Zur schlechten Erinnerung an Kinderschänder Jimmy Savile

Am 13. April diesen Jahres jährt sich zum 13. Mal eines der gruseligsten TV-Ereignisse der Geschichte. Hierzulande war davon kaum jemals die Rede, denn es handelt sich um eine BBC-Fernsehproduktion, die sonst nur in Australien gezeigt wurde. Der Journalist Louis Theroux präsentiert in ironisch-satirischer Art ungewöhnliche Persönlichkeiten und Gruppierungen, denen er möglichst nahe zu kommen versucht – so in „Weird Weekends“ (1998-2000) UFO-Fanatikern, Porno-Produzenten oder Gangster-Rappern. Im Jahr 2000 produzierte er als Auftakt einer weiteren Reihe „When Louis met … Jimmy“ mit dem BBC-Star Jimmy Savile, von dem wir wissen:

Er erfand das Familienprogramm Jim’ll fix it, das am 31. Mai 1975 erstmals um 17.55 Uhr in BBC 1 auf Sendung ging. Die von Savile moderierte Sendung versprach Kindern, ihre Träume zu erfüllen, unter anderem mit dem Überschallflugzeug Concorde den Atlantik zu überqueren oder einen Löwen zu bändigen.
(Wikipedia)

Erst nach Saviles Tod 2011 wurde bekannt, dass er hundertfach Minderjährige missbraucht hatte. Da waren international ausgestrahlte Nachrichtenberichte erstmals unumgänglich, nachdem erste Ermittlungen wegen Pädophilie schon 1961 stattfanden. Seitens des britischen Staatsfernsehens, aber auch anderer Sendeanstalten rund um den Globus ist man sicherlich erfreut, wenn diese Causa in Vergessenheit gerät.

Auch deshalb hier noch einmal ein Hinweis darauf. Der britische Autor und Aktivist David Icke behauptet seit vielen Jahren, organisierte Strukturen des Kindesmissbrauchs und Satanismus in der High Society seines Landes zu kennen. (Hier ein Text von ihm dazu. Warum diese Seite als „attackierend“ gemeldet wird, dürfen Sie mich nicht fragen. Ich habe sie jedenfalls jetzt zum wiederholten Mal aufgerufen.) Das Thema ist in Internet-Veröffentlichungen zu Satanismus und Verschwörungen keine Seltenheit. Da der Vorwurf einer der menschlich gravierendsten ist, sollte man zwar vorsichtig damit umgehen. Doch in der Filmgeschichte bietet sich schon auf öffentlicher Ebene einiges, was Verdacht erregt. Weitere Fragen gehen dahin, wie korrupt und amoralisch unsere Eliten wirklich sind – und ob und wann dieses Thema nur ein Sensationalismus der Gegenkultur ist.

Im Fall Savile dürfen wir nach ca. 450 bezeugten Fällen aller Voraussicht nach von Tatsachen sprechen, auch wenn die Ermittlungen noch andauern. Dass der Täter der Strafverfolgung immer wieder entging, lässt David Ickes Klagen und Warnungen durchaus realitätsnäher wirken, als Mainstream-Medien dies gerne wahrhaben wollen. Es liegt nahe, dass er geschützt wurde, weil auch andere Beteiligte in Machtpositionen um ihre Reputation fürchten mussten. Und wenn dies wahr sein sollte, müssten Millionen von Bürgern und TV-Zuschauern ihr Normalitätsbewusstsein noch stärker korrigieren als bis dato.

Theroux’ Sendung mit Savile ist aus zwei Gründen absolut gespenstisch, wenn man sie aus heutiger Perspektive anschaut: Sie enthält einige deutliche Hinweise auf die Wahrheit. Und die Person Savile wird zum Typus eines Medienprominenten, der mit tausend Albernheiten und Attitüden seine eigenen tiefen Abgründe überspielt. Das, was in Anbetracht vieler Realitäten TV-Prominente so kindisch und überdreht wirken lässt, ist in Saviles Fall mittlerweile ein klinischer Befund: Er war ein Psychopath, der sich ein ganz eigenes in sich abgeschlossenes Weltbild gezimmert haben muss, um den zu spielen, der er für die Öffentlichkeit war: ein Clown. Dass er im für die Kamera inszenierten Privaten durchweg an riesigen Zigarren lutschte, ist ein abstruses Beispiel dafür, wie aussagekräftig Sexualsymbolik sein kann.

Jimmy Savile in Louis Theroux' 'When Louis met ... Jimmy'

Screenshot: BBC

Ein Interview-Segment von Theroux mit Savile, in dem er Vorwürfe wegen Pädophilie direkt anspricht, wird auch in der „Wikipedia“ erwähnt. Savile gibt zu, er habe sich mit seiner Behauptung, Kinder in Wirklichkeit zu „hassen“, effektiv zur Wehr setzen können.

