@SpiegelOnline: #Rassismus in der Redaktion?

Manchmal ist es so einfach, Bigotterie und Selbstwidersprüche zu durchschauen. Am 30.12.2014 reagierte „Spiegel Online“ darauf, dass Ökonom Hans-Werner Sinn eine kürzlich veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung kritisiert. „Spiegel“-Autoren Alexander Demling und Christian Rickens werfen Sinn vor, dass er selbst einige Faktoren nicht in die Rechnung einbezogen habe – wie er selbst es gegenüber Bertelsmann tut.

Es geschieht hier voraussehbarerweise nichts anderes, als ich etwa 2010 schon zur Sarrazin-Debatte in der ARD anmerkte: Es wird zerredet. Es werden ohne Sinn und Verstand relativ willkürliche Einzelheiten zusammengeklaubt, je nach Gusto. Gusto heißt hier: Es gibt bestimmte ‚politische Überzeugungen‘ bei den Beteiligten. Die meisten, die in Deutschland den Diskurs bestimmen, scheinen sich kaum je einmal gefragt zu haben, wo diese ihre ‚Überzeugungen‘ überhaupt herkommen. Geschweige denn, dass sie sich fragten, wie solche Debatten eigentlich funktionieren und was daran schädlich ist, wie sie funktionieren. Schädlich ist nämlich, dass die Erkenntnisbildung nur schleppend vorankommt. Wie gerade angedeutet: Wir haben nach jahrzehntelangem Schweigen unter der Androhung, als „rechtsextrem“ zu gelten, schon 2010 über nichts anderes geredet. Und seitdem hat sich so gut wie nichts verändert (was Thilo Sarrazins Verdienst nicht schmälert).

Ich will hier nicht in die Detail-Diskussion einsteigen, die in aller Gründlichkeit geführt werden müsste. Sicherlich hat Bertelsmann neben den staatlichen Institutionen die besten Mittel, um solche Berechnungen überhaupt sinnvoll anzustellen. Doch eins scheinen alle überhaupt nicht zu berücksichtigen: die Folgekosten von Kriminalität. Dazu findet sich per Google kein einziger Beitrag zur aktuellen Debatte. Im PDF-Dokument der Bertelsmann-Studie über 71 Seiten: keine einzige Erwähnung des Begriffs. Man bedenke, welche direkten Kosten nur eine schwere Körperverletzung nach sich zieht, von den gesundheitlichen und psychischen Folgen erstmal – aber keinesfalls auf Dauer – zu schweigen.

Sorry, dass ich auf so etwas immer wieder hinweisen muss: Ich habe 2012 im „Krisen-Abriss“, den ich zeitweise umsonst im Netz verschenkt habe, eine solche Modellrechnung einmal durchgeführt – unter Berücksichtigung der Folgekosten von Kriminalität. Diese liegt bei sozial schwächer gestellten Gruppen der Bevölkerung stets höher als bei besser Gestellten – wen wundert’s. Schon aus diesem Grund haben Zuwanderer bei ihrem zunächst fast immer geringeren Wohlstandsniveau eine höhere Anfälligkeit für Kriminalität. Und so bestätigt es sich auch in Statistiken, sehr unterschiedlich für verschiedene Herkunftsländer.

Was im Fall von „Spiegel Online“ aber noch grotesker ist: Sie singen das Hohelied der relativ reibungslosen Integration, während sie selbst ohne jeden Zweifel außerhalb jeder gesellschaftlichen Realität existieren, was ihren Redaktionsalltag betrifft. Ihr vielbesuchtes Internet-Portal hat nämlich ein Impressum. Dort habe ich gerade einmal die Mitarbeiter gezählt und komme auf 220.

