Die transparente Piratenpartei

Seit dem Aufkommen der Piratenpartei beschäftigt sich die Gesichterforschung mit der Tatsache, dass der Parteigründer Jens Seipenbusch durch sein Äußeres auf eine ganz andere Spur führt: Er hat sein Pendant in Jan Udo Holey alias Jan van Helsing, einem der sog. „Verschwörungstheorie“ zugerechneten Autor.

Jens Seipenbusch (Piratenpartei) und Autor Jan van Helsing

Screenshots: Wikipedia / Neue Rheinische Zeitung

Holey vertritt die Auffassung, dass Politik und Geschichte wesentlich von Geheimgesellschaften mitbestimmt werden, die im Hintergrund agieren. In der „Wikipedia“ klingt das dann so:

Er verwendet zudem keine seriösen Quellen, sondern verweist überwiegend auf andere Verschwörungstheoretiker. Auch zitiert er rechtsextremistische Autoren, wie etwa den Hausautor der John Birch Society, Gary Allen, sowie William Cooper, Des Griffin und Dieter Rüggeberg. Auch bei Antisemiten bediente sich Holey, so bei dem kanadischen Rechtsradikalen William Guy Carr und der britischen Faschistin Nesta Webster, auf die sich auch der Ku-Klux-Klan beruft. Von diesen Autoren übernimmt Holey auch die für sein Werk grundlegende Behauptung einer angeblichen Weltverschwörung der Illuminaten.

Die Piratenpartei scheint nun angetreten, Licht in allerlei Dunkel zu bringen: Politik solle „transparent“ werden, Bürger sollen mehr mitbestimmen. Ist dies an der bisherigen Entwicklung plausibel geworden?

Hier soll niemand demotiviert werden, der sich unter großem persönlichen Aufwand an politischer Arbeit beteiligt. Der Blick auf führende Repräsentanten der Piratenpartei erweckt nicht den Eindruck, dass sich am Gesichterlotto der etablierten politischen Parteien etwas Wesentliches geändert hat. So sieht der Bundesvorstand – ergänzt um den ehemaligen Vorsitzenden Seipenbusch – aus:

Bundesvorstand der Piratenpartei

Screenshots: Piratenpartei-Wiki / Flaschenpost

Ist das eine Mischung, die aus einem „transparenten“, demokratischen Entscheidungsprozess hervorgegangen ist? Statistisch ist dies auf biometrischer Ebene sehr unwahrscheinlich. Die führenden Personen sind in den Proportionen ihres Binnenschemas, mehr oder minder auch in Augen- und Nasenform, vom ehemaligen Bundesvorsitzenden Seipenbusch abzuleiten – mit individuellen Abweichungen in Augenabstand und Schema-Breite.

Auf wen könnte eine Steuerung zurückgehen? Zu Seipenbusch ist in der Biografie zu lesen, er arbeite

an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, wo er stellvertretender Leiter der Informationsverarbeitungs-Versorgungseinheit (IVV) der Rechtswissenschaftlichen Fakultät ist. Darüber hinaus ist er in der Fakultät Mitglied der EDV-Kommission und des IT-Sicherheitsteams der Universität.

Der ehemalige Bundesvorsitzende entstammt also einem Universitätsmilieu, das zu den elitären Gesellschaftsschichten zählt, und ist darin dem naturwissenschaftlich-technischen sowie juristischen Bereich zugehörig.

Weitere Begebenheiten aus der Piraten-Führungsriege lassen aufhorchen: Auf der Ebene der Namen besteht bei dem prominenten Berliner Piraten Stephan Urbach eine Assoziation zu Peter Urbach, einem Agenten des Verfassungsschutzes und agent provocateur aus der Anfangszeit der „Roten Armee Fraktion“ (RAF) um 1970. Ein weiterer prominenter Berliner Pirat ist Klaus Peukert. Dem an Verschwörungstheorie Interessierten klingt dieser Nachname von einem der bekanntesten Grundlagenwerke in den Ohren: Will-Erich Peuckerts Buch „Geheimkulte“ (1951). Seipenbuschs früher Weggefährte Andreas Popp, der nun auch der neuen „Gruppe 42“ innerhalb der Piraten angehört, ist namensgleich mit jenem Andreas Popp, der z. T. in demselben publizistischen Umfeld agiert wie Jan Udo Holey und ebenfalls geschichtsrevisionistische Thesen vertritt. Beim Autor Popp kommt zudem noch ein wirtschaftskritischer bis lebensreformerischer Argumentationszweig hinzu.