Was die Methoden von elitären Kinderschändern wie Savile betrifft, ist jedoch eine Szene vom Anfang der Dokumentation aufschlussreich. Theroux bringt das Thema schon bedenklich nahe an den Kern der Sache: Savile scherzt über sein Bett als „Altar“, Theroux fragt, ob er dort Menschen opfere. Savile (ärgerlich): „No-no-no, that’s negative. I’m positive.“ Nach dieser versteckten Drohung, Saviles Neigungen zu kennen, geht der Betroffene in die Offensive. Als Theroux einen Notizblock mit seiner eigenen Adresse in Saviles Räumlichkeiten findet, deutet Letzterer mysteriös an, er wisse ja gar nicht, ob Theroux wirklich existiere, und er müsse sich in diesem Fall dann fragen: „Shall I send some of my lads around with strong Sicilian accent to speak with him?“ („Soll ich einen meiner Kumpels mit starkem sizilianischem Akzent zu ihm schicken, damit er mal ein Wörtchen mit ihm redet?“) Gleich darauf beruft sich Savile, bezogen auf seine Treffen mit Queen Elizabeth II., wörtlich auf die „Omertà“.

Vor einem Millionenpublikum also ruft der Kinderschänder, der sich seiner Sache sicher ist, den schon etwas besser als sein Publikum informierten Journalisten Theroux zur Räson. Und er verwendet dabei (scheinbar) ironisch das Bild einer mafiösen Verbindung, der er selbst angehört. Dass ein solcher Humor mehrere höchste Ehrentitel bis zum „Sir“ und „Officer of the Order of the British Empire (OBE)“ sowie die durch Papst Johannes Paul II. vollzogene Ernennung zum „Ritter des Gregoriusordens“ wert war, lässt tief blicken. Oder wurde vielmehr sein Schweigen über andere Dinge belohnt? Und über was?

Die Andeutung okkultistischer Inspirationen kann sich Savile nicht verkneifen, als er in einem Hospital behandelt wird. Er trägt die verschwörungsnotorische Symbolzahl „13“, weiß auf schwarzem Grund, als Sweatshirt.

Jimmy Savile in Louis Theroux' 'When Louis met ... Jimmy'

Screenshot: BBC

Wir können also anhand dieser Dokumentation feststellen, dass die von David Icke angesprochenen geheimen Bünde von Pädophilen mit dem Fall Jimmy Savile an Plausibilität gewinnen. Die Selbststilisierung als Mafia und das Spiel mit Okkultsymbolik bestätigen in Saviles Verhalten und Selbstinszenierung derartige Verschwörungstheorien. Die Probleme des Umgangs von Massenmedien mit Kindern sind freilich noch vielschichtiger. Savile war nur ein vorläufiges vereinzeltes Symptom des Systems.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de – Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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2 Responses

  1. Peter sagt:

    Welche alternativen Antworten auf die entscheidende Frage „Weitere Fragen gehen dahin, wie korrupt und amoralisch unsere Eliten wirklich sind – und ob und wann dieses Thema nur ein Sensationalismus der Gegenkultur ist.“ sind denn in dem hier geschilderten Fall Jimmy Savile möglich?

    Zunächst einmal ist festzuhalten, dass auch der vor allem posthum ans Licht gekommene Missbrauchsskandal ein Medienereignis ist, das von den Verantwortlichen im Hintergrund irgendwie einberechnet worden sein muss – entweder als geplantes Ereignis oder eben als „kontrollierbarer“ Unfall. Auch für erstere Option gäbe es wiederum zwei Möglichkeiten: Dass alle Anschuldigungen gegen ihn frei erfunden sind und es sich nur um ein mediales Theater handelt (dessen Absichten erst einmal dahinzustellen sind) oder dass die Missbrauchshandlungen bewusst so geschehen sind, allerdings mit der Intention, später als Skandal ans Tageslicht zu kommen. Für erstere Option sind die „logistischen“ Möglichkeiten begrenzt, insofern man es als ausgeschlossen betrachtet, dass die erstaunlich bzw. erschreckend große Anzahl der teilweise ja auch im Fernsehen auftretenden Missbrauchsopfer alle „angeheuerte Lügner“ sein können.

    Die Motive für die Inszenierung eines Missbrauchsskandals ließen sich teilweise ja aus dem „GesichterWissen“-Konzept ableiten, nach dem in der medialen Öffentlichkeit stehende Persönlichkeiten, die eine bösartige politisch-ideologisch-kulturelle Programmatik verfolgen, auf dem Wege physiognomischer Eigenschaften bewusst als Dämonen dargestellt werden. Eliten, die einem in der „finalen“ Geschichtsschreibung als fataler Irrweg darzustellenden Kurs (Beispiele aus der Vergangenheit: Faschismus/Nationalsozialismus/Kommunismus) folgen, müssten im Nachhinein auch als moralisch oder gar charakterlich grundlegend defizitär erscheinen.

