Finanz- und Europa-Politik ohne Untertitel

Die Medienpräsenz von verantwortlichen Politikern und anderen Akteuren der Finanzkrise ist mitentscheidend dafür, welche politischen Konsequenzen diese Krise hat. Das leuchtet schnell ein – unübersichtlicher ist aber die Realität der Massenmedien, an der dies zu bemessen ist.

Ergänzend zum „GesichterWissen“-Text zum deutschen Finanzpolitiker Jörg Asmussen (SPD) möchte ich zwei Beispiele gegenüberstellen.

Das erste entstammt dem ARD-Magazin „Plusminus“, das immer wieder durch informative und kritische Berichte auffällt. Hier werden einige Zusammenhänge und Personalstrukturen übersichtlich erklärt. „Lobbyismus“ nennt man, was eigentlich wesentliche Kriterien einer Verschwörung erfüllt. Bankenrechtler Karl-Joachim Schmelz beschreibt es so: „[D]ie Verflechtung zwischen Finanzakteuren und Politik ist einfach so extrem, dass man manchmal verzweifeln kann.“ Hiermit ist ein systemischer Fehler benannt, der immer weiter einseitige Vorteilnahmen hervorbringen wird. Andere Politiker müssten gewählt, andere Kontrollmechanismen etabliert werden – sonst werden wir so lange lamentieren, bis äußere Not auch oppositionelle Äußerungen unmöglich macht, nachdem sie schon heute vielerlei Spielräume deutlich einschränkt.

Das Video bei YouTube zählt aktuell 2421 Abrufe, was das geringe Interesse der wahlberechtigten Öffentlichkeit an solchen grundsätzlichen Themen und wichtigen Personen dokumentiert. Über eine einfache Suche mit „Jörg Asmussen“ ist dieses Video auf der ersten Suchergebnis-Seite zu finden. Nur sucht dies offensichtlich niemand.

Und dementsprechend bleibt auch in diesem – inhaltlich auf seine Art gelungenen – Beitrag die Person Jörg Asmussen ein Phantom. Immer wieder ist er in Hauptnachrichten im Hintergrund und am Rande zu sehen. Interviewt wird er relativ selten. So auch die Anmoderation eines Beitrags aus „Report“. Hier wird auch deutlich ausgesprochen, dass Asmussen zwar scharf auf öffentliche Ämter, aber äußerst medienscheu ist.

Wer auf YouTube etwas mehr von dem Mann erfahren möchte, der nun in der Europäischen Zentralbank (EZB) wichtige Entscheidungen in der Finanzkrise fällt, ist jedoch, was Selbstäußerungen betrifft – auf englischsprachige Quellen angewiesen, wie in dem folgenden Beitrag von „Reuters TV“ (11.06.2012). Das schließt, wie wir wissen, einen Großteil des deutschsprachigen Publikums aus.

http://www.youtube.com/watch?v=KIrS6JohjCY

Folgt man hier Asmussens Ausführungen, so stellt sich der Eindruck ein, dass jemand sprachliche Selbsthypnose betreibt (was bei Zweiten schon nicht mehr so gut funktioniert). Er klammert sich an z. T. wortgleich wiederholte Formulierungen, die durchweg auf einer sehr allgemeine Ebene Planbarkeit, Stabilität u. Ä. suggerieren. Nachdem Asmussen mit seinen Spekulationsgeschäften so grandios scheiterte, bekämpft er nun die Folgen des eigenen Versagens als Euro-Retter von Gnaden der obersten Haushaltshüter der Bundesrepublik. Vielleicht besteht seine größte Qualifikation darin, dass ihm nichts zu peinlich ist.

Schon am manifesten Verhalten Asmussens, und in dieser Perspektive in der Verschanzung auf Experten-Foren mit wenig expertigen Aussagen, sehen wir das scheitern, was uns als zukünftig tragfähiges Politikmodell verkauft werden soll: ein Europa, das in zentralisierten Instanzen regiert werden soll, und dessen politische Akteure dennoch von Wahlbürgern gehört und beobachtet werden müssten. Wir sehen, dass dies in der Vergangenheit nicht funktioniert hat und in der Gegenwart nicht funktioniert. Dafür sorgen schon Sprachbarrieren und die mangelnde Bereitschaft, Technokraten aufmerksam zuzuhören – geschweige denn solchen aus anderen Nationen. Politiker von der Mentalität Asmussens werden (ob aus fehlender Qualifikation oder versteckten Absichten heraus) dafür sorgen, dass Demokratie in Europa eine gefährliche Worthülse bleiben wird.

Wer das Licht der Öffentlichkeit scheut, sollte keine öffentlichen Ämter ausüben.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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