Jauchbuch Kapitaschwatzmus

Wir haben uns bisher zum Thema ‚Günther Jauch als Talkshow-Moderator‘ zurückgehalten, nachdem wir im Buch „Glotze fatal“ die äußerst suspekten psychologischen und metaphorischen Techniken seines Quiz-Dauerbrenners „Wer wird Millionär?“ beleuchteten – und deshalb von vornherein wenig Vertrauen darin hatten, dass hier eine Niveausteigerung politischen Journalismus im Ersatzparlament der sonntagabendlichen Sendung stattfinden würde.

Nach den ersten Sendungen haben sich nicht alle Befürchtungen bestätigt, aber zumal beim Auftritt der Kanzlerin Angela Merkel waren auch andere Kritiker mit ihrem Lob am Ende (Schwiegersohn trifft „Mutti“).

Am 31.10.2011 lud „Günther Jauch“ seine Gäste zum Thema „Die Banken an die Leine! – Wie bekommen wir die Finanzmärkte in den Griff?“ Fundamentalkritik ist von Seiten eines Moderators nicht zu erwarten, der als Medienunternehmer Millionenbeträge bewegt. Dass er in dieser Sendung die Chuzpe besaß, sogar wiederholt nachzufragen, wenn es um die Luftbuchungen von spekulativen Nahrungsmittelpreisen ging, ist vor diesem Hintergrund fast schon beachtlich. Es gehe dabei, so Jauch, z. B. um „die zehnfache Summe des überhaupt vorhandenen Maises“ – das habe er sich „sagen lassen“. Bei einem Minutenverdienst von 4500 Euro kann man sich allerdings auch in seinem Fall fragen, ob da einer eine Meise hat … So referiert weiter der „stern“ vom 14.07.2010 die „Bild“-Zeitung:

Er und seine 2000 gegründete Produktionsfirma sollten 10,5 Millionen Euro pro Staffel mit 39 Sendungen erhalten, meldet die Zeitung. Das seien 41 Prozent mehr, als bisher bei Vorgängerin Will angefallen seien.

Derartige Meldungen sind jedoch kein Grund für Sympathie-Einbußen. Die Wiedergabe solcher Informationen durch die „Bild“ scheint vielmehr zu jenem Märchen-Programm zu gehören, das in anderen Sendungen den unerschwinglichen Luxus zum Schauwert macht; hier ist es der Moderator, der mit überhöhten Gehaltsforderungen keine Empörung beim Gebührenzahler, sondern scheinbar noch Bewunderung erregt. Leider kommt dies auch Nicht-Fans überteuert zu stehen.

Doch zurück zum Thema der Sendung: die fortgesetzte Finanzkrise. Ein Skandalon der aktuellen Berichterstattung, das sich hier wiederholt, ist die gespielte Ahnungslosigkeit derer, die es besser wissen sollten. Wenn ein Spitzen-Moderator sich erst „sagen lassen“ müsste, was seit vielen Jahren die Finanzbranche bestimmt, in der er auch persönlich seine Anlageberater agieren lassen dürfte, wäre dies ein geistiges Armutszeugnis. Vermutlich verwendet er aber eine solche Formulierung auch deshalb, weil er sich mit weniger informierten Zuschauern solidarisieren will, die ihn nicht als überheblichen Spezialisten wahrnehmen sollen. Dies ist leider aber auch ein Grund, warum es hier und an vergleichbarer Stelle unnötig unpräzise und verwirrend bleibt. Und es fragt sich, ob dies nicht Absicht ist.

In diesem Kontext alberne Suggestionen wie ‚Ich habe das gerade erst erfahren müssen, das ist ja unglaublich!‘ sind durchaus erwähnenswert, weil sie zum Gesamtprogramm jener Kaste gehört, in der Jauch lebt. Eine ihrer wesentlichen Taktiken besteht darin, unverhältnismäßige Gewinne zu machen und sich dann aus der Verantwortung zu stehlen. So konnte es Sahra Wagenknecht (Die Linke) in dieser Talkshow auch nur in den von ihr seit langem vertretenen Kernsätzen vorbringen.

