Wolfgang Weimers transparenter Kopfinhalt

Ein gutes schlechtes Beispiel für jene Denke, die immer noch hauptamtlich gesellschaftliche Realitäten vernebelt, ist eine aktuelle Kolumne von Ex-„Cicero“-, -„Welt“- und -„Focus“-Mann Wolfgang Weimer im „Handelsblatt“ (12.04.2013). Diese Folge von „Weimers Woche“ steht unter dem Titel „Der Transparenz-Terror tobt“.

Herr Weimer hat sich offensichtlich überlegt: Jetzt schwimme ich mal gegen den Strom. Der Strom ist derzeit, so dachte er weiter, eine stärkere Kontrolle der Finanzwirtschaft. Dass dies längst überfällig war, fällt Vielfliegern und Premium-Nutzern nicht so schnell auf. So Herrn Weimer. Nicht.

Umso leichter fällt es ihm, gegen ebenjenen Strom zu schwimmen. Ein an nicht wenigen Büchern durchaus geschulter Wortschatz lässt dabei die Weltsicht bunt vor sich hinwabern. Strukturen des Realen entschwinden in gewollter wohliger Ignoranz.

Herr Weimer dachte sich also offensichtlich: ‚Nun muss einmal jemand etwas gegen die Schnüffelei in unseren Geldhaufen sagen, schließlich bezahlen wir die Lagerarbeiter bei Louis Vuitton.‘ Letzteres eine Aussage, die für sich genommen zutrifft. Nun arbeitet Herrn Weimers Hirn so, dass es unter einem Begriff wie „Transparenz“ alles Mögliche ablegt, das gar nicht zusammengehört (dieses Wabern, von dem ich gerade schrieb).

Was vermeintlich demokratisch daherkommt ruiniert in Wahrheit einen Grundwert der Demokratie: die Integrität des Privaten. In der schönen, neuen Welt der Transparenz verschlingt das Öffentliche geradezu das Private. Der Überwachungsstaat wühlt sich mit Lauschangriffen, Onlineüberwachungen, Bankkontenchecks und Millionen von Videokameras in das Privatleben der Menschen. Der Fiskus holt sich – neben dem Geld – auch Detaileinblicke unserer Lebensumstände.

Weimer ist dementsprechend die „Debatte um Steueroasen […] mediale Lynchjustiz“. Hier entartet Journalisten-Ausbildung: Stil und sprachliche Hyperbel sollten eine Realität verdeutlichen – nicht ihre satanistische Umkehrung betreiben. Doch wenigstens erkennen wir so deutlich, welcher Geist hier herrscht.

Statt auf dem lackierten Zellstoff, der für gewöhnlich Weimers Worte trägt, lässt sich z. B. am 09.04.2013 im Blog „annotazioni.de“ ein Artikel von Patrick Schreiner lesen: „Hohe Einkommen und Vermögen tragen immer weniger zum Steueraufkommen bei“. Schreiner stellt eine beeindruckende Fülle von Fakten zusammen, die die Überschrift seines Artikels untermauern. Derlei straft einen Wolfgang Weimer perfide Lügen, beruft er sich doch allen Ernstes auf „Würde“ und „Freiheit“. Sein Artikel schließt aber auch ganz offen mit einem Bekenntnis zu seinen kriminellen Freunden:

Das Private ist nicht das Politische, es ist das Eigentliche, das geschützt gehört. Und seien es Bankkonten im Ausland.

Dass ein Lob der Asozialität wie unter Feudalherren oder robber barons hoffähig ist, kann nicht verwundern. Hier trägt es das putzige Mäntelchen der Qualitätspresse.

„Weimers Woche“ dieser Woche wirft alles in einen irren Topf: voyeuristische TV-Sendungen, Plagiatsdebatten, Klagewellen, Bekenntnisliteratur und Bürgerbeteiligung. Nur Grundsätzliches und Tatsächliches scheint er nicht begriffen zu haben. Er könnte davon schreiben, dass Superreiche ihre eigenen Geheimdienste betreiben, um andere auszuforschen, während der Normalverbraucher an seinem Bildschirm-Arbeitsplatz leichtens zu durchleuchten ist. Er könnte davon schreiben, dass eine expandierende Dynamik des Geldsystems Beziehungen demoralisiert und verantwortliches Handeln zerstört, weil es im Anonymen stattfindet. Er könnte darüber schreiben, dass die allgemeine Rede von der Transparenz eher noch ein weiterer Deckdiskurs für abgeschmackte Praktiken der Ausbeutung ist, die im Verborgenen gedeihen. Doch er will nur glauben, was ein organisierter, offensichtlicher sozialer Autismus seiner Klasse ihm anerzogen hat: dass, im Gegensatz zu angeblich allem anderen, seine Verlogenheit unbeobachtet bleibt.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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