Ein #Propaganda-Film über Theresienstadt – #Holocaust

Der folgende Film hat immer wieder Anlass zu revisionistischen Argumenten gegeben und wird auch in neuesten Beiträgen rechter Blogs zur Wiederaufführung gebracht – ohne Erläuterungen, die man dazu im Netz finden kann. So bei Gerald Trimmel in dem Aufsatz „‚Gefilmte Lügen‘. Der Theresienstadt-Propagandafilm von 1944 im Kontext der NS-Filmpropaganda“. Der Film wurde zunächst unter „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ bekannt – was nachträglich ironisch gemeint gewesen sein soll. Originaltitel: „Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“. (Trimmel schreibt „Siedungsgebiet“.)

Bemerkenswert hier im Blog ist zunächst, dass eine auffällige Saturn-Symbolik in Gestalt eines Hutes zu sehen ist (so beschrieben an anderen bekannten Beispielen in „Saturn Hitler“ und weiteren Beispielen im Blog). Vor dem Schnitt ist ein Fußballspiel zu sehen, bei dem ein Stürmer gerade einen Ball auf das gegnerische Tor schießt. Der Hutträger tritt also als Zuschauer auf.

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Das dem Hutträger folgende Bild – wie alle Totalen des Innenhofs – erinnert mit den flachen Rundbögen der Fassade an die Öffnungen von Krematoriumsöfen, wie man sie aus Auschwitz kennt. (Solche Form-Analogien habe ich auch schon zu Billy Wilders versteckt geschichtsträchtigen Filmen diskutiert.) Das Auschwitzer Hauptgebäude hat wiederum dieselbe Struktur wie hier eine Gebäudeseite mit Mittelrisalit und pyramidenförmigem Dach.

Die schon mit Enteignung beginnende Entwürdigung der deportierten Juden wie auch ihr folgendes Schicksal bis zum Tod sollen hier nicht relativiert werden. Es geht aber um Hinweise, wie eher unauffällig und suggestiv nur kritische Fragen in eine Richtung, nicht aber in eine andere gestellt werden. (In laufenden Beiträgen betrifft dies immer wieder internationale Machtkartelle, die auch an diesen Vorgängen direkt oder indirekt oft nicht unbeteiligt waren.)

Der Film „Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ wurde 1944 produziert und kam schließlich nicht mehr vor einem landesweiten Publikum zum Einsatz. Der Aufsatz erklärt nicht ausführlich, wie ein extrem elendes Leben im Ghetto praktisch in der Inszenierung vertuscht wurde. Es geht um Zwänge, denen man die Häftlinge aussetzte, und deren passiven Widerstand. Und es gibt den globalen Hinweis, Zeugenberichte schilderten den wahren Lageralltag anders:

Die realen Lebensbedingungen waren in jeder Hinsicht katastrophal. Hunger, unzureichende Wasserversorgung, schwere Infektionskrankheiten, extreme Überbevölkerung und eine erschreckend hohe Sterblichkeitsrate prägten den Lageralltag.

Die umfangreichere Literatur mit Details dieses Lageralltags kann ich dazu hier nicht aufarbeiten. Es sind Bücher wie Elsa Bernsteins „Das Leben als Drama. Erinnerungen an Theresienstadt“, „Theresienstadt. Eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung“ von Wolfgang Benz, „Theresienstadt. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft“ von H. G. Adler.

Die im Film zu Sehenden wurden laut Trimmel ebf. anschließend – der erste Regisseur Kurt Gerron sogar noch während der Arbeiten am Film – deportiert und ermordet. Es wird nicht näher erklärt, warum die gezeigten Ghetto-Bewohner wohlauf zu sein scheinen. Zumindest physisch ließ sich dies ja nicht bloß simulieren bei den betreffenden Darstellern. Trimmel:

Für die Filmaufnahmen sollten nur diejenigen Statisten ausgesucht werden, die der nationalsozialistischen Rassentheorie vom „typischen Juden“ entsprachen.

Es gibt eine Seite mit der Liste von Transporten Theresienstadt-Auschwitz. Die Zahlen sind aber öfter ganz rund, 1000 oder 2000, was nicht gerade auf exakte Listen hindeutet. Hier sind genauere Angaben mit konkreten Schilderungen von Vergasungen im Lkw und Erschießungen, aber mit geringeren genauer wirkenden einzelnen Zahlen.

Wenn es Absichten der SS betrifft, darf man, wie Trimmel, durchaus Verschwörungstheorien äußern:

Wenn auch konkrete Beweise fehlen, erscheint es durchaus plausibel, dass der Theresienstadt-Propagandafilm neben den vordergründigen Intentionen auch solchen „Weißwaschungs-“ bzw. Distanzierungsabsichten dienen sollte. Das massive Interesse der SS an der Planung und Umsetzung dieses Propagandafilmes, bekräftigt durch die wohlwollende Haltung führender Repräsentanten des Internationalen Roten Kreuzes gegenüber dem nationalsozialistischen Regime, kann zumindest als Indiz dafür gesehen werden.

Wenig betont wird auch, dass ein solcher Film schon dokumentiert, wie sehr man darum bemüht war, die breitere Bevölkerung nichts wissen zu lassen. Auch die Haltung des Internationalen Roten Kreuzes (IRK) wird hier einfach nur erwähnt, nicht befragt und erklärt. Warum soll es sogar gegenüber solchen Organisationen möglich gewesen sein, umfassend über die wirklichen Verhältnisse zu täuschen? Welche Interessen hätten sonst vorgelegen?

