„Derrick“ – die Exhumierung, Teil 2

Am 10.10.2010 fand in diesem Blog die Premiere von „Derrick erklärt den Film“ statt. Sie war verbunden mit der Androhung eines zweiten Teils. In der Zwischenzeit war viel zu tun; deshalb folgt dieser erst jetzt.

Nun treffen Oberinspektor Derrick und Inspektor Klein auf ihre Kollegen aus der Parallelserie „Der Alte“, hier in Video-Schnipseln der ersten Besetzung mit Siegfried Lowitz als Kommissar Köster und Michael Ande als Gerd Heymann (1977ff., Letzterer immer noch im Dienst).

„Sie müssen mir das, was Sie da erzählen, das müssen Sie mir mal erklären!“ So lautet in einer Szene Derricks Aufforderung, die also als polizeiliche Durchsage die Deutung jedes künstlerischen Werks betrifft. Sie steht im Kontext der Rhetorik des filmischen Gesichts, denn sie ist verbunden mit einer Zeigegeste Tapperts, die wir als ein Thema im „GesichterWissen“ diskutieren.

Screenshot: ZDF

Der Report, der nach einer anderen Aussage von Harry Klein seinen Kollegen Stefan „umhaun“ wird, war also zu diesem Zeitpunkt noch nicht öffentlich im Umlauf. Wir bemühen uns nach Kräften, verspätete Abhilfe zu schaffen. Würde er von Gesichtern handeln? Es sieht in solchen Serien alles danach aus.

In dieser Montage werden Drehbücher von Herbert Reinecker, der „Derrick“ alleine schrieb, mit Skripts für den „Alten“ von Bruno Hampel, Volker Vogeler und Karl Heinz Willschrei gemixt – alle drei vielbeschäftigte ZDF-Autoren.

Hervorheben möchte ich des Weiteren die Szene, in der Köster und Heymann in der Folge „… tot ist tot“ (D 1985, R: Günter Gräwert, B: Volker Vogeler) über ein vermutliches Betrugsmanöver räsonnieren:

Screenshot: ZDF/3sat

Heymann: „Wie wär’s, wenn es Selbstmord war?“
Köster: „Und die hat das daraus gemacht, was wir hier vorgefunden haben – einen Einbruch und einen Mord, wegen der Versicherung … Jajah …“
Heymann: „Nach dem Motto: Tot ist tot!“

Im Bildhintergrund finden wir in der rau verputzten Wand eine Pfeilerform wieder, die in „Kino Okkult 1 – 11. September 2001“ ausführlichst Thema ist: Sie wird über Jahrzehnte vor 9/11 in Spielfilmen immer und immer wieder in Kontexten eingesetzt, die dem späteren Terroranschlag auf zwei pfeilerförmige Hochhäuser zugeordnet werden können (hier auch erläutert in einem Selbstgespräch des Autors).

Screenshot: ABC, 11.09.2001

Der Inhalt des Dialogs liegt sehr nahe an einer der zentralen Verschwörungstheorien zu den Terroranschlägen von 9/11: Statt eines Anschlags durch islamistische Terroristen („Einbruch“ und „Mord“) habe es sich um eine false flag operation US-amerikanischer Geheimdienst selbst gehandelt („Selbstmord“), eventuell unter Mitwirkung des Pächters der Türme des World Trade Center. Die weitere Vorgehensweise von Figuren in der Serienfolge entspricht dann exakt dem Modus, den die Verschwörungstheorie unterstellt: Versicherungsbetrug unter Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Der verschwörungstheoretische Diskurs ist in Serien wie „Derrick“ und „Der Alte“ fortgesetzt subkutan vorhanden. Er wird lediglich in die Vorstellungs- und Erlebniswelten bürgerlicher Alltagskriminalität transponiert. In der zitierten Folge „Caprese in der Stadt“ (D 1991, R: Alfred Weidenmann) ist es allerdings die in dieser Serie seltenere Variante der organisierten Kriminalität, auf die sich die Aussage bezieht – und damit einen Komplex modernen Verbrechens betrifft, der in Verschwörungstheorien eng mit konspirierenden Eliten verknüpft ist:

Derrick: „Es wird weitergehen. Es wird was passieren. Und sie wissen, dass etwas passieren wird.“ (Klein öffnet mit einem knallenden Geräusch seine „Bonaqa“-Getränkedose.)

Der Modus von Verschwörungstheorien besteht immer darin, dass jemand angibt zu „wissen, dass etwas passieren wird“, oder dass man dies hätte wissen können. Und es geht immer darum, dass es „weitergehen“ wird, dass geheime Mächte am Werk sind, die ihre Strategien fortgesetzt realisieren.

Gerade heute versucht der „Spiegel“ einmal wieder auf besonders hanebüchene Weise, als „Verschwörungstheorie“ stigmatisierte Diskurse unterzubuttern. Jeder Blick in Geschichtsbücher zeigt, welch durchsichtige Propaganda hier betrieben wird. Und die Original-Dialoge in über Jahrzehnte weit verbreiteten Serien wie „Derrick“ und „Der Alte“ sowie zahllose subtilere Anzeichen in solchen Produktionen führen uns auf ganz andere Fährten. Als Leser muss man selbst wissen, wem man sich zur Erforschung dieser Gefilde anvertraut.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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