Dabei hat Wagenknecht etwa in „Wahnsinn mit Methode“ (2008) eine präzise Schilderung über 250 Buchseiten geliefert, was heute jeder CDU-Abgeordnete als Wahnsinn bezeichnet – nachdem Karl-Theodor zu Guttenberg für diese Partei 2009 noch mit dem Wahlslogan „Wirtschaft mit Vernunft“ werben durfte. Nun hat er sich in die USA zu denjenigen zurückgezogen, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu den Drahtziehern der Krisen gehören (siehe diesen Beitrag von Jürgen Elsässer).

Und damit wären wir wieder beim Skandalon: Sahra Wagenknecht informierte ihre Wähler schon seit Jahren über jene systemischen Bedingungen, die nun alle beklagen. Und das „Schwarzbuch Kapitalismus“ von Robert Kurz, 1999 erschienen, erreichte Bestseller-Auflagen. Darin finden sich Aussagen wie folgende:

Die globale Schuldenkrise auf allen Ebenen kann vorerst „weggesteckt“ und weiter umgeschuldet werden, weil sie von der größten spekulativen Blase aller Zeiten an den Aktienmärkten überlagert wird. Das ist die zweite Phase der Krise seit Mitte der 80er Jahre, die bis heute anhält. […]
Weil das Sicherheitsventil der Dollar-Goldkonvertibilität längst vorher entfernt wurde und die neoliberale „Deregulierung“ auch der Finanzmärkte die letzten Hemmungen beseitigt hat, kann die Blase so unglaublich groß und über so lange Zeit hinweg aufgeblasen werden. Umso verheerender muß allerdings der Knall sein, mit dem sie irgendwann platzen wird.
(S. 852/855)

Statt überhaupt nur darauf hinzuweisen, dass sich derzeit die schwärzesten Kapitalismuskritiken wie jene von Kurz und Wagenknecht bestätigen, die in Varianten auch schon früher als 1999 formuliert wurden, arbeitet eine Sendung wie „Günther Jauch“ an jenem falschen Bewusstsein, seit 2008 träten plötzlich Krisensituationen auf, denen man nun mit Maßnahmen im Rahmen der bestehenden Ordnung begegnen könne.

Die Voraussage sei an dieser Stelle gewagt – und sie beruht, siehe Kurz, Wagenknecht und andere – nicht auf meinem eigenen Prophetentum: Das Gejammer, Gekeife und Kontroll-Gerede auf der politischen Szene wird noch eine Weile weitergehen; die ‚Krise‘ beenden oder nachhaltig mildern wird es nicht.

Was die bisher existierende Ordnung – und vielleicht selbst Politiker, wenn sie ihre eigene Rolle nicht durchschauen – sich nicht eingestehen will, ist ihr vorläufiges Scheitern und prinzipiell voraussehbares Ende. Dies lässt sich relativ einfach begründen: Deutschlands Staatsverschuldung beträgt derzeit 2 Billionen Euro. Nach Griechenland stehen schon die nächsten Kandidaten bereit, die EU-Rettungsschirme und Zahlungen besser gestellter EU-Mitglieder in noch zu bestimmender Höhe erhalten müssen, damit der Euro als Währung erhalten werden kann. Dass Zusagen über nennenswerte Einsparungen bei den Hochverschuldeten eingehalten werden, ist sehr fraglich; es wäre historisch neu. Und die deutsche Bevölkerung altert und schrumpft, wie dieser Tage in der aktuellen offiziellen Bevölkerungsprognose vorausgesagt wird:

