RTL – eine Mixtur aus Drittem Reich und Fifties

„Drei TV-Stars von der Tankstelle“ – na gut, es sind nicht nur drei, sondern acht: Dieter Bohlen, Bülent Ceylan, Oliver Geissen, Daniel Hartwich, Frauke Ludowig, Paul Panzer, Marco Schreyl und Sylvie van der Vaart. „Die Drei von der Tankstelle“ werden in diesem „filmdenken vlog“ jedoch gleich zweimal zitiert, in den Versionen von 1930 und 1955. Der Inhalt der Filmklassiker spielt dabei keine Rolle. Es geht um die Doubles von historischen Prominenten, die in der Gegenwart wiederkehren – ein Hauptthema des „GesichterWissens“.

Die Kultur des Privatsenders RTL rückt mit den genannten Stars ihres Programms besonders auffällig Doubles von Personen in den Vordergrund, die noch während des Zweiten Weltkriegs – oder kurz danach – den Höhepunkt ihrer Karriere erreichten. Das wirft natürlich Fragen auf. Heute ist die Produktionsgesellschaft „UFA“ ein wichtiger Zulieferer für RTL. Die „Wikipedia“ weiß von ihrer „wechselvollen Geschichte“ zu berichten:

Im März 1927 kaufte Alfred Hugenberg, der Medienunternehmer und spätere Minister für Wirtschaft, Landwirtschaft und Ernährung im Kabinett Hitler, die Ufa auf und übertrug sie 1933 an die NSDAP.

Aber irgendwann kam dann die Rote Armee, und der Spuk war erst einmal vorbei.

„Und da musst du ersma überhaupt in diese Sprache reinfinden“, bemerkt Comedy-Star Paul Panzer als Gast in einer Folge der NDR-Talkshow. Er gestikuliert dabei vor seinem Gesicht, wie es andere Verweistechniken auf den physiognomischen Code unserer Massenmedien gibt, die die Betroffenen anwenden – nur ausdrücklich und dauerhaft sprechen sie nicht darüber. Der Moment, den Panzer hier erwähnt, ist eine Initiation, und dabei eben auch ein ‚Spracherwerb‘. So gesehen durchläuft unsere Kultur – und darin das Programm von RTL – eine solche Entwicklungsphase. Was an deren Ende und am Beginn einer neuen Phase stehen wird, kann man nicht sicher voraussagen.

Vielleicht macht uns ein Zusammenbruch des Finanzsystems und/oder irgendein ökologischer GAU kurz- bis mittelfristig soweit den Garaus, dass solche Finessen niemanden mehr interessieren. Abzuwarten bleibt, wie das Starsystem in privaten TV-Sendern und anderswo sich unter vorhandenen Bedingungen weiterentwickeln wird: Wenn Kapitalakkumulation und Ausbeutung ebenso weiter zunehmen, wie sie sichtbarer werden (falls man das Internet nicht abstellt) – wird man die Übervorteilung von Großverdienern der Unterhaltungsbranche seitens der zahlenden Verbraucher noch dulden? Wird es eine Veränderung des öffentlichen Diskurses geben, nach der differenziert über die Funktionsweisen des vorherigen Systems gesprochen werden kann – einschließlich des Castings von Prominenten nach Ähnlichkeit (und nicht unbedingt Leistung)?

Der Kontext der historischen Vor-Bilder zeigt uns jedenfalls, dass sich Denkweisen und Ansichten sehr schnell ändern können – nach 1945 war nichts mehr wie zuvor. Je genauer wir hinsehen, desto mehr bemerken wir aber auch, dass die Entscheidungskompetenz darüber, was zum Thema wird und wessen Rechte geachtet werden, nach wie vor nicht unbedingt bei demokratischen Mehrheiten liegt, sondern eher von einem Machtzentrum zum nächsten weitergereicht wird.

Und dennoch: Die Fundstücke und Vor-Bilder aus der Filmgeschichte liefern immer wieder interessante und widerspenstige Kommentare, die zumal in der Collage von Videomaterial entstehen. Wenn der berühmte Mediziner Ferdinand Sauerbruch (gespielt von Ewald Balser) sich eines Aufständischen der kurzlebigen Münchner Räterepublik von 1919 mit den Worten erwehrt, es handele sich bei der selbsternannten neuen „Regierung“ um einen „Sauhaufen“, dann trifft dies auf ein Gegenwartsphänomen wie den RTL-Star Dieter Bohlen recht genau zu. Wo Sauerbruch einen ordentlichen „Richterspruch“ anmahnt, der erst Urteile rechtfertige, befindet sich Dieter Bohlen heute innerhalb der Kulturszene auf einer solchen Position: Er hat die kuturelle Macht ergriffen, ist aber selbst für seine Tätigkeit nicht ausgebildet und qualifiziert: Ein Mann, der weder erwähnenswert komponieren noch singen kann, fällt vor einem Millionenpublikum Richtersprüche über Menschen, die z. T. wegen ihrer kruden Darbietungen ausgewählt werden oder sich noch in Entwicklung befinden. Vor aller Augen geschieht also eine Form von Missbrauch – der Öffentlichkeit, der Macht, der Geschmacksbildung. Dieter Bohlen ist ein Putschist der geringen Qualifikation bei gleichzeitigem Größenwahn. Die Entsorgung der Kritik an ihm wurde bis zum jetzigen Zeitpunkt auch von einer Resignation bewerkstelligt, die angesichts ‚guter Einschaltquoten‘ den Kotau vor einem allmählich geprägten ‚Massengeschmack‘ vollzieht.

Um es ausdrücklich zu sagen: Jene Hintergrundgremien, die Medienprominenz steuern, könnten genau diese Aussage beabsichtigt haben. Sie wählten dann Dieter Bohlen aufgrund seines Äußeren für jene Karriere aus, die er fortan als die seine ansah. Einer ihrer Auslöser war aus dieser Sicht in Bohlens Geburtsjahr 1954 ein Auftritt des Schauspielers Alexander Hunzinger als Vertreter des „Soldatenrats“, dem späteren Bohlen ähnlich, im Arztfilm „Sauerbruch – Das war mein Leben“. Dass eine effektive Kritik an jenem „Sauhaufen“, an dessen Spitze Bohlen steht, bisher nicht gelang – dem entspricht in der zitierten Szene die Verhaftung Sauerbruchs. Derzeit leben wir in einer Gesellschaft, die zwar glaubt, demokratische Auseinandersetzung zu ermöglichen, die aber de facto Rüpel wie Bohlen an die wirkungsvollsten Stellen der Öffentlichkeit hievt – wie sie auch in Politik und Wirtschaft geheimbündlerische bis mafiöse Akteure begünstigt. An Einschaltquoten und Wahlergebnissen sehen wir leider, dass die dadurch Geschädigten den Verantwortlichen auch noch dankbar sind. Logisch begründbar ist dies nur durch Desinformiertheit. Denn wer, der es besser wüsste, tut sich dies noch an?

Dies sei abschließend als ein Kulturverlust benannt (wie schon ausführlich in „Glotze fatal“ auch am Beispiel Bohlen diskutiert). Jeder, der die Möglichkeit dazu hat und sich dem nicht mit aller Entschiedenheit widersetzt, wird in der Hölle auf Bohlens Zimmer zugeteilt.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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