Gefälschtes Zeitbewusstsein

In der „Welt“ verkündet Anette Kiefer als Kritik zur gestrigen Ausgabe von „Schlag den Raab“: „ ‚Schlag den Raab‘ verplemperte zu viel Zeit“.

Die Autorin stellt dann einen Katalog ihrer Kritikpunkte auf, die scheinbar dazu gedacht sind, das Konzept der Sendung nachzubessern. Einerseits lobt sie:

Raabs Spiele sind schlau ausgedacht. Sein Team schafft es immer wieder, die Klassiker aus der Mottenkiste zu holen und zu richtig spannenden Zweikämpfen zu machen.

Andererseits befindet sie dann:

Aber: Dafür braucht die Show unterm Strich einfach gigantisch viel Zeit. Vor Mitternacht steht nie ein Sieger fest, diesmal wurde es sogar 1.33 Uhr und damit so spät wie selten.

Und sie zählt Faktoren auf, die zur Zeitdehnung beitragen: die Kandidatenauswahl, die Musik-Acts, die (Eigen-)Werbung.

Mir kommt das so vor, als würde man für Automatik-Waffen nachträglich Vorrichtungen empfehlen, die die Geschwindigkeit der Geschosse reduzieren sollen. Die ‚Philosophie‘ dieser Sendung ist die Suspendierung des Zeitempfindens.

(In dem ab 1. Oktober erhältlichen Buch zu „Glotze fatal“ gibt es dazu das Kapitel „Organisierter Zeittotschlag“. Als Veranschaulichung und Nachweis am Material sind ergänzend Teil 2/5-A und Teil 2/5-B der Videos zu „Glotze fatal“ auf „YouTube“ abrufbar.)

Die Rezension von Anette Kiefer ist repräsentativ für eine unentschiedene bis selbstwidersprüchliche Haltung, die TV-Anbietern wie Raab gegenüber ihren Produkten zu etablieren gelungen ist: Er vermischt das stark Abzulehnende mit dem Irgendwie-doch-ganz-Amüsanten, oft Nostalgischen und/oder Regressiven. Wie Liebende, die im geliebten Objekt nur das sehen, was sie darin sehen wollen, klammern sich solche KritikerInnen an das Angenehme und blenden das wahrhaft Kritikwürdige aus.

Logisch und psychologisch wie marketingtechnisch trickreich ist dabei, dass sie dennoch in einem vermeintlichen Modus der ‚Kritik‘ operieren. Kiefer erkennt ja mit deutlichen Worten, dass „gigantisch viel Zeit“ verloren geht. Statt dies aber zum Hauptargument zu machen, doktert sie an Symptomen herum, als könnte sie damit die Krankheit heilen. Statt zu fragen, warum man auch nur eine Minute bei „Memory und Gummiband-Flitschen“ zusehen soll, statt es selbst zu spielen zu erleben oder ansonsten etwas anderes Freudebringendes und schon deshalb Sinvoll(er)es zu tun, wird hierfür – dies ist mindestens nolens volens Marketing und keine unabhängige Reflexion – nach einer Art Effizienzsteigerung gerufen.

Die so nicht formulierte Konsequenz der Argumentation lautet deshalb implizit: ‚Zeitverplempern‘ ja, aber vielleicht doch nicht genau so. Die Alternative ‚Abschalten‘ ist als eine Art Tabu gesetzt, über das scheinbar nicht gesprochen werden darf. Psychologisch deutet dies auf eine Erkenntnis hin, die schließlich im Unbewussten – im Artikel im Unausgesprochenen – verbleibt: Ich lebe im Falschen, aber ich verdränge und helfe anderen, – den Lesern, denen es genauso geht – dabei, zu verdrängen, dass es so ist.

Der Rest von Klartext in dieser Eingabe Anette Kiefers ist dann der Exkurs, in dem sie als Wahrnehmungsalternative die Abwesenheit des Zuschauers skizziert:

Wer samstagabends ausgeht, schaut „Schlag den Raab“ schon beim Aufbrezeln und kann locker wieder einsteigen, wenn er frühmorgens nach einigen Stunden Kino und Kneipe wieder zu Hause aufläuft. Konzentrierte Hochspannung ist anders.

Wären es dann dreieinhalb statt fünfeinhalb Stunden dieser Sendung plötzlich ‚tatsächlich‘ wert, angesehen zu werden?

Dies ist die Struktur eines solcherart unreflektierten Wissens, wie Pressetexte es wiedergeben und produzieren – ein Beispiel für institutionalisiertes falsches Bewusstsein aus dem Pressehaus Springer.

Zur Resonanz in der übrigen Medienandschaft:

Franziska Seng von der „Süddeutschen Zeitung“ schwebt in einer Kiefer vergleichbaren Ambivalenz und redet neckisch u. a. die Taktik kaschierter Werbung schön:

Latent macht sich trotzdem eine gewisse Unzufriedenheit breit. […] Freilich kann man auch als Zuschauer aktiv werden, um aufkeimenden Verdruss zu unterdrücken. Mit dem lustigen Spiel “Finde das Produkt” zum Beispiel. Seit einigen Sendungen macht uns nach Werbepausen ein kleines eingeblendetes P dezent darauf aufmerksam, dass die Sendung “unterstützt durch Produktplatzierungen” ist, zusätzlich zu den üblichen Produktwerbungen bei den Gewinnspielen. […]
Endlos in die Länge zieht sich das Spiel “Bücher tragen” […].
Spannung kommt nochmal zum Schluss auf […].
Es war wohl die bislang längste SDR-Show – leider in weiten Strecken aber auch die fadeste.

„Der Spiegel“ wandelt nur eine Agenturmeldung ab, jubelt etwas mit („Hochkonzentriert und extrem cool nahm der 29-jährige Linkshänder in seinem roten Trainingsanzug Maß auf den Korb“) und resümiert die Quoten. Auf Letzteres bleibt die Erwähnung in „meedia.de“ unter der Überschrift „‚Schlag den Raab meldet sich stark zurück“ gänzlich beschränkt. „Bild“ ist leicht zu begeistern und zitiert, statt selbst zu argumentieren, gleich den Showmaster selbst: „Stefan Raab: ‚Spannender geht’s ja kaum. […]‘

So gestaltet sich vorwiegend Medienjournalismus in diesen Tagen.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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