Nun soll es ja so sein, dass noch nicht alle Zuwanderer aus außereuropäischen Ländern Hans Meier heißen. Unter den 220 Mitarbeitern, die das Impressum auflistet, finde ich folgende Namen, die auf eine außereuropäische Herkunft schließen lassen können: Yasemin Yüksel, Hanz Sayami, Yasmin El-Sharif, Cinthia Briseño, Raniah Salloum, Hasnain Kazim, Nasser Manouchehri. Selbst osteuropäische Namen sind hier die äußerste Seltenheit. Es regieren das Blatt die Hans Pfeiffers dieser Welt. Laut meinem Taschenrechner ergeben die genannten Personen 3,18 % der Redaktion. Nimmt man noch einmal den spanisch klingenden Namen Briseño aus, sind wir bei 2,7 %. Vergleicht man diese einmal mit dem statistisch kaum exakt bestimmten Proporz der Muslime von 4-5 % in Deutschland, liegt der Durchschnitt in der „Spiegel Online“-Redaktion um ca. die Hälfte tiefer. Hinzu kommt noch, dass Yasemin Yüksel in der Bild-Redaktion tätig ist und Hasnain Kazim als Korrespondent in Istanbul. Für die Text-Redaktion in Hamburg komme ich dann gerade noch auf 1,8 % außereuropäische Migranten laut Namen.

Dies hat vielleicht damit zu tun, dass das Bildungsniveau von Zuwanderern je nach Herkunft sehr unterschiedlich angesetzt wird. (Bildung soll ja eine Voraussetzung für Textarbeit sein.) In den öffentlichen Debatten kommen solche Aspekte und die Konsequenzen daraus immer wieder sträflich wenig vor. In einem praktischerweise nicht datierten Beitrag von Herwig Birg für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ lauten die Ergebnisse dazu folgendermaßen:

Beim Niveauvergleich der schulischen und beruflichen Ausbildung von Migranten und Nicht-Migranten schneiden sowohl die aus Europa Zugewanderten als auch die aus dem engeren Kreis der Herkunftsländer der Europäischen Union (EU-27) Zugezogenen bei weitem schlechter ab als die Nicht-Migranten. Noch wesentlich schlechter ist das Ausbildungsniveau der Zugewanderten aus außereuropäischen Ländern.

So beträgt beispielsweise der Anteil von Personen ohne Schulabschluss bei der männlichen Bevölkerung ohne Migrationshintergrund 1,4 Prozent und 1,3 Prozent bei der weiblichen. Für die Bevölkerung mit Migrationshintergrund als Ganzes ist das Niveau mehr als fünf- beziehungsweise siebenmal so hoch: 8 Prozent Männer und 10,3 Prozent der Frauen haben keinen Abschluss.

Die besten Werte nach den Deutschen haben Zugewanderte aus Polen (Männer und Frauen je 3,3 Prozent). Für die aus Herkunftsländern der EU-27 Zugewanderten sind es 6,5 beziehungsweise 6,8 Prozent, für Europa als Ganzes 9,9 beziehungsweise 13 Prozent bei den Frauen. Überraschend schlecht schneiden Zuwanderer aus Griechenland (12,3 beziehungsweise 16,2 Prozent) und Italien (11,2 beziehungsweise 13,1 Prozent) ab, ihre Zahlen liegen viel näher bei denen afrikanischer Migranten (16,5 für Männer und 19,1 Prozent für Frauen) als bei denen für die Deutschen.

Bei diesem und bei allen folgenden Vergleichen fallen türkische Migranten durch extrem ungünstige Werte auf, sie übertreffen sogar die ohnehin hohen Zahlen afrikanischer Migranten: Von den Männern haben 17,4 Prozent und von den Frauen 25,9 Prozent keinen Schulabschluss. Für eine kleine Teilgruppe türkischer Migranten (Eingebürgerte und hier Geborene ohne eigene Migrationserfahrung) sind die Werte zwar „nur“ doppelt bis dreimal so hoch wie bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Aber für die wesentlich größere Hauptgruppe mit eigener Migrationserfahrung, darunter viele mit türkischer Staatsangehörigkeit, übertreffen die Zahlen die der Deutschen um das Zwanzigfache bei den türkischen Männern und sogar das Fünfunddreißigfache bei den Frauen.

Für mich hilft es deshalb nur bedingt, wenn die Integrationsbeauftrage der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), „Zuwanderung immer als Chance“ begreift. Es ist ihre Aufgabe, hierzu haltbare Statistiken und Prognosen vorzulegen und die daraus resultierenden Probleme, wenn sie ersichtlich sind, deutlich anzusprechen. Alles andere, was sich nicht darauf berufen kann, ist sprachliche Kosmetik und für eine politische Willensbildung irrelevant. Es ist im Gegenteil dann schädlich, wenn es Realitäten verleugnet, genauso wie es schädlich ist, Gewalt gegen Migranten jedweder Herkunft zu verleugnen oder zu beschönigen. Und es gilt zu fragen, wie wahrscheinlich die kurzfristig auftretende Steigerung der Zahlen hochqualifizierter Zuwanderer für die Zukunft ist.

