Zum freien Willen gezwungen

Eins der klassischen Argumente in Debatten über Medienkritik ist die Freiwilligkeit von Medienkonsum oder sonstigem Zuspruch in diese Richtung. Nur für ‚zu Erziehende‘ wird da tendenziell eine Ausnahme gemacht. Alle anderen dürfen ‚frei entscheiden‘.

So weiß es eine Zuschauerin des RTL-„Dschungelcamps“ im Forum von „derwesten.de“ (25.01.2009): „Man schaut sich das doch freiwillig an.“ Und so lautet die Einschätzung zu RTL2-„Big Brother“-Teilnehmern auf „erdbeerlounge.de“ (07.07.2009): „die machen es doch freiwillig, also finde ich es nicht so schlimm.“ Dementsprechend zu Kandidaten von „Rach – der Restauranttester“ (RTL) im Forum von „cinefacts.de“: „Die machen doch freiwillig mit.“ (23.09.2008) Aus heutiger Sicht mit neuen Augen gelesen die Wortmeldung von „No Angels“-Sängerin Nadja Benaissa vom 31.10.2001 in der „Berliner Zeitung“: „Wir machen das doch freiwillig. Wir lieben unseren Beruf.“

Aber ja, mit der Freiheit ist das so eine Sache. Diese philosophische Einsicht ergriff nach Locke, Voltaire, Kant und Mill auch die Drehbuchautoren für bewegte Bilder. Eine Realisierung dieser Erleuchtung beobachten wir am 07.09.2010 in der RTL-Daily-Soap „Unter uns“. Das heißt, sie kommt in einer der drehbuchtypischen Metaphern daher (Folge 3921, Autoren: Florian Wimmer, Dana Pilath, Christoph Schulz, Andreas Schäffer).

Die derzeitige gesellschaftliche Konstellation lautet: Medienmacht – ohnmächtige Kritik – „freiwillige Zuschauer“. Die Vergangenheit war: Medienmacht – kritische Kritik – Hoffnung auf den mündigen Verbraucher – Enttäuschung dieser Hoffnung – wirtschaftliche Liberalisierung des Medienmarktes, weitgehendes laissez faire seitens der Politik und der Aufsichtsgremien. („Das hattenwer doch schon alles!“, s. u.)

Und während die cultural studies noch über „Kodieren / Dekodieren“ nachsinnen und Norbert Bolz sich in die couch-potato einfühlt …

Das heißt, auch wenn wir heute mit allen Wassern der Medien gewaschen sind und jeder weiß, wie diese Bilder produziert werden: Wir sind innerlich immer auch bereit zu glauben, dass es wirklich so ist, wie es gezeigt wird […].

… um dann bildungsbürgerlich-verschwörerisch, aber auch etwas gemütlich zum Fernsehen hinzuzufügen …

es ist jedenfalls kein Medium der Hochkultur, der Differenziertheit und einer wirklich subtilen Orientierung in der Welt.

… so schwingt die RTL-Script-Abteilung unermüdlich die Sense auf dem Silbenfeld, um noch einmal – nach und möglicherweise vor noch vielen Malen – in eine symbolisch verschobene Erzählung zu transferieren, was eben dieser schlummernde, aber doch ungelöste kulturelle Konflikt ist. Im Dialog wird die sexuell begierige Eva Weigel zu einer Allegorie jener Medienindustrie, in der etwa Noam Chomsky eine privilegierte Gruppe identifiziert:

die Elitemedien, die manchmal auch als die trendbestimmenden Medien bezeichnet werden, weil sie über die größten Mittel verfügen und den thematischen Rahmen abstecken, an den alle anderen sich halten müssen.

Auf RTL, dem mächtigsten TV-Sender derzeit, wird man so etwas natürlich nicht hören – wir leben schließlich in einer Demokratie, in der jeder tun kann, was er möchte. Hier wird man wesentlich subtiler informiert über Machtverhältnisse, und damit es nicht so übersichtlich wird, sind in das Drehbuch noch allerlei Figuren eingestreut, die mal Till, mal Ute heißen und die dem Hirn noch etwas Arbeit und Futter geben, damit es sich nicht an den immergleichen Machtverhältnissen – oder sogar noch dem eigenen Ausgebeutetwerden – am Feierabend abarbeiten muss. Der Dialog:

Ute Weigel (Isabell Hertel): „Jaa, wir wissen alle, dass du Anwältin bist, dass du immer im Recht bist, und dass du dir nimmst, was du willst.“ – Eva Weigel (Claudelle Deckert): „Wenn das eine Anspielung auf Till sein soll, darf ich dich daran erinnern, dass er sich freiwillig auf mich eingelassen hat?“ – Ute: „Ach, komm, Eva, dieses Thema hamwa doch schon durch, das weißt du genau. Ich rede von dem Schwachsinn, den du hier die ganze Zeit abziehst. Willst du eigentlich das ganze Haus gegen dich aufbringen? … Egal – ist sowieso schon passiert!“ – Eva: „Das ist einfach deine Rolle, oder? – Die Obermoralistin der Schillerallee. Als wärst du so perfekt!“ – Ute: „Das hab ich nie behauptet. Ich find’s einfach nur unglaublich, wie du mit andern Menschen umgehst.“ – Eva: „Das hattenwer doch schon alles!“ – Ute: „Umso schlimmer! Und du überbietest dich täglich!“ – Eva: „Tobias … ist ein erwachsener Mann, der sehr gut in der Lage ist, eigene Entscheidungen zu treffen – oder willste mir jetzt auch noch unterstellen, ich hätte ihn zum Sex gezwungen?“ – Ute: „Von euch beiden bist ja wohl eindeutig du die Erwachsene! So sollte es zumindest sein. Und es geht mir auch gar nicht um Tobias, sondern um alle Menschen, denen du gerade ziemlich wehtust: Nicki, Irene und Till!“

Nun, da ist es also „unglaublich, wie du mit andern Menschen umgehst.“ Gibt es das nicht ebenso in der Realität? Na klar – wenn auch nicht auf RTL, sondern bei Noam Chomsky, wenn er über den Erfinder der „Public Relations“, Edward Bernays, und sein Buch „Propaganda“ (1925) referiert:

Dieses Buch ist das grundlegende Werk der Public-Relations-Industrie, und Bernays ist so etwas wie ihr Prophet. Er war ein authentischer Liberaler im Stil Roosevelts oder der Kennedys. Er koordinierte unter anderem die PR-Anstrengungen zugunsten des von den USA unterstützten Putsches, durch den 1954 die demokratisch gewählte Regierung Guatemalas gestürzt wurde.

Ja, „unglaublich“, aber lange her. Und im Nachrichtenkommentar zur Gegenwart hält man sich dann lieber zurück. Die Zuschauer verstehen die repressive Rhetorik schon, auch wenn sie sich in „Unter uns“ streng im metaphorischen Schuhschrank, äh, Areal bewegt, wenn Eva die neue Ehefrau ihres Ex-Mannes Till ermahnt:

„Nur, weil du hier wohnst, geht dich das überhaupt gar nichts an, was ich in meinem Schuhschrank mache!“

Und da hat Michelle „Micki“ Fink (Joy Lee Juana Abiola) so Recht, das Zwischenmenschliche zu betonen: „… wenn man miteinander redet und wenn man bereit ist, sich auf ’ne Beziehung einzulassen.“ So gilt es auch für internationale Beziehungen, wenn mal wieder irgendwo eine Demokratie stürzt. Jedenfalls manchmal. Vielleicht. Zumindest mussten auf RTL am 13.09.2010 in „Wer wird Millionär?“ die Kandidaten, um ins Spiel zu kommen, die Silben von GUA-TE-MA-LA richtig sortieren. Aller Anfang ist schwer.

Dafür haben wir Zeit, denn über diesen Dings, äh, Staatsstreich in Guatemala sind wir schon bestens informiert:

Es war die erste Aktion dieser Art in Zentralamerika. Etwa ein Prozent der hierzu vorhandenen und bisher unter Verschluss gehaltenen Akten ist mittlerweile öffentlich zugänglich.
Die Aktion ging unter anderem auf das Drängen des US-Lebensmittelkonzerns United Fruit Company zurück, der ausgedehnten Grundbesitz in Guatemala besaß und durch die von Arbenz geplante Landreform seine Interessen gefährdet sah. Der damalige CIA-Direktor Allen Welsh Dulles war als Rechtsanwalt und Lobbyist für das Unternehmen tätig.
Die CIA bildete eine Ad-hoc-„Befreiungsarmee“ von ungefähr 400 Kämpfern in Nicaragua aus und versorgte sie mit Waffen.

Da ist es eben erstmal wichtig, dass Informationen überhaupt ihren Empfänger erreichen. Daran orientiert sich die filmische Inszenierung in Serien wie „Unter uns“ entsprechend dem Werbeumfeld u. a. für Unterhaltungselektronik sehr gewissenhaft:

Screenshot: RTL, 07.09.2010

Nachricht angekommen? … Puuh.

Und dann wäre da noch die ‚Unterstellung‘, man sei „zum Sex gezwungen“ worden. Diese Vorstellung passt eben besser ins Programmschema, wenn es um Figuren geht, die man wiederum dabei zeigen kann. Der Zuschauer wird es innerhalb der nächsten paar Minuten auf seine Weise: indem der Werbeblock das Model für das Erfrischungsgetränk „deit“ hautnah ins Bild rückt:

Screenshots: RTL, 07.09.2010

Darauf stürzen dann die Werbungen für Parfüm, Süßwaren, fast food, Fertiggerichte, Waschmittel, Betriebskrankenkasse und Waschmittel übereinander. Und wenn mit der Deutung der Dialoge eh schon alles klar ist, weiß der Arzneimittel-Spot: „Wir von Dolormin verstehen Schmerzen und behandeln sie gezielt.“

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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