Die Zahl der Gestorbenen übersteigt die Zahl der Geborenen immer mehr. Das dadurch rasant wachsende Geburtendefizit kann nicht von der Nettozuwanderung kompensiert werden. Die Bevölkerungszahl in Deutschland, die bereits seit 2003 rückläufig ist, wird demzufolge weiter abnehmen. Bei der Fortsetzung der aktuellen demografischen Entwicklung wird die Einwohnerzahl von circa 82 Millionen am Ende des Jahres 2008 auf etwa 65 (Untergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) beziehungsweise 70 Millionen (Obergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) im Jahr 2060 abnehmen.
Das Altern der heute stark besetzten mittleren Jahrgänge führt zu gravierenden Verschiebungen in der Altersstruktur. Im Ausgangsjahr 2008 bestand die Bevölkerung zu 19% aus Kindern und jungen Menschen unter 20 Jahren, zu 61% aus 20- bis unter 65-Jährigen und zu 20% aus 65-Jährigen und Älteren. Im Jahr 2060 wird bereits jeder Dritte (34%) mindestens 65 Lebensjahre durchlebt haben und es werden doppelt so viele 70-Jährige leben, wie Kinder geboren werden.

Man kann also eine Diskussion wie jene bei „Günther Jauch“ stark unterkomplex nennen: Voraussetzung eines Gesprächs darüber, wie mit der Finanzbranche zu verfahren sei, sind auch und gerade solche Rahmendaten. Weil sie vor derzeit unlösbare Probleme stellen, werden sie einfach nicht besprochen – zugunsten eines faulen Friedens, der irgendwann in Elend und Chaos führen wird, wenn mit Werbe- und Gebührengeldern verwöhnte Seichtgewichte wie Jauch am Ruder bleiben.

Ob die Konstruktion der Europäischen Union anderen Maßgaben folgte als den Interessen derjenigen, die an ihr Teil haben, muss an anderer Stelle erörtert werden. Jedenfalls funktionieren bisher ihre Stabilitäts- und Kontrollmechanismen nicht, und diejenigen, die davon profitieren, werden mit aller Kraft daran arbeiten, dass dies auch so bleibt. Selbst die IWF-Direktorin Christine Lagarde bekundet in „Inside Job“ (USA 2010, R: Charles Ferguson), dass sie erst 2008 den Ernst der Lage auf den Finanzmärkten erkannt habe. Wenn sie also nicht schlecht informiert ist, wessen Interessen vertritt sie dann? Oder in wessen Interesse ist es, dass Menschen an der Macht sind, die etwa als Finanzminister (Lagarde, ähnlich Wolfgang Schäuble) systemische Risiken erklärtermaßen Jahrzehnte nach kritischen Wirtschaftstheoretikern (Kurz) realisieren?

Screenshot: ARD, 30.10.2011

Bei „Günther Jauch“ sollte „Ex-Investmentbanker“ Wieslaw Jurczenko u. a. mit einer Flipchart-Zeichnung die Einsicht in die Praktiken des „Credit Default Swaps“ erhellen. In der erwähnten Dokumentation „Inside Job“ gelingt dies mit Grafiken sehr anschaulich. Bei Jauch und Jurczenko entsteht nur eine wirre Strichzeichnung, die den Zusammenhang der Versicherung von Kreditausfällen (erste Abstraktionsstufe) zu den vielfältigen weiteren Formen der Kreditumschichtung und -verbriefung erst gar nicht plausibel macht; es gebe sie halt, und Jurzcenko rät, diesen unübersichtlichen Handel einfach zu verbieten.

Das wird aller Voraussicht nach zunächst nur sehr eingeschränkt geschehen und wirkungsarm bleiben. Doch noch einmal zurück zum Thema demografische Entwicklung: Der Anspruch, mit immer weniger Menschen, und darunter immer mehr hilfsbedürftigen Älteren die Schulden einer größeren Zahl von Leistungsnehmern sowie Besser- bis Großverdienenden der vergangenen 2-3 Jahrzehnte bezahlen zu wollen, sollte von Finanzpolitikern erst einmal in einer Modellrechnung begründet werden. Gelingt dies nicht, ist ein Schuldenschnitt für Deutschland unausweichlich. Die Frage ist dann nur noch, wessen Barvermögen auf dem Kontoauszug gelöscht wird.

