Weltklima überstimmt

Die „tagesschau“ kann es zunächst nur auf ihre Weise ‚abbilden‘: Der Weltklimagipfel im mexikanischen Cancún folgt einer nur leicht variierten Dramaturgie, d. h. dem, was man wahlweise als zerstörerische Stagnation oder langsamen Fortschritt zu bewerten hat. Zweimal widmet sich eine 20-h-Ausgabe der ARD-Nachrichtensendung dem Ereignis. Am 08.12.2010, zu Beginn der Hauptverhandlungen mit politischer Prominenz wie dem deutschen Umweltminister Norbert Röttgen (CDU), wird noch von höchster Stelle zur Tatkraft gemahnt: „Gestern hatte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon den Delegierten ins Gewissen geredet. Die Kohlendioxid-Emissionen hätten weltweit einen neuen Höchststand erreicht.“

Am 11.12.2010 ist der Gipfel dann die ausführliche Hauptnachricht der „tagesschau“. Weitgehend werden die Erfolge – so vorhanden – abgeschildert. Sprecherin Ellen Arnhold:

Screenshot: ARD, 11.12.2010

„Die Weltklimakonferenz in Cancún ist mit einer unerwartet weitreichenden Einigung zu Ende gegangen. Die Teilnehmer aus 194 Staaten hielten zum ersten Mal verbindlich fest, dass sich die Erde höchstens um 2 Grad Celsius erwärmen darf. Dazu soll der Ausstoß von Treibhausgasen verringert werden. Außerdem sagten die Industriestaaten den Entwicklungsländern Milliardenhilfen zu. Der Abschluss gilt als Erfolg der mexikanischen Außenministerin Espinosa, die den Gipfel geleitet hatte.“

Nun verfügt die Mediengesellschaft gewiss über ausreichend Aussehenminister. Ob sie irgendwie „verbindlich fest“halten können, wie „Erde“ sich „erwärmen darf“, darf allerdings bezweifelt werden. Die möglicherweise freiwillige Komik dieses Nachrichtentextes führt deshalb ebenso in ein allenfalls vorläufiges Nirwana der unabgeschlossenen Glückseligkeit, weder vorhandenen Zwangsläufigkeiten noch Climategate-förderlichen Doppeldeutigkeiten ins treibhaustrübe Auge blicken zu müssen.

Kritik will man in der ARD nicht verschweigen. Neben Christoph Bals (Germanwatch) kommt Martin Kaiser (Greenpeace) zu Wort: „Es ist nicht gelungen, die Minderungsziele der Industrieländer deutlich anzuheben – dass sie in die … den Bereich kommen, den die Wissenschaftler als unabdingbar vorschreiben.“ Und der „tagesschau“-Berichterstatter Matthias Ebert bemerkt aus dem Off: „Die USA und China bleiben weiterhin ohne verbindliche Zusagen bei der Senkung des CO2-Ausstoßes.“

Der „Erfolg der mexikanischen Außenministerin Espinosa“ besteht also zunächst darin, keinen Eklat zugelassen zu haben, der auf die radikal divergierende Bereitschaft zum Klimaschutz allzu auffällig hingewiesen hätte – auch wenn man sie in demokratisch legitimierten Öffentlich-Rechtlichen dann über einen geringen Prozentsatz des Berichts wieder zum Thema macht. Ein Eklat hätte vielleicht deutlicher auf jene Entwicklungen hingewiesen, wie sie sich tatsächlich ereignen – und selbst in einem Mainstream-Blatt wie dem „Spiegel“ (05.03.2009) hier und da, aber – neben TV-Sendungen in Spartensendern eben in gedruckter Form – ausgesprochen werden:

Selbst bei großer Effizienzsteigerung und einer breiten Einführung klimafreundlicher Energietechnologien würde sich Chinas CO2-Ausstoß in den kommenden beiden Jahrzehnten fast verdoppeln gegenüber 2002.

Der Absichtserklärungen sind fast unüberschaubar viele. Neben der gedämpften Hoffnungsrhetorik einer aktuellen Nachrichtensendung wie der „tagesschau“ kennt man auch das Genre der beflissenen Essays, wie etwa „Die Zeit“ (24.10.2010) ihn aus der Feder von Anthony Giddens und Martin Rees unter dem Titel „Die Lage ist nicht ernst. Sondern dramatisch“ druckt:

China hat das Recht und den Bedarf, seine Entwicklung voranzutreiben, aber wenn das Land zeigen will, wie ihm die Abkehr von seinem derzeit noch eingeschlagenen Kohlenstoffpfad gelingen soll, dann bedarf es viel klarerer Pläne als jener, die derzeit vorzuliegen scheinen. […] Russland wiederum ist nach den Vereinigten Staaten und China der drittgrößte Emittent von Treibhausgasen. Präsident Medwedjew hat Reduktionsziele vorgeschlagen, die sein Land erreichen soll, aber so wie sie jetzt formuliert sind, sind diese Ziele ohne Belang. […]
Die Begrenzung des Ausstoßes an Kohlendioxid wird nicht allein durch Regulierung und Zielvorgaben vorankommen. Entscheidend werden Innovationen sein: soziale, wirtschaftliche und technologische.

Ein wesentliches Charakteristikum jener Öffentlichkeiten, die über Zielgruppen von maximal 500.000-1.000.000 Lesern oder Zuschauern hinausgehen, ist das an Lebenshilfe gemahnende wohlfeile Hoffnungspenden, das Mahnen, ohne irgendjemandem, und sei es Verantwortlichen, zu nahe zu treten. Der Sprengstoff – mit einem nicht minder gefährlichen Zünder außerhalb der diskursiven Bearbeitungszone – steckt etwa in wenigen abstrakten Adjektiven wie „soziale, wirtschaftliche und technologische“.

Anders klingt es nur in anderen Quellen – wie etwa der an Reichweite einer populären Wochenzeitung wie der „Zeit“ nicht vergleichbaren Website oder Hauszeitschrift von „Greenpeace“. Am 12.12.2010 heißt es hier im Interview mit Prof. Hans Joachim Schellnhuber, Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (und damit auch Regierungsberater in deutschen Landen):

Wenn man den in Cancún gegründeten Grünen Klimafonds richtig verwendet, kann er positive Wirkung entfalten. Er muss vor allem dafür eingesetzt werden, dass die Entwicklungsländer keinen ähnlich umweltfeindlichen Entwicklungsweg nehmen wie die Industrieländer. Die jährlich 100 Milliarden Dollar (75 Mrd Euro) ab 2020 bedeuten umgerechnet weltweit etwa 10 Euro pro Kopf und Jahr, angesichts der Größe des Problems eine sehr bescheidene Summe. Das ist deutlich weniger als die weltweiten Agrarsubventionen.

Gottes Gehörgang ist groß …

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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