Fußnoten zu zu Guttenberg

Die „Anne Will“-Sendung (ARD) am 20.02.2011 beschäftigt sich mit der Malaise des CDU-Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg durch die Aufdeckung von Plagiaten in seiner Doktorarbeit. Der Verlauf der Diskussion ist ein recht starkes Beispiel für das Prinzip ‚Zerreden‘. Alle zuvor in der Presse – schon auf dem Level von Schlagzeilen und Vorlauftexten – aufgetauchten Argumente werden hier noch einmal auf die Diskutanten verteilt vorgetragen, aber kaum vorangebracht.

Hans-Ulrich Jörges vom „stern“ vertritt am prononciertesten die Rücktrittsforderung und versucht an einer Stelle die logische Herleitung, was über zu Guttenberg aufgrund der bereits bekannten Tatsachen zu sagen ist: Entweder, er hat selbst seine Prüfungskommission mutwillig getäuscht, oder er hat seine schriftliche Arbeit von anderen verfertigen lassen. Karl Lauterbach (SPD) ergänzt später – ein wesentliches Argument, das hier aber fast untergeht –, dass nun einmal das minimale Abändern von Zitaten eine Täuschungsabsicht fast zwingend nahelegt. (Im Guttenplag Wiki kann man die Zitate im Einzelnen vergleichen.) Demgegenüber lautet die Erklärung zu Guttenbergs vom 18.02.2011 (hier in der Aufzeichnung des ZDF):

http://www.youtube.com/watch?v=nWlRXM-47MM

„Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit allen [sic] Nachdruck von mir. […] Es wurde […] zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht oder bewusst die Urheberschaft nicht kenntlich gemacht.“

(Diese Aussage wird auch bei „Anne Will“ eingespielt.)

Politik à la zu Guttenberg ist Politik der postsatirischen Ära: Der Minister muss schon über sich selbst lachen …

Screenshot: ZDF, 18.02.2011

Sein im Kasus gefreejazztes „mit allen Nachdruck“ hebt noch einmal durch formale Fehlerhaftigkeit das Thema der Übernahme anderer Veröffentlichungen hervor, während die Aussage auf der Sachebene in der Zurückweisung einer solchen besteht.

Der mittlerweile bekannteste Fall der Plagiierung ist der Beginn des Vorworts der Dissertation. Sie ist eine nur in einzelnen Worten abgeänderte Übernahme aus Barbara Zehnpfennigs Artikel „Das Experiment einer großräumigen Republik“ aus der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (27.11.1997).

Aus dieser Tatsache ergeben sich wiederum zwei Interpretationsmöglichkeiten. Wenn zu Guttenberg auf bezahlte Ghostwriter zurückgegriffen hat, bereiteten diese seine Entlarvung als Betrüger schon vor, indem sie den Kauf eines Doktortitels mit dem sprechenden Namen „Zehnpfennig“ als Autorin eines prominenten ungekennzeichneten Zitats codierten.

Die zweite Interpretation lässt sich noch einmal differenzieren. Der Aufsatztitel von Zehnpfennig spricht von einer „großräumigen Republik“. Es liegt nahe, diesen Begriff mit der geopolitischen Agenda zu verbinden, die zu Guttenberg – durch jahrelange Lobby-Arbeit karrieretechnisch vorbereitet – vertritt: der auch mit militärischen Mitteln ausgeweitete Einflussbereich westlich geprägter Lebenskultur und politischer Macht. Friederike Beck arbeitet in „Das Guttenberg-Dossier“ auf „zeitgeist-online.de“ diesen Hintergrund auf und findet es etwa im Zusammenhang von zu Guttenbergs Teilnahme am „Young Leaders Programm des American Council on Germany“

krass, dass deutsche Funktionseliten (Merkel, Guttenberg etc.) in den USA oder in US-Machtmanagementgremien in Deutschland, die jeder demokratischen Kontrolle entzogen sind, für zukünftige entsprechende Politik programmiert wurden.

