Liebe und Tod im „Tunnel“

In einem ARD-Brennpunkt berichtet am Abend des 24.07.2010 Thomas Bug von der Massenpanik in einem Tunnel auf der Loveparade in Duisburg, die schließlich 21 Todesopfer und 342 Verletzte gefordert haben wird:

Es ist ’ne absolut bizarre Situation. Es gibt so zwei Bereiche auf diesem wahnsinnig großen Gelände, 230.000 qm. Es gibt diesen einen Bereich vor der Hauptbühne, direkt hinter uns. Da fahren noch diese ‚Floats‘, wie sie heißen, diese Trucks mit der Musik hier entsprechend nach wie vor noch auch laut an uns vorbei. Und dann gibt es den Bereich, in dem die Tragödie im Grunde passiert ist, das ist der Bereich hinter dieser Bühne, äh … wo dieser Tunnel ist. Und dort ist absolute Ruhe, dort sind die Menschen betroffen.

Die Partykultur der 1990er und 0er Jahre wurde immer wieder in eschatologischen Termini beschrieben. Als Ausgeburt einer Wohlstandsgesellschaft fand sie statt in dem Wissen, dass sie historisch als Phase der Dekadenz gesehen werden würde – Feiern am Abgrund, verabsolutierter „Spaß“ als Flucht aus einer historischen Situation, in der v. a. ökologische und wirtschaftliche Probleme davon künden, dass es „so nicht weitergehen“ kann.

Ein Sinnbild dieser Konstellation schien mir, seit ich es sah, ein dpa-Foto von der Berliner Loveparade 1998, das Peter Sloterdijk in „Sphären I. Blasen“ (1998) auf S. 540 zeigt: Über der Bildunterzeile „Im Radius eines Sound-Molochs“ drängen Menschen sich dicht um einen der von Reporter Bug erwähnten Trucks. Der Firmenname auf der Front ist deutlich zu lesen: „Spengler Transporte“. Der Leser eines solchen Buchs denkt also unvermeidlich an Oswald Spengler und „Der Untergang des Abendlandes“ (1918/22), den skeptische Beobachter einer von synthetischen Drogenmixturen aufgehellten aktuellen Tanzkultur hier und anderswo abermals gekommen sahen.

In der von Bug geschilderten Situation konkretisiert sich auch an einem begrenzten Ort und in einem einzelnen tragischen Ereignis mit Todesfolge für eine kleine Gruppe von Menschen etwas, was zum Unbehagen der Moderne und erst recht der Gegenwart gehört: „zwei Bereiche“, in denen entweder – sich der Gesamtsituation scheinbar nicht bewusst – immer noch abgefeiert wird oder in denen die tödlichen Konsequenzen des eigenen oder fremden Handelns schon angekommen sind – bei anderen, oder, schließlich, am eigenen Leib.

Dies ist exakt die Diagnose, die Harald Welzer in seinem Buch „Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“ (2008) zum Verhältnis von Industrienationen, ihren Nachkommen und dem Rest der Welt stellt:

Ökologische Probleme werden von menschlichen Überlebensgemeinschaften deshalb registriert, weil Menschen als einzige Lebewesen ein Bewusstsein nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch über die Zukunft haben. Nur daher rührt die schwache Hoffnung, dass ihre Einsicht in das, was sie angerichtet haben, auch zu einem Denken über das führt, was man künftig nicht mehr tun kann. (S. 52)
Deutlich werden rapide Veränderungsprozesse meist erst dann wenn sie gewaltförmig verlaufen oder in kollektive Gewaltprozesse einmünden. […]
Gleichgültig, wer wo wann die Entwicklung des Klimas durch Emissionen beeinflusst hat – die Folgen dieser Einflussnahme können in einer ganz anderen Gegend der Welt und von ganz anderen Generationen zu spüren und zu ertragen sein. (S. 201f.)

