#Maaßen, ein unsichtbares Video und ein dabei fast vergessener Todesfall

Schon komisch – tausend Maaßen-Meldungen in den letzten Wochen, ein Hetzjagd-Video, das keines ist, aber kaum mediale Präsenz der folgenden Ereignisse, obwohl in diesem Zeitungsbericht mit Aussagen der Opfer filmisch dokumentiert (die wir, wie vieles Andere, bisher nicht genau prüfen können, ebensowenig wie Hintergründe der Tat). Vom 02.09.2018:

Am Sonnabend war das anders: „Plötzlich kamen sechs oder sieben vermummte Männer, sie rannten uns nach, ich sah ihre schwarze Kleidung, ihre schwarzen Masken“, sagt A.. Sein Freund, kleiner und schmächtiger als er, sei nicht schnell genug gewesen, die Männer hätten ihm ins Gesicht geschlagen, er sei zu Boden gegangen.
https://www.abendblatt.de/politik/article215231563/Vermummte-jagen-in-Chemnitz-Fluechtling-und-pruegeln-ihn.html

n-tv vermerkt dieses und wenige andere Vorfälle:
https://www.n-tv.de/politik/In-Chemnitz-wurden-18-Menschen-verletzt-article20603359.html

Der „Tagesspiegel“ brachte am 12.09.2018 diesen Bericht mit Erwähnung eines „Lagefilms“, den man der Öffentlichkeit aber wohl nicht zugänglich macht. Doch sollte Hans-Georg Maaßen diesen nicht haben sehen können? Das mag in den Zuständigkeiten so sein, aber Erwähnung hätte er doch bei jeder amtlichen Nachfrage finden müssen.

Die Einschätzung von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), es habe in Chemnitz „keinen Mob, keine Hetzjagd“ gegeben, lässt sich auch nach einem internen Lagefilm der Polizei kaum halten. Laut dem ZDF-Magazin „Frontal 21“ geht aus dem Lagefilm der Polizei hervor, dass es die Polizei Chemnitz am 27. August mit einer intensiven Bedrohungslage zu tun hatte. Nach dem gewaltsamen Tod des 35-jährigen Daniel H. in Chemnitz hatte es an dem Wochenende Demonstrationen und Proteste gegeben, an denen sich Rechtsextremisten beteiligten. Weiter gehe aus dem Polizeibericht hervor, berichtet „Frontal“, dass es am 27. August zwischen 21 Uhr und 22 Uhr mehrfach Versuche rechtsgerichteter Gewalttäter gab, linke Demonstranten oder Ausländer zu attackieren. Um 21.42 Uhr heißt es in dem Bericht: „100 vermummte Personen (rechts) suchen Ausländer.“
https://www.tagesspiegel.de/politik/chemnitz-und-koethen-100-vermummte-personen-rechts-suchen-auslaender/23056202.html

Es wirkt schon wieder als eine vorentworfene Verwirrung wie mit den Begriffen Ausländer, Migrant, Zuwanderer, Flüchtling und Asylant: Hier geht es sonst öffentlich nur um ein Video, das eine Hetzjagd zeigen soll, die aber wenig dramatisch endet. Nur in einzelnen Berichten wird dann dieser „Lagefilm“ der Polizei erwähnt, von dem man leicht denken kann, es sei dieses überall gezeigte Video. Doch scheinbar haben den Film nur ZDF-Mitarbeiter sehen können, oder? Ebf. am 12.09.2018 formuliert die „Welt“ es so:

Das ZDF-Magazin „Frontal 21“ hat den internen Lagefilm der Polizei zu den Demonstrationen in Chemnitz angesehen und ausgewertet. Darin sei die Rede von „Vermummten“, die sich „mit Steinen bewaffnen“, „Ausländer suchen“ und ein jüdisches Restaurant überfallen.
https://www.welt.de/politik/deutschland/article181502480/Umstrittene-Chemnitz-Aeusserung-Maassen-erklaert-sich-Angst-vor-Desinformationskampagne.html

Da wird also erst einmal erneut der Eindruck erweckt, es gebe eine filmische Dokumentation von mehr als dem überall zu Sehenden. Dann wirkt aber die journalistische Wiedergabe hier so, als beziehe sie sich nur auf sprachliche Formulierungen, die in dem „Lagefilm“ zu hören sind. Sollten betreffende Täter nie ausfindig gemacht werden (wahrscheinlich, wenn schließlich nichts strafrechtlich Relevantes passiert ist), können wir nicht einmal überprüfen, ob das, was glücklicherweise nicht eskaliert ist, wirklich authentisch war.