Der Name des amtierenden Bundesvorsitzenden der Piratenpartei, Sebastian Nerz, führt uns in anderer Schreibweise zum Begriff des „Nerds“, also jenem Typus, aus dem sich der ursprüngliche Kernbestand der Piratenpartei wesentlich rekrutiert: bebrillte Computerfreaks, die ihr Leben am Rechner verbringen und weder Tageslicht noch Essenszubereitung kennen. Nerz versuchte sich zunächst in der CDU, bevor er zu den Piraten überlief.

Halten wir zunächst einmal fest, dass Abweichungen von Mainstream-Ansichten im Falle Holeys schnell zum Prädikat „rechtsradikal“ führen, auch wenn sie mit historischem Quellenmaterial arbeiten und z. T. Theorien aufstellen, die notwendigerweise Spekulation sein müssen, wenn man nicht gänzlich dazu schweigen will (Geheimgesellschaften existieren, das Geheime ist ihr Wesen).

Die Piratenpartei wird seit Monaten von den Mainstream-Medien als kommende Größe in der Politik gefeiert, obwohl ihre Programmatik noch wenig definiert ist. Ich befürchte, dass ein umfassendes Parteiprogramm schließlich eine sozialliberale Mixtur aus den Programmen von SPD, FDP und Grünen sein wird, ergänzt mit einigen speziellen Argumenten der Netzkultur, um die sich auch FDP und Grüne zunehmend kümmern.

Die Piratenpartei wird das linksliberale Lager weiter zersplittern. Über die nächsten Jahre werden viele junge Menschen, die sich ihr anschließen, mit aufwändiger Etablierung von Strukturen beschäftigt sein. Für primär inhaltliche Arbeit haben sie viel weniger Zeit als für Organisatorisches; Rat externer und unabhängiger Experten wird von ihnen ebenso selten wie von etablierten Parteien gesucht. Dementsprechend läuft es in vielen Reden auf Parolen und Halbwissen hinaus. Erst werden die Piraten als Koalitionspartner nicht akzeptiert werden („zu unprofessionell“), dann werden sie in solche Bündnisse integrierbar. Zu diesem Zeitpunkt wird ihr programmatisches Spektrum endgültig nur noch in Nuancen von existierenden Angeboten unterscheidbar sein. Auch ihr Personal wird sich zu diesem Zeitpunkt natürlich erneut verändert haben: Pioniere werden oft, nachdem sie ausgelaugt sind, das Handtuch geworfen haben. Andere werden nachrücken, die, wie in anderen Parteien, z. T. von vornherein bestimmten Interessensgruppen angehören. Dabei werden sich vermutlich abermals nicht Erkenntnisse durchsetzen, die man nachhaltig als „Verschwörungstheorie“ stigmatisiert, auch wenn sie aufschlussreich und bisweilen wiederum Teil elitären Wissens sind, das anderen gezielt vorenthalten wird – und das man, Transparenz realisierend, eigentlich öffentlich machen und ausführlich diskutieren müsste.

Schon jetzt aber ist es nicht unwahrscheinlich, dass Personal und Personalentscheidungen auch der Piratenpartei von geheimgesellschaftlichen Codierungen mitbestimmt sind. Wie dies realisiert sein könnte, sollte man in jeder Einzelsituation mitbedenken.

Update 20.02.2012: Wie im Nachbar-Blog „Kino Okkult“ weise ich hier einmal auf ein Interview mit Christoph R. Hörstel hin. Um 1:15 h herum findet sich eine der wenigen öffentlichen Äußerungen, die die Piratenpartei als vermutlich geheimpolitisch gesteuert ansieht.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de – Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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