    Persönlichkeiten wie Jimmy Savile könnten retrospektiv als Miturheber eines in die Katastrophe führenden kulturellen Verfalls gelten, der mit der Popkultur (für die er über seine TV-Sendungen steht) begonnen hat oder wenigstens fortgeführt wurde. Da passt es natürlich ganz gut, wenn auch erhebliche moralische Argumente gegen die verantwortlichen Personen anzuführen sind. Diese hier geäußerte Theorie steht allerdings auf sehr wackligen Füßen, wenn man unterstellt, dass Jimmy Savile die Missbrauchshandlungen tatsächlich vollzogen hat und er sich im Bewusstsein darüber war, dass diese später ans Tageslicht kommen und einen Skandal ergeben sollten. Schließlich ist es nur schwer vorstellbar, dass man etwas im weitesten Sinne Gutes beabsichtigt, aber dann charakterlich in der Lage zu moralisch extrem verwerflichen bis psychopathischen Handlungen ist. Falls Savile hier nur von anderen Eliten unwissentlich oder auch wissentlich benutzt worden wäre, sähe es etwas anders aus. Schließlich haben unsere Eliten, falls man ihnen denn eine letzthin positive oder zumindest nicht satanische/rein bösartige/egoistische Absicht unterstellt, schon ausreichend unter Beweis gestellt, dass sie auf dem Wege von beispielsweise den beiden Weltkriegen und vielen weiteren verlustreichen Kriegen dazu bereit sind, das Leben vieler Menschen bewusst aufs Spiel zu setzen. Es dürfte eine philosophische Frage sein, ob es verwerflicher ist, Missbrauchshandlungen zu begehen oder wissentlich zuzulassen, oder den Tod zahlreicher Menschen und – was genauso schwerwiegend ist – die massiven langfristigen psychologischen Nachwirkungen eines Krieges für die Betroffenen oder auch ganz allgemein eines inhumanen gesellschaftlichen Systems der Bereicherung weniger und Verarmung vieler in Kauf zu nehmen. Das vielleicht einzige Argument, mit dem man eine solche Denkweise begründen könnte, wäre, dass es in einer „natürlichen“ Gesellschaftsordnung ohne diese Steuerung und Kontrolle durch eine Elite auch nicht gerechter zuginge (ob es so ist, sei einmal dahingestellt). Dem man wieder entgegen stellen könnte, dass die Kosten-Nutzen-Abwägung (wie viele Opfer sind akzeptabel, um ein bestimmtes vorab definiertes Ziel zu erreichen?) oft willkürlich ist und man im Zweifel wohl auch auf die Inszenierung eines Skandals, den in einigen Jahren die meisten wieder vergessen haben, verzichten könnte. Vielleicht kann man sich darauf einigen, dass eine im psychopathologischen Sinne „psychopathische“ Elite auf keinen Fall akzeptabel ist. So ein offenbar pschopathischer Mann – können Restzweifel bleiben? – wie Jimmy Savile gleichberechtiges wie repräsentatives Mitglied dieser Elite ist, müsste man sich also ernste Sorgen machen. Falls dieselbe keine Anstalten machen sollte, sich bald selbst überflüssig zu machen oder durch eine bessere austauschen zu wollen.

    • alle Anschuldigungen gegen ihn frei erfunden sind

      Das ist bei der Menge von Zeugenaussagen, glaube ich, nicht mehr denkbar.

      Vielleicht kann man sich darauf einigen, dass eine im psychopathologischen Sinne “psychopathische” Elite auf keinen Fall akzeptabel ist.

      Ich denke auch, dieser Fall ist ein Schlaglicht auf etwas, das wesentlich weiter reicht. Einiges davon hat sich in der Folgezeit angedeutet und ist wohl auch noch nicht ausermittelt:
      http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/brennpunkte_nt/article129861103/Neue-Vorwuerfe-im-britischen-Missbrauchsskandal.html
      Dass man hierzulande um einen Sebastian Edathy so ein Bohei macht, während Savile wohl trotz der Berichte kaum jemand kennt, bestätigt zunächst die daran ablesbare Funktion von ‚Medien‘ – das, was nach dem Willen näher zu bestimmender Eliten nicht zur Sprache kommen soll, auch nicht zur Sprache zu bringen. So banal und traurig ist das wohl leider – und eine effektive Veränderung bisher nicht in Sicht. Was sich hier im Internet halten und finanzieren lässt, ist aus meiner Sicht noch sehr fragwürdig. Geschieht das nicht, wird es eher schlimmer als besser.
      Auch Medienkonsumenten müssen dazu aktiver werden, sich anders organisieren – entgegen wesentlichen historischen Erfahrungen …

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