Das zu hinterfragen wird man in diesem Fall einmal mehr empfehlenswert, wenn man den Fall eines Demonstranten mit zum „Hitlergruß“ erhobenen Arm betrachtet. Der „Bayerische Rundfunk“ rühmt sich am 11.09.2018:

BR24 rekonstruiert die Faktenlage in drei umstrittenen Fällen.
https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/chemnitz-fakten-fakes-und-falsche-schluesse,R2slN2X

Auch hier wird statt eines eigentlich skandalösen Faktums nun die angebliche, dann wieder dementierte Fälschung des betreffenden Dokuments zum Thema:

Besonderes Aufsehen erregten etwa Aufnahmen eines Mannes mit Kapuzenpulli, der mit zum Hitlergruß gestrecktem Arm gefilmt wurde. Auf einem Foto desselben Mannes sind die Buchstaben „RAF“ zu sehen, was einerseits die Abkürzung der ehemaligen Terrororganisation Rote-Armee-Fraktion ist, aber auch der britischen Luftwaffe Royal Air Force, um nur zwei Beispiele zu nennen. […]
Deswegen kamen T-Online und Watson zu dem Schluss, es handle sich um eine Bildfälschung. Auch viele anderen Seiten, die Fakes rund um die Demonstrationen in Chemnitz sammelten, nahmen das RAF-Bild in ihre Sammlung auf.
Am Mittwoch ruderten T-Online und Watson jedoch zurück, als weitere Aufnahmen des Mannes auftauchten, die ebenfalls die Buchstaben RAF auf der Hand des Mannes zeigten.

Nun gibt es Linksextreme, die zur Rechten überwechseln, und ehemalige Fans der britischen Luftwaffe, die zu Feinden Englands aufgrund ihrer eigenen veränderten Sicht auf die Geschichte werden. Am besten wäre es, man würde den Mann fragen, den man schon unverpixelt in allen Medien gezeigt hat. Aber derartige journalistische Nachfragen unterbleiben wohl immer häufiger und lassen – ist die eigene Reputation ohnehin beschädigt – an anderer Stelle jede Tür und jedes Tor für sogar sinnvolle und notwendige Spekulationen offen.

Dass ausgerechnet ein Neonazi, der als einziger mit seinem Hitlergruß so deutlich präsentiert wird, einer der wenigen sein soll, der an einer dabei hervorgestreckten Hand eine „RAF“-Tätowierung trägt, ist schon unwahrscheinlicher als das meiste Andere hier Denkbare.

Die kriminalistische und journalistische – dabei eben unbeantwortete – Frage ist, ob hier jemand aus der linken Szene einen Nazi nur gespielt hat, der sich zu der symbolträchtigen, strafrechtlich bewehrten Handlung im Gegensatz zu anderen deutlich sichtbaren Angehörigen des äußerlich als radikal erkennbaren Blocks in der Demo hat verleiten lassen.

Das ZDF wird in seinem Text-Beitrag vom 11.09.2018 protokollarisch noch ausführlicher. Betrachtet man das vorsichtig, fällt auf, dass etwa hier etwas dramatisch anmoderiert wird – die „Personen mit Eisenstangen“ tauchen kurz auf, verschwinden aber gleich wieder unverrichteter Dinge auf Nimmerwiedersehen aus dem Bericht. Es sei „schon zu Handgemengen“ gekommen – wo dann denn noch außer in den im vorliegenden und in in einem früheren Beitrag schon besprochenen Fällen?

Die gesamte Handlungseinheit im vollen Wortlaut:

Zu dieser Zeit kam es am Bahnhofsvorplatz schon zu Handgemengen: „Zwei Personen mit Eisenstangen am Bahnhofsvorplatz in Richtung Brückenstraße unterwegs.“
https://www.zdf.de/politik/frontal-21/pressemitteilung-interner-polizeibericht-chemnitz-100.html

„Handgemenge“ werden nicht konkretisiert. Der Doppelpunkt suggeriert, als seien daran die „Personen mit Eisenstangen“ beteiligt gewesen. Der Inhalt der Aussage müsste dies aber klar übermitteln, was er dann gerade trotz vermeintlich verbindendem Doppelpunkt nicht tut. Waren diese Personen nun an „Handgemengen“ (im Plural?) beteiligt? Oder handelt es sich bei dem Weggehen und Nichts-weiter-Tun dieser Personen um einen davon getrennten Ablauf?

Es wird auch bemerkt, es seien eingetroffen

mehrere Meldungen darüber […], dass gewaltbereite Hooligans aus anderen Bundesländern ins sächsische Chemnitz anreisen: „Vermutlich handelt es sich um Personen, die intensiv Kampfsport betreiben, gewaltsuchend sind.“

Dies ist in der Öffentlichkeitswirkung, die über die Causa Maaßen auf ein weiteres Nebengleis (zum Anlass eines Mordes, mutmaßlich durch einen Asylbewerber, wobei der einzige noch konkret Tatverdächtige bis dato immer noch flüchtig zu sein scheint) gelenkt wurde, ein wesentliches Faktum: Die Stadt Chemnitz wird nicht zuletzt mit dem Auftreten zugereister Demonstranten identifiziert. Wenn es so viele offensiv auftretende Neonazis in Chemnitz gäbe, so sind sie nicht in der für uns im TV-Bild sichtbaren Zahl selbst aufgetreten. Und man sollte meinen, hier würden alle Kräfte mobilisiert, die überhaupt vorhanden sind.