Das Resultat bei einem sinkenden Bildungsniveau in Deutschland wird ein sinkender Wohlstand, werden fehlende öffentliche Infrastrukturen und Leistungen im Gesundheitswesen sein, die durch Überschuldung ohnehin absehbar sind. Dies bedeutet für Betroffene dann z. B.: kein Schwimmbad und keine Bibliothek für die Kinder (die ja durch Bildung Wohlstand erwirtschaften sollen), kein künstliches Gebiss und früherer Tod. Es bedeutet Gewalt, solche absehbaren Entwicklungen zu verleugnen (die im Übrigen schon spürbar im Gange sind, wenn auch nicht in Blankenese). Von Fragen der Kultur und Tradition wollen wir hier vorerst gar nicht reden. Bis dorthin reicht in Deutschland die Selbstachtung nach 1945 schon längst nicht mehr. Sie besteht allenfalls in äußerlichen Formen des Events und der mehr oder minder sinnvollen Förderprogramme. Auf Letztere sind sind alle angewiesen, die nicht reicht geerbt haben; sie sind zum Mitmachen verurteilt.

Am Beispiel der „Spiegel Online“-Redaktion wird ersichtlich, dass Journalisten (wie auch Wissenschaftler und führende Wirtschaftsleute) heute noch in einer Scheinwelt leben, in der Migration, wie sie sich anteilsmäßig im Qualifikationsniveau gestaltet, noch gar nicht angekommen ist. Die Realität spielt sich an deutschen Schulen ab, von denen ich dahingehend im subjektiven Empfinden nur alle Jubeljahre etwas in den Medien höre (siehe das Video hier).

Man sollte also jeden, der sich mit Haltungen wie „Zuwanderung verläuft eher komplikationsfrei“ oder „Deutschland wird sein demografisches Problem über qualifizierte Zuwanderung lösen“ schmückt und jeden kritischen Hinweis dazu als „rechtslastig“ zurückweist, daraufhin befragen, welche Erfahrungen er selbst gesammelt und welche Informationen er sich verschafft hat. Man schaue etwa, wieviele Muslime sich im Bekannten- oder gar Freundeskreis von Journalisten, Politikern und Wissenschaftlern finden, die sich ‚integrationsfreundlich‘ geben, oder welchen Anteil Migranten in ihren Wohngegenden und den Schulen ihrer Kinder stellen. Man frage auch danach, wie typisch diese Begegnungen mit Migranten dann für das durchschnittliche Bildungsniveau ihrer Herkunftsländer sind.

Für „Spiegel Online“ kann man einstweilen sagen, dass seine Redaktion offensichtlich von Ewiggestrigen geleitet wird, die das kreative Potenzial von Zuwanderern ignorieren. Dabei liegt der Anteil der migrantisch geprägten Online-Leser aufgrund ihres geringeren Lebensalters ja noch höher als in der überalterten Gesamtbevölkerung. Oder ist das mal wieder einer von vielen Zusammenhängen in diesem Kontext, über die das Statistische Bundesamt nichts Genaues nicht weiß?

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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3 Responses

  1. Peter Hallonen sagt:

    Man sollte sich fragen, inwieweit Bezahl-Journalisten überhaupt die Option haben, auf ein gesellschaftspolitisch relevantes und komplexes Thema offen einzugehen. Ob diese Integrationsprobleme aus Unkenntnis bzw. aus einer der Realität des Durchschnittsmenschen nicht entsprechenden täglichen Erfahrungswelt heraus geleugnet oder verharmlost werden, könnte von geringerer Bedeutung sein. Man sollte einmal in Erwägung ziehen, was denn eigentlich passieren würde, wenn es wirklich zu einer offenen Debatte in den wichtigsten Medien zum Thema Zuwanderung/Integration käme. Wenn Leitartikler zu dem Schluss kämen, dass die bisherige Zuwanderung neben all ihren positiven Folgen (worin ich in erster Linie das für Migraten wie Nichtmigranten bereichernde Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen und Mentalitäten sehe) in einem Ausmaß zu Problemen führt oder noch führen könnte, die die Gesellschaft nicht hinnehmen kann bzw. sollte.

