Morbide Kapriolen 1 – „Das Medium“

Zur „Todesverfallenheit“ gibt es im Buch „Glotze fatal“ ein eigenes Kapitel, v. a. zu Pathologie-Krimi-Serien. Hier sollen ab und an ein paar Ergänzungen dazu folgen.

Am 31.10.2010 sendet RTL erstmals „Das Medium“, das bei mäßigen 3,87 Mio. Zuschauern zur Sendezeit um 19.05 h dennoch Marktführer wird. Medienbeachtung sicherte die irrwitzige Ankündigung, die Witwe des verstorbenen CDU-Politikers Uwe Barschel, Freya, werde durch ein Medium Kontakt zu ihrem verstorbenen Mann aufnehmen. Dies ist der Modus aller drei Episoden der Sendung: „Medium“ Kim-Anne Jannes sucht mit Moderatorin Petra Neftel Personen und Orte auf – und hat stets die richtigen Intuitionen. RTL sendet eben noch auf ganz anderen Frequenzen, als es unsere Fernsehzeitschriftenweisheit zu erahnen vermag. Oder kennt Kim-Anne Jannes nur die bessere Detektei? Oder wird sie von der Redaktion heimlich gebrieft? Und was weiß Petra Neftel wirklich?

Mit solchen Fragen könnte man sich eine Weile beschäftigen. Die Mittel der spiritistischen Séance haben sich seit dem 19. Jahrhundert jedenfalls gewandelt. Frau Jannes beweist – wenn man ihrem dritten Auge kein Vertrauen schenkt – zumindest schauspielerisches Talent. Inhaltlich agiert sie im Register von Wahrsagern und Kartenlegern, wie sie im TV längere Sendestrecken etwa auf dem Sender „Das Vierte“ bestreiten: verzögerte Preisgabe von Informationen, Umschreibungen und Allgemeines – im Gegensatz zum Konkurrenzprogramm aber hier bei Behauptung fehlender Vorinformation schließlich auch so präzise korrekte Einzelheiten wie sich öffnende Bahnschranken oder die Beteiligung von Einbrechern und Schusswaffen.

In der „Süddeutschen Zeitung“ kritisiert Lars Langenau recht umfangreich die Sendung und widmet sich v. a. Einzelheiten der Barschel-Affäre. Um eine Skepsis gegen derartige Polit-Berichterstattung kommt er nicht herum. „Diplomatisch“ bleibt er aber ebenso, wie er es bei der von ihm zitierten RTL-Sprecherin nennt:

Alles Humbug und Mummenschanz also? RTL-Sprecherin Anke Eickmeyer antwortet diplomatisch: “Wir zeigen, wie Kim-Anne Jannes durch ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten Menschen bei der Trauerbewältigung hilft. Jeder muss selbst wissen, ob er daran glaubt oder nicht.”
Man kann das Format durchaus als eine Spielart der Nekrophilie sehen. Und die ist in Deutschland strafbar, sie fällt unter die “Störung der Totenruhe”. Oder aber auch als harmlose Spielart öffentlicher Trauerverarbeitung.
Zur Aufklärung von Verbrechen taugt sie jedenfalls nicht.

Etwas weniger reine Wiedergabe des Sendungsinhalts – den der durchschnittliche SZ-Leser zugegebenermaßen aus eigener Anschauung seltener kennt – und mehr Beschreibung der inszenatorischen Strategie würde der Kritik gut tun. Thomas Lückerath bemerkt in formaler Hinsicht auf DWDL immerhin:

Eine auch noch wirr zusammengeschnittene Sendung, die Millionen deutscher Fernsehzuschauer [sic] am Sonntagabend eine Stunde geraubt hat.

Auch sein Text meint aber die Bewertung des Stils von RTL zwischendurch pflichtschuldigst differenzieren zu müssen. Da wechselt etwas Blabla dann gern mit Image-Rettung, der zur rhetorischen Tarnung (so jedenfalls nach meinem Eindruck der Effekt beim Lesen) noch etwas kritische Würze beigemengt wird:

Es ist das selbsterklärte Konzept von RTL, erfolgreiche Formate stetig zu optimieren. Und für den wirtschaftlichen Erfolg ist nichts wichtiger als verlässliche Quotenerfolge. […] Aber Moment, es gibt einen Grund dafür, warum die Konkurrenz RTL um den Erfolg beneidet: Sie machen das was sie tun einfach sehr gut. Und man muss differenzieren: RTL ist mehr als “Das Medium”. Nur zwischen dem ehrenwert klassischen Programm von preisgekrönter Fiction bis zu etablierten Unterhaltungs- und Informationsformaten und jenen verrückten Programmideen, bei denen man sich die Entstehung ohne exzessiven Alkoholkonsum kaum vorstellen kann, verschwimmen leider die Grenzen.

Hier wird mit einem starken Akteur auf dem TV-Markt so umgegangen wie mit einem Problemschüler: ungezogen, aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben.

Der Anmutung von „Nekrophilie“, wie von Langenau bemerkt, wäre allerdings noch weiter nachzugehen. (Die Pathologie-Krimis sind dafür das offensichtlichste Beispiel. Ich wies online 2005 schon einmal auf solche Tendenzen in CSI:Miami hin – ebenfalls aus dem RTL-Programm.)

Der nach Lückerath „wirr zusammengeschnittene“ Charakter von „Das Medium“ ist eine konzeptionelle Basis – die für das von RTL geprägte Bewusstsein insgesamt symptomatisch ist. Hier wird in erster Linie emotionalisiert, indem immer wieder Großaufnahmen weinender Gesichter der Hilfesuchenden mit sentimentalen Klängen und in Zeitlupe eingestreut sind. Auch mögliche Schwächen einer bloßen Darbietung spiritistischen ‚Wissens‘ können so kaschiert werden. Schon in dieser Stilistik liegt die Tendenz zur Pseudo-Dokumentation nahe, die von Privatsendern seit einigen Jahren in Nachfolge von „Reality TV“ gepusht wird.

Pietätlos ist die Darbietung allemal. Die Motivation einer Ministerpräsidenten-Witwe, sich in dieser Weise zu exponieren, ist schwer erklärlich. Bei den übrigen Privatpersonen wird dem Publikum Privatestes aus dem Leben Wildfremder als kostengünstige Emotionsinjektion verabreicht.

Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

1 Antwort

  1. 30. Dezember 2010

    […] Vor dem Hintergrund der – neben dem Buchkapitel „Todesverfallenheit“ in „Glotze fatal“ hier und hier schon angerissenen – Thematik ist eine solche Motivwahl von Buchautorin Joanne K. […]

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