Daraus folgt eigentlich, dass auch bei einer Authentizität der von „Antifa Zeckenbiss“ verbreiteten wenigen Sekunden einer Pöbelei, die als „Hetzjagd“ hochgespielt wurde, das zutrifft, womit „Die Zeit“ (10.09.2018) Hans-Georg Maaßen zitiert. Seine Einschätzung propagandistischer Praktiken trifft in den genannten Merkmalen sogar auf die ZDF-Wiedergabe des „Lagefilms“ zu:

„Die Skepsis gegenüber den Medienberichten zu rechtsextremistischen Hetzjagden in Chemnitz werden von mir geteilt. Es liegen dem Verfassungsschutz keine belastbaren Informationen darüber vor, dass solche Hetzjagden stattgefunden haben.“
Speziell äußerte sich Maaßen zu einem Video, das eine Attacke von Rechten auf Menschen mit mutmaßlichem Migrationshintergrund zeigt: „Es liegen keine Belege dafür vor, dass das im Internet kursierende Video zu diesem angeblichen Vorfall authentisch ist.“ Maaßen vermutet hinter den Darstellungen sogar eine Kampagne, ohne konkreter zu werden: „Nach meiner vorsichtigen Bewertung sprechen gute Gründe dafür, dass es sich um eine gezielte Falschinformation handelt, um möglicherweise die Öffentlichkeit von dem Mord in Chemnitz abzulenken.“
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-09/chemnitz-hans-georg-maassen-hetzjagd-beweise-horst-seehofer

Wie im früheren Beitrag hoffentlich verdeutlicht: Ich folge hier keinem Wunschdenken und kann von meiner Position aus nicht ausschließen, dass so thematisierte Bedrohungslagen entstehen könnten. Aber mit einer auf das journalistisch und juristisch Fassbare gerichteten Aufmerksamkeit wirken Maaßens Angaben korrekt, während sie anschließend zu einem wohl eher unnötigen Skandal mit Personal-Karussell wurde; von ihm genannte Vorbehalte gegenüber „Falschinformation“ durch extremistische Akteure treffen in der Sache (eher Aufbauschen als möglichst neutral wiedergeben und möglichst alle Seiten kritisch befragen) auch Ungenauigkeiten der ZDF-Wiedergabe eines selbst in die Unsichtbarkeit entrückten Filmdokuments.

Das Maximum, was hier zu ersehen ist, waren, so die Polizei in einer nachträglichen sprachlichen Schilderung, erkennbare Absichten größerer Gruppen, Hetzjagden zu veranstalten – oder aus Lust an der Provokation nur anzudeuten. Was damit an Maaßens Einschätzung falsch sein soll, erschließt sich mir immer noch nicht, auch wenn die Presse danach in immer diffuserer Weise bekannte Muster wiederholt (starkes Betonen ‚rechter Gefahr‘, wenig Ausführliches zu Manchem, worum es eigentlich oder gerade vordringlich geht).

All das trägt zu einer für oberflächliche Zuschauer kaum entwirrbaren Informationslage bei, in der von beiden politischen Seiten projiziert werden kann. Der im früheren Beitrag angedeuteten denkbaren gegenläufigen Massen-Psychologie, die hier angestrebt sein könnte (Ablehnung von Neonazis aus dem ursprünglichen Anlass eines vermutlichen Mordes durch einen Asylbewerber), steht jedoch in jedem Fall der Eindruck gegenüber, dass erstens nicht neutral berichtet wird und eigentlich bedeutsame Ereignisse hinter rein symbolischen (und erneut mehrfach verzerrt und konfus dargebotenen) Ablenkungsmanövern zurücktreten.

Bonus-Material

Stefan Niggemeier löst seine Aufgabe als Medienkritiker auf „übermedien.de“ (23.09.2018), indem er nicht über den Gegensatz von Anlass und anschließender inhaltlicher Verschiebung auf Demo-Berichterstattung und die weitere Verschiebung auf die Maaßen-Debatte nachdenkt, sondern indem er der Maaßen-Debatte eine weitere Verzierung hinzufügt: Maaßen habe in seinen Worten über die unsichere Deklaration des „Antifa Zeckenbiss“-Videos die Präsentation der „tagesschau“ in mehreren Fällen nicht ganz richtig dargestellt. Diese habe nicht, wie von Maaßen behauptet, „die Konnotation von Hetzjagden“ übernommen, sondern von „Amateurvideos“ gesprochen, die „Übergriffe auf Menschen mit dunkler Hautfarbe“ zeigen, und dann den Regierungssprecher Steffen Seibert mit dem Begriff „Hetzjagden“ zitiert.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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