Fast Food und Ehekracher

Privatfernsehen, das ist für den halbwegs aufmerksamen Betrachter meist ein Beispiel in dummdreist penetranter Werbestrategie, die über den Spot hinauswabert. In der „Ladykracher“-Wiederholung am 28.07.2010 (Sat.1) leitet eine Persiflage zur Coffeeshop-Szene in „Pulp Fiction“ direkt zu einer „McDonald’s“-Werbung für „die beliebten Coca-Cola-Gläser“ über.

Im weiteren Verlauf der Sendung wird in einem anderen Sketch von einer Mutter gegenüber ihren Kindern verbal der Besuch bei „McDonald’s“ als Verheißung propagiert – sie will die beiden im Scheidungsverfahren ihrem Mann zuschieben, der das Sorgerecht ebenfalls zurückweist.

Dieser Sketch entbehrt – wie die meisten anderen in dieser Sendung – einer tauglichen komischen Grundsituation und dramaturgischer Strukturen, die ‚echte‘ Pointen hervorbringen. Es ist eher peinlich anzusehen, wie in einer Gesellschaft mit seit Jahrzehnten steigenden Scheidungs- und sinkenden Geburtenraten mit entsprechenden Folgeproblemen zwei „Comedians“ versuchen, aus einer alltäglichen tragischen Situation – der Trennung von Eltern – „Witze“ zu machen. (Die Urheber des Drehbuches lassen sich vorsorglich im Abspann nicht nennen.)

Das Fiese an diesem „Ladykracher“-Sketch ist, dass – entgegen einer i. w. S. ‚aufklärerischen‘ oder ‚kritischen‘ Tradition von Komik und Satire nicht diejenigen, die sich zweifelhaft verhalten, deutlich zur Zielscheibe der Kritik werden: Die Schauspieler Anke Engelke und Matthias Matschke geben ein Elternpaar, das in schleimig-hinterhältiger Art seinen Kindern nahelegen will, doch in ein Heim zu gehen, statt ihren Erzeugern weiterhin Mühe zu machen.

Zwar ist so die Ausgangssituation eine, die als ungeheuerlich empfunden kann, doch die Entwicklung der intendierten ‚Gags‘ läuft dem zuwider: Um die ‚Pointen‘ zu ‚verstehen‘, muss man sich in die ‚Täter‘ (die Eltern) hineinversetzen und nicht in die ‚Opfer‘. Ein Blick auf die sozialpsychologische Forschung zum Thema Ehescheidung zeigt, welche gesellschaftliche Realität dieser Art von (vermeintlichem) Humor dem gegenübersteht. So die Zusammenfassung in einer Präsentation von StudentInnen der Unversität Bielefeld zu „Scheidungsursachen“:

■ Steigender sozioökonomischer Entwicklungsstand und steigender Anteil von erwerbstätigen Frauen
■ Wertewandel
■ Abnehmende Verbindlichkeit von Bindungen
■ Frauenemanzipation
■ Wandel der Geschlechterverhältnisse
■ Ehe = Liebesgemeinschaft (nicht mehr
Wirtschafts- / Solidargemeinschaft)
■ Rückkopplungs-/Verstärkereffekt: je höher die Scheidungszahlen, desto geringer die Stigmatisierung, je mehr Scheidungen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, einen neuen Partner zu finden

Fast nichts von Letzterem ist Gegenstand des „Ladykracher“-Sketches – nur die Handlungsprämisse, dass man aufgrund persönlicher Vorteile den Familienzusammenhalt aufgeben möchte. Die im Dialog angedeuteten Probleme des Lebens Alleinerziehender wirken hingegen vorgeschoben – beide Partner wollen ‚nur die Kinder loswerden‘. Die Selbstsucht der Erwachsenen ist nicht Zielscheibe der Gags, sondern eben ihre Voraussetzung: Zuschauer müssen die einmal bemerkten Absichten der suggestiv argumentierenden Elternteile ‚mitdenken‘. Mutter und Vater übertreffen sich zunächst darin, die Nachteile des Lebens mit ihnen und die Vorteile des Lebens mit dem jeweils anderen zu betonen: „strenger Papa“, voraussehbare ‚Unausgeglichenheit‘ der alleinerziehenden Mutter, ständige Abwesenheit des berufstätigen Vaters, Unbeaufsichtigtsein, Leben außerhalb der Stadt ohne „Computer und Fernsehen“, „Aber – der Papa geht mit euch bestimmt ganz oft zu ‚McDonald’s‘, weil er ja nicht kochen kann“, Drohung mit „gesundem Bio-Essen“.

Wären hier Drehbuchautoren am Werk und nicht Büttel einer vernachlässigenswerten Lebens- und Esskultur, wären bspw. labberige Fast-Food-Brötchen oder Markenfetischismus das Thema. Die Kinder würden sich über ihre trägen, selbstvergessenen und unfähigen Eltern ermächtigen und sie mit Wissen und Können in puncto guter Ernährung übertrumpfen. Mutter oder Vater würden bloßgestellt, indem sie sich nur um teure Klamotten oder Autos kümmern, während die Kinder vor dem Fernseher hängen, verfetten, in der Schule versagen oder kriminell werden. Die Mutter ignoriert ihre Kinder und kümmert sich stattdessen nur um ihre Karriere im Bereich Wellness, Touristik oder Nagelstudio. Der Vater verdient Unsummen in einer Werbeagentur oder als Hedge-Fonds-Manager und stopft seine Kinder statt mit Zuwendung mit Geld voll, was bei seinen Schützlingen Autounfälle unter Kokaineinfluss zur Folge hat. Die Eltern zerstreiten sich, weil sie für Luxusgüter hohe Schulden angehäuft haben; die Kinder führen ihr Leben mehr und mehr selbstbestimmt, weil sie darin ein Versagen ihrer Erzieher erkennen, die sie eigentlich als Vorbilder respektieren sollten.

Nichts davon, obwohl Alltag, bei Sat.1: gutaussehende Menschen, niedliche Kinder, moderne Wohnumgebung. Auf der visuellen Ebene sind es Wunschbilder, in denen die zum Lachen auffordernde (d. h. mit Lachern vom Band untermalte) Handlung dem geschilderten psychologischen Muster folgt: vordergründige Zurückweisung (die Eltern handeln verwerflich), latente und kontinuierliche Solidarisierung mit dem Lebensmodell, das diese Eltern verkörpern (es wirkt implizit nachvollziehbar, dass sie ihre Kinder abschieben wollen). Die dramaturgische Hinführung auf die stärkste Pointe (die Kinder sollen ‚selbst sagen‘, dass sie in ein Heim gehen) enthält in höchster Steigerung exakt dieselbe Mischung: Ho-ho-ho, das ist aber dreist und schrecklich / einmal muss man durch das unangenehme Gespräch durch, einmal muss man ein Arschloch sein, dann ist der Weg wieder frei für das selbstbestimmte Leben ohne Verantwortung für die anderen.

Ein schwacher Trost, dass „Ladykracher“ an diesem Abend um 22.20 h nur eine Quote von 1,34 Mio. aufzuweisen hat. Es ist eben schon die wiederholte Ausstrahlung; beim ersten Mal dürften es ca. 2,5 Mio. gewesen sein. Im zeitlichen Anschluss kann man an diesem Abend in der ARD etwas mehr Wirklichkeit erhaschen: um 23.05 h sehen noch 0,97 Mio. zu, wenn die Dokumentation „Dünn bis in den Tod“ über Magersucht berichtet.

Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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