Ziellose #Kapitalismus-Kritik als Beschäftigungstherapie

Man kann diese Diagnose anhand sehr vieler Artikel und Diskussionen stellen. Ich greife einmal den aktuellen Artikel „Unser linksliberales Establishment verblödet zusehends“ von Jens Berger auf „NachDenkSeiten“ (NDS, 03.05.2017) auf, um für mich zentrale Punkte noch einmal möglichst knapp zu benennen.

Aus Anlass der heutigen Präsidenten-Wahl in Frankreich beklagt Berger, dass die Alternative zwischen der nationalistischen Marine Le Pen und dem parteilosen Emmanuel Macron keine wirkliche sei, demnach aus leicht variierenden Gründen die Eingaben bekannter Linker von Daniel Cohn-Bendit bis Robert Misik nicht das ‚eigentliche Problem‘ und etwaige Auswege ansprächen.

Ich kann hier aus meiner gewachsenen Erkenntnis wenig anderes, als noch einen draufzusetzen: Auch mit den Mitteln, die Berger und seine Redaktion für sich beanspruchen, werden wir in diesen Dingen kaum weiterkommen. Auch die dort genutzten Denkangebote und Wissensgrundlagen sind so partiell und unvollständig, dass sie entweder an ‚den Sachen‘ vorbeigehen oder, in einem etwas anderen Bild, permanent nur ‚an der Oberfläche‘ laborieren.

Eine wesentliche Ursache dafür veranschaulicht das Layout der NDS-Website mit diesem Artikel gleich selbst:

Sie bewirbt in der Sidebar rechts einen Auftritt von Prof. Michael Hartmann, der in Deutschland eine der wenigen Uni-Stellen für Eliteforschung innehat. Er übt zwar recht deutliche Kritik daran, wie Menschen in unserer Gesellschaft zu Macht kommen – da ist deren „Leistung“ ein „Mythos“, Herkunft („Stallgeruch“) das Wesentliche. Kernaussagen gegenüber anderen, seiner Elitesoziologie benachbarten Einschätzungen und Ansätzen lauten dann aber („Deutschlandfunk“, 22.10.2016):

Das heißt, mein Plädoyer ist schlicht und einfach zu erkennen, dass die Politik ungleich mehr Handlungsmöglichkeiten gegenüber Wirtschaftseliten hat, als es dieses Gerede von der globalen, hoch mobilen, flüchtigen Wirtschaftselite immer in den Köpfen bei den Leuten erscheinen lässt. […]
Und dann kommen Verschwörungstheorien mit den Bilderbergern und dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Und wenn man sich das alles im Detail anguckt, stellt man fest: Da ist im Kern nicht wirklich was dran.

Dagegen würde ich erstmal vier allgemeine Thesen stellen:

  1. Wirklich mächtige Eliten organisieren sich in sozialen Strukturen, die für die Öffentlichkeit noch weniger zugänglich sind als das, was Hartmann für den alleinigen Gegenstand von „Verschwörungstheorien“ hält (schon dies übersieht ja viele der bereits behandelten Themen, auch hier auf filmdenken.de).
  2. Die Formen dieses sozialen Zusammenhangs entziehen sich selbst in ihrem realen Vorhandensein teilweise einer simplen Definition der ‚sozialen Gruppe‘. Sie haben keinen Vereinsstatus, sie verbinden teilweise auch Personen, die sich nicht im Einzelnen gegenseitig persönlich kennen. (Derlei beschrieb schon Rudolf Steiner um 1920 – Prof. Hartmann bezieht dies in seine Betrachtungen nicht ein, soweit ich weiß und in seinen Schlussfolgerungen sehen kann. Seine Arbeit genügt damit nicht vollumfänglich wissenschaftliche Standards und würde in einem nach transparenten Kriterien funktionierenden System durch die Qualitätskontrolle fallen.)
  3. Aufgrund vielerlei Begebenheiten und Indizien ist davon auszugehen, dass wirklich mächtige Eliten sich mancher Mittel bedienen, die noch stärker vor der Öffentlichkeit abgeschirmt werden als das gerade schon Genannte, weil es sich um schwerwiegende Straftaten handelt, wie etwa politischer Mord oder die Benutzung (von der öffentlichen Rechtssprechung nicht beachtet) straffällig und/oder abhängig gewordener Personen.
  4. Eine weitere Variante solcher ‚ungewöhnlicher Mittel‘ sind (auch ergänzend zu Punkt 2) Formen des Okkultismus und der Okkultsymbolik, die noch schwieriger ‚nachweisbar‘ sowie für eine breite Öffentlichkeit noch schwieriger zu vermitteln sind. Sie dienen ebenso der Herstellung eines weitreichenden verborgenen sozialen Zusammenhalts, wie sie auch einen Teil der Informationsvermittlung und Psycho-Manipulation regeln.

In ein einfaches Bild gefasst, verhält sich ein Prof. Hartmann wie der Kriminalkommissar, der von einem Einbrecher oder sonstigen Täter erwartet, dass er absichtlich seine Visitenkarte am Tatort zurücklässt, um anschließend bequem verhaftet werden zu können. Das ist nach vorläufig absehbarer Lage der Dinge aber allenfalls bei manipulierten Terroristen der Fall, deren Entlarvung als ‚Täter‘ Teil eines ihnen selbst nicht ersichtlichen, ebf. konspirativ organisierten Zusammenhangs ist.