Michael Grandt rechnet, wie in seinem Buch „Der Staatsbankrott kommt“ (2010), hier im Interview vor, dass die benötigten Summen für einen Schuldenabbau nur mit einem Wirtschaftswachstum zu erreichen wäre, das derzeit für Deutschland vollkommen illusorisch ist, …

… Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson erklärt im „Handelsblatt“ (11.05.2010):

Griechenland wird irgendwann pleitegehen. Portugal und Spanien könnten sich anstecken. Europa kann nicht alle diese Staaten retten. Es sieht also düster aus für den Euro. […]
Wenn man durch Wachstum nicht aus diesem Dilemma herauskommen kann, gibt es nur drei Möglichkeiten: entweder Inflation oder eine Staatspleite oder ein Bail-out.

… und auch „Die Welt“ vom 29.10.2011 erkennt:

Ein weiterer gravierender Fehler der EZB war es, den Glauben an den schuldenfinanzierten Wohlfahrtsstaat aufrechtzuerhalten. Eine Absage an den Wohlfahrtsstaat ist eine Aufgabe, die die Politiker per Definition nicht übernehmen können. […]
Das bedeutet für Deutschland drastische Ausgabenschnitte und die Zurückführung des Wohlfahrtsstaates und des öffentlichen Dienstes auf ein zivilisiertes Niveau. Diese schmerzhafte Debatte wird nicht geführt, sondern nur, wie man mit mehr Geld mehr „hebelt“.

Statt uns mit Tinnef abzugeben, sollten wir also dringend ausgehend von solchen Aussagen Debatten führen. Das dauert allerdings länger als 60 Minuten, und deshalb werden wir auch im Zeitbudget von TV-Konsumenten einiges aussortieren müssen, wenn wir nicht gemeinsam untergehen wollen.

Wir werden sehen, ob während der oder im Anschluss an diese notwendigen Transformationen auch die Bläh-Diskurse von TV-Serien, der schlecht geklonten Buchkultur und der aktuellen Kulturwissenschaften auf den Prüfstand kommen, die strukturell aus den erwähnten korrumpierten Wirtschaftsweisen abgeleitet sind. Das zeigt etwa die Beschäftigung mit Filmen von Billy Wilder, der immerhin schon 1981 seinen Dienst quittierte. „Nobody’s perfect“, die letzte Dialogzeile aus „Some Like It Hot“ (USA 1959), könnte wortspielerisch auch das Motto der herrschenden Finanz-Institutionen sein: Niemand will’s gewesen sein, und von den Momenten, in denen wir die entscheidenden Fehler hätte vermeiden können, sprechen wir, wie stets der Film, nurmehr in der Vergangenheitsform. Wer sich unsichtbar macht, wer anderen leere Zeichen als Wert und Vergangenheit als Gegenwart vorgaukelt, dem sollten wir unsere Dienstbarkeit entziehen.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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2 Responses

  1. Thorsten sagt:

    Eine Anmerkung hierzu:

    „Doch noch einmal zurück zum Thema demografische Entwicklung: Der Anspruch, mit immer weniger Menschen, und darunter immer mehr hilfsbedürftigen Älteren die Schulden einer größeren Zahl von Leistungsnehmern sowie Besser- bis Großverdienenden der vergangenen 2-3 Jahrzehnte bezahlen zu wollen, sollte von Finanzpolitikern erst einmal in einer Modellrechnung begründet werden.“

