Prinzip Hoffnung in der #Asyl-Frage nach UniCredit-Studie

In der Asyl-Debatte gibt es neben dem bestehenden Ausnahmezustand und berechtigten Zweifeln einige wenige Hoffnungszeichen. Dazu gehört eine vom Chef-Volkswirt der Bank UniCredit, Andreas Rees, erstellte Studie mit der Überschrift “Integrating refugees in the labor market is key”. Sie stellt Deutschland einen positiven Ausblick. Zusammengefasst: Bis 2020 könne das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 1,7 % steigen, wenn 50 % derer, denen Asyl gewährt wird, Aufnahme im Arbeitsmarkt finden.

Dabei geht die Studie von 800.000 Zuwanderern in diesem, je 500.000 in den folgenden Jahren aus. Die Zuwanderung sei auch dringend notwendig, da mit der Verrentung der Baby-Boomer ab 2025 sich der Mangel an Werktätigen verschärfen werde. Die Quote der Erwerbstätigkeit in der deutschen Bevölkerung sei vergleichsweise hoch, deshalb gebe es ein geringeres einheimisches Potenzial, das noch auszuschöpfen sei.

Als Erfahrungswert wird dann angegeben:

In a recent paper, the Institute for Employment Research said that 55% of the refugees in the past found a job in the longer term (IAB, Asyl und Flüchtlingsmigration in die EU und nach Deutschland, Aktuelle Berichte, 8/2015).

Der zitierte Bericht ist auch öffentlich zugänglich. Darin heißt es an der entsprechenden Stelle:

Nach den Angaben der IAB-SOEP-Migrationsstichprobe sind langfristig rund 55 Prozent der Personen, die als Asylbewerber und Flüchtlinge nach Deutschland gekommen und dort verblieben sind, erwerbstätig. Dies ist deutlich weniger als etwa bei Personen, die aus Drittstaaten gekommen sind und einen Aufenthaltstitel zu Erwerbszwecken erhalten haben oder bei Staatsbürgern aus den Mitgliedsstaaten der EU (jeweils rund 75 Prozent).

Um die genauen Grundlagen dieser Aussage zu verstehen, muss man also in ein weiteres Dokument schauen – die “IAB-SOEP-Migrationsstichprobe”. Die “rund 55 Prozent” sehen dort in einer Tabelle etwas komplizierter aus:
iab-soep-migrationsstichprobe-zuwanderer-erwerbstätigkeit-statistik-deutschland

Das wirkt erstmal stimmig auf der Zahlenebene. Nur eine erwartbare Aussage im Text macht eher stutzig:

Im Durchschnitt betrugen die Nettoverdienste vor der Zuwanderung 506 Euro im Monat. Vergleichsweise hoch waren die monatlichen Nettoeinkommen von Zuwanderern aus den alten Mitgliedsstaaten der EU (1.172 Euro), schon deutlich geringer sind sie bei den Zuwanderern aus Südosteuropa (603 Euro). Noch niedriger sind sie bei den Zuwanderern aus den arabischen und sonstigen muslimischen Staaten (585 Euro), den neuen Mitgliedsstaaten der EU-13 (497 Euro) und der (früheren) GUS (307 Euro).

Die Formulierung aus der UniCredit-Studie lautet ja, “that 55% of the refugees in the past found a job in the longer term”. Ich muss vorläufig schließen, dass hier schon eine sprachliche Ungenauigkeit vorliegt: Die oben gezeigte Tabelle, aus der offensichtlich der Durchschnitt von 55 % abgeleitet wird, behandelt Zuwanderer im Ganzen, nicht Flüchtlinge im Besonderen. Zuwanderer aus anderen EU-Staaten etwa sind ja keine Flüchtlinge und haben als Gruppe auch eine andere Sozialstruktur. Welche Nationalitäten hatten also die in dieser Stichprobe berücksichtigten Zuwanderer? Eine Tabelle gibt Auskunft:
iab-soep-migrationsstichprobe-zuwanderer-herkunft-statistik-deutschlandHieran wird nun eindeutig ersichtlich: Die UniCredit-Studie von Andreas Rees vergleicht Äpfel und Birnen, auf dass ein leckeres deutsches Kompott daraus werde. Probiert wird aber erst später.

