wie die politischen und gesellschaftlichen Versuche zur Integration bis Assimilation ausfallen: Wird sie nicht kompromisslos eingefordert, vergrößern sich die Probleme mit Zuwanderern immer weiter und machen sich auch im Alltagsleben der einheimischen Bevölkerung bemerkbar. Das heißt: Reagieren und verändern werden sich die Menschen ohnehin, Wohlstand, Sicherheit und Recht auf sexuelle Selbstbestimmung werden nicht mehr als selbstverständlich wahrgenommen. Theoretisch müsste das je nach Ausmaß der Probleme auch einen kulturellen Wandel auslösen, gerade bei Inaktion des Staates. Da Integration vom Wort her schon die Anpassung beider Seiten bedeutet, wäre sie dann sogar gelungen. Diese „Theorie des Gleichgewichts“, derzufolge die dekadente Wohlstandsgesellschaft durch Einwirkung von außen wieder auf einen gesunden Pfad irgendwo in der Mitte zwischen absoluter Toleranz (Status quo) und absoluter Intoleranz (Islam) zurückgeführt wird, hängt natürlich ganz wesentlich davon ab, dass tatsächlich die Mehrheitsverhältnisse nicht kippen.

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