    Also zunächst einmal zur Klärung: Es geht um Staatsverschuldung (einschließlich aller Schulden der unterstaatlichen Gebietskörperschaften), nicht um private Verschuldung – diese Anmerkung nur, um deutlich zu machen, dass der Blick auf öffentliche Schuldenstände verengt ist. Das Problem einer hohen Staatsverschuldung, also einer Situation, in der jeder Steuerzahler meint, sich als belasteter Schuldner fühlen zu müssen (zumindest perspektivisch, denn was er heute nicht zahlt, muss er eben später zahlen), relativierte sich schon sehr, wenn eben dieser Steuerzahler eine private Gläubigerposition größeren Volumens – etwa gegen ausländische Schuldner – offen hätte.
    Angenommen aber, dem sei nicht so. Dann wäre interessant zu erfahren, bei wem die Bundesrepublik Deutschland verschuldet ist. Handelt es sich vorrangig um inländische oder ausländische Gläubiger? Sind es nämlich vor allem inländische Gläubiger, so stehen den „Schulden der deutschen Steuerzahler“ etwa gleichgroße Forderungen, also VERMÖGEN deutscher Steuerzahler gegenüber. Eine stärkere Besteuerung dieser Vermögen könnte den Schuldenstand also zurückführen. Es ist nicht besonders sinnvoll die Bestandsgröße „Schulden“ der Stromgröße „BIP“ gegenüberzustellen, weil es suggeriert, dass Schulden nur mit Anteilen dieser Stromgröße getilgt werden könnten (Darüber hinaus ist es auch willkürlich, den dem BIP zugrundeliegenden Jahreszeitraum mit einem über Jahre akkumulierten Schuldenstand zu vergleichen. Genauso gut könnte man ein Monats-BIP zugrundelegen und erhielte eine zwölfmal so katastrophal erscheinende Situation).
    Zur Demographie: Eine schrumpfende Zahl von Steuerzahlern bei gleichbleibendem Schuldenstand bedeutet eine wachsende Pro-Kopf-Verschuldung. Klingt schlimm! Nach obiger Überlegung ergibt sich allerdings angesichts der Tatsache, dass außer Schulden auch Vermögen vererbt werden, dass die Pro-Kopf-Vermögen im selben Maße steigen. Ich sehe daher die Dramatik nicht.
    Natürlich ist es ärgerlich, dass ein so großer Teil unserer Steuern zur bloßen Bedienung von Schuldzinsen verwendet (mancher würde sagen: verschwendet) wird. Aber diesen Zinszahlungen stehen private Einkünfte in gleicher Höhe gegenüber.
    Interessanter ist die Frage, wer Gewinner und wer Verlierer dieses rein innerstaatlichen Problems ist. Und damit ist man bei der Verteilungsproblematik und es zeigt sich, dass der Staat hier als Umverteilungsmaschine von unten nach oben fungiert, was nur durch eine deutlich progressivere Besteuerung gemildert werden könnte.
    Obige Überlegungen setzen allerdings voraus, dass der Staat überhaupt vor der Zwangsentscheidung Steuereinnahmen oder Schuldenaufnahme steht, um seine Ausgaben zu finanzieren, dass also eine Anrechnung der Zinslast auf das Steueraufkommen überhaupt sachgerecht ist. Im Normalfall ist er das nämlich nicht, im Rahmen der – selbstauferlegten – rechtlichen Rahmenbedingungen der EU leider schon. Aber das ließe sich, sofern sich entsprechende politische Mehrheiten fänden, durchaus ändern.
    Beständen die deutschen Staatsschulden vor allem gegenüber ausländischen Gläubigern, könnte dies ein Problem sein. Aber auch nur dann, wenn die Abwertung gegenüber einer fremden Währung nicht möglich ist. Die Länder der EWU stehen in einem solchen problematischen Verhältnis zueinander, weil sie im Prinzip nichts anderes vorgenommen haben als eine Kopplung ihrer Währungen und das ganze hinter dem Wort Euro verstecken. Ebenso könnten Schulden gegenüber dem außereuropäischen Ausland problematisch werden, wenn die Abwertung eines EWU-Landes gegenüber dem außereuropäischen Ausland durch eine Aufwertung eines anderen EWU-Landes kompensiert wird, weil dieses andere Land netto eine Gläubigerposition gegenüber dem außereuropäischen Ausland offen hat.
    Man sieht: Die Staatsschuldenfrage ist ein prinzipiell leicht lösbares innereuropäisches Problem und muss uns nicht annähernd so viel Sorgen machen, wie Rezession, innereuropäische Leistungsbilanzdefizite aufgrund unterschiedlicher privater Wettbewerbsfähigkeit und vor allem Arbeitslosigkeit (die natürlich unmittelbare Folge der zuvor genannten Probleme ist). Mir scheint das Schreckgespenst Staatsschulden dient vor allem dazu die neoliberale Agenda der Staatsverschlankung durch Ausgabenkürzung fortzuführen.

