Not so nice and handy

Wer anständig arbeitet und dabei anständig viel Elektronik braucht, wird heute ab 15 h auf Einsfestival die Dokumentationen „Wahnsinn Handy“ (R: Wolfgang Luck) und „Gnadenlos billig – Der Handyboom und seine Folgen“ (R: Mirjam Leuze und Ralph Weihermann) verpasst haben. Dies kann man morgen, am 03.08.2010, auf demselben Sender jedoch nachholen – je nachdem, ob man um 4.45 h oder um 9.45 h aufsteht.

Die Wiederholungen auf einem solchen Spartensender sind für Interessierte ein Segen. Die Zuschauerzahlen reichen an jene Medienangebote, die das betreffende Konsumsegment bearbeiten, nicht heran. Selbst eine mäßige Einschaltquote von „Germany’s Next Topmodel“ (Pro7) in der fünften Staffel von 2010 von um 3 Mio. pro Folge bedeutet etwa das Zehnfache von dem, was Dokumentationen auf Phoenix, Einsfestival oder den dritten Programmen verbuchen. Und dort sehen die ZuschauerInnen etwas anderes:

Screenshots: Pro7, 22.04.2010 / Einsfestival, 02.08.2010

Zu den kontinuierlichen Werbepartnern des Model-Castings gehören Handy-Hersteller – wie im gezeigten Beispiel Sony Ericsson. Eine Dokumentation wie „Gnadenlos billig“ berichtet von den Konsequenzen des Elektronik-Konsums: Handys enthalten wie alle vergleichbaren Geräte einige der schädlichsten Gifte. Die Rückgabequote der Geräte liegt, wie von Leuze/Weihermann berichtet, bei 1-3 % – von in Deutschland ca. 30 Mio. verkauften Apparaten im Jahr. Wenn diese nicht bei ihren Besitzern verbleiben, landen sie, wenn nicht unsachgemäß entsorgt, im Elektronikschrott, und dieser wiederum wird bekanntermaßen oft in Entwicklungsländern ‚weiterverarbeitet‘.

„Gnadenlos billig“ zeigt die Realität dieser Entsorgung, so etwa, wie im Screenshot zu sehen, Werkstätten in Indien, deren Arbeiter oft nicht über die Schäden an ihrer Gesundheit informiert sind.

Fragwürdig sind ebenso die Arbeitsschutzmaßnahmen sowie die Dumping-Lohnpolitik von Herstellern wie Nokia in Indien, worum es in der Doku geht. Eine Lösung wäre vielleicht: Etwas mehr für das Einzelgerät berechnen und an die Arbeiter weitergeben, Geräte nicht ausrangieren, nur weil es ‚Neueres‘ gibt. Aber das ist ‚natürlich‘, d. h., pardon, kulturell illusorisch. Realistisch ist fortgesetzt die rücksichtslose Vernutzung von Mensch und Umwelt. Aber was soll’s, wenn z. B. Püppchen ihre Girlies nun nicht einfach mit dem Handy filmen, sondern mit dem Handy in HD-Qualität filmen will? Wer dadurch in Indien verreckt, dürfte Heidi Klum als eine der Nutznießerinnen relevanter Werbespots vermutlich wenig interessieren.

Die genannten Dokus wurden zuerst in dritten Programmen des SWR und WDR sowie bei Phoenix gezeigt. Zu „Gnadenlos billig“ ist für Lehrzwecke eine DVD erhältlich. Das Blog „ReWashTV“ verrät auch Links zu YouTube. Die im Film einbezogene NGO Germanwatch infomiert zum Thema auf ihrer Website.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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