Die „Atlantikbrücke“ als ein weiteres Organ der Vereinheitlichung europäischer und US-amerikanischer Interessen veranstaltet ebenfalls ein „Young Leaders“-Programm. Und sie verleiht u. a. einen Preis zu Ehren von Vernon A. Walters. Noch einmal Friederike Beck:

In seiner 50-jährigen Tätigkeit im Dienste des US-Imperiums erwies sich Walters als konsequenter Vertreter der „Strategie der Spannung“, die Militärputsche (z. B. in Südamerika), Absetzung legal gewählter Präsidenten (z.  B. Iran), Kriege (z.  B. Vietnam) und Bürgerkriege (z.  B. Angola) bzw. vielfältige Kombinationen hiervon nach sich zog.

Was ist dagegen schon eine gefälschte wissenschaftliche Abschlussarbeit? Monika Hohlmeier (CSU) stellt in einer branchenüblichen Mischung aus Heimeligkeit und Zynismus bei „Anne Will“ in den letzten Minuten zu Recht fest, dieser Fehltritt ihres Parteifreundes könne den Verteidigungsminister gar noch „menschlicher“ erscheinen lassen:

„Nur eines ist ganz sicher: Dass der Karl-Theodor zu Guttenberg derzeit eigentlich durch so einen Stahlhagel durchgeht, der sicherlich auch für ihn sehr schwierig ist. Aber ich glaub, dass er den auch schafft und dass er das ihn letztendlich nur menschlicher macht.“

(So etwas kommt heraus, wenn man korrekt zitiert …)

Wenn zu Guttenberg also nicht das Opfer einer Intrige seiner Ghostwriter ist, dann bleibt die wahrscheinlichste Variante, dass dieser Skandal ein Fake unter seiner eigenen Federführung ist. (Ansonsten wäre er offensichtlich so dumm und unvorsichtig, dass man ihn ebenso des Amtes entheben müsste.) Seine Teilhabe an mehreren „US-Machtmanagementgremien“ (Beck) und deren expansiver, z. T. mit militärischen Mitteln gestützter Politik entspricht dem allgemeinen Sinn der Überschrift des plagiierten Aufsatzes – „Das Experiment einer großräumigen Republik“. Eben dies ist es ja, was in der Verschwörungstheorie im Bezug auf Institutionen wie den „Council on Foreign Relations“, die „Bilderberger“ oder die „Atlantikbrücke“ dieser Tage explizit als „Neue Weltordnung“ adressiert wird, die letztendlich auf eine Weltregierung hinziele. Der Skandal um ungekennzeichnete Zitate u. a. des Mottos der „großräumigen Republik“ macht zu Guttenberg zum publizistischen Jesus eines vermeintlichen verfahrenstechnischen Fehltritts; für Insider, die wesentlich mehr verantworten als eine gefälschte Dissertation, signalisiert es vielleicht: Ich gehöre zu Euch. Ich bin ein großräumiger Republikaner auf „Blitzbesuch in Afghanistan“.

Dass man sich mit Besonderheiten von „Fußnoten“ bei den zu Guttenbergs schon etwas länger beschäftigt, ‚belegt‘ schon eine Buchveröffentlichung des Großvaters Karl-Theodor zu Guttenberg von 1971. Wenn also der Enkel mit so etwas Probleme bekommt, könnte dies in der Familie statt einer Schande auch eher ein in-joke sein:

Dass die plagiierte Barbara Zehnpfennig sich in zwei Buchveröffentlichungen von 2006 und 2011 mit Adolf Hitlers „Mein Kampf“ beschäftigt, dürfte die Verschwörungstheoretiker auf der Anspielungsebene ebenfalls bestätigen.

Und dazu passt, dass bei „Anne Will“ zwar von Diskutanten wie Hohlmeier und Alice Schwarzer vordergründig beklagt wird, dass es doch – gerade im konkreten Zusammenhang des Verteidigungsressorts – wichtigere Themen gebe als zu Guttenbergs Plagiat. Im charakteristischen Selbstwiderspruch solcher televisueller Debattenkultur erfüllt aber auch diese Sendung einen Zweck ganz bestimmt: die Blockierung von Informationswegen, die auch für anderes verwendet werden könnten.

Mit Dank an M. B. für den Hinweis auf zu Guttenbergs Buch „Fußnoten“.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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1 Response

  1. Schöner Beitrag. Es wird wieder einmal klar, an der Entlastung zu Guttenbergs führt kein Weg vorbei, darum:
    Uneingeschränkte Solidarität mit Dr. zu Guttenberg!</

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