Bergers Argumentation ist dadurch letztendlich Opfer einer reduktionistischen Weltsicht, die im Kern durch den Marxismus über mehr als 150 Jahre in den Köpfen vieler der wenigen klugen Köpfe außerhalb der herrschenden Eliten installiert wurde. Sie hat nach 1945 noch dogmatischer beigebracht bekommen, nicht nach Personen, schon gar nicht bestimmten gruppenlogisch wirksamen Herkünften zu fragen (u. a. „struktureller Antisemitismus“), um sich anschließend nur noch über äußere Resultate von Machinationen zu wundern, deren tiefere Begründungen und ausführende Organe aus den oben genannten Gründen eben noch ‚unsichtbarer‘ sind als das, was etwa Hartmann für den alleinigen Gegenstand von „Verschwörungstheorien“ hält. Berger:

Zunächst haben die alten politischen Kräfte den Neoliberalismus an Bord gebracht und dessen Opfer haben sich mehr und mehr von diesen Kräften ab- und dem Rechtspopulismus hinzugewandt. Und nun soll eine Überdosis Neoliberalismus Europa vor dem Rechtspopulismus bewahren?

Der „Neoliberalismus“ ist auf den NDS – unter Anleitung Albrecht Müllers – das zentrale Feindbild. Er ist ja nur eine neuere Ausprägung dessen, was der linke Kapitalismus-Kritiker als „Kapitalismus“ kritisiert – und dies betont immer nur als ein ‚System‘, das als solches geändert werden müsse, um die in mancher oder vielerlei Hinsicht als schädlich angesehenen Auswirkungen der darin stattfindenden Handlungen beliebiger Einzelner in Zukunft zu verhindern.

Abgesehen von dem Problem, dass die bisherigen Versuche, dies nach marxistischer Theorie politisch-gesellschaftlich umzusetzen, in offen totalitäre Herrschaftsformen umgeschlagen sind, birgt natürlich jeder neue Versuch in diese Richtung wenig kalkulierbare eigene Risiken.

Wenn man aber überhaupt solche Diskussionen führt, so scheint es mir zum einen notwendig als eine begleitende Maßnahme, die vor relativ unausweichlichen neuen Mega-Krisen ohne die dann auftretenden akuten Notlagen vorausschauende Reflexionen startet, was an einem System zu ändern wäre, wenn zu einem späteren Zeitpunkt seine Änderungsbedürftigkeit echten Mehrheiten klar vor Augen steht. Zum anderen sind schon diese Diskussionen aber voraussehbar nicht ertragreich, wenn man nur ein Teilsystem des bestehenden – bis zu einem gewissen Grad eben schon andernorts ausführlicher beschriebenen und nachweisbaren – Gesamtsystems, nämlich kapitalistische Funktionsweisen als Betriebssystem bespricht (neben denen es noch andere gibt, die bei genauem Hinsehen kaum „kapitalistisch“ genannt werden können). – Kurz gesagt, führt dies immer wieder in das Paradox, dass v. a. nicht nach ursprünglich verantwortlichen Akteuren gefragt werden darf, die Auswirkungen von deren organisierendem Handeln aber abgeändert werden sollen, woraus dann die weitere Frage nach denen erwächst, die diese Änderungen konkret durchführen sollen, sowie nach den Maßgaben, denen diese wiederum folgen sollen, und den Umständen einer Bestimmung dieser Maßgaben.

Die gerade entwickelten Gedanken führen, wie wir sehen, in meinem Text zu Schachtelsätzen, bei denen sicherlich viele aussteigen, selbst wenn sie bis hierhin gelesen haben (was nicht viele tun). Auch das gehört zu den weiteren Problemen, die sich für die angesprochenen notwendigen Willensbildungen der Allgemeinheit stellen. Würde ich das Ganze besser konsumierbar formulieren, wäre aber der Text noch länger.

Es wäre dementsprechend noch sehr, sehr viel mehr an Grundlagen- und Begriffsarbeit zu leisten, um wirklich sinnvolle politische Debatten zu führen und Vorbereitungen für anstehende gravierende Veränderungen zu treffen. Während ich hier ausführlich auf Positionen wie jene von Berger, Hartmann und des Marxismus eingehe, werden derzeit weder mein Blog noch meine Bücher (wie das hier inhaltlich besonders relevante „Okkultsymbolik und Machtpolitik“) von anderen Genannten oder vergleichbaren Autoren mit gewisser Reichweite zitiert. Und während sie, wie auch Berger, noch an einem abstrakten Kampfbegriff wie „Faschismus“ kleben, …

Auf die Idee, dass man dem Faschismus durch eine Bekämpfung des Neoliberalismus den Sauerstoff entziehen kann, kommt seltsamerweise niemand.

… gelingt es ihnen und ihren Referenz-Autoren weder, betreffende faschistische Strukturen ausführlicher zu betrachten und zu analysieren, noch (als leider notwendige Teildisziplin dessen) die eigene Rolle in einem System zu erkennen (deshalb dann einzugestehen und selbst zu reflektieren), dessen faschistoide Tendenzen sie immerhin schon bemerken. Im Zitierten allerdings ist der Begriff „Faschismus“ allein dem an anderen Stellen von Berger auch „Rechtspopulismus“ genannten neueren Rechtskonservatismus zugeordnet.

Bei näherer Betrachtung würde man merken, dass damit teilweise eine Wirkung mit einer Ursache verwechselt wird. Aber das weiter zu diskutieren würde hier den Rahmen eines einzelnen Text endgültig sprengen. (Wer möchte, kann z. B. in diesen Beiträgen weiterlesen.)

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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