Die ARD-„tagesschau“ warnte am 23.07.2010 vor zu erwartenden Autobahn-Staus am Wochenende in der Urlaubszeit. Am 24.07.2010 berichtete sie über die Staus. Und schon in der Sendung vom 23.07. ging es um ein Unglück in einer örtlicher Situation wie derjenigen auf der Loveparade des folgenden Tages: im Allacher Tunnel in München. Ein Pkw steht unbewegt und brennt. Kommentar von Thomas Schorr: „Minutenlang reagieren die Autofahrer nicht auf die roten Ampeln am Tunneleingang.“

Es gehört zu den Gepflogenheiten unserer Medienkultur, dass zu einem Ereignis wie dem Loveparade-Unglück, von dem einige Dutzend Menschen, ihre Familien und Freunde existenziell betroffen sind, Sondersendungen ausgestrahlt werden. Die Tatsache, dass im US-Parlament am gestrigen 23.07.2010 eine umfassende Gesetzesinitiative des Präsidenten Barack Obama zum Umweltschutz weitgehend abgelehnt wurde, war etwa dem ZDF-„heute journal“ nur eine Kurzmeldung, der vorhergehenden „heute“-Sendung um 19 h nur ein paar Sekunden mehr wert. Die Folgen sind aus Sicht der ökologischen Debatten langfristig und desaströs. Sie bestätigen – wie zuletzt der gescheiterte Klimagipfel in Kopenhagen – die enervierend pessimistischen Voraussagen, die Kritiker in dieser Hinsicht machen.

Man muss in solchen Fällen leider von schizophrenen Tendenzen sprechen, die aus den eingeübten Konventionen des journalistischen Arbeitsalltags erwachsen. Derlei wäre nicht TV-Journalisten in diesem Maße anzulasten, wenn es noch andere nennenswerte Öffentlichkeiten gäbe. Doch schneller, als irgendeine schwerwiegende Nachricht begriffen wird, wirbt schon irgendein Günther Jauch wieder dafür, mit dem Kauf einer bestimmten Biermarke den Regenwald retten zu können – und das eigentlich Wesentliche, Folgenreiche und Realistische wird emotional von halbkonsequenten Wohlgefühlen überdeckt, für die solche Medienmacher – innerhalb ihrer begrenzten Lebenszeit – exorbitanten Wohlstand erwerben. Für die meisten anderen – auf demselben Planeten, in kommenden Zeiten – bleibt, wenn man einem Autor wie Welzer mehr Vertrauen schenkt (wobei seine Themen, wie er selbst, im ersten und zweiten TV-Programm nurmehr nachts kursieren), eine gefährdete, beschädigte Lebens- und Umwelt, wenn nicht der Tod.

Was, wie gesagt, an einem solchen Tag menschlich verständlich ist – die erhöhte Aufmerksamkeit für ein einzelnes tragisches Ereignis –, ist im Hinblick auf Weltgeschehen, -geschichte und Umwelt nicht von derselben Relevanz wie das, wofür Massenmedien immer noch kein im Ansatz ausreichendes Bewusstsein herstellen konnten. In „Klimakriege“ stellt Welzer uns in Aussicht, dass dies – beurteilt nach historischen Präzedenzfällen – vermutlich auch im Falle aller betreffender, allem Anschein zufolge nachweisbarer Lebensgefahren nicht gelingen wird.

Wann sehen wir einen Journalisten zur Hauptsendezeit, der befindet, es sei „’ne absolut bizarre Situation“, dass für Jux-Fernreisen und Online-Spiele die Atmosphäre verpestet wird und die Werbung Konsumenten einredet, sich umweltfreundlich zu verhalten, während die Produktgestaltung dem fortgesetzt und immer noch zuwiderläuft? Wann wird eine größere Zahl von Zuschauern „betroffen“ sein von dem, was ihnen ARD und ZDF nach 23 h sowie arte 3sat oder Phoenix andauernd zeigen, die Privaten, die 70% des Marktanteils beanspruchen, aber so gut wie gar nicht – soziale Ungerechtigkeiten und ökologische Endzeitszenarien, innergesellschaftlich und international?

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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