Auch wird behauptet, dass es zunehmende ausländische Berichte über Konzentrationslager gegeben habe:

Nahezu alle Beispiele dieser Kategorie wurden erst in den letzten drei Jahren der NS-Ära realisiert, also in einer Phase, in der offensichtlich der Einsatz defensiver Propagandastrategien der Verschleierung, Leugnung und Täuschung in zunehmenden Maße als notwendig erachtet wurde, da die Berichterstattung über die Verbrechen in den Konzentrationslagern und an Kriegsgefangenen in der internationalen Presse ständig zunahm.

Der Frage bin ich ebenso zu Billy Wilder nachgegangen – mit mäßigem Erfolg. Ich bezog mich auf Deborah Lipstadt. Sie schreibt dazu in ihrem Aufsatz „America and the Holocaust“ auch über die ambivalente Rolle der US-Administration und des IRK, fragt aber nicht nach ggf. versteckten Gründen (die es ja nur bei der SS gibt).

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Solche Techniken bei den heutigen Zeitungen und Sendern habe ich ja diverse Male im Blog beschrieben – im Archiv bisher allein 13 Beiträge der Kategorie „Falsch gesendet“ seit 2010. Da hat sich wenig am Prinzip geändert.

Dass der in die Verhinderung von Hilfsmaßnahmen verwickelte John McCloy (von Lipstadt kurz genannt) ein Rockefeller-Mann war, dessen vorheriger und späterer Arbeitgeber also eine Fabrik in Auschwitz-Monowitz mit Zwangsarbeitern betrieb, muss man ja auch nicht überall erwähnen.

Aber wenn’s 70 Jahre her ist, darf man „Lügenpresse“ sagen, wie?

Ob vor diesem Hintergrund die Formulierung so treffend ist, dass „die Berichterstattung über die Verbrechen in den Konzentrationslagern und an Kriegsgefangenen in der internationalen Presse ständig zunahm“, kann man vorläufig wohl anzweifeln. Zumal Trimmel im obigen Zitat dafür keine Belege anbietet:

  • Wieviele Berichte waren es wirklich?
  • Erschienen sie vielleicht, wie laut Lipstadt in den USA, eher versteckt?
  • Wie groß ist die Leserschaft und Weitergabe der Informationen einzuschätzen?

Interessant vor aktuellem Hintergrund Trimmels Schilderung zu der Nazi-Filmproduktion „Wir leben in Deutschland“, die auch nicht mehr aufgeführt wurde. Erinnert mich am Anfang etwas an einen nächtlichen Weg vor ein paar Monaten in Berlin, auf dem, ich glaube, drei von vier Leuten, die ich nach dem Weg fragte, kaum Deutsch sprachen. Den Weg wussten sie alle nicht zu erklären.

Der Inhalt: Ein Journalist steigt aus dem Zug und will sich nach dem Weg zum Arbeitsamt erkundigen. Er trifft jedoch zunächst nur auf Fremdarbeiter, die nicht deutsch sprechen, dann auf einen uniformierten Russen, einen Freiheitskämpfer, wie sich herausstellt, der in gebrochenem Deutsch mitteilt, dass er hier nur Urlaub macht. Erst nach diesen Begegnungen kreuzt er den Weg eines Deutschen und entgegnet diesem erfreut: „Na endlich mal ein Mensch, der deutsch spricht.“ Bald gelangt er an sein Ziel, das Arbeitsamt. Drinnen herrscht ein babylonisches Sprachengewirr. Das deutsche Personal ist geduldig, freundlich und beherrscht alle nötigen Sprachen. Während der
Journalist auf seine Kontaktperson, Herrn Fritz Berger, wartet, blättert er eine Zeitschrift durch. Die Kamera erfasst den – aus heutiger Sicht zynisch doppeldeutigen – Schriftzug: „Ein gewaltiges Schicksal hat Millionen fremdvölkischer Arbeitskräfte zum Arbeitseinsatz nach Deutschland geführt. Ihnen offenbart sich nun unmittelbar die Wahrheit.“ Fritz Berger kommt auf ihn zu, begrüßt ihn und bietet an, ihn durch das Amt zu führen. Wir sehen die emsige Betriebsamkeit gut ausgebildeter und motivierter Mitarbeiter. Berger erklärt die Struktur der Lagerstadt und verweist auf die abwechslungsreiche Ernährung. Der Journalist besucht die Krankenstation. Ein kranker Metallarbeiter liegt mit trauriger Mine im Bett und sehnt sich nach seinem Arbeitsplatz. Wir sehen seine Gedanken in Form mehrerer Bildüberblendungen – Einstellungen seines Arbeitsplatzes.
[…]
Dann sehen wir fröhlich singende Männer beim Kartenspiel, zum Teil in nationalen Trachten gekleidet, eine Ausstellung von Kunst und kunstgewerblichen Gegenständen, gefolgt von folkloristischen Tanz- und Musikdarbietungen aus den verschiedensten Regionen Europas. In rascher Überblendung folgen zahlreiche Zeitungsartikel, die offensichtlich das positive journalistische Echo belegen und abschließend der Schriftzug „Arbeiten für Europa“.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de – Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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