    • Danke für Kritik und Präzisierung. Eine allgemeine Erklärung zu einem solchen Blog-Beitrag muss immer lauten: Es kann selbst auf dieser etwas blog-unhandlichen Zeilenzahl nur um eine Zuspitzung und teilweise Beleuchtung gehen. Keine Entschuldigung, wenn dabei ein sachlicher Fehler entsteht, nur eine pragmatische Erklärung.
      Und andere gehen ‚natürlich‘ ebenso vor. Die WDR-Sendung „Quark & Co.“ (bleiben wir bei der Wissensproduktion durch Fernsehen) erklärt am 28.09.2010 aufgrund von Zahlen desselben Jahres, dass der deutsche Staat 11 % der Schulden bei sich selbst hat – und selbst innerhalb dieser Schulden, die innerhalb Deutschlands verbucht werden, wird es schnell unübersichtlich, was den Weiterverkauf der Verbindlichkeiten betrifft. Hier scheint mir also die Richtung in steigende Abhängigkeit von ‚anderen‘ zu gehen. Die Unübersichtlichkeit, wer das ist, wäre als ein Problem politischer Positionsbestimmung zunächst festzuhalten.

      Tatsache, dass außer Schulden auch Vermögen vererbt werden, dass die Pro-Kopf-Vermögen im selben Maße steigen. […]
      dass der Staat hier als Umverteilungsmaschine von unten nach oben fungiert, was nur durch eine deutlich progressivere Besteuerung gemildert werden könnte.

      Die Erbschaften scheinen mir für sich genommen ein richtiges Gegenargument zu sein. Die Frage bleibt dabei: Wer erbt wieviel? Es ist vorauszusehen, dass als letztes Mittel – siehe dieser Tage Griechenland – z. B. Immobilien höher besteuert werden. Auch Erbschafts- und Vermögenssteuern würden dann zu den Mitteln gehören, sich von den Gewinnern der früheren Entwicklung das Geld später wieder zurückzuholen. Bleibt außerdem also die Frage, ob dies geschehen wird. Ein Umweg, auf dem in der erwähnten Unübersichtlichkeit allerlei Vorteilnahmen durch ‚cleveres‘ Finanzmanagement möglich sind, ist dies allemal.

      das Schreckgespenst Staatsschulden dient vor allem dazu die neoliberale Agenda der Staatsverschlankung durch Ausgabenkürzung fortzuführen

      Das wäre, anschließend an meine vorausgehende Erklärung, eben ein politisch ‚gewolltes‘ (d. h. z. T. vor Wahlen verheimlichtes und im Anschluss eingesetztes) Mittel, dieselbe Tendenz beizubehalten.
      Staatsverschuldung ist eine Komponente der krisenhaften Gesamtentwicklung. Deshalb als Ergänzung zum eingangs genannten Pragmatismus der journalistischen Durchführung: An andere Stelle hier im Blog geht es um andere relevante Aspekte wie Arbeitslosigkeit, Fachkräftemangel, demografischen Wandel oder Neofeudalismus.
      Vor diesem Hintergrund sind dann (auch) solche Zuspitzungen vorgenommen. Die Mechanismen dieser anderen Entwicklungen deuten für mich derzeit eher darauf hin, dass Verschuldung auf allen Gebieten in Synergie mit anderen krisenhaften Entwicklungen eher der „neoliberale Agenda“ dienen wird, wenn die Aufmerksamkeit für die Komplexität des gesamten Problems gerade durch die Massenmedien künstlich kleingehalten wird.

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