Unter den berücksichtigten Zuwanderern über einen längeren Zeitraum waren 43 % EU-Bürger. Arabische und andere muslimische Zuwanderer waren mit 12 % beteiligt. Und, wie in derselben Studie bemerkt, ist der durchschnittliche Nettoverdienst dieser Zuwanderer-Kohorte relativ niedrig. Aus einer durchschnittlich mit 55 % zu beziffernden Werktätigkeit von Zuwanderern nach einigen Jahren mit positiver BIP-Bilanz für Zuwanderung schließen zu wollen, dass eine massenhafte Zuwanderung etwa aus den derzeitigen Kriegsgebieten in Syrien und dem Irak dieselben volkswirtschaftlichen Resultate haben wird, ist wohl eher eine freie Fantasie. Statistisch begründbar ist es jedenfalls nicht – es lässt wesentliche Faktoren außer Acht. Bisher vorliegende Angaben zu Asylbewerbern 2015 schließen jedenfalls überhaupt keine jener Leistungsträger ein, die wesentlich in der Vergangenheit zu einer positiven BIP-Bilanz von Zuwanderung beitrugen. Deshalb ist Reesʼ Wortverwendung von “Flüchtlingen” (“refugees”) schlichtweg manipulativ. Es waren eben 43 % Migranten aus der EU, die die von ihm indirekt zitierte Studie behandelt, keine Flüchtlinge.

Die unkritisch in Presseorganen wie “Die Zeit” (10.09.2015, via Reuters, dpa, AFP, AP) übernommene Aussage der UniCredit-Studie dürfte damit einer wissenschaftlich zu rechtfertigenden Grundlage entbehren und einer Stimmungsmache dienen, die eine notwendige Vorsicht gegenüber bedingungsloser Aufnahme von Zuwanderern, wie sie in anderen Ländern üblich ist, niederreißen soll.

Wem könnte dies nutzen? Als Verschwörungstheorie wird gerne stigmatisiert, wer Akteuren einer “Neuen Weltordnung” Interesse an einer Demütigung, Einhegung, wenn nicht gar Niederwerfung Deutschlands bescheinigt. An der Spitze der Bank, die diese Studie aktuell verbreitet, steht jedenfalls einer ihrer Vertreter: der gelernte Mediziner Guiseppe Vita, seit 2002 Aufsichtsratsvorsitzender von Axel Springer SE, seit 2012 Vorsitzender des Verwaltungsrats der italienischen UniCredit SpA. “Im General Council of Aspen Institute Italia sowie in der Trilateralen Kommission, Gruppe Italien, ist Vita seit 2012 Mitglied.” (Wikipedia) Die Trilaterale Kommission ist bekanntlich eine Gründung David Rockefellers. Auch das Aspen Institute gilt als Think Tank einer solchen Neuen Weltordnung.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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1 Response

  1. Peter Hallonen sagt:

    Noch etwas ist an den Kernaussagen der Studie manipulativ: “Bis 2020 könne das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 1,7 % steigen, wenn 50 % derer, denen Asyl gewährt wird, Aufnahme im Arbeitsmarkt finden.”

    Dass das BIP durch eine steigende Bevölkerungszahl wächst, ist der Normalfall und letztlich trivial. Wachsen würde es auch, wenn nur 5 % der Asylanten Aufnahme im Arbeitsmarkt fänden. Was aber aufgrund des geringeren Durchschnittsverdiensts der Flüchtlinge definitiv und wohl nach allen Prognosen sinkt, ist das BIP pro Kopf. Für Länder mit Bevölkerungswachstum ist das der einzig maßgebliche Indikator für die Lebensqualität.

    Was die deutsche Bestands-Gesellschaft interessieren dürfte, ist jedoch ausschließlich die Veränderung ihres eigenen Lebensstandards. Der wird in dieser Hinsicht weder durch einen Anstieg des BIP noch ein Absinken des BIP pro Kopf direkt beeinflusst. Die m.E. einzig sinnvolle Bilanz würde hier die Kosten für die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge den Einnahmen gegenüberstellen, die durch deren Erwerbstätigkeit über Steuern und Sozialabgaben erzielt werden. Im besten Fall finanzieren die erwerbstätigen Flüchtlinge durch ihre Steuern und Abgaben gerade so die Unterbringung und Versorgung der nicht erwerbstätigen.

    Das alles schreibe ich, obwohl ich die volkswirtschaftlichen Kosten der Zuwanderung durch Flüchtlinge letztlich für zweitrangig halte. Im schlimmsten Fall fallen wir auf den Lebensstandard etwa von Polen zurück. Das könnte die deutsche Gesellschaft verkraften, wenn sie den Willen dazu hat – Stichwort Umverteilung von oben nach unten (hier besteht deshalb viel Spielraum, weil es in der Vergangenheit genau in die andere Richtung lief). Nicht verkraften kann sie Gewaltkriminalität, Ghettobildung, soziale Spannungen, Bürgerkrieg. Wenn ich ehrlich sein soll: Wenn wir die Flüchtlinge nur mit 300 Euro pro Kopf alimentieren müssten, wäre das noch das geringste Problem – wobei es natürlich auch hier Obergrenzen nach oben hin gibt, aber die lägen vermutlich bei mehreren Millionen, während es aus ganz anderen Gründen schon vorher zum Knall kommen kann.

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