Pro7 im Herbst des Programms

Die in der heutigen Online-Ausgabe der „Welt“ präsentierte Herbst-Programmvorschau für den Sender Pro7 ist ein schönes Beispiel für die zunehmende Ununterscheidbarkeit von Public Relations und „Journalismus“. Der Text basiert auf einer dpa-Meldung und wurde laut Kürzel in der Redaktion von „lk“ bearbeitet.

Aus der Übernahme einer solchen Meldung resultiert absolute Distanzlosigkeit zum Geschäftsinteresse eines Senders. Der zu Beginn des Textes mit einem illustrierenden Foto bedachte Stefan Raab wird sprachlich hochgedopt: „[f]ederführend wie immer“, „[d]er unschlagbare Raabinator“, „Tausendsassa“. Eher als einen Berichterstatter meint man hier eher Raabs Co-Moderator Mathias Opdenhövel in einer ihrer gemeinsamen Sendungen sprechen zu hören, der auch als erstes in einer im Layout noch folgenden Bilderstrecke herumfeixt.

Neben dieser verbalen Schaumschlägerei ist die eigentliche Information sehr dürftig: Raab hat für seine Sendung „TV total“ eine neue Variante des Model-Castings angekündigt. Dazu heißt es weiter:

„Wie die Rubrik inhaltlich gestaltet wird, steht noch nicht fest“, sagte ein Sprecher der Show.

Die Idee muss jedem, dessen Hirn noch nicht ganz von Kathodenstrahlen zerfressen ist, als das denkbar ödeste Recycling erscheinen. Raab bestreitet während der Staffeln des auf seinem Sender Pro7 laufenden Model-Castings „Germany’s Next Topmodel“ mit Heidi Klum ja ohnehin einen nennenswerten Teil seiner eigenen satirischen Sendung mit Material aus diesem anderen Format. Die Satire besteht hier – dies ist der eigentliche Trend, den korrumpierte Medienjournalisten brav verschweigen – gerade in einer solchen prinzipiellen Ideen- und Lustlosigkeit, die aber mit breitestem Grinsen als neuester Spaßfaktor verkauft wird – im Falle eines solchen Textes auch mit Hilfe der dpa und der „Welt“.

Im Rahmen dieser PR-Maßnahme wird dann zur Abdämpfung eventuell aufkeimender Restkritikfähigkeit noch eine Steigerung des läppischen Informationsgehalts vorgenommen:

Raabs Supermodel-Suche sei aber keine Konkurrenz zur sendereigenen Castingshow „Germany’s Next Topmodel“.

Dies sind 13 Worte, mit denen zwar Zeilen gefüllt, aber keinerlei irgendwie geartete Erkenntnisse gewonnen werden können. Die bloße Wiedergabe von Informationen der Sender-Propaganda ergibt im Zeitungstext eine Mischung aus Überflüssigem und fortgesetzt unreflektiert Fragwürdigem: „Konkurrenz“ für eine Sendung sind zunächst zeitlich parallel laufende Sendungen – was hier nicht der Fall ist. Raabs Konzept wird grundsätzlich eher der Ironie und Satire zuzurechnen sein, also mit einem anderen Gestus an die Sache herangehen und demnach keine Konkurrenz für eine Show sein, in der ein vornehmlich weibliches junges Publikum mit Kandidatinnen mitfiebern soll. Auch insofern stellt sich die Frage nach „Konkurrenz“ nicht.

Sie stellt sich aber sehr wohl insofern, als es eine nennenswerte Gruppe von Zuschauern gibt, die auch „Germany’s Next Topmodel“ ansehen, weil sie die Personen, Auftritte und Wettbewerbe peinlich finden, sich darüber amüsieren und also schon mit einer Haltung beginnen, die von Sendeformaten wie Raabs „TV total“ vertreten wird. In dieser Hinsicht wäre eine solche Aussage eines „Sprechers der Show“ durchaus zu hinterfragen. Das geht aber spätestens dann nicht mehr, wenn man als Zeitung nur noch die Agenturmeldung verwurstet.

Diese Scheinerklärung nimmt der Text zum Anlass, zum nächsten Pro7-Flaggschiff, nämlich „Germany’s Next Topmodel“ itself, überzugehen. Hier spart sich die Berichterstattung dann jede inhaltliche Ausschmückung oder einen eigenständigen Kommentar und besteht nur noch aus dem dürren Gerippe von marktwirtschaftlichen Eckdaten wie der bisherigen Zahl von 13.374 Bewerberinnen für die nächste Staffel, Marktanteilen der letzten oder, darüber hinaus, den Namen von Gewinnerinnen – was man ebensogut in der „Wikipedia“ nachlesen kann.

Was bei einem unabgeschlossenen Casting selbstverständlich ist, wird noch einmal ausbuchstabiert:

Welche Kandidatinnen Moderatorin Heidi Klum mit auf ihre Reise nimmt, wird in den nächsten Wochen entschieden.

Und „Die Welt“ wird vollends zum Werbeflyer bzw. zur Ersatz-„Bravo“, wenn sie auch noch den Bewerbungsschluss für „GNTM“ mit Datum angibt.

Wie so oft findet kritische Auseinandersetzung nurmehr in Leserkommentaren statt. In wenigen Stunden nach Veröffentlichung des Artikels hat dort z. B. schon Leser „Vorfreude“ zu Recht ironisiert, dass „wir ja über das Prollfernsehen des Winters ausreichend informiert“ wurden, d. h. über „Sendungen, bei denen Niveau keine Hautcreme ist“, und Leser „Bello“ hofft auf die Zerstörung des Fernsehens durch das Internet, damit uns „diese Idiotensendungen erspart“ bleiben.

Hier deutet sich an, in welcher Parallelwelt Medienmacher und ‑journalisten, die sich im Diskurs auf diese Weise verhalten, selbst verweilen. Die Entscheidungen zum Ansehen und Dranbleiben werden aber wohl ohnehin mehrheitlich woanders und nach anderen Gesichtspunkten getroffen, zumal von Zielgruppen Raabs und Klums. Die Komplizenschaft einer solchen Berichterstattung besteht deshalb vielleicht eher noch in der Abdämpfung eines möglichen kritischen Diskurses, wie er indirekt über „Welt“-Leser die Traumblasen der Casting-Nymphen und Late-Night-Gackerer noch erreichen könnte.

Satire ist hier – wie als Gegenstand des Berichts die Vercastingshowung der Satiresendung zur Castingshow – keine Textsorte mehr, sondern zuerst die Machart selbst.

Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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