    Falls SPIEGEL, FAZ, Sueddeutsche und co. also konstatieren würden, dass hier ein grundlegendes Problem mit gesellschaftlicher Sprengkraft vorliegt, wären sie zum Einen gezwungen, ihr eigenes langjähriges Schweigen über dieses Problem und somit ihr eigenes Scheitern einzugestehen. Zum anderen würden sie sich in der Pflicht sehen, Strategien oder Maßnahmen zur Beseitigung des Problems vorzuschlagen. Wenn den Journalisten dazu aber keine politisch opportunen Vorschläge einfallen, bietet es sich immer an, das Problem einfach zu verharmlosen. Die Alternative wäre, die eigene Ratlosigkeit in so einem zentralen Thema kundzutun, was vermutlich überhaupt keine Option darstellt. Nicht zuletzt würde es die Menschen allzusehr verunsichern, wenn sie unisono erführen, dass im Jahr X eine Katastrophe auf sie zurollt, wenn jetzt keine einschneidenden Maßnahmen ergriffen werden. Medien rufen aber nur dann nach tiefgreifenden Veränderungen, wenn es einen aktuellen besonders drängenden Missstand gibt. Das kann keine noch so hohe Kriminalitätsrate unter muslimischen Einwanderern sein, sondern es bedürfte höchstwahrscheinlich mehrerer Terroranschläge in Deutschland durch muslimische Extremisten aus Deutschland ober aber solche Unruhen wie wir sie in Paris 2005 und in London 2011 gesehen haben.

    Klar ist vermutlich auch, dass die jetzige Reaktion auf ein Ereignis wie den „Anschlag“ auf Charlie Hebdo nicht beliebig oft wiederholbar ist. An den Staat wird noch immer die Anforderung gestellt, für die Sicherheit seiner Bürger zu sorgen. Gegen wiederholte Gewaltakte mit Todesopfern, die von Islamisten ausgehen, werden auch Aufrufe zur Toleranz nicht lange Bestand haben. Für ein echtes öffentliches Krisenbewusstsein sind die „Katastrophenereignisse“ innerhalb Europas einfach zu selten. Nach dem Terroranschlag in London vom 7.7.2005 hat es fast zehn Jahre gedauert, bis wieder eine europäische Groß- und Hauptstadt von einem schweren oder als schwer empfundenen islamistischen Anschlag betroffen war. Unter diesen Bedingungen besteht weder für Politik noch für Medien ein Anlass, eine weitreichende Debatte über die Begrenzung der Zuwanderung oder die Forcierung der Integration zu führen. Zur Zeit sind eben die durch mangelnde Integration entstehenden Probleme im Alltag der meisten Bürger in etwa so schwerwiegend wie andere soziale bzw. gesellschaftliche Probleme (wozu insbesondere die soziale Ungleichheit, die drohende Altersarmut und die viel zu geringen öffentlichen Investitionen gehören) auch, die ebenfalls nicht zu einer „Wechselstimmung“ oder Ansätzen von Massendemonstrationen in Deutschland führen.

    • Sehe ich in weiten Teilen auch so. Es ist eine systemische Frage. Hinterher ist man schlauer. Es hängt von den eigenen Beobachtungen und Interpretationen ab, für wie verfälscht man das Risikopotenzial unserer Gesellschaft in dieser und anderer Hinsicht einschätzt. Dazu in Beziehung steht auch die eigene Sicht auf historische Abläufe, inwiefern etwa stark fragmentierte Gesellschaften bestimmten Einzelinteressen (etwa supranationaler Akteure) mehr dienen als den Menschen, die in diesen Gesellschaften leben. Und hier ist für den nicht-elitären einzelnen Betroffenen aus meiner Sicht zu all diesen Themen erstmal die Pflicht zu einer möglichst besonnenen Debatte gegeben – sofern das die eigene Situation denn überhaupt noch zulässt. Denn im Lebensinteresse des Einzelnen ist es ja, Gefahren für sich so früh wie möglich zu erkennen. Wartet man ab, ob eine Situation eskaliert, die ggf. auch von Kräften forciert wird, die über die Interessen des Einzelnen hinweggehen, ist man selbst in der Gefahr, nichts als ein Opfer zu sein.

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