Natursterben interessiert die meisten nicht

Es gibt schon ein paar Beispiele hier im Blog, wie auf gravierende Umweltprobleme hingewiesen wird – und nichts weiter geschieht.

Meine persönliche Vorgeschichte beginnt mit den vielen Spaziergängen und Radtouren der Kindheit, mit Wäldern, die immer fußläufig zu erreichen waren. Mich beschlich öfter der Verdacht, dass entfremdete Verhaltensweisen anderer teils auch damit zu tun haben: Menschen, die weitgehend ohne Naturerfahrungen aufgewachsen sind – nicht zuletzt schon als Kinder zu viel fernsehend, umprogrammierte Zombies, die in unserer Gegenwart langsam ihrer endgültigen – und wohl leider auch verschiedentlich geplanten – Vernichtung entgegengehen. Ob die Zivilisationskrankheit, die Kinderlosigkeit, die Droge oder der depperte religiöse Fanatiker den Tod bringen wird, ist dem Telehirn vielleicht auch schon einerlei, falls es das denn noch denken kann.

Wir können alle solche Zahlen nicht selbst überprüfen. Ich habe aus meiner Wohnung zum Glück in diesem Sommer noch die Vogelstimmen reichlich gehört. Man hat eine Streuobstwiese in der Nähe angelegt. Mücken gab es mehr als in den letzten Jahren, wohl wegen überfluteter Wiesen. – Aber allgemein scheint das nicht repräsentativ zu sein. Vorige Tage gab es wegen einer erneuten Meldung des NABU Tagesnachrichten über drastisch reduzierte Vogelbestände in Deutschland (etwa die „tagesschau“ berichtete auch im Mai 2017 darüber). Und heute ist es ergänzend dazu die Feststellung, dass in den letzten knapp 20 Jahren 75 % der Insekten verschwunden seien.

Ich erinnere mich an die 1980er Jahre, als ich als Kind in Büchern wie „Rettet die Vögel“ von Horst Stern las, ein toller Bildband. Es gibt solche Bücher nach wie vor. Aber welche Wirkung haben sie noch – und bei wem?

Wenn man also aktuell in die Gesichter von Sport-Journalisten schaut oder irgendeines Pseudo-Intellektuellen, der das Feuilleton mit Nichtigkeiten bespielt – man tut es doch scheinbar zumindest in dem Wissen darum, was auf dem Spiel stehen könnte. Man tut es doch in dem Wissen, dass Sport eine Aktivität sein soll, die das In-der-Welt-sein bewusster macht und sogar noch gesund ist (auch wenn die heutigen Sport-Darsteller ihre Körper meist schwer schädigen). Wie soll so etwas aber weitergehen in einer Natur als der einzigen Lebensgrundlage, die offensichtlich schweren Schaden nimmt? Welchen Sinn macht eine künstlerische Reflexion – dann von etwas, dessen realer Bestand einen offensichtlich kaum nachhaltig interessiert? – Oder ist es mir entgangen, dass neben gut gehenden Sujets aus dem Sex-&-Crime-Segment oder der verspielten Gesellschaft solche Themen einen nennenswerten Raum in aktueller Kultur- und Medienproduktion einnehmen?

Es ist klar, dass in den verpesteten Hirnen von selbstvergessenen Systemlingen schon nach den ersten Zeilen eines solchen Textes hier die Witzeleien über Vögel(n) einsetzen dürften. Und darüber kommt unsere „Kultur“, wie sie gestaltet wird, offensichtlich dann schon seit Jahren bis Jahrzehnten nicht hinaus.

Sollten die erwähnten Meldungen einen Ist-Zustand realistisch wiedergeben – wieviel Zeit bleibt uns dann noch?

Ich erinnere mich auch an ein Gespräch vor etlichen Jahren, in dem mir vorgeworfen wurde, ich würde übereilt Verschwörungstheorie-nahe Darstellungen des Bienensterbens weitergeben und damit meinen journalistischen Pflichten der kritischen Prüfung und notwendigen Widerrede nicht entsprechen. Auch hierzu sehe ich leider bis heute nur eine anhaltende ökologische Katastrophe, die ohne dann erweiterte technische oder chemische Eingriffe in die Natur anscheinend kaum aufgehalten werden kann.

Was uns hier berichtet wird, ist wohl mehr als einen „Aufschrei“ wert, den es zu manch anderem ab und an gibt. Was wäre eine Menschheit, die bei solchen Feststellungen nicht einhält, die Unwichtigeres erst einmal beseite lässt, die keine Krisenstäbe bildet, die ihr Verhalten nicht ändert und erst einmal mit allen vorhandenen Kräften die Ursachen erforscht?

Wer diese letztgenannten Fragen anhand des Gegebenen beantwortet, bemerkt auch die Blindheit und Verantwortungslosigkeit noch derer, die sich heute „Philosophen“ nennen dürfen, soweit bestehende Institutionen und Verlage sie fördern. Einzelne, die diese Bezeichnung verdienen, sind zumindest wohl müde geworden. Die meisten aber haben offensichtlich Teil an Industrien des Todes, auf die wir, wenn es wider Erwarten gut laufen sollte, einmal zurückblicken werden.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de – Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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2 Responses

  1. GM sagt:

    Von Annette von Droste-Hülshoff gibt es das Gedicht „Die ächzende Kreatur“. Die in diesem Gedicht sich aussprechende Anteilnahme am Schicksal der Kreatur ( damit auch der Insekten) sucht eine ganz andere und bisher unbekannte Anteilnahme am Schicksal der uns begleitenden Wesenheiten. Im Christlichen unbekannt und doch seit diesem Gedicht eine unbeantwortete Frage. Sie erweist sich in diesem Gedicht als eine christlich-mitteleuropäisch-nordische Seherin, die bereits vor dem ungeheuerlichen Sieg der technisch-wissenschaftlichen Civilisation (mit ihrer rational-materialistischen Weltauffassung) ein verändertes Verhältnis zu den uns begleitenden Wesen formuliert. Und: die uns in Freud und Leid begleitenden Wesenheiten, in ihrer Vielfalt, ihrer Lebendigkeit und Wärme( vor allem die Säugetiere) sind der uns schützende Schutzwall gegen die Kälte , Leere, Schwärze und die ungeheuere Vereinsamung des Kosmos.

  2. Ich glaube, die Bücher von Peter Berthold sind alle lesenswert. In der Zugvogel-Forschung, die er betrieben hat, gibt es nämlich auch viele Hinweise darauf, wie schnelle Evolution funktioniert.

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